Fachsitzung Deutsch: KMS Aufsatz 2016

Ein KMS ist ein kultusministerielles Schreiben, mit verbindlichen Anweisungen aus dem Kultusministerium. So etwas kommt ab und zu, und dann muss man sich daran halten. Daneben gibt es noch den Kontaktbrief aus dem ISB, einer dem Kultusministerium nachgeordneten Behörde, die für dieses die tatsächlichen pädagogischen Aufgaben erfüllt, und den KontaktbriefPlus, weil nicht alles in einen einzigen Kontaktbrief passt. Das ist inhaltlich meist sinnvoller, enthält aber nur Anregungen und Informationen und keine Anweisungen. Die Inhalte all dieser Schreiben werden auf Fachsitzungen an den Schulen besprochen.

Vor allem das KMS vom letzten Juli sorgt dabei für Trubel bei Deutschlehrern, es geht darin ums Aufsatzschreiben. Manche Formulierungen darin sind leider etwas unklar, aber es scheint so zu sein, dass die Gliederung nicht mehr Bestandteil von Schulaufgaben ist. Also: Gliederungen wird es weiter geben, und sie sind auch eminent wichtig und müssen gelernt werden – aber in Schulaufgaben verlangen darf man sie nicht mehr. Mal sehen, ob die Schülerinnen und Schüler dann in Zukunft noch mehr als eine Skizze vor der Schulaufgabe anfertigen. Den guten reicht das sicher, den schwachen – mal sehen. Ich glaube allerdings tatsächlich, anders als manche geschätzten Kollegen, dass die Gliederungen in der praktizierten Form mehr Ressourcen gebunden haben als sinnvoll.

Die Nutzung von Textverarbeitungsprogrammen bei der Abfassung schriftlicher Übungen und Aufgaben außerhalb von Leistungsnachweisen wird je nach den schulischen Gegebenheiten empfohlen.

Vermutlich heißt das, dass man keine Leistungsnachweise am Computer schreiben soll, aber ob das jetzt ein Verbot sein soll oder nicht, das wird nicht klar. Ich kenne diese unklaren Formulierungen auch aus Schulordnungen und Hausordnungen.

— Dass die Schüler und Schülerinnen lernen sollen, ihre Texte zu überarbeiten, ist nichts Neues. Ich halte das auch für wichtig, und das geschieht zu wenig. Aber es lässt sich auch schlecht machen auf Papier; kaum ein erwachsener Mensch schreibt so noch gute Texte. Dass diese Papiertümelei jetzt aber zur eigenen, lernenswerten Fertigkeit stilisiert wird, finde ich etwas albern:

Kriterien und Verfahren des Überarbeitens werden bei jedem Schreibprozess altersgerecht vermittelt. Insbesondere lernen die Schülerinnen und Schüler das saubere Durchstreichen älterer Textversionen und die unmissverständliche Zuordnung überarbeiteter, ergänzter oder umgestellter Textteile – etwa durch das Nutzen von Leerzeilen oder geeigneten Verweissystemen.

Ich seh mich schon ein Übungsarbeitsblatt entwerfen, wo die Schülerinnen lernen, Wörter einzubauen oder Absätze einzufügen und Sätze umzubauen.

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11 Thoughts to “Fachsitzung Deutsch: KMS Aufsatz 2016

  1. Den Verfassern dieser dienstlichen Episteln ist aber schon klar, dass jedes ihrer Worte auf der Goldwaage tausender einschlägig akademisch qualifizierter Experten landet. Eine Formulierung, die computergestütztes Arbeiten außerhalb von Leistungsnachweisen empfiehlt, impliziert mindestens, dass dies bei Leistungsnachweisen nicht empfohlen wird und kann je nach Bezug auch als Ausschluss verstanden werden. In einem Konfliktfall würde ich keinen blutigen Euro auf den Kollegen setzen, der dennoch Prüfungen am Computer schreibt, entgegen der impliziten „Empfehlung“ dies nicht zu tun, schon allein deswegen, weil man sich im Zweifelsfall ja immer darauf berufen kann, man habe gerade derartig gelagerte Problemfälle im Sinn gehabt…

  2. Mit Bezug aufs Studium ist die Papiertümelei sicher nicht ganz unsinnig. Dort ist eine nicht unwesentliche Zahl der Prüfungen immer noch in handschriftlicher Form, insbesondere bei Grundkursen, Einführungskursen, Abschlussprüfungen (Examina!).
    Hausarbeiten dabei natürlich komplett ausgenommen, aber dafür ist ja das W-Seminar da, oder?

    Und auch bei den handschriftlichen Prüfungen im Studium gilt, was man Schülern sagen sollte: Eine gute Gliederung dient vor allem der Leserführung. Oder?

  3. An die Uni habe ich dabei gar nicht gedacht, und als Argument auch nichts gehört. Ein (nachträglich erstelltes) Inhaltsverzeichnis sei eine wichtige Kompetenz, etwa fürs W-Seminar, aber etwas anderes als eine Planung für den Aufsatz. Und da macht man das ja am Rechner.

    In den Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik schreibt man kaum Texte in Prüfungen, für die man das Gliedern üben muss, glaube ich. In den Sprachen und Gesellschaftswissenschaften eher. Wie habe ich das damals gemacht? Weiß ich nicht mehr.

    >Eine gute Gliederung dient vor allem der Leserführung. Oder?
    Darüber sind sich die Lehrer nicht einig. Klar ist, dass die Gliederung dabei helfen soll, einen strukturierten Text zu erzeugen. Soll sich der Leser die Gliederung zur Orientierung anschauen? Bei Büchern ja, bei wissenschaftlichen Arbeiten vielleicht, bei Deutschaufsätzen ja, aber nur auf einer Metaebene, als Prüfer.

  4. > aber es scheint so zu sein, dass die Gliederung nicht mehr Bestandteil von Schulaufgaben ist.

    Wieso „scheint“? vgl. „Eine Gliederung wie bisher darf in der Aufsatzschulaufgabe nicht mehr verlangt werden.“ Was ist an dieser Aussage „unklar“? (KontaktbriefPlus 2016, S. 8)

    > enthält aber nur Anregungen und Informationen und keine Anweisungen.

    Ist das in Deutsch so? In Englisch liefert der Kontaktbrief Interpretationen von KMS, die verbindlichen Charakter haben (bzw. zumindest von der Fachbetreuung so verstanden werden).

    > Ich glaube allerdings tatsächlich […] als sinnvoll.

    Diesen etwas vagen Satz solltest du erklären. Klingt so als ob du die Gliederung grundsätzlich für wichtig hältst, aber in der „praktizierten Form“ für nicht sinnvoll. Welche anderen Formen von Gliederungen gibt es, die derzeit nicht „praktiziert“ werden?

  5. Deine Fachbetreuung darf gerne die ISB-Schreiben als verbindlich ansehen, aber deine Fachbetreuung hat dir ja auch nichts zu sagen. Das ISB ist eine nachgeordnete Behörde, die das Kultusministerium berät und uns informiert und meist interpretatorisch versucht zu retten, was zu retten ist. Aber was gilt, sind lediglich die KMS.

    > Klingt so als ob du die Gliederung grundsätzlich für wichtig hältst, aber in der „praktizierten Form“ für nicht sinnvoll. Welche anderen Formen von Gliederungen gibt es, die derzeit nicht „praktiziert“ werden?

    Andere Formen sind das, was man inzwischen unter Mindmap versteht (die usprünglich ganz anders aussah, insbesondere nicht hierarchisch). Ich mag sie aber auch nicht.
    Und ja, die derzeit praktizierte Form ist nicht sinnvoll. Angefangen beim krampfhaften Nominalstil bis hin zum Herumreiten auf Formalia: Ich lese tatsächlich immer wieder Korrekturen, in denen moniert wird, dass nach 2.3. der Punkt fehlt (neben Korrekturen anderer Lehrer, die sich beschweren, dass nach 2.3. ein Punkt steht). „Lass bitte keine Zeilen frei in der Gliederung“ ist auch ein Klassiker.

  6. > aber deine Fachbetreuung hat dir ja auch nichts zu sagen.

    Hat sie schon, wenn die Schulleitung die Weisungsbefugnis überträgt. Außerdem weißt du doch auch, wie unerquicklich es ist, ständig mit der Fachbetreuung im Clinch zu liegen.

    > Und ja, die derzeit praktizierte Form ist nicht sinnvoll. Angefangen […]

    Deine Beispiele haben doch gar nichts mit dem eigentlichen SINN einer Gliederung zu tun. Über Nominalstil mag man streiten, aber er zwingt einen zur gedanklichen Präzision und Reduktion aufs Wesentliche. Außerdem was ist die Alternative? Aus „Nachteile des Informatikunterrichts“ wird dann „Warum ich Informatikunterricht nicht so gut finde“? ;-)

    Das mit den (fehlenden) Punkten ist ein Detail, bereitet die Schüler aber darauf vor bestimmte Layout-Vorgaben zu beachten. Je nach Lehrstuhl und Professor werden an der Uni Seminararbeiten gar nicht erst angenommen, wenn die formalen Vorgaben (z.B. beim Zitieren und Belegen) nicht erfüllt sind .

    MIt „Lass bitte keine Zeilen frei in der Gliederung“ habe ich überhaupt kein Problem. Wenn man darauf nicht besteht, lassen die Schüler (wie bei Exen) auch gerne gleich mal zwei oder drei Zeilen frei. Und dann musst du auch klar machen, wo jetzt die Grenze ist. Ist eine noch ok oder zwei? Dann lieber gleich keine.

  7. >Hat sie schon, wenn die Schulleitung die Weisungsbefugnis überträgt. Außerdem weißt du doch auch, wie unerquicklich es ist, ständig mit der Fachbetreuung im Clinch zu liegen.

    Eine pauschale Weisungsbefugnis kenne ich nicht, ansonsten wird – im Web, nicht bei uns – gerne mal damit gedroht, aber die Schulleitung möchte ich sehen, die schriftlich solche Dienstanweisungen festlegt. Aber ja, Unerquicklichkeiten sind unerquicklich; an meiner Schule glücklicherweise kein echtes Problem.

    >Deine Beispiele haben doch gar nichts mit dem eigentlichen SINN einer Gliederung zu tun.

    Du hast ja auch nicht nach dem Sinn gefragt, sondern nach der derzeit praktizierten Gliederung. Und da steht bei den Korrekturen am Rand: Nominalstil, falsche Systematik, zu viel doe rzu wenig Leerzeilen.

    >(Nominalstil) Außerdem was ist die Alternative? Aus „Nachteile des Informatikunterrichts“ wird dann „Warum ich Informatikunterricht nicht so gut finde“? ;-)

    Für den Sinn der Gliederung, nämlich einen besseren Aufsatz zu schreiben, tragen beide Formulierungen gleich viel bei. Von deinem Zwanz „zur gedanklichen Präzision und Reduktion aufs Wesentliche“ sehe ich hier auch bei der Nominalstilformulierung keine Spur. Dafür führt die Nominalstilfixierung zu grässlichen Konstruktionen in der Ausführung, wo ich fast immer zu wenig Nebensätze und zu viel Nominalisierung moniere.

  8. > Für den Sinn der Gliederung, nämlich einen besseren Aufsatz zu schreiben, tragen beide Formulierungen gleich viel bei.

    Hast du auf deinem Blog bzw. kennst du (im Web) ein Beispiel für eine, deiner Meinung nach, gute Gliederung, die keinen grässlichen Nominalstil verwendet? Falls nicht, schreib doch mal selber eine, damit man besser versteht, was du meinst.

  9. Das mache ich sehr vielleicht mal. Vorab reicht ein Blick in unser Deutsch-Schulbuch (Cornelsen). Da ist das Inhaltsverzeichnis – wie bei vielen Sachbüchern und Aufsätzen in der wirklichen Welt – keineswegs im Nominalstil geschrieben.

    (Aber ohnehin sind mir die Aufsätze, die herauskommen, wichtiger als die Gliederung.)

  10. Ok, schau ich mir mal an.

    Vielleicht gibt es ja auch Unterschiede zwischen Englisch und Deutsch, auch bei der Interpretation was eigentlich „Nominalstil“ ist. Für mich sind z.B. „Getting the Job You Want“ oder „Starting a Business“ Nominalstil, weil ein Gerund die Funktion eines Nomens hat (Beispiele aus „Context 21“).

  11. Ich stimme zu, dass die Aufsätze, die am Ende herauskommen deutlich wichtiger sind, als die Struktur, die die Kinder anfänglich zu Grunde gelegt haben. Sicherlich ist es wichtig, dass sie lernen ihren Texten eine logische Struktur zu geben und sie dadurch für den Leser lesbar und gleichzeitig lesenswert zu machen. Auf der anderen Seite habe ich im Unterricht (Englisch) mitunter den Eindruck, dass die Kinder sobald sie wissen, dass estwas bewertet wird jede Kreativität über Bord werfen. Eine Gliederung für einen Aufsatz also zu bewerten führt scheinbar bei einigen Kindern zu dem Glauben, dass sie nur so, wie in der Gliederung entworfen, ihren Aufsatz auch schreiben dürfen. Dieses Korsett kann dann wiederum der Qualität schaden.

    Was das Entwerfen von Arbeitsblättern zum Üben der Überarbeitung von Texten angeht, denke ich, dass es gar nicht notwendig ist so viel Aufwand zu betreiben. Die Kinder produzieren doch Sätze am laufenden Band. Warum soll man nicht einfach aus ihren Arbeiten Sätze aufgreifen und anonym zur Diskussion stellen? Es schadet dabei sicher nicht, wenn Sie die Sätze einmal selbst auf ein Blatt Papier übertragen.

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