Graham Greene, Brighton Rock

greene_brighton_rockNach gut zwanzig Jahren wiedergelesen, für die Leserunde.
Am Anfang hat mir das Buch sehr gut gefallen. Fred irrt durch das Seebad Brighton, alptraumhaft verfolgt von einer Bande Kleinkrimineller, die ihn umbringen wollen. Nach Freds Tod ist die Hauptperson Pinkie, erst siebzehn Jahre, aber schon der neue Kopf der Gaunerbande. Pinkie trinkt nicht, raucht nicht, hatte noch nie etwas mit Frauen, ist aber ganz Macho. Auch Pinkie irrt aussichtlos durch eine ihm letztlich fremde Welt; unerreichbar fern das feine Hotel mit dem konkurrierenden, um Klassen erfolgreicheren Gangsterboss; verfolgt von einer Rache für Fred suchenden Dame; und ständig in der Sorge, irgendeine Frau könnte etwas von ihm wollen oder irgendein Mann sich über seine fehlende Praxis beim Umgang mit Frauen lustig über ihn machen. Also plustert er sich auf und begeht einige Morde.

Nach der Hälfte beginnt es dann etwas fade zu werden. Pinkie interessiert mich immer weniger, und die unbedarfte junge Frau, die er heiratet, damit sie nicht zu einer Aussage gegen ihn gezwungen werden kann (auch wenn das nie eine reale Gefahr zu werden droht), auch nicht. Beide sind katholisch, und ums Katholischsein geht es dann auch vor allem in diesem Thriller, um die Frage, wer von Gottes Gnade gerettet werden kann. (Spoiler: jeder.) Und das Seelenheil von Pinkie und Rosie interessiert mich herzlich wenig.

Lohnenswert war das Wiederlesen dennoch. Der Titel des Buchs stammt von einer Süßigkeitenspezialität in englischen Seebädern. “Rock” ist eine Art harte Zuckerstange und ein typisches Mitbringsel zum Beispiel aus Brighton. Wichtig bei echtem rock ist, dass der Name des Urlaubsortes, oder wessen auch immer, im Querschnitt der Zuckerstange zu lesen ist:

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Dieses Merkmal benutzt Ida in Kapitel 7.1 (S. 198) als Metapher für die Natur des Menschen, bis ins Mark, durch und durch.

Die Herstellung ist gar nicht so einfach. Im Prinzip formt ein Handwerker lange Streifen mit den Buchstaben im Querschnitt, 5 cm hoch, die dann spät um einen zylindrischen Zuckerkern gelegt werden und beim Ausrollen auf 3mm Höhe verkleinert werden. (Hier wird das in einem Text beschrieben.) Im Video:

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“Brighton Rock” spielt noch eine weitere Rolle im Buch, und zwar ist er mit der Tötung Freds verbunden. Wie genau er zu Tode kommt, bleibt unklar; die Untersuchung der Polizei kommt zum Urteil eines natürlichen Todes, sehr zur Verwunderung der Gangster. Aber Cubitt, einer von ihnen, lässt einmal fallen, als es um den Tod Freds geht: “I can’t see a piece of Brighton rock without…”, bevor er den Satz abbricht (S. 162, Kapitel 6.1). Ida, die den Tod aufzuklären versucht, entscheidet, er sei erwürgt worden (“strangled him”, S. 197, Kapitel 7.1), aber bereits zu Anfang des Vorgangs an seinem schwachen Herzen gestorben. Auch in Kapitel 6.2 (S. 178) wird “a stick of Brighton rock” mit dem Tod Freds in Verbindung gebracht; eine Kiste voller zerbrochener Zuckerstangen wird erwähnt. (“It got broken. Some clumsy fools.”)

- Außerdem hat mich Pinkie an einen anderen leicht erregbaren jugendlichen Gangster erinnert, der erfolglos mit den großen Fischen schwimmen wollte, und der ebenfalls kein Interesse an Frauen hatte: Wilbur aus The Maltese Falcon von Dashiell Hammett, den jugendlichen Revolvermann an der Seite von Kasper Gutman und, manchmal, Joel Cairo. Sam Spade bezeichnet Wilbur im großen Finale abschätzig als “gunsel”, und provoziert ihn auch erfolgreich damit. Redakteur und Filmzensor glaubten im Zusammenhang wohl an die Bedeutung “unerfahrener Revolverheld”, eine Bedeutung, die das Wort heute auch bekommen hat, letztlich wohl allein auf Basis von Hammetts Roman und dessen bekanntester Verfilmung. Vor Hammett ist aber nur die Bedeutung “junger Partner in einer homosexuellen Beziehung mit einem älteren Mann” aus dem Hobo-Slang belegt, letztlich aus dem Yiddischen “Gänslein”.

Brighton Rock arbeitet noch mehr mit Slang, insbesondere tauchen die Wörter “polony” und “buer” sehr häufig auf; die Bedeutung “Frau” lässt sich jeweils leicht aus dem Kontext erschließen, aber ich konnte mich nicht erinnern, den Wörtern vorher begegnet zu sein. Also habe ich nachgeschaut: “buer” oder “bure” stammt aus dem irischen und bedeutet, heute zumindest, eine gut aussehende Frau. Greene verwendet das Wort allerdings deutlich negativer als das neutrale “polony”.
Und das wiederum hat eine noch viel interessantere Geschichte: Wikipedia informierte mich über den Soziolekt Polari (auch: Parlare, Parlary, Palare, Palarie, Palari). Das ist ein Argot, eine Art Insidersprache, belegt seit dem 19. Jahrundert und vielleicht zurückgehend bis ins 16., der in England gesprochen wurde von Zirkusleuten, Schauspielern, Puppenspielern (“Punch and Judy”). Und dann später auch von Gaunern und bis in die 1960er Jahre hinein von Homosexuellen. Seit zwanzig Jahren ist Polari dann auch immer mehr in die Populärkultur vorgedrungen, hat es in Folgen von Dr. Who geschafft, in Comics von Grant Morrison, in Popmusik.
Aus dem kleinen Lexikon des Polari kannte ich immerhin ein paar Wörter, die ins allgemeiner gebräuchliche Englisch übernommen wurden: butch, cottaging, camp, carsey (in der Schreibung kharzi bei Spike Milligan kennengelernt), doss (als Teil von dosshouse), drag, hoofer (im Zusammenhang mit Fred Astaire gelernt), mince (Art des Ganges), ogle, scarper – etliche davon dürfte ich aus Krimis haben. Und dann natürlich naff, ursprünglich auch Polari, heute Allgemeingut.

Beim Recherchieren Durchblättern von Wikipedia bin ich auch an die ursprüngliche Lingua Franca des Mittelmeeraums erinnert worden, auch Sabir genannt, der ich zum ersten Mal in den Abenteuergeschichten von Robert E. Howard begegnet bin. Wie schön, diese Geschichten hatte ich schon wieder vergessen.

Eine Antwort auf „Graham Greene, Brighton Rock“

  1. Prima.
    Danke für den Film. Ich hatte mich immer schon gewundert, wie die diversen Rocks ihre Beschriftung erhalten. Jetzt weiß ich es und werde es meinen englischen Freunden erzählen. Die wissen es auch (noch) nicht.

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