Bildungspolitisches aus England

In England habe ich fleißig Zeitung gelesen, und da geht es gerade viel um den Bildungsminister, Michael Gove. Dessen Änderungswünsche im Schulsystem stoßen auf Widerstand. Einmal geht es um die Einführung neuer Abschlussprüfungen, bei denen Gove vorläufig gescheitert ist. Dann geht es um den neuen Lehrplan, etwa im Fach Geschichte: Dort soll es wieder mehr um Fakten gehen und weniger um Kompetenzen. Weniger Quellenanalyse, weniger Europa, dafür mehr England, und mehr heroische Figuren aus der englischen Geschichte. Außerdem gibt es Klagen von den Fachleuten aus dem Ministerium über ihn und seinen Umgangston und seine inhaltliche Politik („Dump F***ing Everyone“). Ein Ministerium, das eine Meinung unabhängig vom Minister hat? Kann ich mir hierzulande nicht vorstellen.

Ein Hauptanliegen von Gove ist es auch, mehr Schulen in Akademien umzuwandeln, und dabei mit mehr Zuckerbrot und Peitsche zu arbeiten, als vielen angemessen scheint. Der Hintergrund dazu: Traditionell werden staatliche Schulen von der jeweiligen Gemeinde oder Stadt finanziert und kontrolliert. Daneben gibt es Privatschulen (independent schools und free schools), die sich nicht an den staatlichen Lehrplan halten müssen.
Neu sind außerdem die free schools, staatlich finanziert und unter staatlicher Aufsicht, aber unabhängig von den örtlichen Gemeinschaft. Diese Schulen sind eine Sonderform der verbreiteteren academies: Staatlich finanziert, unter staatlicher Aufsicht, außerhalb der Kontrolle der Gemeinde, selbstverwaltend, häufig mit einem Sponsor aus der Wirtschaft. Davon hätte Gove gerne mehr, und viele staatlichen (also: lokal verwurzelten) Schulen fühlen sich unter Druck, zu Akademien zu werden. Man spricht von Kopfprämien und Quoten, die es zu erfüllen gilt.

Interessant ist das etwa deshalb, weil das Kultusministerium zentral das Anstellen von nicht ausgebildeten Lehrern in Akademien fördern kann („Academy plan to use untrained teachers is an outrage“). Außerdem liebäugelt Gove wohl damit, die Akademien in gewinnorientierte Unternehmen umzuwandeln (Secret memo shows Michael Gove’s plan for privatisation of academies).

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3 Thoughts to “Bildungspolitisches aus England

  1. „Dort soll es wieder mehr um Fakten gehen und weniger um Kompetenzen.“:
    Darüber hätte ich gern mehr gewusst. In Hessen geht es nämlich auch nicht mehr um Geschichtswissen, sondern um Narrative und Kompetenzen. Gibt es eine Quelle?

    Dass ein Ministerium oft anders will oder denkt, ist auch in D. gang und gäbe. Unübertroffen aber im TV: „Yes, minister“

  2. Dass ein Ministerium anders denkt als der Minister: Kenne ich im Prinzip auch aus Deutschland. Aber beim bayerischen Kultusministerium habe ich das noch nie erlebt, und kann es mir auch nicht vorstellen.
    In England gibt es übrigens sozusagen ministerlose Ministerien (non-ministerial departments, Wikipedia), die unmittelbar dem Parlament unterstehen und keinem Minister. Dazu gehört Ofsted, die Schulaufsichtsbehörde.

    Richtig gute Links zum geplanten Geschichtslehrplan habe ich nicht, nur ein paar Zeitungsschnipsel als Ausgangspunkt, chronologisch sortiert:
    http://www.bbc.co.uk/news/education-12227491
    http://www.bbc.co.uk/news/education-20041597
    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2013/feb/12/round-table-draft-national-curriculum

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