In fremden Klassen wildern

Ich habe zur Zeit und recht kurzfristig eine zusätzliche Klasse übernommen, weil ich jemanden eine Weile vertrete, wie das halt so gelegentlich vorkommt. Läuft ganz gut. Aber zum ersten Mal habe ich meinen Unterricht in einer neuen Klasse nicht begonnen mit gegenseitigem Kennenlernen oder Sitzplanerstellen, gefolgt von einer leichten Textarbeit oder Grundwissenswiederholung, sondern knallhart mit Begrüßung, Ankündigung des Plans für die nächsten Wochen, und sofort Schulaufgabenvorbereitung. (Schulaufgabe: Größere schriftliche angekündigte Arbeit.)

Den Plan für die nächsten Wochen habe ich hoffentlich subtil understated dramatisiert. Also, wir müssen uns jetzt schon anstrengen, das zu schaffen, aber wir schaffen das schon. Ernste Lage, keinesfalls hoffnungslos. Ich habe mich bemüht, dass die Schüler sehen, dass ich mir nicht anmerken lasse, wie brenzlig die Situation ist. Und der Rest meiner Stunden bisher ist tatsächlich Schulaufgabenvorbereitung, und gleichzeitig auch viel Beschäftigungstherapie und Beruhigung und Schauspielen. Vermutlich ginge das alles auch anders, aber ich kann einfach nicht anders.

Im Referendariat hat uns ja schon der Deutsch-Seminarlehrer gesagt, dass man als Lehrer (und Lehrerin, aber da etwas anders) auch mal schimpfen und böse sein muss, oder zumindest so tun können soll. Vertretungsstunden, so sein Rat, seien der ideale Punkte, um das Strengsein zu üben und mal eine ganz andere Rollengestaltung auszuprobieren. Hat er recht damit.

11 Antworten auf „In fremden Klassen wildern“

  1. Auch ein guter Rat, das mit dem Üben in Vertretungsstunden. Merk ich mir.

    Aber das, was du machst, finde ich manchmal umgekehrt erschreckend. Ich habe auch so manche Klasse übernommen, kurzfristig, um dann schnell die Schulaufgabe vorzubereiten – und ich war immer überrascht, wie schnell man so eine Schulaufgabe vorbereiten kann. Und ich musste mich fragen: Was machst du eigentlich in der üblichen Zeit, wenn du keinen Zeitdruck hast?

  2. >Und ich musste mich fragen: Was machst du eigentlich in der üblichen Zeit, wenn du keinen Zeitdruck hast?

    Das frage ich mich bei mir auch gerade, ehrlich gesagt. Möglicherweise lässt die Schule den Schülerinnen und Schülern einfach die Zeit zur Reife, die sie brauchen. Oder sie sorgt einfach nur dafür, dass sie weg sind von der Straße. Ich sehe das nach Stimmung mal so, mal so…

  3. Bei “Reifenlassen” denke ich ja immer an so dicke Fässer, die so rumliegen und müffeln. Aber ich glaube, das ist keine passende Analogie.

  4. “Und ich musste mich fragen: Was machst du eigentlich in der üblichen Zeit, wenn du keinen Zeitdruck hast?”
    Da finden Beratung statt, Erziehung, wichtige Gespräche, an die sich Schüler noch lange erinnern, Wiederholungen, Stoff, der jetzt nicht unbedingt zur Schulaufgabenvorbereitung gehört, aber der bildet .…

  5. Hihi, für nen kurzen Moment (nach dem lesen des ersten Abschnitts) hatte ich so ein bisschen den allseits beliebten Gunnery Sergeant Hartman vor dem geistigen Auge.
    Ist natürlich als Lehrer nicht drin. Aber ein bisschen Schauspielerei gehört ja schon dazu, das ist klar.

    Ich stelle mir das schwer vor, eine Klasse deren Eigenheiten man nicht kennt effizient zu unterrichten. Wäre nichts für mich (gut dass ich nicht Lehrer geworden bin, Hut ab vor allen, denen so etwas leichtfällt!). Und ich erinnere mich auch mit Schrecken an so manche Vertretungsstunde früher in der Schule…

  6. > Stoff, der jetzt nicht unbedingt zur Schulaufgabenvorbereitung gehört, aber der bildet …
    Mitunter wird so viel Aufhebens von der Schulaufgabenvorbereitung gemacht (mehr als nötig oder sinnvoll), dass das zu kurz kommt.

    >Ich stelle mir das schwer vor, eine Klasse deren Eigenheiten man nicht kennt effizient zu unterrichten.
    Ich mir auch, und bin so überraschter, dass das dann doch ganz gut geht, zumindest mit meiner Erfahrung. Und über Geschwister und so kennen mich ein paar ja schon. Sitzplan habe ich immer noch nicht, aber ich kenne einige schon ganz gut. Morgen sammle ich die ersten Übungsaufsätze ein.

  7. Wenn ich an meine Schulzeit zurück denke, fallen mir nur eine handvoll Stunden ein, an die ich mich aus Unter- und Mittelstufe erinnern kann. Aber irgendwie muss ich doch Englisch, Franzōsisch und Mathe gelernt haben. Es ist mir bis heute ein Rätsel.

  8. Fallen dir denn aus den Unterstufe mehr ein? Ich habe so oder so nicht viel Erinnerungen an konkrete Stunden, aber von da am wenigsten. Grundschule ebenso.

  9. Eine Frage, die ich gern Praktikanten und Referendaren stelle, die neu an die Schule kommen und die ich betreute und betreue: “An welche Stunde erinnern Sie sich noch aus ihrer eigenen Schulzeit?” Irgendwo hatte ich die mal aufgeschnappt und finde sie bis heute klasse.
    In der Regel erinnert man sich nicht an didkatische Wunderstunden, an spezielle Inhalte oder Ähnlichem, sondern wenn nur an bestimmte Lehrer, in der Regel die, die man mochte. Die wegen denen man selbst Lehrer geworden ist.
    Was “lernt” uns das?
    Demut wohl und hoffentlich Gelassenheit – angesichts von über 500 Stunden Unterricht, die ich halte in einem Jahr und wohl auch noch vobereite unter Verlust von Privatleben oder Schlaf, muss ich mir bewusst sein, dass vielleicht eine in Erinnerung bleibt.
    Und andrerseits die Erkenntnis, dass bei aller didaktischer Spielerei wohl eher der “Charakter” des Lehrers stark erinnert wird und wohl auch die Einstellungen, die er vermittelt, wobei Letzteres in der Regel unbewusst und unreflektiert geschieht, auf beiden Seiten.
    PS: Und ja, natürlich bleibt auch Wissen hängen, Bildung auch. Aber Wissen wohl viel weniger, als man glaubt und hofft.

  10. Ja, Biologiestunden halt. Wir hatten einen achzigjãhrigen Biolehrer, den man zu Zeiten des Mangel reaktiviert hatte. Der war so klasse, dass ich ihn heute noch geistig abrufen kann. Er brachte alles mit, einen Igel, Knochen vom Schlachthof, Innereien. Und wir haben viele Zeichnungen bekommen, die wir ausgemalt haben. Er organisierte Vogelkundler, die Vorträge bei uns hielten und er brachte Blumen mit. Als wir den Fuß besprochen haben, krempelte er die Hose hoch und stellte sich auf den Tisch. Dann zeigte er uns Muskeln und Sehnen an seinem Bein. Das hat mir alles viel Spaß gemacht
    Und als wir in Deutsch von Wilhelm Hauff “Das kalte Herz” gelesen haben. Ich weiß noch genau, wie meine Zeichnung Kohlenmunk Peter ausgesehen hat.

  11. Ich hatte schon mal gesammelt, an was ich mich noch aus meiner Schulzeit erinnere:
    https://www.herr-rau.de/wordpress/2009/05/an-was-ich-mich-noch-aus-meiner-schulzeit-erinnere.htm

    Aus der Unterstufe ist da nicht viel mehr da, aus der Mittelstufe ein paar mehr Geschichten, am meisten aus der Oberstufe. Am meisten habe ich mir gemerkt, wenn die Lehrerin oder der Lehrer etwas gesagt hat, das mich interessiert hat – weil es neu war, mich irritierte, mein Weltbild erweiterte, etwas zum Andocken fand. Geschichte, Geographie: So gut wie nichts. Sonst mehr. Daneben Sportunterrichtserinnerungen.

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