Aktuelles aus der Bildung, Juni 2014

LRS nicht mehr im Zeugnis: In Bayern kann Schülern eine Lese-Rechtschreib-Schwäche („LRS“) oder eine Lese-Rechtschreib-Störung („Legasthenie“) attestiert werden. In beiden Fällen führt das in der Regel zu mehr Zeit bei Aufsätzen und zurückhaltender oder ausbleibender Bewertung der Rechtschreibung, das wird allerdings für jeden Fall individuell festgelegt. LRS muss man alle paar Jahre neu attestieren lassen, Legasthenie gilt für die gesamte Schulzeit – insbesondere auch für die Oberstufe, denn da steht der Vermerk über LRS oder Legasthenie nämlich auch im Abiturzeugnis. Jetzt hat ein Gericht entschieden, dass dieser Vermerkt nicht im Abiturzeugnis stehen darf.
Bisher führte die Unterscheidung LRS/Legasthenie dazu, dass Schüler, die den Vermerk nicht im Abiturzeugnis wollten, ihre LRS notgedrungen nach der zehnten Jahrgangsstufe nicht mehr verlängerten. Ich bin gespannt, ob die Unterscheidung LRS/Legasthenie aufrecht erhalten bleibt.

Familie trifft Schule schreibt über einen Text des Erziehungswissenschaftlers Volker Ladenthin in der FAZ. Ladenthin meint: „G8 wird die Studienzeit verlängern“, der Blogeintrag eher: „Die Universitäten werden über kurz oder lang einknicken (müssen) und Abschlüsse leichtfertiger vergeben.“
Ladenthin beschreibt anschaulich den Entwicklungsstand seiner jungen Studierenden. Ist das G8 daran schuld, oder die „zunehmende Heterogenität“ der Schüler am Gymnasium, wie das jetzt offiziell heißt, oder gesellschaftliche Faktoren außerhalb der Schule? Ich weiß nicht, ob Studenten früher anders waren – die Studenten, mit denen ich mich herumgetrieben habe, waren möglicherweise nicht repräsentativ.

Unser Unterrichtsminister Spaenle setzt den „Gesprächsprozess zur Weiterentwicklung des bayerischen Gymnasiums“ fort (Pressemitteilung). Der ist inzwischen nicht nur „ergebnisoffen“ (sprich: keine Rückkehr zum G8), sondern „ergebnisoffen und strukturiert“ (sprich: keine Rückkehr zum G8, und keine Störungen bitte).

Einige Instrumente und Errungenschaften, die diesem Anspruch [„unsere jungen Menschen in ihrer Vielfalt möglichst optimal fördern“] gerecht werden, werden im bayerischen Gymnasium bereits praktiziert, nämlich z.B. die Intensivierungsstunden, aber auch die W- und P-Seminare sowie der Ausbau der Ganztagsangebote.

Werden die Intensivierungsstunden immer noch als große Errungenschaft verkauft? Das Unterrichtsministerium selber hat den Gymnasien empfohlen, stattdessen in der 8. Klasse eine verpflichtende zusätzliche Stunde Mathematik einzuführen, und in der 10. das gleiche mit Deutsch.

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15 Thoughts to “Aktuelles aus der Bildung, Juni 2014

  1. Es ist interessanterweise zu erwähnen, dass seit diesem Jahr LRS-Gutachten, die eigentlich auf zwei Jahre „vergeben“ werden, beim Schulartwechsel neu erstellt werden müssen.
    Ich weiß ja, dass ich manchmal naiv und blöd bin, aber das bedeutet m.E., dass es unterschiedliche Arten von LRS gibt: Realschule-LRS und Gymnasial-LRS und wer weiß, was noch. Jedenfalls muss ein Gymnasialer, der zu uns will, neuerdings zum Realschulpsychologen, um sich sein Attest neu erstellen zu lassen.
    Und natürlich frage ich mich, ob jetzt dieser gymnasiale Beschluss auch irgendeine Bedeutung für das Zeugnis der Mittleren Reife hat oder den Quali….usw.

    und PS zu deinem letzten Absatz: Hat man nicht erst/ursprünglich Deutsch und Englisch in der 9./10. am Gymnasium um eine Stunde verkürzt im Zuge des G8? (Hat man an der Realschule in dieser Zeit übrigens auch – Deutsch-Kürzung wurde zurückgenommen)

  2. Das mit dem Schulartwechsel wusste ich nicht. Ich wüsste auch nicht, welchen Sinn das haben sollte; die Gutachten werden doch – anders als in anderen Bundesländern, soweit ich weiß, und das ist sicher gut so – nicht von den Schulpsychologen erstellt, die vermitteln nur.

    Und ja, die Stunden für Deutsch, Englisch, Mathe wurden in mehreren Jahrgangsstufen gekürzt (um Platz zu machen für Informatik etwa), anders als bei Religion, Geschichte, Sport. Offiziell zurückgenommen wurde nichts, aber Englisch nachträglich auch noch um eine Stunde in der 7. gekürzt und durch eine verpflichtende Intensivierung. Oh Intensivierung, du Herzstück des G8!

  3. Macht mich das traurig, für solche Leute arbeiten zu müssen.
    Wo bleibt eigentlich die Kompetenzorientierung des Ministeriums?

    Ich sage nur…Flexijahr. Weil nämlich verplante Mittelstufenschüler naturgemäß total in der Lage sind, eigenständig und nur mit geringer Unterstützung, Planung und Tritt-in-den-Hintern-Frequenz ihre Lücken aufzufüllen. Not.

  4. „Macht mich das traurig, für solche Leute arbeiten zu müssen“
    Man muss ja noch nicht mal den Beruf wechseln, um nicht mehr für solche Leute arbeiten zu müssen.

    Ein Arbeitgeber, der uns allzu oft idealistisch motivierten Lehrern alles recht macht, uns gar Bewunderung abnötigt; also uns allen mit unseren vielfältigen Forderungen … kennt ihr einen? Könnt ihr euch einen vorstellen? Und wenn er dann mit Blitz und Donner vor uns erscheint: worüber wehklagen wir dann?

    Das Flexijahr war gemäß Zielrichtung seiner Einführung ein voller Erfolg: man hat im Wahlkampf eine argumentativ offene Flanke notdürftig geschlossen – augenscheinlich erfolgreich.

  5. Ich musste jetzt noch nachdenken und mich erinnern, aber doch: LRS macht SchulpsychologIn, Legasthenie wohl nicht.

  6. Ich frag mal nach; ich denke, bei uns organisiert beides die Schulpsychologin, macht das aber nicht selber. Wenn das eine auch die Schulpsychologin macht, dann verstehe ich den Wunsch nach einem neuen Gutachten zumindest ein wenig.

  7. Soweit ich unsere Oberstufenkoordinatorin heute verstanden habe, die in den Pfingstferien unter anderem mit dem Zeugnisausdruck für die Abiturienten befasst ist, steht jetzt nicht mehr Legasthenie explizit im Zeugnis, sondern nur noch, dass die Rechtschreibleistungen nicht in die Bewertung der Abiturleistungen einbezogen wurden. Sooo leicht lässt sich eine kultusministerielle Rechtsabteilung nun auch nicht wieder über den Tisch ziehen…

    Zudem: Von dieser Seite wird im Gegenzug nun auch gefordert, dass im Abiturzeugnis ein Vermerk über nicht einbezogene Rechtschreibleistungen in den Klassenstufen 5 bis 10 erscheinen soll. Das war bei den LRS-Kandidaten (Lese-Rechtschreib-Schwäche, nicht leagstehnei ) bisher nicht der Fall. Damit hätten die Kläger dann nicht nur keinen Vorteil davon, dass das L-Wort nicht mehr im Abiturzeugnis auftaucht, sondern sie hätten einer viel größeren Zahl an Schülern einen Bärendienst von polarer Dimension erwiesen.

    Es ist schon etwas dran an der Forderung Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Keine Rechtschreibbewertung, keine Berücksichtigung der Textorganisation und dazu selbst in der Abiturprüfung Zeitzuschläge bis zu 20%. Als Arbeitgeber würde ich schon wissen wollen, ob ein Bewerber mehr als ein orthographisches Bein hat oder im schriftlichen Rollstuhl sitzt.

  8. @steff

    Respektieren würde ich meinen Arbeitgeber schon gerne, ja.

    Und es wäre mir lieber, würde das Ministerium mehr auf tatsächliche Erfolge (nämlich: Wissenszuwachs der Schüler) schielen als auf augenscheinliche, die man im Wahlkampf verbraten kann.

  9. Ich habe mir den Text von Ladenthin durchgelesen und kann seiner Analyse nur zustimmen, das könnte man Wort für Wort auf die gymnasiale Oberstufe umlegen, zumindest dort, wo ich wandle und wirke.

    Meiner bescheidenen Theorie nach liegt das aber nicht am G8, sondern a) an der medialen Übersättigung der Kiddies und b) daran, dass sie nichts mehr lesen.

    Meine Schülerinnen und Schüler bewegen sich großteils in einer Filterbubble, in denen sie tagtäglich mit nichtssagenden Kurznachrichten von Leuten überschwemmt werden, die genauso sind und denken wie sie. Ein Austausch über weltanschaulich unterschiedliche Gruppen oder gar unterschiedliche gesellschaftliche Schichten findet meines Wissens nach nicht statt. Wo soll da eine differenzierte Sicht auf die gesellschaftliche Realität herkommen?

    Es herrscht so viel buntes Geflirre, dass die meisten meiner Schüler kein Bedürfnis haben, sich eingehend mit der Weltlage zu beschäftigen – habe unlängst Referat zu medial präsenten Politikthemen vergeben; gut ein Drittel konnte kein einziges nennen, 80% sehen keine Nachrichten, lesen keine Zeitungen und informieren sich nicht eingehend über Wirtschaft und Politik. (ich habe 55 Oberstufenschüler befragt, das ist also nur anecdotal evidence. Trotzdem glaube ich, dass die Befragten nicht unrepräsentativ in ihrem Verhalten sind). Wo soll da tieferes Wissen herkommen?

    Es wird nicht gelesen. Bei Befragen drucksen die meisten herum und murmeln, sie hätten „mal in die letzte Schullektüre reingeschaut“. Echte Bücher oder längere Texte lesen nur die Allerwenigsten. Lesen (von längeren Texten) verlangt Abstraktionsvermögen, Merkvermögen, ev. auch geschickten Transfer. Die Möglichkeit, das durch Lesen zu üben, ergibt sich also für einen Großteil meiner Oberstufler nicht.
    Sie sind so beschäftigt, sich in ihrem sozialen Netzwerk auf dem neuesten Stand zu halten, dass sie gar nicht die Muße haben oder das Bedürfnis verspüren, sich auf längere, anspruchsvollere Lesereisen (oder Informationsreisen) einzulassen.

    Ich frage mich allerdings, ob ihr Verhalten nicht dem eines Großteils der Bevölkerung entspricht. Traurig, da sie ja die Bildungsblüte der Nation darstellen (sollten), aber jedenfalls sind sie nicht die totalen Versager in einer 80 Millionen starken Leserschaft der „Suche nach der verlorenen Zeit“. Und wieviele Erwachsene lesen die Wahlprogramme, die Tageszeitungen, die Hintergrundberichte nochmal?

    Mir fällt, ähnlich wie Herrn Rau, auch der Vergleich mit meiner Studentengeneration schwer. Meine „filter bubble“ waren die Bibliotheksnerds. Aber ich meine mich vage zu erinnern, dass sich auch damals schon Menschen die Birne weggesoffen haben, statt fette Wälzer zur Literaturgeschichte zu lesen.

  10. @Bösemiene: Kann mich sehr gut an Kommilitonen erinnern, die nach dem Kanon geschrieen haben (und ich erlaube mir den Seitenhieb: Wenn die Frage kam, kam sie immer von einem Lehramtler). Ein Hiwi-Kollege ließ zu Beginn des Tutoriums Literaturwissenschaft Anglistik (umfasste bei uns auch die Amerikanistik) als Antwort auf die stets gestellte Frage nach dem Kanon immer einen Hut mit kleinen Zetteln, ähnlich Losen, herumgehen. Jedes Erstsemester zog einen, entfaltete ihn und fand ein Zitat, z.B. von Longfellow usw., natürlich ohne Quellenangabe. Erklärung seinerseits dazu: „Lesen Sie sich durch die Geschichte der englischsprachigen Literatur, bis Sie auf dieses Zitat stoßen. DAS ist Ihr Kanon.“ Seit Erfindung der digitalen Suchmaschinen ist diese Aktion leider sinnlos.

  11. >80% sehen keine Nachrichten, lesen keine Zeitungen und informieren sich nicht eingehend über Wirtschaft und Politik

    Ich glaube, das war schon immer so. Dürfte jedenfalls vor dreißig Jahren in meiner Schule nicht anders gewesen sein.

    >Ich frage mich allerdings, ob ihr Verhalten nicht dem eines Großteils der Bevölkerung entspricht.

    Ich denke auch, dass die Erklärung mit dem G8 zu kurz greift. Gar so wenige Bücher lesen meine Schüler übrigens nicht, wenn ich nachfrage.

    > an Kommilitonen erinnern, die nach dem Kanon geschrieen haben

    He, ich bin ein großer Freund von Kanons! Das ist doch etwas anderes als „Brauchen wir das für die Prüfung?“ – im ersten Semester Anglistik kriegten wir eine (vom Lehrstuhl gebastelte) vierseitige Liste mit Lektürevorschlägen zu den verschiedenen Themen/Epochen, durch die – und um die herum, natürlich – ich mich während des Studiums gelesen habe.

    >Seit Erfindung der digitalen Suchmaschinen ist diese Aktion leider sinnlos.

    Vor dem Web gab’s Zitatenlexika, das hätte sicher auch nicht lange gedauert. :-)

  12. @D.

    Die Idee mit den Zettelchen ist eine wunderbare Idee, kann ich mir (trotz Suchmaschine) gut in der Oberstufe vorstellen:

    Schüler: „Müssen wir das wissen?“
    Lehrer (teilt Zettel aus): „Erst, wenn jeder alle diese Begriffe erklären und in einen größeren Kontext bringen kann, wisst ihr, was ihr wissen müsst.“
    Schüler: „Meh.“

  13. @Herr Rau: Ah, mein HiWi-Kollege hat da immer besondere Apokryphen in petto gehabt, da halfen auch Kindler & Co. nicht weiter.

    @Bösemiene: Habe meinen Kommilitonen deswegen auch schwer bewundert, aber die Methode für meine Tutorien aus Stolz dann leider doch nicht kopiert ;)

  14. @Bösemiene: „Meiner bescheidenen Theorie nach liegt das aber nicht am G8, sondern a) an der medialen Übersättigung der Kiddies und b) daran, dass sie nichts mehr lesen.“

    Ich stimme der zitierten Sichtweise ebenso wie der von Volker Ladenthin weitgehend zu. Und ich möchte kurz aus meiner Perspektive berichten, die eine außerschulische ist: Ich verdiene mein Geld, indem meine KollegInnen und ich zu Schülern gehen, die sich völlig in der immer öfter medial bedingten „Filterbubble“ verloren und dort den Anschluss verloren haben. Denen schauen wir metaphorisch gesprochen dann erst mal tief in die Augen und hören ihnen geduldig zu. Hernach fragen wir sie dann Woche für Woche über die großen Reportagen ausgewählter Wochen- und Tageszeitungen aus. Wir lesen mit ihnen Bücher und debattieren gesellschaftliche Fragestellungen oder aktuelle Begebenheiten aus dem Schulalltag. Und das erfolgt in diesem Stile, selbst wenn es eigentlich um Mathe oder Englisch geht. Warum? Weil das den Effekt hat, als würde man einen Stöpsel ziehen! Die jungen Leute legen nach kürzester Zeit los, als hätten sie zu lang die Luft angehalten. Sie lesen von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen brav ihr Pensum und können gar nicht genug von solchen Debatten, von dieser Art der Auseinandersetzung bekommen. Sie brauchen es, dass all diese Fachthemen, die sie vormittags im Sauseschritt durcheilen müssen, in einem dialogischen Prozess für sie in nachvollziehbaren Bezug zu ihrer ganz persönlichen Lebenswelt gesetzt werden. Und dann staunen wir immer wieder, wie diese Smartphone-Nerds plötzlich lebendig werden und wieder in der analogen Welt auftauchen. Unter Zuhilfenahme eines Elixiers, das zu wesentlichen Teilen aus Aufmerksamkeit und Austausch besteht.

    So viel Zuwendung erhält kaum ein Schüler, weil wenige Eltern sich das leisten können. Und das Gemeinwesen sich das bekanntlich nicht leisten will. Nachdem viel Geld mit dem Verkauf von Bildschirmgeräten, persönlichen Daten, Flats, Games und Apps an Minderjährige verdient wurde, niemand sich um die kurz- und langfristigen Konsequenzen dieses soziologischen In-vivo-Experimentes schert, schaltet die Selektionsmaschinerie mit der Absenkung der Abi-Anforderungen still und leise einen halben Gang runter. Außer Ihnen und mir bemerkt das ohnedies kaum jemand, noch weniger dürften das als störend empfinden. Und das leise Gemaule im Internet wird bald auf den hinteren Seiten der Suchmaschinen verschwunden sein …

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