Leonie Zoch, Weniger ist mehr

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Leonie Zoch hat 2011 am Gymnasium Ottobrunn bei München mit dem ersten G8-Jahrgang Abitur gemacht und darüber ein Buch geschrieben: Weniger ist mehr. Ein Insider über das G8 und das Abitur.

Als book on demand ist es in jeder Buchhandlung bestellbar, normaler Taschenbuchpreis, knapp 90 Seiten ohne Anhang. In zehn kurzen Kapiteln teilt Zoch ihre Meinung und Erfahrungen zu Themen wie „Richtiges Lernen“, „Schummeln“, „Nachhilfe“ oder „Vorbereitung auf das Abitur“.

Zoch empfiehlt ein gesundes Selbstbewusstsein für Schüler, dann traue man sich auch, Antworten zu geben, ohne von deren 100%-iger Korrektheit überzeugt zu sein. Neu war mir der Tipp, dazu ab und zu mal mit Lehrern zu reden, um sich daran zu gewöhnen, ein paar Worte vor oder nach der Stunde. Mit manchen Schülern spreche ich tatsächlich oft, mit anderen so gut wie nie. Trotz eines gesundern Selbstbewusstseins müsse man sich leider anpassen und etwas verbiegen, aber nur kurzfristig und soweit nötig – etwa beim Deutschaufsatz. Jeder Schüler entwickle einen eigenen „Schreibstil, [der] nicht jedem Lehrer gefällt“, und man müsse herausfinden, welcher Stil dem jeweiligen Lehrer gefalle und sich danach richten. Zoch schreibt allerdings selber, das sei später wie im Beruf: was der Chef vorgibt, daran müsse man sich orientieren.
Aus Lehrersicht finde ich daran nichts Schlimmes. Ja, die Schüler sollen einen eigenen Stil entwickeln, das ist Ziel des Deutschunterrichts. Der Stil soll allerdings gleichzeitig gewissen Kriterien genügen, und gewissen Zusammenhängen – Textsorten – anzupassen sein.

Hand und Fuß hat, was Zoch zu Lernmethoden schreibt. Die waren bei ihr von Fach zu Fach nämlich verschieden – aber sie hat eben überhaupt gelernt, und empfiehlt, sich auf jede Stunde vorzubereiten, indem man mindestens noch einmal den Hefteintrag liest. Aus Lehrersicht: damit wäre schon viel getan.

Zentral scheint mir – auch wenn Zoch das nicht thematisiert – die Rolle des Elternhauses beim Lernen zu sein. Eine von ihr angewendete Lernmethode besteht darin, ihrer Mutter die gelernten Inhalte zu erzählen. Wer etwas verständlich erzählen kann, der versteht es auch besser. Für den Anfang braucht man dazu aber jemand, der einem zuhört. Was ist, wenn man das nicht hat?
Als wichtig sieht Zoch – wie ja auch die Didaktik – den Bezug zur eigenen Lebenswelt. Richtig interessant und greifbar wird der Unterricht, „wenn etwas, was [ein Schüler] zuvor mit seinen Eltern oder anderen besprochen hat, zufällig auch im Unterricht drangenommen wird. […] Um einen solchen Moment herstellen zu können, sollten Eltern so viele allgemeine, aber auch interessante Themen mit ihren Kindern besprechen wie nur irgend möglich.“ Davon bin ich auch überzeugt. Aber was ist mit Schülerinnen und Schülern, die nicht die Gelegenheit zu solchen Gesprächen haben?
Übrigens wurde für Zoch der Unterrichtsstoff ihrer Schulzeit jedes Jahr interessanter und alltagstauglicher – vielleicht eben deshalb, weil sie diesen Bezug zur Lebenswelt herstellen konnte. (Und nebenbei gesagt: Auch hier zeigt sich der Vorteil von Wissen gegenüber Kompetenzen. Anküpfen kann man nur an etwas, das bereits da ist.)

Mit der Abiturvorbereitung hat Zoch zweieinhalb Monate vor dem Termin begonnen, sie empfiehlt und beschreibt einen Arbeitsplan und meint: je mehr man im Lauf der Oberstufe mitarbeitet, desto leichter ist es dann die Vorbereitung, weil man nur zu wiederholen braucht.

Interessant war für mich der Gedanke, dass Zoch als Ziel der Oberstufe dezidiert nicht die Vorbereitung aufs Studium sieht, insbesondere nicht die Entwicklung der Studierfähigkeit. In ihrem Erleben äußerte sich die vor allem im selbstständigen Anfertigen von Unterrichtsmitschriften. Diese Fähigkeiten entwickle man dann, wenn man sie braucht, nämlich im Studium. Stattdessen ist das Ziel der Oberstufe die Vorbereitung auf das Abitur.
Aus Lehrersicht: Es ist zumindest etwas dran, dass das Abitur nicht unmittelbar die Studierfähigkeit überprüft. Vielleicht nicht einmal mittelbar? Es könnte ja sein, dass das Abitur nur mit sinnvoller eigener Vorbereitung darauf bestanden werden kann, und mit eben dieser zeige man seine Studierfähigkeit. Trotzdem ist es schon so, dass das Abitur nur zu einem kleinen Teil abprüft, was Schüler und Schülerinnen lernen sollen – und dass man sich als Lehrer fragen muss, worauf man in der Oberstufe Schwerpunkte legt: Das, was Lehrplan und Menschenverstand und Pädagogik sagen, oder was das Abitur hören will.

Zoch warnt vor Lehrern, die Oberstufenstoff durch Referate vermitteln lassen. Den Stoff müsse man sich dann selber erarbeiten. Ich teile jedenfalls die Erfahrung, dass Schülerreferate wenig bringen, wenn es um die Vermittlung und Erarbeitung von neuem Stoff geht. Das ist sicher eine Baustelle im Unterricht.

Einen aussagekräftigen Titel trägt das Kapitel „Lügen und Täuschungen des G8“, in dem es auch um die Intensivierungsstunden, einen der innovativen Grundpfeiler des G8 geht. Als Lehrer mit Treuepflicht müsste man da behutsamer formulieren.
Das ähnlich deutlich benannte Kapitel „Schwierige Lehrer in Hassfächern“ rät zum Nichtauffallen bei Lehrern, die einen auf dem Kiecker haben, und zu guter Vorbereitung, um sich nicht angreifbar zu machen. Zu dem Thema hätte ich gerne noch mehr, und mehr Diskussion, aber das ist viel verlangt von einem solchen Buch.

Die Webseite zum Buch ist weniger-ist-mehr-buch.de. Mir hat es gefallen. Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Schülerinnen und Schüler ihre Gedanken – ausführlich und überdacht, nicht spontan bei Facebook – zur Schule äußern, ob in einem Blog oder als Buch.
Dass das geht, zeigt dieses Buch. 90 Seiten, sollte man meinen, sind doch machbar. Mein erster Gedanke ist gleich „P-Seminar!“, aber ich glaube, interessante Bücher entstehen eher durch eine Einzelperson als in Form einer Aufsatzsammlung von mehr oder weniger Interessierten.

Zum Schluss wünscht sich Zoch: „Vielleicht bringt ja einmal ein Lehrer das Gegenstück zu meinem Buch heraus und beschreibt den besten Weg durch die Schule bis zur Pension anstatt bis zum Abitur.“ Erinnerungen ans Lehrersein kenne ich allerdings einige. Daneben gibt es launige Bücher über den Schulalltag, die mich gar nicht interessieren. Da es WARUM TUST DU DIR DAS AN? – Tagebuch eines Schulleiters von Harald Togal nur auf dem Kindle gibt, habe ich es mir nicht angeschaut. Außerdem hätte ich gerne erst mal ein Buch mit meiner eigenen Art von Betriebsblindheit. :-)

12 Antworten auf „Leonie Zoch, Weniger ist mehr“

  1. Ein Lehrerbuch….eine spannenden Idee. Vielleicht sollte man so etwas dezentral schreiben. Mehrere Lehrer schreiben zu verschiedenen Themen dezentral Online, zum Beispiel bei Google um nur mal eine Möglichkeite zu nennnen. Am Anfang kann man sich ja über die Kapitelthemen/-überschriften einigen. Ich würde dann gerne das Thema „Computer, Whiteboards und andere Versuchungen“ übernehmen. Wenn das Kapitel dann fertig ist, dürfen die anderen redigieren und Gegenvorschläge machen und der ursprüngliche Autor geht mit den Anregungen nochmal drüber. Oder macht mehrere Kapitel draus. Am Ende wird dann alles als BoD veröffentlicht oder eBook oder einfach als pdf online gestellt. Du könntest ja das Kapitel „P-Seminar“ übernehmen.

    Das Buch der Schülerin hatte ich auch als mögliche Ferienlektüre angedacht, weil es sich vielversprechend anhört. Aber ich habe dann doch eher auf eine gute, detailiierte Rezension uns Zusammenfassung gewartet. Danke dafür.

    Ich habe in den Ferien “ Schulinfarkt: Was wir tun können, damit es Kindern, Eltern und Lehrern besser geht“ von Jesper Juul gelesen. War auch sehr gut eine Zusammenfassung folgt noch irgendwann bei mir. Auf alle Fälle lesenswert.

    Im Moment lese ich, wenn gleich auch eher diagonal, das Buch von Bronnie Ware: http://www.inspirationandchai.com/Regrets-of-the-Dying.html

  2. Hm, das Buch klingt nicht gerade so, als hätte es jemand geschrieben, der dem hehren Menschenbild und Bildungsziel aus dem Lehrplan entspricht –
    Nix Humboldtsches Bildungsideal/Wissbegier/Lerneifer/Wahre, Gute und Schöne/Bildung des ganzen Menschen…

    Sondern
    Du willst Abi
    Das musst du tun, damit Abi

    Sehr pragmatisch.

  3. Ich warte gespannt auf deine Zusammenfassung, Ingo. Und das gemeinsame Buch… hm, ja, wenn mal Zeit ist… :-) Eigentlich schwebt mir eher was für Deutsch vor, wenn ich mal was schreiben sollte.

    Susann: Ja, durchaus schulfreundlich, das Buch, aber pragmatisch. Ich weiß nicht, ob man mehr erwarten darf aus Schülersicht. Immerhin, die Wichtigkeit eines Lebens außerhalb der Schule wird unterstrichen – aber das braucht man Schülern eigentlich nicht erst zu sagen.

  4. @Herr-Rau

    Ich erwarte da – nach langer Praxiserfahrung – wenig mehr von Schülerseite…eher ein bisschen mehr Entmystifizierung der Gymnasialklientele seitens des Ministeriums.But that’s just me…

  5. tu dir Togals Buch bloß nicht an. Es ist wirklich anstrengend zu lesen, in drei Abschnitten durchkomponiert, wobei sich die Erzählperspektive jeweils ändert. Die ersten Seiten sind vor Larmoyanz nicht zu ertragen. Es sind so schlimme Lehrer, so schlimme XY. Tagebuchartig festgehalten.
    Ob es am Ende einen optimistischen Turn gibt, ob abseits der externen Schuldzuweisung irgendeine Lösung möglich ist, war nicht abzusehen, ich hab das Buch nach etwas mehr als der Hälfte verärgert weggelegt.

  6. „Zoch warnt vor Lehrern, die Oberstufenstoff durch Referate vermitteln lassen. Den Stoff müsse man sich dann selber erarbeiten. Ich teile jedenfalls die Erfahrung, dass Schülerreferate wenig bringen, wenn es um die Vermittlung und Erarbeitung von neuem Stoff geht. Das ist sicher eine Baustelle im Unterricht.“

    Kurzreferate, als Rekapitulation und Vertiefung des Stoffs der letzten Stunde sind ein wunderbares Instrument für eine effektive Abiturvorbereitung. Und für das Studium sind sie ebenso nützlich.

  7. „Zentral scheint mir – auch wenn Zoch das nicht thematisiert – die Rolle des Elternhauses beim Lernen zu sein. … Was ist, wenn man das nicht hat?“

    Interessante Frage.
    Bei uns an der Schule trennt sich hier, oft schon in sehr frühen Jahren, die „Spreu“ vom „Weizen“, wie der Teil des Kollegiums es gerne artikuliert, der noch immer von einer gymnasialen Elite phantasiert, die einem Bildungsideal hinterher weint, das schon im letzten Jahrhunderts des letzen Jahrtausend ein Auslaufmodell war.
    Wer aus diesem Kollegenkreis, jene Schüler, deren Eltern nicht die Möglichkeiten haben, ihre Kinder in den Ferien zum multibespassten Sprachkurs nach England zu schicken, als nicht gymnasialgeeignet diffamiert und Latein in der 5. Klasse als solitären Leistungskurs wahr betreibt, der unreflektiert über eine spätere Zukunft mit oder ohne Studium entscheiden darf, sollte sich ernsthaft Gedanken über den eigenen Verbleib am Gymnasium als Lehrkraft machen.

    Was sollen wir nur mit solchen KollegInnen tun?
    (Tut mir Leid für diesen Ausbruch, das musste raus, denn ich ärgere mich gerade sehr über einen Teil der blasierten Lehrerzimmerschaft.)

  8. Ausbrüche müssen und dürfen sein. Aber selber sehe ich das Problem nicht bei den so skizzierten Kollegen, vermutlich würdest du mich auch zu ihnen rechnen. Gibt es wirklich so viele nicht reflektierende Lehrer, oder doch eher Lehrer mit anderer Meinung?

    Ich träume nicht von einer gymnasialen Elite, ich halte mich an die gymnasiale Schulordnung und das dort gezeichnete Schülerbild. Dass das langsam von der Realität überholt wird, ist ein anderes Thema, und da ist sicher bald eine Entscheidung fällig. Ich kann mir dabei verschiedene Modelle vorstellen, und halte manche für besser als andere.

    Dass manche nicht fürs Gymnasium geeignete Schüler mit Nachhilfe und Sprachkurs trotzdem dorthin gehievt werden, heißt doch nicht, dass alle anderen dafür geeignet wären. So oder so wird die Familie *immer* eine große Rolle spielen. Die Alternative heißt, den Eltern ihre Kinder wegzunehmen, dann kriegt man gleiche Bedingungen. Eine Studie (müsste nachschauen) hat die Karrieren von Schülern nach der gemeinsamen Gesamtschule untersucht. Selbst wenn die Schule da ausgleichend wirken kann: Nach der Schulzeit ist dann trotzdem wieder der Faktor Familie entscheiden.

  9. „Aber selber sehe ich das Problem nicht bei den so skizzierten Kollegen, vermutlich würdest du mich auch zu ihnen rechnen. “
    Dann kommen bei deinen Klassenarbeiten auch regelmässig 50-70% Fünfen und Sechsen heraus?
    Und du bist ebenfalls der Meinung, dass ein Grossteil unserer aktuellen Gymnasiasten nur Realschulniveau hätten?

  10. Ups, nein, das nun doch nicht. Habt ihr wirklich solche Kollegen? Dann nehme ich alles zurück. (Statt Großteil aber doch: ein ordentlicher Teil. Genauer will ich das aus Rücksicht auf aktuelle Klasse nicht beziffern…) — Nachtrag: Wie groß auch immer der Teil ist, ich versuche jedenfalls nicht, die Definition des Gymnasiasten, wie sie in der Schulordnung gegeben ist, gegen die Realität durchzuboxen.

  11. „Habt ihr wirklich solche Kollegen? “ Leider.

    „..gegen die Realität durchzuboxen.“ Mittelstufe? Definition? Schulordnung? Realität? Ist Papier nicht immer geduldig?

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