Gedanken bei der Aufsicht zum Deutsch-Abitur Bayern 2016

Heute begann das Deutsch-Abitur in Bayern, ich weiß nicht mein wievieltes. Bei den ersten war ich noch nervös, aber seit etlichen Jahren ist das Routine geworden. Unterricht, der ist immer noch aufregend, und eigene Klausuren auch ein bisschen, aber das Abitur sieht mich äußerst gelassen – auch weil ich weiß, dass die Schülerinnen und Schülern gut vorbereitet sein müssten. Die Prüfung ist jetzt nicht mehr meine Aufgabe. Klar korrigiere ich noch und mache vor allem Aufsicht.

Abituraufsicht: Das habe ich heute zwei Stunden lang im Klassenzimmer gemacht, ganz ohne Fremdbeschäftigung. Im Eck hing ein Poster mit den zwölf olympischen Göttern. Die Namen konnte ich auch mit Brille nicht lesen, nur die Länge der jeweils griechischen und römischen Bezeichnungen schätzen. Über den Namen waren Statuen abgebildet, an denen konnte ich mich orientieren. Immerhin weiß ich, dass Hades nicht dazu gehört und die übrige Besetzung ein wenig schwanken kann. (Dionysos? Hestia?) Das hat mich eine Weile beschäftigt.

Über meine schriftlichen Prüfungen schreibe ich übrigens immer “1. Schulaufgabe aus dem Deutschen” oder “2. Klausur aus der Informatik”. So habe ich das als Schüler kennengelernt. Nach dem Referendariat dachte ich irgendwann, modern sein zu wollen, und wählte “3. Stegreifaufgabe (Englisch)” – aber seit einiger Zeit bin ich wieder zu der schönen altmodischen Formulierung zurück. Man braucht doch auch Traditionen.

Ich bin jetzt übrigens seit über 20 Jahren Lehrer, wenn man das Referendariat mitrechnet. Im Jahr 2000 war die Angabe zum Deutsch-Abitur noch 7 Seiten lang (im Leistungskurs), bei 6 Themen. Inzwischen sind es 5 Themen und 24 Seiten. Nu.

Danach habe ich noch einmal zwei Stunden Aufsicht gemacht, diesmal auf dem Gang. Da darf man sich auch nicht fremdbeschäftigen. Also wacht man mit dem Kollegen über die Toiletten, da nur immer ein Schüler beziehungsweise eine Schülerin gleichzeitig hinein darf. Auf dem Tisch improvisiert man sinnige Marker (siehe Informatik, “Semaphore”), um sich merken zu können, welche Toilette gerade besetzt ist. Und spekuliert, wer sich wohl die Hände gewaschen hat und wer nicht.

Ansonsten bin ich gerade Strohwitwer (Frau Rau ist auf der re:publica) und mache mir ein Vergnügen daraus, die Lebensmittel aus Kühlschrank und Kartoffelkiste effizient zu Gerichten zu kombinieren. Asia-Gemüse und Kohlrabigrün aus der Pfanne, mit Chorizo.

10 Antworten auf „Gedanken bei der Aufsicht zum Deutsch-Abitur Bayern 2016“

  1. Lustig, saß heute auch zwei (allerdings nur Schul-)Stunden in Abi-Aufsicht Deutsch. Eine in der Turnhalle mit Blick auf die Schülerinnen und Schüler. Wenn du alle siehst, beginnst du zu vergleichen. Gestik, Mimik, Schreib- und Essverhalten – wäre mal spannend, da eine Typologie…
    War seit längerer Zeit mein erster eigener Kurs, da fand ich die Themen schon spannend. Gedicht – hmm. Erzähltext und Drama – gut machbar. Nr. IV schau ich mir nicht mehr an: Nimmt ohnehin keiner. Erörterung mit sehr viel Material. Naja.
    Jedenfalls immer ein Erlebnis, so ein Abi.

  2. “Im Jahr 2000 war die Angabe zum Deutsch-Abitur noch 7 Seiten lang (im Leistungskurs), bei 6 Themen. Inzwischen sind es 5 Themen und 24 Seiten.”
    Im Jahr 1969 bekam man/frau 3 ‑Themen, ohne irgendwelche Zusatztexte/-kommentare.

  3. >Wenn du alle siehst, beginnst du zu vergleichen

    Ich hatte nur immer so etwa zwanzig auf einmal, habe aber immerhin das Schuhwerk verglichen. (Alles Sneaker.) Und ja, die Essensberglein.

  4. Wie lange hat man denn 1969 und früher im LK geschrieben? In 315 Minuten kann einen dann doch schon ein Hungerast ereilen. Ich fand die von Mutti liebevoll zurechtgemachten Essensberglein auch putzig.

  5. > Nach dem Referendariat dachte ich irgendwann, modern sein zu wollen, und wählte „3. Stegreifaufgabe (Englisch)“

    Inzwischen wäre das “3. KLN Englisch” ;-)

  6. Ich fand das immer befremdlich dass es erwachsene Leute nicht ein paar Stunden aushalten konzentriert zu arbeiten ohne zu essen. Hatte auch dementsprechend nie was vor mir außer einer Uhr, Stiften, und den erlaubten Hilfsmitteln.
    Mein Sitznachbar hatte vier belegte Brote, eine Riesenpackung Dextro-sonstwas und noch Gemüse dabei. Hat aber nicht viel geholfen, gab trotzdem nur acht Punkte oder so.

    Englisch und Deutsch (E als LK, D als GK) fand ich im übrigen recht angenehm, so als Abiklausur. Endlich mal genug Zeit um alles in Ruhe zu machen. :)

  7. Wobei: Das Deutsch-Abi dauert inzwischen 315 Minuten. Wenn man sonst immer zwei Pausen am Vormittag gewöhnt ist, dann kann ich mir schon vorstellen, dass man Hunger kriegt.

  8. Ist doch eigentlich ziemlich schülerfreundlich, so viel Auswahl zu haben – da beneide ich ja meine Mitabiturienten aus Bayern glatt ein bisschen. Bei uns in Hessen kann man nur aus drei Vorschlägen wählen – ich stelle mich Deutsch aber sowieso mündlich, das geht bei uns nämlich auch.
    Haben Sie die Diskussion über die angeblich unklaren Aufgabenstellungen im schriftlichen Abitur ( http://m.faz.net/aktuell/rhein-main/unklares-deutsch-abitur-in-hessen-macht-probleme-14188220.html ) mitbekommen? Als Abiturientin finde ich die gar nicht so unklar…
    Zu dem Thema “Essen im Abitur” – ich habe bei meinen Prüfungen fast durchgängig beim Schreiben gegessen. Ständige Versorgung mit Zucker :D Hat scheinbar auch geholfen. Ich denke, das ist eine Typsache.

  9. Nein, habe ich nicht mitbekommen, danke sehr. Interessiert mich imme. (Hier in England gerade so ähnlich in Biologie.) Das mit Deutsch in Hessen sieht mir zum Teil nach grundsätzlichen Ressentiments gegen das Zentralabitur aus, zum Teil klingen die Aufgaben unnötig umständlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.