Jane Austen, Northanger Abbey (und Exkurs zur erlebten Rede)

Bekannte nehmen die junge Catherine Morland für ein paar Wochen mit nach Bath, wo man zur Erholung und zur Kur hinfährt und um neue Kleider vorzuführen. Dort freundet sie sich mit Isabella Thorpe an (an der auch Catherines Bruder interessiert ist), ohne deren Oberflächlichkeit zu erkennen. Isabellas Bruder, ein rechter Depp, wirbt um Catherine; diese verliebt sich aber in Henry Tilney, mit dessen Schwester sie Freundschaft schließt.

Catherine wird als Gegenstück zu den Heldinnen sentimentaler und sentimental-grusliger Romane eingeführt. Kein Findelkind wurde in ihrerm Heimatdorf abgegeben, dessen vornehme Herkunft sich später herausstellen könnte; sie kann weder besonders gut zeichnen noch musizieren, die Beziehung zu ihren Eltern ist unkompliziert; zum Abschied verlangt ihre Schwester nicht tränenreich einen Brief jeden Tag von ihr, sie wird nicht vor Edelleuten mit üblen Absichten gewarnt, sondern daran erinnert, sich warm genug anzuziehen, um sich nicht zu erkälten. Auf der Fahrt werden sie dann auch nicht von Räubern überfallen, und als Catherine den von ihr verehrten Tilney vertraulich mit einer fremden Frau sprechen sieht, fällt sie nicht in Ohnmacht, sondern schließt, dass das dann wohl seine Schwester ist.

Diese Bodenständigkeit verliert Catherine im letzten Drittel des Buches, als sie nach Northanger Abbey eingeladen wird, dem Anwesen, auf dem Henry und seine Schwester mit ihrem Vater leben. Catherine liest nämlich gerne Romane, am liebsten Schauerromane (die gerne mal in alten Abteien spielen), und so sieht sie eine Verschwörung um eine alte Mordtat um sich herum, die sich natürlich als bloße Einbildung entpuppt. Trotzdem gibt es dann vor dem glücklichen Ende noch etwas echtes Drama.

– Das Lesen hat mir viel Vergnügen bereitet. Bekannt ist das Buch als Parodie auf den englischen Schauerroman; tatsächlich ist der Teil, der in Bath spielt, umfangreicher, und hat mir auch besser gefallen. Catherine ist eine sympathische Heldin. Sie lebt in einer Gesellschaft voller Regeln, die sie nicht alle genau kennt, die sie aber nicht verletzen will – sie achtet sehr darauf, wie sie von anderen wahrgenommen wird. Es ist angenehm, mal eine derart mitdenkende Heldin zu haben.
Vermutlich ist das Buch gut für den Einstieg in Austen geeignet: Es gibt relativ wenige Personen; die zwei Teile des Buches funktionieren ziemlich unabhängig von einander; es gibt keine obskuren englischen Erbschaftsverhältnisse, die für den Plot wichtig sind.

Exkurs 1: Die Gothic Novel und ihre deutschen Vorläufer

Der zweite Teil von Northanger Abbey ist eine Parodie auf die englische gothic novel, eine Romanform, die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert enorm populär war, und die zu Mary Shelleys Frankenstein führte. The Castle of Otranto (Horace Walpole, 1764) gilt als erster Vertreter: Geheimgänge, Ruinen, in Ohnmacht fallende Heldinnen, Übernatürliches, Schauplatz: Italien. Am populärsten war dann Ann Radcliffe, etwa mit The Mysteries of Udolpho (1794).

Catherine Morland mag diese Literatur, und Isabella Thorpe empfiehlt ihr in Kapitel 6 ein paar Romane zur Lektüre, die “Northanger Seven”:

“I will read you their names directly; here they are, in my pocket-book. Castle of Wolfenbach, Clermont, Mysterious Warnings, Necromancer of the Black Forest, Midnight Bell, Orphan of the Rhine, and Horrid Mysteries. Those will last us some time.”

Diese Bücher gibt es alle wirklich, und eines hat mich besonders interessiert: The Necromancer; or, The Tale of the Black Forest von Lorenz Flammenberg (Pseudonym von: Karl Friedrich Kahlert), in einer wohl recht freien zeitgenössischen Übersetzung von Peter Teuthold. Die deutsche Fassung habe ich leider nicht gefunden, die englische Übersetzung bei www.gutenberg.ca. Der Grund für mein Interesse: Bislang hatte ich immer nur gehört, dass Deutschland als Vorbild für Finsteres, Unheimliches, und die gothic novels galt. Edgar Allan Poe geht im Vorwort zu seinen Tales of the Grotesque and Arabesque auf den Vorwurf ein, er würde im deutschen Stil schreiben:

with a single exception, there is no one of these stories in which the scholar should recognise the distinctive features of that species of pseudo-horror which we are taught to call Germanic […]. If in many of my productions terror has been the thesis, I maintain that terror is not of Germany, but of the soul

Aber ich hatte keine Vorstellung davon, was diese deutschen Vorbilder denn genau waren. Die romantischen Novellen kamen eher später, hätte ich gedacht. Bleibt der Sturm und Drang, und ja: Als Folge von Schillers Räubern blühte der Räuberroman, vorher schon der Geheimbundroman, populär waren auch Roman um Geisterbeschwörer, so dass sich selbst Schiller unwillig zu Der Geisterseher herabließ.

(Einen Rest davon gibt es in Eichendorffs “Taugenichts”: Im sechsten Kapitel verbringt unser Held eine Nacht in einem alten Schloss. Es kommt ihm alles sehr gruselig vor, er sieht eine alte Frau mit Messer, fühlt sich an Geschichten von Mord und Menschenfressern erinnert, die er gelesen hat. Nach einem Brief von “Aurelie”, der an ihn adressiert zu sein scheint, flieht er, verlockt von der Musik eines Studenten unter seinem Fenster, der ihm bei der Flucht hilft.)

Von diesen Romanen kriegt man heute kaum etwas mit.

Hier übrigens der Umschlag einer Ausgabe von Northanger Abbey, die nicht erkannt hat, dass es sich um eine Parodie handelt:

austen_northanger_abbey
Paperback Library Edition (New York), 1965.

Exkurs 2: Figurenrede

In einem Roman erzählt meist der Erzähler. “In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße,” steht da, und das sagt zu uns der Erzähler. Manchmal hört man aber auch die Stimme der Figuren selber. Neben weiteren Formen gibt es dafür folgende drei Möglichkeiten:

Direkte Rede

Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: »Effi, eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen. Immer am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, dass du so was möchtest.«

Hier spricht die Mutter, der Erzähler tritt ganz zurück. Merkmal: Anführungszeichen.

Indirekte Rede

Und was nun die Kinder angehe – bei welchem Wort er sich, Aug in Auge mit dem nur etwa um ein Dutzend Jahre jüngeren Innstetten, einen Ruck geben musste -, nun, so sei Effi eben Effi und Geert Geert.

Hier fehlt zwar das aus dem Zusammenhang unschwer zu erschließende: “sagte der alte Briest”, aber dennoch ist klar, dass es sich um indirekte Rede handelt, dass also nicht der Erzähler uns mit der Weisheit, dass Effi eben Effi ist, beglückt, sondern dass das der alte Briest macht. Erkennbar ist das vor allem am für die indirekte Rede typischen Konjunktiv (“angehe”, “sei”). Durch dessen Verwendung betont der Erzähler geradezu, dass nicht er es ist, der hier spricht.

Erlebte Rede

Hier ein nichtfiktionales Beispiel aus der Rede des Bundestagspräsidenten Jenninger anlässlich des 50-jährigen Gedenkens an die Reichspogromnacht 1938:

Man genoss vielleicht in einzelnen Lebensbereichen weniger individuelle Freiheiten; aber es ging einem persönlich doch besser als zuvor, und das Reich war doch unbezweifelbar wieder groß, ja, größer und mächtiger als je zuvor. – Hatten nicht eben erst die Führer Großbritanniens. Frankreichs und Italiens Hitler in München ihre Aufwartung gemacht und ihm zu einem weiteren dieser nicht für möglich gehaltenen Erfolge verholfen?

Nicht Jenninger selbst stellt diese Frage, nicht er hält das Deutsche Reich für unbezweifelbar groß und mächtig: Sondern ein – fiktiver, für durchschnittlich angenommener – Deutscher 1938, dessen Gedanken hier Jenninger wiedergibt. Allerdings benutzt Jenniger hier etwas, das im Deutschen “erlebte Rede” heißt: Es gibt keine Anführungszeichen, keinen Konjunktiv, formal ist nicht zu unterscheiden, ob hier der Erzähler bzw. Jenninger spricht oder eine Figur: Beides ist 3. Person Singular Indikativ Präteritum, die normale Erzählform. Am Tag nach der Rede und den auf sie folgenden Protesten trat Jenninger vom Amt des Bundestagspräsidenten zurück.

Bei erlebter Rede verschwimmen die Grenzen zwischen Figur und Erzähler. Das kann effektiv sein. In dieser Passage aus Irrungen, Wirrungen von Fontane denkt Botho während eines Ausrittes in wörtlicher Rede vor sich hin:

“Weil ich sie liebe! Ja. Und warum soll ich mich dieser Neigung schämen? Das Gefühl ist souverän, und die Tatsache, dass man liebt, ist auch das Recht dazu, möge die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen. Übrigens ist es kein Rätsel, und wenn doch, so kann ich es lösen. Jeder Mensch ist seiner Natur nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, die, trotzdem sie klein sind, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuten. Und dies Beste heißt mir Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit. Das alles hat Lene, damit hat sie mir’s angetan, da liegt der Zauber, aus dem mich zu lösen mir jetzt so schwer fällt.”

So denkt doch kein Mensch! Umgeformt in erlebte Rede sieht das viel natürlicher aus:

Weil er sie liebte! Ja. Und warum sollte er sich dieser Neigung schämen? Das Gefühl war souverän, und die Tatsache, dass man liebte, war auch das Recht dazu, mochte die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen. Übrigens war es kein Rätsel, und wenn doch, so konnte er es lösen. Jeder Mensch war seiner Natur nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, die, trotzdem sie klein waren, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuteten. Und dies Beste hieß ihm Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit. Das alles hatte Lene, damit hatte sie’s ihm angetan, da lag der Zauber, aus dem sich zu lösen ihm jetzt so schwer fiel.

– Erlebte Rede gibt es auch im Englischen, dort heißt sie “free indirect speech”. Im Englischen gibt es keinen nennenswerten Konjunktiv mehr, der in indirekter Rede verwendet wird, stattdessen gibt es etwas, das “backshift” heißt, kurz gesagt: aus present tense in der direkten Rede wird beim Erzählen past. Aus “I want to break free” wird “He said he wanted to break free” (indirect speech) beziehungsweise ohne die Redeeinleitung gleich “He wanted to break free” (free indirect speech) – also unsere erlebte Rede.

Was das alles mit Jane Austen zu tun hat

Bei Northanger Abbey gibt es schon inneren Monolog:

“This is strange indeed! I did not expect such a sight as this! An immense heavy chest! What can it hold? Why should it be placed here? Pushed back too, as if meant to be out of sight! I will look into it—cost me what it may, I will look into it—and directly too—by daylight. If I stay till evening my candle may go out.” [Chapter 21]

Es gibt aber auch indirekte Rede ohne redeeinleitendes Verb (wie: free indirect speech) aber mit Anführungszeichen:

The place in the middle alone remained now unexplored; and though she had “never from the first had the smallest idea of finding anything in any part of the cabinet, and was not in the least disappointed at her ill success thus far, it would be foolish not to examine it thoroughly while she was about it.”

Der Zusammenhang macht klar, dass die Ansichten, die innerhalb der Anführungszeichen stehen, nicht die des Erzählers sind, sondern die von Catherine – erlebte Rede, free indirect speech, aber durch die Anführungszeichen eben nicht ganz so free.

Das gibt es im späten 18. Jahrhundert sicher ständig, ist mir jetzt aber zum ersten Mal so richtig aufgefallen. (Der prinzipielle Gebrauch von Anführungszeichen für wörtliche Rede wurde in England erst ab 1714 etabliert.) Northanger Abbey ist voller Beispiele. Hier spricht der alte Tilney zu Catherine:

The netting-box, just leisurely drawn forth, was closed with joyful haste, and she was ready to attend him in a moment. “And when they had gone over the house, he promised himself moreover the pleasure of accompanying her into the shrubberies and garden.” She curtsied her acquiescence. “But perhaps it might be more agreeable to her to make those her first object. The weather was at present favourable, and at this time of year the uncertainty was very great of its continuing so. Which would she prefer? He was equally at her service. Which did his daughter think would most accord with her fair friend’s wishes? But he thought he could discern. Yes, he certainly read in Miss Morland’s eyes a judicious desire of making use of the present smiling weather. But when did she judge amiss? The abbey would be always safe and dry. He yielded implicitly, and would fetch his hat and attend them in a moment.” [Chapter 22]

Herkömmliche indirekte Rede ohne Anführungszeichen gibt es natürlich auch. Ich vermute mal, ohne das überprüft zu haben, dass Austen bei indirekter Rede genau und nur dann Anführungszeichen setzt, wenn kein explizites redeeinleitendes Verb vorhanden. Dann dürfte diese erlebte Rede quasi nur in Anführungszeichen vorkommen. Nachgeprüft habe ich das nicht.

Wikipedia entnehme ich, dass Jane Austen und Goethe zu den ersten gezählt werden, die erlebte Rede bzw. free indirect speech verwenden. Dann ist das wohl in Vergessenheit geraten und erst wieder über Flaubert in die moderne Literatur gekommen.

– Gerade bei Fontane, Irrungen, Wirrungen gesehen:

Mittlerweile sank die Sonne hinter den Wilmersdorfer Kirchturm, und Lene schlug vor, aufzubrechen und den Rückweg anzutreten, “es werde so fröstlich; unterwegs aber wollte man spielen und sich greifen; sie sei sicher, Botho werde sie nicht fangen.”

Auch hier indirekte Rde, markiert durch Konjunktiv und Anführungszeichen.

6 Antworten auf „Jane Austen, Northanger Abbey (und Exkurs zur erlebten Rede)“

  1. Ach, so ein kleines Seminar mitten in den Ferien. Das ist schön. Mit Genuß gelesen.

    Wenn Jane Austen heute im Internet unterwegs wäre, hätte sie es übers Wochenende sehr lustig gehabt mit der Diskussion, ob sich Erwachsene genieren sollten, Literatur für Jugendliche zu lesen.

    Ich lege dem Hause Rau übrigens die Lektüre von Chimamanda Ngozi Adichies “Americanah” ans Herz. Bloggerliteratur!

  2. “Americanah” hat Frau Rau auch schon für die nächste Lektürerunde vorgeschlagen. Aber 600 Seiten haben mich erst mal abgeschreckt. Also mal sehen.

    Den Artikel auf Slate habe ich auch gelesen. Hmja. Zu Ernst nehmen soll man die Lektüre ja nicht, aber die Gefahr besteht hier wohl auch gar nicht. Trotzdem, die Kollegen, die nur Jugendliteratur lesen, achte ich nur mäßig. Andererseits: Kaputt machen sie auch nichts dadurch.

  3. Über die elektronischen Medien der LMU kommt man an ein PDF-Faksimile der englischen Ausgabe, aber den “Geisterbanner” selber gibt es dort auch auf Papier – immerhin. Drei Bände, 1799 bzw. 1800. Ich werde erst mal irgendwann die englische Ausgabe lesen.

  4. Eine meiner Seminarteilnehmer hat sich tatsächlich genau dieses Thema herausgesucht: Sie untersucht, welche Szenen aus The Mysteries of Udolpho in Northanger Abbey genutzt werden und zu welchem Effekt.
    Hast du The Castle of Otranto selber mal gelesen? Ich hatte dazu in den Sommerferien ausgiebig Zeit, weil es für das Genre so grundsteinlegend ist. Ich war wirklich entsetzt, wie spröde und dramaturgisch ungelungen dieses Werk tatsächlich ist…

  5. Otranto: nein, nie, nur einmal Radcliffe, lesbar.
    Aber ich hatte bei Northanger Abbey auch mein zukünftiges Seminar im Hinterkopf, ob da etwas herauszuholen ist. Vielleicht geht was mit der frühen deutschen Schauerromantik.

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