Subversion mit BlueJ, die Fortsetzung

Ich habe vor ein paar Jahren schon mal über Subversion mit BlueJ geschrieben, inzwischen habe ich das mit Schülern weiter erprobt und mit Peter Brichzin einen Workshop dazu auf der INFOS15 gehalten. Subversion: So heißt ein verbreitetetes System, mit dem verschiedene Autoren gleichzeitig an einem aus vielen Dateien bestehenden Progammierprojekt arbeiten können, so dass jeder jeweils die aktuelle Fassung der anderen Teammitglieder zur Verfügung hat.
Für den Workshop habe ich eine kleine Broschüre gemacht (ich mag Broschüren), hier ist deren Inhalt, falls mal jemand danach sucht.


Teil 1 – Auschecken

Teamarbeits-Menü einschalten

Bevor man den in BlueJ integrierten SVN-Client benutzen kann, muss man ihn frei­schalten. Dazu muss man im Menü unter “Werkzeuge > Einstellungen… > Inter­face” ein Häkchen setzen bei “Teamarbeitswerkzeuge anzeigen”.

Erstmalig ein BlueJ-Projekt aus einem Reposito­ry aus­checken

Es ist egal, ob man an dieser Stelle mit einem bereits geöffneten BlueJ-Projekt arbeitet oder nicht, die neu heruntergeladenen Dateien werden auf jeden Fall als neues, eige­nes BlueJ-Projekt gespeichert.

Nach Auswahl des Menüpunkts “Werkzeuge > Teamarbeit > Arbeitskopie erstel­len…” muss man die Serverangaben eingeben:

svn_anmelden

Das Passwort braucht man bei öffentlichen Repositories nur für das Hochladen; aller­dings verlangt BlueJ auf jeden Fall die Eingabe eines (auch beliebigen) Benutzerna­mens.

Danach kann man sich mit dem Knopf “Anzeigen” die unter dieser Adresse gespei­cherten BlueJ-Projekte zeigen lassen:

svn_projektauswahl

Nach der Auswahl des BlueJ-Projekts, das man herunterladen möchte, wird man gebe­ten, einen Speicherort dafür anzugeben. Das heißt, die Dateien werden auf jeden Fall in einem neuen BlueJ-Projekt gespeichert.

Tipps:

  • Das Auschecken erfolgt üblicherweise nur einmal am Anfang. Da­nach lädt man nicht mehr das ganze Projekt neu vom Server herunter, sondern aktualisiert nur die auf dem Server geänderten Dateien oder fügt eigene Ände­rungen der Version auf dem Server hinzu.
  • Ausnahme: Wenn später einmal irgendetwas mit dem eigenen BlueJ-Projekt nicht funktioniert oder zu kompliziert wird, dann ist es manchmal einfacher, die Datei­en wieder ganz neu vom Server auszuchecken und mit einem neuen BlueJ-Pro­jekt weiterzuarbeiten. Man muss nur daran denken, das alte zu löschen.
  • Fehlerquelle: Beim Speichern reicht ein Laufwerksbuchstabe nicht, man muss einen Ordner angeben, in den dann der BlueJ-Projektordner gespeichert wird. Wenn man den Namen eines bereits existierenden BlueJ-Projekts angibt, kann das dazu führen, dass ein BlueJ-Projekt innerhalb eines anderen gespeichert wird (als package), was alles nur komplizierter macht.

Aufgabe: Checken Sie beliebige Projekte aus dem Server aus, aber auf jeden Fall das BlueJ-Projekt “SVN Aufgabe 1” für den nächsten Schritt.


Teil 2 – Erstes Arbeiten

Benutzername und Passwort eingeben

Checken Sie das BlueJ-Projekt “SVN Aufgabe 1” aus.

Bisher waren Benutzername und Passwort egal, aber ab diesem Zeitpunkt müssen Sie konkrete Daten eingeben. Wählen Sie dazu im Menü “Werkzeuge > Teamarbeit > Teamarbeitseinstellungen…” und ergänzen Sie die fol­genden Informationen:

svn_teamarbeitseinstellungen

Der Benutzer ist „fortbildung“, das Passwort erfahren Sie mündlich.

Aktualisieren (update) und Abgeben (commit)

Aufgabe: Legen Sie in “SVN Aufgabe 1” eine neue Klasse an, die das Interface “Tier” implemen­tiert. Die Klasse “Loewe” kann als Beispiel dienen. Sie machen es sich etwas einfacher, wenn Sie ein exotisches Tier wählen, weil Sie dadurch Konflikte mit anderen Projekt­mitarbeitern vermeiden.

svn_aufgabe1

Schritt 1: Bevor Sie Ihre Klasse hochladen, sollten Sie schauen, ob es inzwischen viel­leicht schon Beiträge anderer Projektmitarbeiter gibt. Wählen Sie dazu im seitlichen Menü unten “Aktualisieren…” (englisch: “Update…”). Wenn inzwischen jemand an­deres die Klasse “Kakapo” angelegt hat (ein flugunfähiger Papagei auf Neuseeland), wird Ih­nen folgender Dialog angezeigt:

svn_aktualisieren_kakapo

Wenn Sie das Aktualisieren bestätigen, wird der Kakapo Ihrem BlueJ-Projekt hinzuge­fügt.

Schritt 2: Laden Sie jetzt Ihre eigenen Änderungen (Ihre Klasse „Pinguin“ zum Beispiel) hoch. Wählen Sie dazu im seitlichen Menü unten “Abgeben…” oder “Commit…” Darauf erscheint eine Liste der von Ihnen geänderten Dateien. Fügen Sie einen Kom­mentar hinzu und geben Sie die Änderungen ab:

svn_abgeben_pinguin

Aufgabe: Führen Sie einige Updates und Commits durch. Wenn Sie auf Konflikte stoßen, ignorieren Sie sie bis zum nächsten Schritt.

Grundsätzliche Reihenfolge beim Arbeiten

Nach dem erstmaligen Auschecken des Projekts sieht das Arbeiten immer so aus:

  1. Update, um zu sehen, ob sich am Server etwas geändert hat.
  2. Eigenen Code ergänzen und testen.
  3. Commit – der findet nur statt, wenn es keine Konflikte mehr gibt.

svn_arbeitszyklus

Tipps und Regeln fürs Arbeiten mit Schülerinnen und Schülern:

  1. Einen Commit nur dann durchführen, wenn alle Klassen im BlueJ-Projekt fehlerfrei übersetzt werden.
  2. Um Konflikte zu vermeiden, sollte klar sein, welches Team oder welche ein­zelne Schülerin für welche Klasse oder Klassen zuständig sind. Und die Schüler müssen die Finger von den Klassen anderer Schüler lassen.
  3. Wenn eine Datei ganz gelöscht wurde, kann sie mit BlueJ nicht mehr aus dem Repository ergänzt werden. Man muss dann das Projekt komplett neu aus­checken und damit weitermachen, oder die fehlende Datei von dort ergänzen.

Teil 3 – Konflikte

Wenn mehrere Bearbeiter unabhängig von einander an einer Klasse arbeiten, kommt es zu einem Konflikt. Das SVN-System kann einfache Konflikte selbstständig auflösen, bei den meisten muss aber ein Benutzer entscheiden, welche der in Konflikt stehenden Versionen gelten soll.

Aufgabe: Checken Sie das Projekt “SVN Aufgabe 2” aus und ergänzen Sie eine noch nicht vorhandene getter- oder setter-Methode für ein Attribut der Klasse “Held”. Führen Sie dann einen Commit durch (bzw. vorher ein eventuell einge­fordertes Update).

Fall 1: Die entstehenden Konflikte lassen sich automatisch lösen. Dann zeigt BlueJ – nach dem Aktualisieren – folgende Meldung, mit der man das automatische Zusammenführen bestätigen kann:

svn_konflikt1

Fall 2: Der Konflikt lässt sich nicht automatisch lösen, weil Attribute der Klasse be­troffen sind oder die Änderungen eine Methode betreffen. Dann meldet BlueJ den Kon­flikt so:

svn_konflikt2

Daraufhin lässt man sich die Konflikte anzeigen. Die in Konflikt stehenden Codestellen werden beide in einem BlueJ-Editorfenster angezeigt. Von den Zeichen «««< bis ======= steht die eine Fassung (die des aktuellen Benutzers), von den Zeichen ======= bis »»»> steht die andere Fassung (die aktuell auf dem Server befindli­che). Der aktuelle Benutzer muss den Konflikt manuell lösen.

svn_konflikt3

Tipp:

  • Im Rahmen eines Workshops sind Konflikte schwer zu lösen: Wenn es einen Kon­flikt gibt, und mehrere Teilnehmer versuchen gleichzeitig, ihn zu lösen, gibt das nur noch mehr Durcheinander.
  • Beim Arbeiten mit Schülerinnen und Schülern ist es besser, wenn sich die Grup­pen auf einzelne Klassen spezialisieren, so dass Konflikte ganz vermieden werden.

Teil 4 – Der Server

Man kann einen SVN-Server lokal im Netz installieren (etwa den Visual SVN Server https://www.visualsvn.com/server/ für Windows), aber eigentlich möchte man einen über das WWW erreichbaren Server. Dafür gibt es verschiedene kostenlose Anbieter, die aber alle das Problem haben, dass a) die Projekte öffentlich einsehbar sind (Vorteil: Keine Registrierung zum Aktualisieren nötig, Nachteil: Urheberrecht und Daten­schutz) und b) die Projektarbeiter alle eine Registrierung brauchen, wenn sie Commits durchführen sollen.
Unsere Projekte sind bei sourceforge.net gehostet. Ein SourceForge-Projekt kann man allerdings nicht so einfach wieder löschen, man muss eine Nachricht an einen Admi­nistrator schicken, der die Löschung einleitet. Die Inhalte des SourceForge-Projekts, also die BlueJ-Projekte, kann man natürlich jederzeit verändern.

Vorgehen:

  1. Registrierung bei SourceForge (einmalig) unter Angabe einer E‑Mail-Adresse und eines Benutzernamens; das Passwort kann frei gewählt werden. Werden für Schüler Dummy-Accounts erstellt, besteht natürlich die Möglichkeit, dass sie E‑Mail und Passwort ändern.

  2. Anmelden bei SourceForge und Anlegen eines neuen Projekts. Dabei enthält die voreingestellte Auswahl als Versionskontrolle nicht Subversion, sondern das jüngere Git. Außerdem kann man wählen, ob man ein Wiki, ein Forum, ein Ticketsystem oder andere Features haben möchte:
    svn_sourceforge

  3. Das SourceForge-Projekt ist zu Beginn ganz leer. Üblicherweise gibt es bei Subversion auf der obersten Ebene die Ordner “branches”, “tags” und “trunk”; nur in letzterem werden die aktuellen Dateien gespeichert. Die anderen Ordner betreffen Subversion-Features, die von BlueJ nicht genutzt werden. Man kann also auf sie verzichten. Dann muss man nur:
    1. Ein neues BlueJ-Projekt anlegen.
    2. “Werkzeuge > Teamarbeit > Projekt gemeinsam nutzen…” auswählen, Benutzername, Passwort und Serveradresse des SourceForge-Projekts eingeben. Das war’s schon.

  4.  Will man dennoch mit den Ordnern “branches”, “tags” und “trunk” arbeiten, etwa um in Zukunft die Möglichkeiten anderer Subversion-Clients zu nutzen, muss man einen externen SVN-Client benutzen; mit BlueJ alleine geht das nicht.
    1. Kommandozeilen-SVN-Client bei Linzux: Die bei SourceForge angegebenen Befehle eingeben.
    2. Mit einem anderen externen SVN-Client (etwa TortoiseSVN) eine temporä­re lokale Kopie des – vorerst noch leeren – Repository anlegen. Dann die drei Order lokal anlegen und auf den Server hochladen („commit“). laden. Danach wird die temporäre Kopie gelöschgt; die Ordner werden nur auf dem Server gebraucht.

Aufgabe: Legen Sie ein neues BlueJ-Projekt an und fügen Sie es mit “Werkzeuge > Teamarbeit > Projekt gemeinsam nutzen…” dem SourceForge-Projekt svn.code.sf.net/p/fortbildung/code/ hinzu.

Tipps:

  • Jeder Projektmitarbeiter braucht einen eigenen Benutzernamen und ein eigenes Passwort, eventuell Dummy-Accounts für Schüler anlegen.
  • Ein möglichst kurzer Projektname erleichtert das Eingeben der Serveradresse in BlueJ.
  • Eine im Repository angelegte Datei (also auch Code) kann man nicht einfach wieder löschen. Grundsätzlich bleiben alle bisherigen Versionen von Textda­teien erhalten – man soll bei Subversion auch auf frühere Versionen zurückgrei­fen können soll, auch wenn BlueJ diese Funktion nicht unterstützt.

Teil 5 – Workflow für die Lehrkraft

Tortoise SVN – Update, Commit

Wenn man als Lehrkraft mehrer Projekte verwalten möchte, ist der in BlueJ integrierte SVN-Client umständlich, es empfiehlt sich die Verwendung eines eigenen SVN-Clients, für Windows z.B. TortoiseSVN (http://tortoisesvn.net/).

Damit kann man z.B. einen Ordner mit verschiedenen gesammelten BlueJ-Projekten mit einem SVN-Repository verknüpfen.

svn_tortoise_verzeichnisse

Nach Belieben markiert man einige der Verzeichnisse darin mit TortoiseSVN als “add to ignore list”, so dass diese Verzeichnisse eben nicht hochgeladen werden. Im Bild lie­gen nur die grünen Verzeichnisse auf dem Server und werden damit synchronisiert.

Man aktualisiert die BlueJ-Projekte jetzt nicht mehr von BlueJ aus (und kann das auch gar nicht), sondern über den eigenen Client, der sich in das Windows-Kontektmenü integriert:

svn_tortoise_update

Das Menü bietet noch weitere Möglichkeiten von Subversion, die für das Arbeiten in der Schule und mit BlueJ aber alle nicht nötig sind:

svn_tortoise_contextmenu

Tipps:

  • Wenn die Lehrkraft mit TortoiseSVN arbeitet, kann sie nicht wie die Schüler mit BlueJ arbeiten. Bei den Schülern hat jedes BlueJ-Projekt seine eigene .svn (ein verstecktes Verzeichnis mit SVN-Daten), bei der Lehrkraft gibt es ein .svn für das Verzeichnis mit den BlueJ-Projekten.
  • Will die Lehrkraft sich ein BlueJ-Projekt aus Schülersicht betrachten, muss sie das Projekt erst aus BlueJ heraus auschecken und kann das daraufhin neu ge­speicherte Projekt dann auch mit BlueJ committen. Das ist dann aber nicht das Projekt im eigentlichen zentralen BlueJ-Ordner des Lehrers.

Tortoise SVN – Eine lokale Kopie des Repository

Ganz am Anfang steht das Anlegen einer lokalen Kopie des Repository:

  • Optional: Legen Sie ein leeres Repository auf einem Server an.
  • Legen Sie ein Verzeichnis an für alle Projekte, die Sie zum Beispiel mit einer Schulklasse nutzen wollen, etwa “Klasse_10a”.
  • Wählen Sie für das Verzeichnis im Kontextmenü “SVN Checkout…”
    svn_tortoise_checkout
  • Geben Sie danach die URL des eben angelegten oder bereits existierenden Repository an:
    svn_tortoise_checkout2
  • Danach werden alle Verzeichnisse und Dateien im Repository – also in der Regel alle BlueJ-Projekte dort – in das gewählte Verzeichnis übertragen.
  • Ab jetzt kann das gewählte Verzeichnis mit dem Repository synchronisiert werden. Das geschieht über “SVN Update” beziehungsweise “SVN Commit…” im Kontextmenü.

Teil 6 – Erfahrungen

Rückmeldung aus der Praxis

  • Kommt bei Schülern sehr gut an.
  • Die Aktualisierung bestehender BlueJ-Projekte ist leichter als sie etwa bei Moodle aktuell zu halten
  • Am Anfang unbedingt im Computerraum gemeinsam machen; zu Hause kommt kaum einer allein zurecht
  • Gelegentlich gibt es ein unerklärtes write lock auf lokalem Projekt. Dann ein­fach neu auschecken und den bisher verwendeten BlueJ-Projekt-Ordner lö­schen.
  • Interessierte Schüler gehen ins Repository und blättern dort. (“Wer hat die Da­tei gelöscht?”)
  • Für Projektarbeit enorm hilfreich. Der Austausch und die Koordination gehen sehr viel schneller und fehlerfreier als beim manuellen Dateienaustausch zwi­schen Teammitgliedern. Im Computerraum verständigt man sich durch kurzes Zwischenrufe “Habt ihr schon Update gemacht” usw.
  • Oft arbeiten Schüler mit dem Account eines anderen Schülers, weil die Ab-/Anmeldung ihnen zu umständlich erscheint oder nicht alle ihre Zugangs­daten dabei haben.
  • Es ist vielleicht hilfreich, wenn Schülerinnen und Schüler erst einige Zeit lang nur BlueJ-Projekte auschecken (Aufgaben, Musterlösungen), und erst, wenn sie damit vertraut sind, Commits durchführen.
  • Schülerinnen und Schüler denken selten daran, einem Commit einen Kommen­tar hinzuzufügen.

Typische Probleme

  • Eingabe der korrekten Daten in BlueJ (Benutzername, Passwort) für manche schwierig, das Passwort wird vergessen oder nicht richtig aufgeschrieben – Schüler müssen sich ihre Zugangsdaten aufschreiben und jedesmal mitbringen.
  • Tatsächlich werden Schüler immer die Zugangsdaten ihrer Mitschüler nutzen. Das hat den Nachteil, dass man eventuelle Zugangsprobleme erst spät feststellt.
  • Manche Schüler hatten Schwierigkeiten, zu Hause die Teamarbeitseinstellun­gen in BlueJ einzuschalten, weil sie den Menüpunkt nicht gefunden haben, eventuell ist das Interface bei BlueJ auch auf englische Sprache eingestellt.
  • Die Arbeit mit dem in BlueJ integrierten und einem externen SVN-Client muss getrennt bleiben. Wenn der externe Client eine .svn-Datei in einem BlueJ-Pro­jekt entdeckt, führt das zu Problemen.
  • Gelegentlich kommt es aus irgendwelchen Gründen zu SVN-Fehlermeldungen des BlueJ-Clients (wie einem write lock, einem von BlueJ nicht genutzten und ansprechbaren SVN-Feature). Dann einfach das Projekt ganz neu auschecken, das alte lokale löschen und eventuelle Codeergänzungen noch einmal durch­führen.Cartoon http://xkcd.com/1597/
    Randall Munroe/xkcd, Creative Commons Attribution-NonCommercial 2.5
  • Enthält ein Verzeichnis Bilddateien, fügt Windows oft eine versteckte Datei “thumbs.db” hinzu, die dann mit synchronisiert wird.

Zur Erinnerung und als Übersicht:

  • Checkout – macht man meist einmalig und lädt dabei alle Inhalte aus einem Repository in ein lokales Verzeichnis.
  • Update – führt man regelmäßig und insbesondere vor Beginn eigenen Arbeitens durch. Dabei werden lokale Fassungen eventuell durch aktuellere aus dem Repository ersetzt. Kann zu Konflikten führen.
  • Commit – führt man unmittelbar nach dem eigenen Arbeiten durch. Wenn inzwischen neuere Fassungen im Repository liegen, wird man stattdessen zu einem Update und anschließender Konfliktläsung gezwungen. Danach kann man den Commit noch einmal versuchen.

Teil 7 – Beispiele

Einfaches Tic-Tac-Toe mit Model-View-Controller

Als Fingerübung vor der eigentlichen Projektarbeit sollte ein Tic-Tac-Toe-Spiel pro­grammiert werden. Dazu wurde in einer Stunde ein Klassendiagramm erstellt, ange­fangen vom Model (was muss gespeichert werden?) über den View (was muss der er­fahren, um den Spielstand darstellen zu können?) bis hin zum Controller.

svn_mvc_tictactoe

Dann wurden drei Teams eingeteilt (Alpha, Bravo, Charlie); in jedem Team waren je­weils zwei bis drei Schülerinnen und Schüler für die konkrete Umsetzung der drei ab­strakten Klassen zuständig. So konnten über zwanzig Schüler weitgehend unab­hängig von den anderen arbeiten.

svn_mvc_bluej1

Am Schluss sah das Projekt so aus, alle drei Model‑, View- und Controller-Implementierungen konnten untereinander ausgetauscht werden:

svn_mvc_bluej2

Größeres Programmierprojekt

Danach folgten acht Wochen Programmierprojekt in drei Gruppen zu jeweils 7–8 Mit­gliedern. Jede Gruppe arbeitete in einem eigenen BlueJ-Projekt.

svn_team_alpha

svn_team_bravo

svn_team_charlie


Nachtrag: Für kommende Versionen von BlueJ ist Git-Unterstützung angekündigt; Git ist ein etwas jüngeres System, das ähnliche Wünsche wie Subversion erfüllt. Für Mebis ist, wenn auch nicht in unmittelbarer Zukunft, FTP-Zugang angekündigt und die Möglichkeit, gemeinsam an Dokumenten zu arbeiten, “mit Versionskontrolle”. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Versionskontrolle im Sinn von Git oder Subversion ist – aber das wäre schon schön.

Schatten-IT und andere Beobachtungen

Mit der Sache selbst bin ich seit Jahren sozusagen auf du und du, aber das Wort dafür kannte ich noch nicht. “Schatten-IT” heißt der Wikipedia-Eintrag für das Phänomen, dass sich sozusagen Parallelgesellschaften in Firmen entwickeln, wenn es um die Benutzung von Informationstechnologie geht: Wenn die Software in der Firma nicht funktioniert; oder nicht so funktioniert, wie sie soll; oder nicht so einfach funktioniert, wie sie müsste – dann nutzen die Mitarbeiter häufig andere Software. Ist Outlook zu umständlich, dann macht man Termine per Doodle aus. Kann man nicht gleichzeitig an einem Dokument arbeiten, dann weicht man zu Google Docs oder einem Etherpad aus. Gibt es keine Möglichkeit, Dateien zu tauschen, nimmt man Dropbox – hat eh jeder, kann eh jeder. Es ist verständlich, dass die Sicherheitsabteilungen das gar nicht gern sehen. Es ist aber genauso verständlich, dass Benutzer das tun und weiterhin tun werden.

Ich habe überrascht festgestellt, dass ich zumindest an ein, zwei Tagen in der Woche voller Adrenalin nach Hause komme. Dann brauche ich die zwei Stunden, bis ich mich ans Zubereiten des Abendessen mache, um herunterzukommen. Dabei ist man in der Schule nett zu mir, die Schüler sind freundlich, der Unterricht läuft so, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber die Doppelstunde Unterstufe am Nachmittag ist anstrengend. Informatikunterricht sieht da so aus, dass es eher kurze Phasen gibt, in denen ich etwas erkläre oder zeige. Die enden mit einem Auftrag, und dann arbeiten die Schüllerinnen und Schüler, und viele davon haben Fragen oder Probleme mit der Technik oder wollen mir etwas zeigen. Bin ich nicht mehr gewöhnt. Ist jedenfalls alles anderre als Frontalunterricht.
Am anderen Tag ist es ähnlich: Da trifft sich die Programmier-AG, und das sind zwar nicht viele, aber die sind dermaßen fit und verschieden und schnell, da komme ich kaum noch mit. Und so ordentlich wie ich das mir vorstelle, will auch keiner vorgehen. Aber schön ist das ja schon.

Ansonsten: Kaum kippt die EU die Netzneutralität, zeigt die Telekom, wie sich das in Zukunft auswirken wird. Echt traurig.

Warum ich nicht mehr blogge

Ich bin kein Freund von Blogeinträgen übers Bloggen. Aber letzte Woche schrieb der Informatiklehrer embee nach knapp zwei Jahren wieder mal einen Blogeintrag, und zwar zum Thema “Warum ich nicht mehr blogge”. Die Kurzfassung: Zu viel anderes zu tun. Und jetzt ruft er zu einer Blogparade auf und will wissen, wie andere Blogger – gerade mit Familie – das hinkriegen mit der Zeit. Auch ich soll dazu schreiben, obwohl ich keine Kinder habe.

(Zuerst las ich die Frage als Synonym zu “Warum ich mit dem Bloggen aufgehört habe” und verdächtigte embee des ironischen Humors, diese Frage ausgerechnet in einem Blogeintrag zu stellen. Vielleicht hat er sie aber gemeint synonym zu “Warum ich nicht häufiger blogge”.
Bei der Kurzgeschichte “Nachts schlafen die Ratten doch” von Wolfgang Borchert ist mir das genauso gegangen. Zu lesen ist deren Titel als beruhigend-bestätigende Äußerung, mit Betonung auf dem schlafen. Ich habe den Titel, als er mir zuerst unter die Augen kam, erst mal interpretiert als Leugnung einer implizit zuvor getätigten Äußerung, mit der Betonung auf dem schließenden doch: So ein Quatsch, natürlich schlafen die Ratten nachts.” Was zeigt, wieviel ich von Ratten weiß.)

Ich blogge nicht mehr, als ich das tue, weil mir zur Zeit nichts einfällt, das ich gerne von mir lesen würde. Dass mir nichts einfällt, könnte aber tatsächlich an meiner mangelnden Zeit liegen. Ich brauche nämlich viel Zeit zum Nichtstun, damit die Ideen reifen. Im Moment habe ich nur einen Plan für einen Eintrag, und der wird zu umfangreich für zwischendurch. Und dann lese ich gerade Alexander Solschenizyn, Der Archipel Gulag, in der wunderschönen Erstausgabe von 1974 oder 1973. Das Buch war mir schon in der Kindheit im Bücherregal meiner Eltern aufgefallen: am wenigstens noch der exotische Autorenname, aber vor allem die zwei fremden Wörter “Archipel” und Gulag”, und auch das Titelbild und Format (großformatiges Paperback) waren ungewohnt. Und jetzt lese ich das endlich und bin überrascht, wie poetisch und unterhaltsam es beginnt. Aber das dauert, bis ich damit durch bin.

In der Schule sorgen die Nachwehen von Evaluation und schrumpfende Schülerzahlen für Turbulenzen. Das gäbe schon einige Einträge her, aber ich darf darüber nichts schreiben.

Ansonsten hatte ich ein schönes Wochenende mit Besuch und viel Essen.

Friedrich Schiller, Der Geisterseher

“Einer der besten Krimis aller Zeiten” hieß es vor drei Wochen in der Süddeutschen Zeitung (online) über Schillers Romanfragment Der Geisterseher, das in fünf Teilen in Heft 4–8 (1787–1789) der Zeitschrift Thalia erschien und danach für die erweiterte Buchausgaben noch etwas umgestaltet wurde.

Das ist Unsinn. Das Buch ist meinethalben seiner Zeit voraus, genreprägend, stilbildend, vielleicht sogar ein Krimi, sicher Schillers größter Publikumserfolg – aber ein planloses Durcheinander, was Erzählweise und Plot betrifft.

Der Graf von O. erzählt uns im Buch, was er selbst miterlebt hat: Die Geschichte vom Niedergang des Prinzen von **. Der ist ein deutscher Prinz, gut protestantisch, in der Thronfolge weit abgeschlagen, der zu Beginn der Handlung inkognito und bescheiden in Venedig einige Zeit verbringt. Dort wird er in Intrigen verstrickt, macht dubiose Bekanntschaften und Schulden und nähert sich dem Katholizismus an. Es gibt einige ungelöste Rätsel und geheimnisvolle Gestalten, allen voran der Armenier. Die explizite Auflösung fehlt, da der Roman unvollendet blieb, auch wenn es es von anderen Händen immer wieder Fortsetzungen gab (Wikipedia). Die meisten Interpreten folgen den Andeutungen im Text und gehen davon aus, dass ein katholischer Geheimbund mit vielerlei hochkomplizierten Ränken den Prinzen katholisch macht und gleichzeitig seinen Weg zum Thron vorbereitet. Aber nichts muss so sein, wie es scheint.

schiller_geisterseher

Folge 1: In Venedig scheint ein geheimnisvoller Mann den Prinzen und Graf O. zu verfolgen. Sie nennen ihn den Armenier. Er raunt ihnen orakelhafte Sprüche ins Ohr:

“Neun Uhr,” wiederholte die Maske nachdrücklich und langsam. Wünschen Sie sich Glück, Prinz (indem sie ihn bei seinem wahren Namen nannte.) Um neun Uhr ist er gestorben.”

Und verschwindet dann. Eine gute Weile später erhält der Prinz tatsächlich die Botschaft, dass just zu diesem Zeitpunkt einer seiner Cousins gestorben ist. Wie konnte der Armenier das wissen, und wie hatte er den Prinzen erkannt? – Als ein Venezianer Streit mit dem Prinzen anfängt und ihm mit gedungenen Mördern droht, sorgt der Armenier dafür, dass die Staatsinquisition Venedigs den Erzürnten kurzerhand hinrichtet. Und dann kommt der ausführlichste Streich des Kapitels: Das Heldengespann lernt den Sizilianer kennen, einen Geisterbeschwörer, den Geisterseher des Romantitels. Es kommt zu einer Séance, der Prinz und sein Begleiter staunen ohne jedes größere Misstrauen, als tatsächlich das ganze Arsenal aufgefahren wird: Donnergrollen, wirkungslose Pistolenkugeln, elektrische Entladungen, Rauchwolken, ein beschworener Geist, der mehr weiß, als eigentlich möglich ist. Dann ein überraschender letzter Satz, als der Russe dem Sizilianer Betrug vorwirft, worauf dieser zusammenbricht.

Folge 2:

Stellt sich heraus, der Russe ist der Armenier in Verkleidung, der dem Prinzen schon wieder zur Seite steht und ihm aus einer brenzligen Situation hilft (nämlich dem betrügerischen Sizilianer aufgesessen zu sein, der an den historischen Cagliogstro angelehnt ist). Der Sizilianer kommt ins Gefängnis, der Prinz besucht ihn mit dem Grafen und fragt ihn aus. Er und wir kriegen eine lange Binnenerzählung serviert, in der der Armenier – wiederum nur als Randfigur – als geheimnisvoller Drähtezieher auftaucht.
Der Prinz, plötzlich dynamisch und aufmerksam, erkennt einen geheimen Plan und klärt den naiven Grafen von O. auf: Das ganze sei ein Trick im Trick, die Geschichte des Sizilianers reine Erfindung, die Aufdeckung des Betrugs ein wesentlicher Teil eines umfassenderen Plans – mit dem Ziel, den Prinzen für irgendetwas vorzubereiten oder die Figur des Armeniers als wohlgesonnen und mächtig zu etablieren.

– Bis hierhin hätte das eine durchaus spannende Geschichte werden können. Der allgegenwärtige Armenier erinnert mich an den nicht minder geheimnisvollen Perser aus Gaston Leroux’ Das Phantom der Oper. Und ja, an der Erzähltechnik kann Schiller noch arbeiten. Auf die Binnennovelle des Sizilianers folgt des Prinzen Analyse des Gesprächs: 13 Seiten reiner Dialog, unterbrochen von sehr gelegentlichem “sagte der Prinz” und vier Zeilen vorausdeutendem Erzählerkommentar. So mag ich meine Epik nicht.

In dieser Folge ist der Prinz aktiv und überlegend kritisch und lässt sich nichts vormachen. Die Geschichte des Sizilianers entlarvt er als Täuschung, den Aufbau der größeren Täuschung des Armeniers erklärt er minutiös – aber eher wie Nero Wolfe vom Schreibtisch aus, ohne den Schauplatz der Tat noch einmal zu besuchen. Die Lupe Sherlock Holmes’ fehlt, aber der Graf gibt einen braven Watson ab:

“Das möchte schwer zu beweisen sein,” rief ich mit nicht geringer Verwunderung.
“Nicht so schwer, lieber Graf, als Sie wohl meinen.”

Und das hier klingt doch schon ein wenig nach Holmes’ Diktum (“Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, dann muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, wie unwahrscheinlich es auch ist”):

“In der Tat,” rief ich, “für so gut als unmöglich.” -
“Diese Redensart verstehe ich nicht. Widerspricht es allen gesetzen der Zeit, des Raums und der physischen Wirkungen, dass ein so gewandter Kopf, wie doch unwidersprechlich dieser Armenier ist, mit Hülfe seiner vielleicht ebenso gewandten Kreaturen […] in so weniger Zeit so viel zustande bringen könnte? […] Wollten Sie lieber ein Wunder glauben, als eine Unwahrscheinlichkeit zugeben?”

Folge 3:

In der vorhergehenden Folge war der Prinz aktiv, analytisch und aufdeckend, ab jetzt wird er zur Puppe, beliebig formbar. Er wird in eine mäßig geheime Verbindung eingeführt, lauter Atheisten und verderbte Freigeister. Dort herrscht “die zügelloseste Lizenz der Meinungen”, so der erzählende Graf – es gibt sehr viel telling und fast kein showing, also müssen wir mal sein Wort dafür nehmen. Der Prinz verliert “die reine, schöne Einfalt seines Charakters” (im vorherigen Teil zeigt er alles andere als das, nämlich ein souveränes Verständnis von Intrigen und Ränken), sein “durch so wenig gründliche Kenntnisse unterstützter Verstand” (von dem er eben noch so guten Gebrauch machen konnte) kann die gottlosen Argumente nicht widerlegen. Er entfernt sich von der guten protestantischen Kirche, macht immer mehr Schulden, lernt zweifelhafte Leute kennen. Dass das alles Teil eines Plans ist, wird angedeutet; wer alles darin verwickelt und Teil der Verschwörung ist, kann man nur raten. Der Armenier taucht nicht mehr auf.

Die Erzählweise wechselt jetzt zum Briefroman, der Graf von O. verlässt Venedig, lässt sich die weitere Handlung per Brief berichten. Das ändert nichts am vielen telling.

Folge 4:

Jetzt passiert wieder mal ein bisschen. Der Prinz beobachtet in einer leeren Kirche eine Frau, die ihn fasziniert, und sucht sie eine Weile, bis er sie findet. Das war’s dann aber auch.

Folge 4 1/2 (“Ein Fragment aus dem zweiten Bande des Geistersehers.”):

In der Buchfassung steht dieses Fragment an etwas anderes Stelle. Wir erfahren als kleine Binnenerzählung Andeutungen zur Hintergrundgeschichte einer Frau, die vielleicht die Frau aus der vorherigen Folge ist. Oder auch nicht. Was auch immer.

Schluss

Steht nur in der Buchausgabe, soweit ich weiß. Auf der vorletzten Seite wird Graf von O. nach drei Monaten Pause nach Venedig gerufen, wo alles drunter und drüber geht: Der Marchese im Sterben, der Kardinal sinnt auf Rache und dingt Mörder, Prinz unerkannt im Kloster, eine “sie” ist tot, wahrscheinlich vergiftet, der Prinz trauert um sie. (Ist die Frau diejenige aus dem vorherigen Teil? Was ist mit dem Marchese, wer ist der Kardinal? Wir wissen es nicht.) Auf der letzten Seite ist er angekommen, des Prinzen “Schulden sind bezahlt, der Kardinal versöhnt, der Marchese wieder hergestellt.” Und der Prinz ist bei der katholischen Messe – womöglich war alles nur ein Komplott, um den Prinzen genau dorthin zu kriegen.
Dieser Sprung in der Handlung gefällt mir ausgesprochen gut. Erst mal alles hinknallen, und danach kann man das immer noch erklären. Aber leider ist da das Buch zu Ende.

Nu, stilbildend isses: Im ersten Teil haben wir Held und Begleiter in der exotischen Großstadt wie später bei Karl May. Der zweite Teil hat einen analytischen Aufdecker, der seinem tumberen Begleiter die Zusammenhänge erklärt – wie bei Poe und Doyle. Dazu Briefroman und damit Herausgeberfiktion. Geheimnisvolle Geheimbünde kamen da erst langsam in Mode.

Stundenplan dieses Jahr, und was so herumliegt auf der Theke

Das mit den Doppelstunden… begrüße ich. An meiner Schule wird nämlich weitgehend in Doppelstunden unterrichtet. Das einstündige Informatik in der Unterstufe auch – als Epochenunterricht, also dann zwar in einer Doppelstunde, aber nur ein halbes Jahr lang. Das gefällt mir auch, ist aber anstrengend.

Ansonsten: Der Kollegin, der ich die Rondini aufgeschwätzt habe, schmecken sie. Das ist ganz hervorragend, weil Frau Rau und ich diese kanonenkugelrunden kleinen Kürbisse nicht ausstehen können, sie aber gelegentlich in unserer Kombinatsgemüsekiste vorfinden. Kam gleich noch ein Kollege dazu, der sie ganz, ganz fein findet. Fein, die kriegen sie jetzt immer.

Dafür habe ich von der anderen Kollegin jede Menge Quitten abgestaubt. Die esse ich gerne selber zum Nachtisch (in Alufolie in Ofen, 60 Minuten bei 200 Grad, mit Joghurt und Honig), aber vor allem will ich Gelee machen lassen – von meiner Mutter, der anderen Frau Rau, die sehr gutes Quittengelee macht. Das Selbermachen tät mich aber auch reizen.

Nüsse liegen auch auf der Theke im Lehrerzimmer, zum Verteilen. Da warte ich aber, bis ich die Haselnüsse der Verwandschaft aufgebraucht habe, und dazu wiederum brauche ich erst einmal einen geeigneten Nussknacker. Erster Rundblick: sind die aber teuer!

(Am Wochenende Staatsexamina entwerfen, morgen Wandertag, ab Donnerstag wieder Vorlesung. Meine Ausführungen zu Schillers Geisterseher müssen leider noch warten. Ich plane Sherlock Holmes und Karl May dabei zu erwähnen.)

Nachtrag: Ach ja, morgen dann Russisches Wandertagsroulette – bin als Springer eingeteilt.

Wer das letzte Wort hat, verliert

Als Teenager habe ich die meisten Musiker erst entdeckt, als sie schon lange nicht mehr in kleinen finnischen Clubs spielten, und gerade ihre besten kommerziellen Platten hinter sich hatten: zu spät. Und bei Diskussionen in Foren oder auf Blogsseiten kommt es mir manchmal vor, dass mein brillanter Kommentar im Zug einer gerade laufenden, hochspannenden Diskussion keinerlei Reaktion nach sich zieht. Danach gibt es nur noch Staubwolken.

Daraus habe ich unwillkürlich und – bis heute – insgeheim eine Regel abgeleitet: Wer das letzte Wort hat, verliert. Wer so dumm (oder so klug, das läuft manchmal auf das gleiche hinaus) daherschreibt, dass keiner darauf antworten will, der hat verloren.

So richtig gefällt mir das nicht, weil das quasi heißt, dass irgendwer immer der Verlier ist, und das soll ja nicht so sein. Außerdem muss man ja nicht immer Metaspiele spielen. Gab’s da nicht irgendein Auktions-Spiel, das dazu passt? Mir ist dunkel so.

(Zu einem ähnlichen Thema auch meine Gedanken zu dieser schönen Parabel lesen.)

Ignaz Ferdinand Arnold, Der Schwarze Jonas

arnold_der_schwarze_jonasDer Schwarze Jonas, Kapuziner, Räuber und Mordbrenner. Ein Blutgemälde aus der furchtbaren Genossenschaft des berüchtigten Schinderhannes. Aus einem Inquisitions-Protokoll gezogen ist ein – darf ich sagen berüchtigter? dabei wenig bekannter? – Räuberroman von 1805. Ich habe ihn in einer Ausgabe aus dem Jahr 2000 gelesen, print on demand, aber trotzdem ansprechend gemacht, leider mit einigen Tippfehlern, aber dafür in der Reihe “ExcentricClub” erschienen – das macht Vieles wett.

In dem dtv-Band Lieblingsbücher von dazumal. Eine Blütenlese aus den erfolgreichsten Büchern von 1750–1860 (Hrsg. Horst Kunze), den ich nie ganz gelesen habe, weil mich der Satzspiegel abschreckt, taucht Arnold nur kurz auf – in einer langen Aufzählung von Autoren, die es trotz ihrer damaligen Popularität aus verschiedenen Gründen leider nicht in die Sammlung geschafft haben. Neben Arnold habe ich dort auch Karl Immermann und dessen Münchhausen gefunden (Blogeintrag dazu), wo mir zum ersten Mal das Genre des deutschen Geisterromans begegnete, wenn auch als Parodie. Auch Schiller versuchte mit “Der Geisterseher” auf den Zug aufzuspringen, aber sein Herz war wohl nicht recht dabei.

Über den Autor

Arnold Ignaz Ernst Ferdinand Kajetan Theodor (Anzahl und Reihenfolge der Namen variieren) ist mir begegnet als Autor des Romans “Der Vampir”, des ersten deutschen Vampirromans, der leider nicht erhalten ist – wenn es denn nicht nur eine Messe-Ankündigung war, aus der dann doch gar nichts wurde. Er hat viel und universell geschrieben und wenig damit verdient (Bibliographie), hier eine ausgewählte Liste seiner reißerischen Titel, mit ein oder zwei harmlosen dazwischen, des schönen Kontrasts wegen.

  • Friedrike von Becheln, oder die vermeinte Fürstentochter. Etwas mehr als ein Roman.
  • Die Doppelte Ursulinernonne. Aus den Memoirs des Grafen R*** mit der aschgrauen Maske.
  • Das Bildniß mit den Blutflecken. Eine Geistergeschichte nach einer wahren Anekdote.
  • Gregor der Wunderthäter oder Hieronymus Knicker der Zweyte. Eine tolle Geschichte von Falk und Cramer.
  • Pinetti, Philadelphia und Enslin, oder die enthüllten Zauberkräfte. Eine Sammlung auserlesener leicht auszuführender magischer chemischer- und Karten-Kunststücke nebst den interessantesten Scherz- und Pfänderspielen zu Belustigung und Unterhaltung für frohe Gesellschaften.
  • Der Brautkuß auf dem Grabe, oder die Trauung um Mitternacht in der Kirche zu Mariengarten. Vom Verfasser der doppelten Ursulinernonne.
  • Der Vampir. 3 Bände, Schneeberg 1801 (nicht erhalten)
  • Theobul der Geisterkönig, oder das mohrische Grosmütterchen. Eine Zigeunergeschichte. Aus den Memoirs der Gräfin F***ina.
  • Schwester Monika, oder: Der Fürst als Jagdjunker. Eine moralische Erzählung aus dem Reiche der Wahrheit.
  • Zaubereien und Wunder nebst Geisterbeschwörungen und ihrer Erscheinung.
  • Mirakuloso, oder der Schreckensbund der Illuminaten. Ein fürstliches Familiengemählde aus dem Nachlaß eines Staatsverbrechers, und der rothen Maske auf dem Vischerad.
  • Die Nachtwandlerin oder die schrecklichen Bundesgenossen der Finsterniß. Aus den Memoires des Grafen F****, gegenwärtigen Staatsgefangenen zu S****n.
  • Der berühmte Räuberhauptmann Schinderhannes, Bueckler genannt. Ein wahrhaftes Gegenstück zum Rinaldo Rinaldini.
  • Nettchen von Neudietendorf, oder Unglück aus Schwärmerei.
  • Barbarina Cimarosa. Oder Freiheitsdrang und Gewissensqual. Ein Spiegel menschlicher Leidenschaften. Aus den hinterlassenen Memoirs des Herzogs von Arkos.
  • Euridane, die Tochter der Hölle. Eine Pfaffen- und Geistergeschichte (aus dem Nachlass des Grafen Portalegre).
  • Die Jungfrau von London oder geheime Geschichte von Hannover.
  • Malerische Wanderung am Arme meiner Karoline durch die Blumengefilde des Frühlings nach dem Thale der Liebe.
  • Die Meuchelmörderin nebst der Beichte ihrer Sünden. Aus den Papieren der Giftmischerin U****s (Geheimräthin Ursinus). Ein wahrer Roman, von ihr selbst geschrieben.
  • Der schwarze Jonas, Kapuziner, Räuber und Mordbrenner. Ein Blutgemälde aus der furchtbaren Genossenschaft des berüchtigten Schinderhannes. Aus seinem Inquisitionsprotokoll gezogen.
  • Die geheimen Bundesschwestern und der Mohrenprinz, Begründer einer genialischen Colonie in Afrika. Fragmente zu einem Sittengemälde aus der Brieftasche eines Reisenden.

Irgendwo gibt es sicher schon eine Liste von Schauer‑, Räuber‑, Geheimbund- und Geisterromanen des frühen 19. Jahrhunderts. Die hätte ich dann mal gerne. Das sind exakt die für Leihbibliotheken geschriebenen Romane, die Karl May so äußerst ineffektiv in seinen Lebenserinnerungen geißelt – siehe Ende dieses Blogeintrags.

Über das Buch und andere Bücher

Es gibt einen historischen Schwarzen Jonas, dessen Geschichte vorgeblich erzählt wird, ein Räuber und Mittäter des ebenso historischen Schinderhannes – trotzdem ist alles am Roman von vorn bis hinten erfunden.

Jonas verübt schon als Knabe Diebstähle und andere Verbrechen, bald kommt der erste gemeinsame Mord am Hehler der Diebesbande hinzu, dann der erste eigene Mord, weitere Straftaten. Episodenhaft berichtet er von seinen Erlebnissen, die Raub, Mord, Unzucht in und außerhalb des Klosters beeinhalten; am Schluss wird er endgültig gefangen und hingerichtet. Gewürzt ist das mit einem Arsenal herkömmlicher und weniger herkömmlicher Motive der Schauerliteratur: Schlösser, Ruinen, Räuberbanden, Geheimbünde, Mönche, Sex, Mord, Sexualmord, Kannibalismus.

Interessant ist dabei, welche Rolle – lange vor der Postmoderne, die ja eigentlich schon mit Don Quijote beginnt – die Literatur spielt. So richtig angeheizt wird das Verhalten der jugendlichen Kleinganoven, als sie sich in eine Aufführung von Schillers Räubern stehlen. “Aber ein neues Gefühl begann sich bei den Szenen der Räuber in uns zu regen. Alle Knabenfurcht veschwand. Heldensinn durchströmte uns”, was zu dem Entschluss führt, “ein ähnliches Komplott zu stiften, und [wir] schwuren uns mit den gräßlichsten Eiden ewige Liebe und Freundschaft zu. […] Wir brannten vor Begierde, nur bald einen Spitzbubenstreich auszuführen.” (Kapitel 2, S. 22f.) Wieder einmal sind es die Medien, die die Kinder ins Verderben reißen.

Auch später blitzt immer wieder die zeitgenössische Literatur durch. Bei unheimlichen Ereignissen weiß Jonas nicht, “was ich von dem sonderbaren Abenteuer denken sollte, das ich in eine Geistergeschichte, in Spießens, Tschinks oder sonst eines Modeschriftstellers Geschmack einzukleiden beschloß, sobald ich wieder daheim in meinen vier Pfählen war” (Kapitel 5, S. 66).

Als Mitglied in der Bande des berüchtigten Schinderhannes verübt Jonas mit den anderen Räubern Diebstähle in der Stadt. Ein Räuber kommt dabei auf die Idee, “als Guckkastenmann aufzutreten, und zu jedermänniglichem Erstaunen die Geschichte von dem verruchten und verfluchten Räuberhauptmann Schinderhannes dem schaulustigen Pöbel im echten Bänkelsängerton” vorzutragen – während die anderen Räuber, darunter der besungene Schinderhannes selber, die Zuschauer unbemerkt bestehlen (S. 112).

Auch ein bisschen Eigenwerbung zum Thema Schinderhannes darf sein:

Wen dieser merkwürdige Mann, dieser seltene wildlaunige Natursohn interessiert, den verweise ich auf seine Selbstbekenntnisse, die unter dem Titel: Schinderhannes, genannt Bückler, der Räuberhauptmann, ein Seitenstück zu Rinaldo Rinaldini, in zwei Bänden, von ihm selbst geschrieben, herausgekommen sind. (S. 118)

Die genannten zwei Bände sind natürlich ein früheres Werk von I. F. Arnold selber.

In einem Streich von Schinderhannes (S. 122f.) zeigen sich die literarischen Vorbilder. Schinderhannes begleitet mit Jonas, der aber nur aus erzählerischen Gründen dabei ist, unerkannt einen Baron und dessen Tochter. Das Gespräch kommt auf Räuber, und der unerkannte Schinderhannes will den beiden “spaßeshalber” erklären, wie dieser vorzugehen pflegt. Die folgende Szene wird als Dramenauszug dargestellt, einschließlich Regieanweisungen:

Baron: Er machts recht natürlich.
Baronesse: Wahrlich, Sie würden den Räuber Moor vortrefflich spielen.
Schinderhannes (mit viel Artigkeit): Meinen Sie?

– So furchtbar billig geschrieben ist das ganze gar nicht, man kann es vergnüglich und rasch lesen. Aber ich bin da auch recht resistent. Aber manchmal merkt man es doch. Jonas erschießt einen Bediensteten – “Er winselte in seinem Blute” – und ein paar Zeilen darunter dessen Herrn – “Er winselte am Boden in seinem Blute” (Kapitel 5, S. 98 – ein langes Kapitel bis zum Schluss, weil der Autor danach wohl vergessen hat, die Kapitelzählung weiterzuführen) – man müsste das Buch mal durchgehen, ob Erschossene bei Arnold grundsätzlich in ihrem Blute winseln.
Inhomogen und episodisch ist das ganze allerdings. Auf S. 73 hat mich das Ende einer ausführlichen Binnenerzählung überrascht, weil ich da schon vergessen hatte, dass der aktuelle Ich-Erzähler nicht der sonst ich-erzählende Jonas ist, sondern ein Spießgeselle. So richtig auseinander zu halten waren deren Abenteuer nicht. Als Jonas schon zum Ende des Buches hin Mitglied einer Räuberbande werden soll, erzeugt der Autor Spannung mit dessen Reaktion: “Ich trat schaudernd zurück.” (S. 104) Nach allem, was Jonas bis dahin schon verbrochen hat, darf es keinen Grund für irgendein Schaudern geben. Derjenige, der ihn einlädt, ist der dicke Willem, ein Schulkamerad, den Jonas erst nicht erkennt – und ich auch nicht. Keine Ahnung, ob der zuvor schon einmal aufgetaucht ist, eventuell als “Euer getreuer Klosterknecht”, was auch immer.

Verbrechen

Einige der Abenteuer des Schwarzen Jonas sind eher harmlos-pikaresk. Viele enden aber mit Mord, häufig durch Gift. Er schwängert Mütter und Töchter, Nonnen und Bürgerstöchter. Ziemlich am Anfang seiner Laufbahn steht ein Sexualmord.

Ich rastete an ihren Busen, und während sie ganz entzückt im sinnlichem Genusse, von Wollust betäubt, da lag, zog ich mein Messer, das ich in dieser Absicht zu mir gesteckt hatte, hervor, schlitzte ihr den Bauch auf und meuchelte sie. […] Ich warf mich auf sie, und stach mit meinem breitklinigen Messer in ihren Körper, wie ich dazu kam, ihre Brüste sowohl als ihren Unterleib zerfleischte ich schändlich. (Kapitel 3, S. 33)

Da muss man schon schlucken. Erst am Schluss gibt es wieder ähnliche explizite Taten der ganzen Räuberbande, Schinderhannes ausgenommen:

Selten blieb indessen auch das schönste Mädchen über drei Tag leben, wir machten die meisten in den ersten vierundzwanzig Stunden kaputt. […] Der Keller lag so voll Kadaver, daß sich Knochenberge in die Höhe schichteten.
Ich und meine Genossen waren so weit von den Grenzen der Natur zurückgetreten, daß wir das Fleisch unserer Ermordeten, wenn es gesunde junge Leute waren, fraßen. […] Unter allen Teilen des menschlichen Körpers schmeckt sein Fleisch nirgends delikater als das zwischen der Hand, der Ballen, und was man aus den fortgesetzten Fingerknochen bis zur Wurzel schabt. (S. 120)

Und noch mehr davon.

Aufklärung und Zensur

Eine der “Zehn Thesen zu Produktion, Rezeption und Erforschung des Schauerromans um 1800”, die Dirk Sangmeister in: Barry Murnane/Andrew Cusack (Hrsg.), Populäre Erscheinungen. Der deutsche Schauerroman um 1800. München: Wilhelm Fink 2011 aufstellt, lautet: Die Schauerromane dieser Zeit verstoßen zwar gegen innerliterarische Regeln, was “Dezenz, Ästhetik und zeitgenössische Romantheorie” betrifft, verstoßen aber nur selten gegen außerliterarische Regeln der Zensur. Sie würden von vornherein zensurkonform geschrieben (weil sie sonst nicht in Leihbibliotheken aufgenommen werden würden). Also Sex und Gewalt, ja, aber keine Kritik am Staat.

Eine interessante These, die erstmal glaubwürdig klingt. Aber ich kenne mich da nicht aus. Eine Passage in Der Schwarze Jonas hat bei mir zu kognitiver Dissonanz geführt. Jonas ist als wandernder Kapuzinermönch verkleidet und Teil einer zechenden Gesellschaft von Beamten und Soldaten. Ein Rittmeister spottet ganz besonders über die Mönche. “Alle Gründe, die jemals von den Aufklärern gegen den Mönchsstand vorgebracht wurden, erschöpfte er und machte sie durch seine militärische Kraftsprache noch weit auffallender und beleidigender” (S. 76) Das ganze krönt er mit einer ganzen Seite von Spottversen auf Priester und Mönche:

Vor allem sei dein Tor den Priestern stets verschlossen,
Den Kutten jeder Art, und Ordensmitgenossen.
Von weitem fliehe sie; die Welt hat keine Seuche,
Deren Verheerungshauch dem Priesterorden gleiche

Damit hat die Zensur wohl kein Problem. Im Zug von Napoleons Säkularisation haben Klöster keinen guten Ruf, verderbte Mönche sind ein Standardtopos der Schauerliteratur. Das Kloster im Schwarzen Jonas ist verderbter, als Umberto Ecos Abtei es je war (S. 88f.). Weil Jonas ja doch die Hauptperson der Geschichte ist, ist der Leser mit ihm gegen den Soldaten eingestellt, auch wenn Jonas nur ein verkleideter und tatsächlich schurkenhafter Kapuziner ist. Jedenfalls hebt Jonas zu einer Gegenrede an, einer “Deklamation gegen die Soldaten”, angeblich nur als Scherz. Sehr ausführlich (S. 78–82 in meiner Ausgabe):

Narren seien die Soldaten, weil sie im Frieden faulenzen und im Krieg töten, ohne beleidigt worden zu sein, plündern und rauben, ohne Strafe zu fürchten. Auch vor der Religion können sie nicht bestehen. (“Welches Gebot übertritt nicht dieser Stand und rühmt sich dessen noch?”) “[D]arauf angewiesen, ohne alles Selbsturteil über Recht und Unrecht zu tun, was ihm ein anderer gewöhnlich in Teufelsnamen hieß, ist er nicht als ein Mitglied des Staates zu betrachten, sondern ein bloßes Werkzeug.” Dabei sei der Soldatenstand den Zielen des Staates sogar hinderlich:

Der Staat hat die Pflicht, die wahre Bestimmung der Menschen nicht zu hindern. Ausbildung seiner Kräfte und beständiges Streben, frömmer, weise und gerechter zu werden, ist die Bestimmung des Menschen. Wie kann er diese Bestimmung erreichen? Wie kann der Staat seine Pflicht erfüllen, wenn eine Menschenklasse den Herrn in ihm spielt, und die anderen Bürger unterdrückt; eine Menschenklasse, die keine Ausbildung als gewisse mechanische erhält, die blindlings dem Willen Einiger oder eines Einzigen folgen muß und daher nicht weise werden darf, weil es nicht ohne Selbstprüfung möglich ist, und die ihr ganzes Gefühl für Recht und Unrecht unterdrücken muß, weil sie die Menschheit ausziehen und sich zum Mordinstrument eines andern muß: Kann so der Staat, kann auf diese Weise der Mensch seine Bestimmung erreichen?

Also ich als Zensor hätte da eingegriffen.

Als Nächstes lese ich dann wohl mal Schillers “Geisterseher”.

Variationen auf Walter Moers

Eine Fingerübung für Zwischendurch. Ich glaube ja, dass man auffällige Sprache dann besser analysieren kann, wenn man Beispiele dafür auch mal geschrieben hat. Hier sind Variationen auf Walter Moers’ Märchenroman Der Schrecksenmeister (der seinerseits eine Variation auf “Spiegel, das Kätzchen” von Gottfried Keller ist). Das Original beginnt mit einer Schilderung vom “krankesten Ort in ganz Zamonien”, hier Schülerprodukte aus der Oberstufe, kleinere Rechtschreibfehler verbessert:

Stellt euch den sportlichsten Ort von ganz Zamonien vor! Eine kleine Stadt mit Laufbahnen als Straße und Hochsprunganlagen auf den Dächern, über der ein sportliches Schloss mit mutigen Athleten thronte. In der es die verrücktesten Sportarten und waghalsigsten Wettkämpfe gab: Wasserlaufen, Granatenbillard, Messeressen, Alligatorschleudern, Dächerdreisprung, Lavaschwimmen, Hammerfangen, Extremcouching, Tsunamisurfen und Phantomjonglieren.
Stellt euch eine Stadt vor, in der es mehr Fitnessstudios und Orthopäden, Sportfachgeschäfte und Hantelstangen, Muskelberge und Knochenbrüche gab als sonst wo auf dem Kontinent! In der man sich mit einem Salto begrüßte und mit Liegestützen verabschiedete. In der es nach Schweiß und Mut roch, nach Ehrgeiz und Eiweißshakes, nach Sieg und Niederlage.

Stellt euch den sportlichsten Ort von ganz Zamonien vor! Eine große Stadt mit breiten Straßen und hohen Häusern, über der ein riesiges Stadion auf einem grünen Hügel thronte. In der es die seltsamsten Sportarten und kuriosesten Sportgeräte gab: Diskusfangen, Stabtiefsprung, Bungee-Falling, Karateschach, Fingeryoga und Rollstuhlmarathons. Schwerathletik, die nur Personen über 200 kg betrieben. Wettschlafen, das jeden Montag um 20 Uhr begann und [bei dem] derjenige gewann, der am längsten schlief.

Stellt euch den sportlichsten Ort von ganz Zamonien vor! Ein riesiger sechseckiger Sportplatz mit Zickzacklaufbahnen, unendlich langen Wettwurfreihen und hohen Kanistern fürs Sandzählen. Ein großer Vorrat an aufgesammelten Leuten fürs Menschenstapeln fehlt natürlich auch nicht. Für eine kurze Auszeit kann man sich zu der Wasserwiese fürs Zehenyoga oder die Haargymnastik begeben. Für die Fitten unter uns ist Tischschwimmen und Fingerturnen der perfekte Ausdauersport. Nicht verpassen darf man das tägliche Barrenhandballspiel, doch auch für die Herren ist der Schminkweitwurf der perfekte Sport für Zwischendurch.

Stellt euch den leckersten Ort von ganz Zamonien vor! Eine kleine Stadt mit Lakritz-Straßen und Lebkuchenhäusern. In der es die besten und einzigartigsten Gerichte gab: Gummibrot, Schokoladenchips und Speckjoghurt. Honig-Cola, die nur Personen verkleidet als Bienen herstellen.
Stellt euch eine Stadt vor, in der es mehr Supermärkte, Süßigkeitenläden und Gummibären gab als sonst wo auf dem Kontinent! In der man sich mit “Hunger?” begrüßte und mit “Guten Appetit!” verabschiedte. In der sich süß und salzig, sauer und bitter vermischten.

Erstaunlich, wie viele erfundene Wörter gar keine sind (Schwerathletik, Rollstuhlmarathon) und wie viele scheinbare Neologismen schon längst durch diverse Industrien belegt sind: Haargymnastik, Finger-Yoga, Fingerturnen. Was kommt als Nächstes, E‑Sports?

(Davor hatten die Schülerinnen und Schüler einzeln Krankheits-Neologismen erstellt, wie sie bei Moers’ Original verwendet werden. “Herzrosten” ist mein Favorit.)

Nachtrag:

Stellt euch den leckersten Ort von ganz Zamonien vor! Eine kleine Stadt mit Zuckergussstraßen und Lebkuchenhäusern, über der ein cremiges Lakritzeschloss auf einem Gummibärchenberg thronte. In der es die deliziösesten Speisen und kulinarischsten Spezialitäten gab: Schokoladenspeck und Gänsekuchen, Erdbeerbraten und Leberlikör, Eierpralinen und Kalbfleischkonfitüre.
Eine Zwergensuppe, die für Personen unter einem Meter Körperumfang gedacht war. Stellt euch eine Stadt vor, in der es mehr Supermärkte und Marmeladenrestaurants, Spargelstecher und Kartoffelmetzger, Gummibärchenzüchter und Pralinenmaler gab als sonst wo auf dem Kontinent! In der man sich mit “Guten Appetit!” begrüßte und mit “Gute Verdauung!” verabschiedete. In der es nach süß und salzig roch, nach sauer und bitter, nach scharf und mild.

Bilingualer Sachfachunterricht Informatik

Bis Weihnachten unterrichte ich das Fach Informatik in meiner aktuellen 10. Klasse auf Englisch. Das Konzept dahinter heißt “Bilingualer Sachfachunterricht” und klingt nur ein bisschen nach Lachundsachgeschichten, wird aber tatsächlich vom bayerischen Kultusmi­nisterium wie auch von der Kultusministerkonferenz gefördert.
Vom ISB (dem pädagogischen Arm – oder Fuß, oder welcher Körperteil auch immer, da gibt es verschiedene Ansichten – des Kultusministeriums) gibt es eine eigene Webseite dazu: http://www.bayern-bilingual.de/, und hier gibt es 140 Seiten von der KMK (pdf).

Auf Englisch heißt das “Content and language integrated learning” (CLIL), keine geringere Mundvoll. Der Gedanke dahinter: Die Inhalte des Sachfachs stehen im Vordergrund, also Informatik. Nebenbei wird auch noch das Englisch der Schüler und Schülerinnen verbessert, vor allem bei Hörverstehen, Sprechfertigkeit und Wortschatz, so heißt es. Und außerdem, so die Theorie, lernen die Schülerinnen und Schüler die fachlichen Inhalte besser – weil sie besser aufpassen oder weil ich als Lehrkraft mir mehr Mühe geben muss.
Im bilingualen Sachfachunterricht gibt wird das Englisch der Schülerinnen und Schüler natürlich benotet, die deutschen Fachbegriffe werden ebenfalls gelernt, und Prüfungen sind wahlweise auf Deutsch oder Englisch. Eine Schule kann einen ganzen bilingualen Zug einrichten, eine Jahrgangsstufe, ein Fach, auch nur für drei Monate, oder eine einzelne fremdsprachliche Stunde pro Woche in einem Sachfach vorsehen, da gibt es die verschiedensten Modelle.

Darf man das so einfach? In Bayern ja. Dazu muss die Lehrkraft letztlich auch die Fremdsprache unterrichten dürfen. Meistens wird CLIL also in Kombination mit Geschichte und Geographie angeboten, weil diese Lehrer gerne auch mal Englischlehrer sind. (Gelegentlich gibt es das auch in Französisch.) Die Kombination mit Informatik ist seltener, weil das ein junges Fach ist und es nicht so viele Informatik-Englisch-Lehrkräfte gibt, auch wenn Englisch tatsächlich eines der wenigen Fächer ist, das man mit Informatk zusammen studieren kann.

Ich glaube, Informatik eignet sich ganz besonders dafür. Erstens arbeiten wir in der 10. Jahrgangsstufe ohnehin kaum mit dem Buch, aus, uh, verschiedenen Gründen. Zweitens ist viel Fachsprache ohnehin Englisch, angefangen von den Kontrollstrukturen der Programmiersprachen. Drittens, aber das darf man sicher nicht laut sagen, ist Informatik kein Fach, bei dem sich Eltern oder Schüler große Sorgen machen müssen, ob man deswegen nicht vorrücken darf. Bei Mathematik hätte man da vielleicht mehr Bedenken, auch weil das in Bayern jeder bis einschließlich Abitur belegen muss. Viertens ist Informatik ein Fach, bei dem Schüler vielleicht aktiver sind als in anderen Fächern; der Unterricht ist schon mal inhaltlich eher handlungsorientiert. Das Fach besteht viel aus Tun und weniger aus Reden. Damit zusammen hängt Punkt viereinhalb, der mir erst im Lauf der ersten Stunden aufgefallen ist: In Informatik – jedenfalls ab der Mittelstufe – wollen Schüler tatsächlich etwas vom Lehrer wissen. Zugegeben, das ist oft nur: “Warum funktioniert das nicht?” oder “Wie kann ich das machen?” Das gilt jedenfalls für alles, was mit Programmierung zu tun hat. Im Deutschunterricht fagen Schüler nie “Warum ist mein Satz grammatisch falsch?”, weil sie das nicht erkennen können. Beim Programmieren kriegen sie nach jeder Zeile Feedback, ob der Programm-Satz korrekt war oder nicht.
Und ichg laube, das Sprachenlernen und ‑verwenden fällt leichter, wenn es einen echten Redeanlass gibt. Im Deutsch- udn Englischunterricht versucht man natürlich diese Anlässe zu schaffen. Aber so richtig natürlich sind sie nicht immer.

Ich bin jedenfalls gespannt, wie das weitergeht. Die Klasse kenne ich schon vom Deutschunterricht vor zwei Jahren, und ein Muttersprachler-Gastschüler ist auch dabei. Bei den Schülerinnen und Schülern wirkt das Verwenden der englischen Sprache ganz natürlich, sind sie ja eh gewohnt, aber mehr weiß ich erst nach Weihnachten, da will ich das evaluiert haben.

(Freue mich über Hinweise zur CLIL-Forschung, da sichte ich gerade.)