Brauchen wir einen literarischen Kanon? (Und: Schullektüren, Lesebücher.)

So lautete, verkürzt gesagt, das Erörterungsthema im bayerischen Abitur 2017, aufgehängt an einer Analyse der Argumente und Argumentationsweise einer Rede von Roman Herzog 1997. Bob Blume macht sich auch Gedanken über Literaturkanons, und darum, ob man Computerspiele im Unterricht so wie Texte behandeln sollte. Und weil ich heute mit meiner 9. Klasse die nächste Schullektüre ausgewählt habe, möchte ich auch meinen Senf zu Literatur im Deutschunterricht geben.

1. Ja, wir brauchen einen Literaturkanon.

(Gründe siehe irgendwo, da gibt es genug, die schenke ich mir.)

Aber wir kriegen nicht so leicht einen. Ich wüsste ja auch keine Instanz, die einen verbindlichen Kanon vorschreiben könnte. Und wem denn überhaupt? Sicher nicht den öffentlichen Bühnen; bleiben also die Schulen, und das Kultusministerium möchte ich sehen, dass eine längerfristig verbindliche Lektüreliste festlegt. Zumal das ja nur bundeslandübergreifend Sinn machen würde.

Einen Kanon in dem Sinn, dass eine Autorität formal ein Buch in eine Liste kanonisierter Bücher aufnimmt, wird es also nicht geben. Obwohl, so eine Art Walhalla oder wenigstens Ruhmeshalle wie hinter der Bavaria wär schon auch nett. Gipsabdrücke zentraler Werke, dann müsste man sie auch nicht lesen. – Was so ein Kanon im ursprünglichen Sinn ist, wissen manche Schüler übrigens sehr wohl: Im Star-Wars-Universum gibt es nicht nur die Filme, und Fernsehserien, sondern auch Bücher. Und manche dieser Bücher und Filme sind kanonisch, das heißt, ihre Handlung gehört offiziell, von Lucas, dann Disney abgesegnet, zum Star-Wars-Universum. Die alten Star-Wars-Comics von Marvel? Nicht kanonisch. Das Star Wars Holidy Special von 1978? Trotz Drehbuch von Lucas nicht kanonisch. Der Roman Die neuen Abenteuer des Luke Skywalker von Alan Dean Foster? Keine Ahnung. Als vor wenigen Jahren die jüngsten Filme ins Kino kamen, wurden plötzlich Jahrzehnte voller Romane aus dem Kanon gestrichen, sind jetzt Häresie, weil sie den neuen Filmen widersprechen. Bei Superhelden, Marvel und DC, und Sherlock Holmes, Star Trek und überhaupt jeder Serie gibt es kanonische und unkanonische Werke, und Aficionados diskutieren das Thema gerne.

Um so einen Kanon geht es also nicht. Trotzdem gibt es so etwas ähnliches. Im Studium hieß es: Kanonisch ist ein Buch dann, wenn man den Inhalt kennt, obwohl man es nie gelesen hat – weil es so oft zitiert wird, weil man so viel davon gehört hat, dass sich das ergibt. Wie groß ist der Buchkanon in Deutschland? Sehr, sehr klein. Wenn ich mit Schülern und Schülerinnen auf gemeinsame Werke zugreifen will, muss ich zu Filmen ausweichen, und selbst da gibt es wenige – Star Wars, Harry Potter. Bei Büchern: Harry Potter, noch. Nach der Schulzeit: Faust, Woyzeck. E.T.A. Hoffmann. Fontane.

Wie entsteht so ein literarischer Kanon? Indem überhaupt erst einmal gelesen wird, und indem über Bücher geredet wird – in Zeitungen, in Blogs, im Fernsehen, im Kino, in der Schule. Bei der Wahl einer Schullektüre ist es ein Faktor unter mehreren, ob ein Buch kanonisiert gehört, meiner Meinung nach. (Wessen sonst?) Bei zwei gleich geeigneten Werken nehme ich das, das Schüler in eine größere Gemeinschaft oder mit der Vergangenheit einbindet.

Das bringt mich zu Schullektüren.

2. Schule treibt Leuten nicht das Lesen aus

Ich lese das immer wieder mal, dass junge Leute so gern gelesen haben, bis die Schule ihnen das mit der Lektürebehandlung dort ausgetrieben hat. Ich glaube nicht, dass das oft vorkommt. In der Pubertät hört man aus verschiedenen Gründen mit dem Lesen auf. Dass man in der Schule Dürrenmatt lesen musste, dürfte nur in seltenen Fällen ein Problem sein. Wenn man dort Lieblingsbücher der Schüler zerredete, vielleicht; aber das kommt nicht vor.
Gleichfalls glaube ich nicht, dass Lektüre, wie man sie in der Schule einsetzt, Spaß machen muss. Es ist schön, wenn das so ist, aber Lesen kann eben auch Arbeit sein, das weiß jeder Geisteswissenschaftler und jeder, der sonst mit Texten arbeitet. Leseförderung in der Schule ist wichtig, aber ich bezweifle, dass Schullektüren, wie sie traditionell eingesetzt werden, dazu beitragen.

3. Ich möchte ein Lesebuch

Das mehr so als ceterum censeo: Was ist eigentlich mit den Lesebüchern passiert? Da gibt es sicher Forschung dazu, aber ich habe nicht die Zeit, ihr nachzugehen. Hier würde ich anfangen: Wikipedia, Notizen mit Quellen (pdf), ein Skript zur Geschichte der Deutschdidaktik (ganz unten auf der Seite). Bis Ende des 20. Jahrunderts hatten Schüler in Bayern ein Sprachbuch, das von meinen liebsten Deutschlehrern nie, und ein Lesebuch, das selten verwendet wurde. (Blogeintrag zu meinem Lesebuch der 11. Klasse.)

Danach verschwand das Lesebuch; Schülerinnen heute kriegen ein kombiniertes Sprach-/Lesebuch, das von Lehrern unterschiedlicher Generationen vermutlich unterschiedlich eingesetzt wird. Ich verwende es nach der Unterstufe nur noch als Materialquelle, vor allem für die Gedichte dort. Selbst die Prosatexte verwende ich nur gelegentlich. Die Erklärungen zum Aufbau eienr Erörterung oder die Arbeitsaufgaben zu den Texten verwende ich sehr selten. Trotz des Buches kriegen meine Schülerinnen und Schüler viel Papier: Die Textauswahl in den Sprachbücher ist viel zu gering. Exploratives Verhalten und offene Aufträge, die nicht an einen bestimmten Text gebunden sind, sind mit solchen Büchern auch schwer möglich, sondern nur mit einem Lesebuch.

Warum ist es verschwunden? Ich weiß es nicht. Damit die Schüler weniger tragen müssen? Weil Lesebücher nach Kanon riechen und der verpönt ist? Weil Schulen keines mehr gekauft haben und die Verlage deshalb keine produzierten? Weil die Verlage keine mehr produzierten, weil Lesebücher vielleicht lehrwerksunabhänging waren und deshalb nicht bei jedem neuen Lehrplan ein neues gekauft werden musste? Weil Lehrer nicht mit Texten allein arbeiten wollen, sondern Begleitmaterial dazu brauchen?

Anlässlich einer Zugfahrt an einem Spieltag der Bundesliga

Einen mir bekannten Sportlehrer habe ich gefragt, wie denn der Sportunterricht, oder die Sportlehrer, oder zumindest er, zu singenden und Bier trinkenden Fußballsfans im Zug stehen. Die Kurzfassung: Gehört halt dazu. Und Bier trinken in Zügen sei (“inzwischen”) ja ohnehin verboten, also sei das kein Problem mehr.

Ich habe das Gefühl, er hat es sich da zu einfach gemacht. Wenn er gesagt hätte, dass es eh keine Rolle spielt, was Lehrer machen, und dass sich die Gesellschaft nicht durch Schule ändern lässt – einverstanden, sehe ich genauso. Aber trotzdem sollten Sportlehrer klar machen, dass man sich so nicht verhält, auch nicht als Fußballfan. Sah der Kollege anders. Geselligkeit gehöre nun mal zum Sport, und dass Geselligkeit mit Bier verbunden ist, ist ein Phänomen unserer Gesellschaft und hat nichts mit Sport zu tun.

Das hat mich unbefriedigt gelassen. Also habe ich mir mal den Lehrplan Sport angeschaut, ob da etwas dazu drinsteht, wie man sich als Fan verhält. Tut es nicht. Aber sonst ist Sport für so ziemlich alles zuständig: Studierfähigkeit, Entwicklung eines Werteverständnisses, den verantwortungsvollen Umgang mit Natur und Umwelt (Integration von sportlichen Aktivitäten in eine umweltorientierte Lebensgestal­tung). Wie man “die eigenen Interessen unter Beachtung konkurrierender Ansprüche [durchsetzt]”, wie man “fragwürdige Trends und Sportkonzepte [durchschaut]”. Zentral und auch tatsächlich wichtig scheinen mir Begriffe Fairness und Spielregeln zu sein.

Die Schüler erkennen, inwieweit die Strukturen der gewählten Sportarten faires und partnerschaftliches Handeln fördern, erschweren oder sogar unterbinden können. Gleichzeitig erfahren sie auch, wie Regeln und Interaktionsformen geändert werden können, um einen die Gemeinschaft fördernden und Freude bereitenden Sport zu gewährleisten. Dabei erkennen sie, inwieweit sportliche Handlungsmuster zwischenmenschliche Umgangsformen positiv oder negativ beeinflussen können. Durch Anerkennen und Einhalten von Regeln, partnerschaftlichen Umgang mit dem sportlichen Gegner, faires Verhalten bei Sieg und Niederlage entwickeln die Schüler wichtige Kompetenzen weiter, die es ihnen ermöglichen, bei außerschulischen Situationen in Familie, Freizeit und Beruf mutig und fair Position zu beziehen.

Gerade im Sportunterricht könnten Schüler lernen, dass Regeln auch dann gelten, wenn niemand hinschaut; dass ein Regelverstoß auch dann einer ist, wenn der Schiedsrichter ihn nicht gesehen hat. In der Praxis ist das aber wohl anders.

Eines stört mich an den Regeln: wenn ich das richtig verstanden habe, ist innerhalb der Regeln alles erlaubt, notfalls muss man die Regeln ändern und das Verhalten den neuen Regeln anpassen. Ich möchte aber eine Gesellschaft, in der es erlaubte Dinge gibt, die man trotzdem nicht tut. Die Inhalte finde ich trotzdem lobenswert. In der Praxis glaube ich nicht, dass da viel gelernt wird. Aber in anderen Fächern ist der Lehrplan ja auch nur aus Papier.*

*Stimmt schon seit zehn Jahren nicht mehr – nur noch digital, also noch flüchtiger.

Finde den Fehler

Ich gliedere meine Deutschaufsätze IMMER so, wie es hier beschrieben wird.
Trotzdem liegen meine Noten immer zwischen 4–6 Punkte!

Was lernen wir daraus?
Deutsch ist und bleibt ein Fach, in dem die Noten davon abhängen, welchen Lehrer du hast und wie sehr er dich mag! Basta!

(Aus einem alten Kommentar beim Lehrerfreund.)

Marvel wirft nichts weg (mit Anmerkungen zu Guardians of the Galaxy Vol. 2)

Titelbild Thor 206 Hit-Comics

Marvel-Comics

Marvel wirft nichts weg. Das war vor allem in den 1960er und 1970er Jahren prägend, als Marvel die Superheldencomicszene revolutionierte und den Platzhirsch und Konkurrenten DC alt aussehen ließ. Viele der Merkmale jener Zeit finden sich auch in den Filmen des Marvel Cinematic Universe der letzten neun Jahre.


(Der Autor als jugendlicher Marvel-Fan, ca. 1979, Blogeintrag zum Bild)

Neu bei den Comics war: die Albernheit. Stan Lee begrüßte einen immer wieder mal persönlichg mit seinem Ruf “Excelsior!”; die Autoren und Zeichner und Inker wurden nicht nur genannt, sondern porträtiert und ihre Arbeit erklärt; sie hatten Spitznamen wie Stan the Man Lee, Rascally Roy Thomas; Gene the Dean Colan. Die Geschichten waren nicht abgeschlossen wie bei der Konkurrenz, sondern hatten immer ein wenig Fortsetzungscharakter. Auch die Nummerierung der Hefte war fortlaufend, anders als bei Superman & Co, wo in Deutschland jeder Jahrgang wieder neu bei 1 begann. Die Helden hatten ähnliche Superkräfte wie bei DC, aber weniger Capes, waren fehlerhaft, zankten sich und hatten Alltagsprobleme. Und sie liefen einander ständig über den Weg, das machte die Welt größer.

Ein Beispiel für die Verzahnung der Marvelwelt

Ein Beispiel dafür, wie die Marvelcomic-Welt funktionierte, ist Adam Warlock. Der tauchte zuerst 1967 in einem Heft der Fantastischen Vier auf, geschrieben von Stan Lee:

Titelbild Fantastische Vier 63 Das Heft war der zweite Teil einer spannenden Doppelfolge. Üble Wissenschaftler hatten etwas gebaut, das bald aus einem Kokon schlüpfen würde, das war spannend gemacht. Es gab aber auch Hinweise darauf, dass da nicht das herauskommen würde, was geplant war… kurzum, eine goldene Männergestalt kam heraus, wurde “Him” genannt, und floh die Erde dann ins All.

Panel aus dem Heft, ein goldener Mann

Titelbild Thor 206 Hit-Comics

Zwei Jahre später tauchte diese Gestalt wieder auf, in einem Heft von Thor (1969), geschrieben ebenfalls von Stan Lee. “Er” schlüpft wieder aus einem Kokon, diesmal ein Fortbewegungsmittel, diesmal im All, und prügelt sich parzivalesk-naiv-draufgängerisch mit Thor, insgesamt vier Hefte lang.

(Geprügelt wird aber nur ein oder zwei Hefte lang – der Fortsetzungscharakter bei Marvel hieß, dass in einem Heft nur ein erster Hinweis auf einen Handlungsstrang kommt, während der vorhergehende abgeschlossen wird, im nächsten entwickelt er sich dann ein wenig weiter, um erst wieder ein Heft später seinen Höhepunkt zu finden – neben ersten Spuren des nächsten Handlungsstrangs.)

Man weiß immer noch nicht recht etwas anzufangen mit der Figur. Drei Jahre später bekommt sie ein neues Kostüm, ein Juwel auf die Stirn, einen neuen Lebensinhalt und bald auch ein eigenes Heft: Eine andere – ebenso wiederverwerte – Gestalt hat eine zweite Erde geschaffen, auf der “Er”, jetzt Adam Warlock genannt, sich als Christusfigur um die Menschen kümmern muss. Von da an wird die Figur berühmt, und da habe ich sie aus den Augenwinkeln immer wieder mal gesehen (in französischen Comics und in Gastauftritte da und dort), und erst Jahre danach mit der Kokon-Geschichte verbunden.

Das Juwel auf der Stirn, das wohl aus Designgründen entstanden sein dürfte, kriegt später noch ein paar Geschwister und eine Hintergrundgeschichte und eine lange, lange, lange Geschichte danach. Und das Labor mit den Wissenschaftlern, das “Ihn” erst hervorgebracht hat? Das taucht auch noch einmal auf und produziert eine zweite, weibliche Gestalt, “Her” genannt, später auch als Ayesha bekannt.

Wie das als Marvelfan früher war

Das Leben als Marvel-Fan war nicht leicht. Anfang der 1980er Jahre wurden die deutschen Hefte nach und nach eingestellt. (Etwas später machte ein neuer Verlag weiter, aber nicht mehr so gut – glänzendes Papier, Maschinensatz, und die Zeit der besten Geschichten war auch schon vorbei.) Die ersten Marvel-Produkte kamen ins Kino und waren… enttäuschend, auch wenn es ohnehin nur Fernsehproduktionen waren, die in Deutschland im Kino liefen. DC, der andere Verlag, brachte nach den erfolgreichen Supermanfilmen auch noch erfolgreiche Batmanfilme heraus.
Um die Jahrtausendwende herum verkaufte Marvel dann, vielleicht frustriert, die Filmrechte für Spider-Man, die X‑Men, die Fantastischen Vier. Und zu allseitiger Überraschung wurden diese Filme, zunächst jedenfalls, Erfolge bei Publikum und Kritik. Bis sie dann immer schwächer wurden… da fasste Marvel sich ein Herz und produzierte eigene Filme mit ihren restlichen Helden, angefangen bei Iron Man (2008, hier mein Blogeintrag dazu), und das MCU (Marvel Cinematic Universe) war geboren.

Ich alter Marvelfan kann es immer noch nicht fassen, dass unsere Underdog-Helden jetzt plötzlich bekannt und beliebt sind, und dass wir ihre Abenteuer im Kino sehen können, wieder und wieder und wieder. Und dass diese Abenteuer vom Tonfall her den Comics der 1960er und 1970er Jahren entsprechen, eben jene, die ich damals in der 5. Klasse gelesen habe. Marvels beste Zeit.

Guardians of the Galaxy, Vol. 2 (mit Spoilern)

Der Film hat mir sehr gut gefallen, sogar besser als der erste. Die Eröffnungssequenz ist ganz wunderbar, tolle Action, die strikt im Hintergrund spielt, während vorne ein Teddybäumchen tanzt. Das ist die richtige Schwerpunktsetzung. Die Farben im Film unverhohlen knallbunt, mit bunterem Sternengeflitter am Ende als bei Star Crash (1979). Flotte Musik, lustige Sprüche, rundum gut. Der Film ist zehn Minuten zu lang, eine Szene ist mir zu brutal, und der kleine Groot als Kindersoldat musste auch nicht sein. Trotzdem: Unterhaltsam, leichtfüßig, flott, witzig, menschelnd. Und es gibt einen sehr überraschenden 80er-Jahre-Gastauftritt. Das Alberne, Familiäre, Bunte kenne ich aus den frühen Marvels, ebenso das Melodrama, die gebrochenen Figuren – und weggeworfen wurde auch hier nichts. Groot selber war übrigens ursprünglich ein Standard-Monster in einem Standard-SF-Monstercomic von 1960, noch vor dem Beginn der Marvel-Superheldenzeit.

Was den Marvelfan besonders freute:

  • Howard! Howard the Duck ist ein spezieller Marvelheld. Eine sarkastische Ente aus einem Entenuniversum, die es zu uns verschlagen hat. Die Verfilmung von 1986 gilt als katastrophal; das Entenkostüm darin ist disneyworldhaft-unbeweglich, die erotisch knisternde Szene zwischen Howard und Beverly hat das Publikum ratlos-irritiert zurückgelassen. Ich mag den Film, er hat ein paar schöne Szenen. Unter anderem die mit Howard und Beverly.
    Schon im ersten Guardians ist Howard aufgetaucht, als Sammlungsobjekt, hinter Glas. Diesmal treibt er sich tatsächlich im Hintergrund herum und kriegt ein paar Zeilen Text. Nach all diesen Jahren endlich Respekt für Howard! Marvel wirft nichts weg, auch Howard gehört zur Familie, alles ist verziehen. Easter Eggs sind in allen Filmen lustig, aber bei Marvel zeigen sie außerdem, welche unerwarteten oder zukünftigen Ecken Teil der Marvel-Welt sind.
  • Starhawk! Die kleinen verhaltenen Flügelchen auf dem Kostüm von Sylvester Stallone. Als ich die gesehen habe, habe ich sie selbst in dieser Schwundstufe gleich erkannt: Es gibt in den Comics ein ursprüngliches, älteres Guaedians-Team, zu dem Yondu gehört, und so ein Typ mit diesen Flügelchen, nur eben größer. Die anderen Teammitglieder tauchen dann auch schön im Abspann von Vol. 2 auf.
  • Stan Lee und die Beobachter! Eine Wegwerffigur in einem frühen Abenteuer des Fantastischen Vier war der Beobachter, Uatu. Glatzköpfig, übermenschengroß, in Laken gehüllt – ein Außerirdischer, der sich geschworen hat, nur zu beobachten und nicht einzugreifen. Natürlich taucht er dann immer wieder auf – Marvel wirft nichts weg – und greift in den Comics dann doch ständig ein. Er ist der Erzähler der What-If-Parallelweltgeschichten. (Und später gibt es immer mehr Beobachter, und Hintergrundgeschichten dazu. Weniger bekannt als The Watcher ist ein anderer seiner Art, The Critic: Der beobachtet nicht nur, sondern mäkelt auch am Beobachteten herum, aber ich weiß nicht, wie kanonisch der ist.)
  • Ein Kokon, ein Kokon! Die goldglänzende Gegnerin der Guardians präsentiert im Abspann eine Art Wunderwaffe, und zwar einen Kokon, der genau so aussieht wie bei dem Fantastischen-Vier-Titelbild oben. Und da Warlock ein Erzgegner von Thanos ist, dem künftigen Oberschurken der Avengers-Filmen, und außerdem eng mit den Juwelensteinen verbunden ist, die das Gimmick in den MCU-Filmen sind – deshalb rechnen viele mit dem Erscheinen von Warlock in einem der nächsten Filme. Der Guardians-Regisseur hat das auch schon so angedeutet.
    Andererseits haben wir mit Vision aus Avengers 2 bereits einen pazifistischen Film-Superhelden, der ein unschuldiges Konstrukt in einer ihm fremden Welt ist, und der eines dieser Juwelen an der Stirn trägt… wird da wirklich noch einer kommen? Vielleicht steckt ja doch “Sie” im Kokon, geschaffen von Ayesha und nach ihr benannt? (Aber ich glaube, der Name Adam fällt.)

Zugegeben: Guardians Vol. 2 ist immer noch nur ein Superheldenfilm. Ich warte noch auf einen solchen, der mehr ist als nur ein guter Superheldenfilm, so wie Blade Runner mehr ist als ein guter Science-Fiction-Film.

Genosse Herr Rau

Ich bin Genosse, seit einem halben Jahr. Frau Rau ist schon seit dreieinhalb Jahren Genossenschaftsmitglied, und zwar sind wir beide beim Kartoffelkombinat.

Und das kam so. Vor fünf Jahren hatten wir eine Biokiste abonniert. Vier Anbieter haben sich Münchnen und Umland ziemlich genau nach den Himmelsrichtungen aufgeteilt und liefern wöchentlich eine Kiste Biogemüse. Auf Wunsch auch regional. Das war erst mal schön. Aber so furchtbar regional war das auch nicht immer, außerdem kann man den Inhalt der aktuellen Kiste online einsehen und tauschen und andere Sachen hineinpacken – wenn es keinen Biosupermarkt in der Nähe gibt, eine feine Sache, um an Obst und Gemüse zu kommen. Aber hier gibt es genug Biosupermärkte.
So wurde Frau Rau vor gut vier Jahren auf das Kartoffelkombinat aufmerksam. Das ist eine Genossenschaft (eine Geschäftsform, die im Wirtschaftsunterricht der Schule immer unter der Tisch fällt, neben AG und GmbH und GbR und so weiter). Das Kartoffelkombinat vertritt Prinzipien der solidarischen Landwirtschaft. Das heißt, dass faire Löhne gezahlt werden; dass das Risiko geteilt wird; dass der Erzeuger von vornherein einen fairen Preis zugesagt bekommt. (Ansonsten ist das ja so, dass ein Bauer etwas anpflanzt, und wenn die Ernte schlecht ist, ist es sein Pech, und wenn sein Produkt am Markt dann wenig Geld macht, weil es plötzlich eine Schwemme davon gibt, ist das auch sein Pech.)

Konkret sah das lange so aus, dass das Kartoffelkombinat mit der einen oder anderen Gärtnerei zusammenarbeitete und dort Gemüse anpflanzte, quasi als Untermieter, und außerdem mit Bauern kooperierte – faire Preise, faire Verträge, geteiltes Risiko, und auch die Möglichkeit, Gemüse abzunehmen, dass auf dem Markt keine Chancen hat: krumme Karotten, unschöne Kartoffeln, zu kleine dies oder zu große das. Das nimmt einem ja kein Supermarkt ab, Bio oder nicht. Jeder Genosse – genauer: jeder Genosse, der zusätzlich zur Mitgliedschaft eine Kartoffelkiste bestellt hat – erhält dann jede Woche eine Kiste mit Obst und vor allem Salat und Gemüse.

Die Kiste muss man sich an einem Verteilerpunkte abholen, bei mir sind das sechs Minuten zu Fuß. Drin ist, was drin ist – im Winter Kartoffeln und Pastinaken und Lageräpfel und Sellerie, später dann Salat, Feldsalat, Chinakohl, Radicchio, noch später Tomaten in Hülle und Fülle, und Schwarzwurzeln, Kürbis, Karotten, Lauch, Kohl, Schnittlauch, Rettich, Kohlrüben, rote Rüben, Rhabarber, Birnen, Topinambur, Petersilie, Petersilienwurzel, Radieschen, Schwarzwurzeln, Kohlrabi, Grünkohl, Blumenkohl, Rosenkohl, Auberginen, Pak Choi, Mangold, Spinat, Fenchel, Blaukraut, Weißkraut, Bohnen, und vieles mehr (hier ohne besondere Reihenfolge aufgeführt). Wenn die Ernte schlecht ausfällt, ist weniger da; wenn die Ernte gut ist, mehr. Was nicht selbst angebaut wird, wird von Partnerbetrieben zugekauft. Ein von kundigen Menschen ausgearbeiteter Anbauplan sorgt dafür, dass es über das ganze Jahr über etwas gibt; die vielen Tomaten im Sommer werden außerdem zu Sugo verarbeitet, der dann in den Winterkisten drin ist.

Im Moment besteht das Kartoffelkombinat aus etwa tausend Haushalten. Das ist also schon eine große Sache, mit haupt- und nebenberuflich angestellten Mitarbeitern. Aber eigentlich haben die Genossen Gelegenheit, mitzuhelfen: Etwa beim Einkochen der Tomaten im Sommer, beim Ernten von Obst und Gemüse, beim wöchentlichen Packen der Kisten. – Selber mache ich da sehr wenig mit, bin nur jedes Jahr beim Einkochen dabei, und gehe regelmäßig auf Mitgliederversammlungen, ordentliche und außerordentliche.

Davon gab es in letzter Zeit einige, denn vor kurzem hat das Kartoffelkombinat einen großen Schritt getan, der von Anfang an geplant war: Wir besitzen jetzt eigenen Grund und Boden, sind also nicht mehr Untermieter bei anderen Gärtnereien. Ein wunderschönes Stück Land, etwa fünf Hektar groß, mit ebenso viel noch einmal dazu gepachtet. Das Gelände ist eine ehemalige Baumschule, die zur ökologischen Gärtnerei umgebaut wird, zwischen Oberschweinbach und Egenhofen – Ortsnamen, die ich aus dem Einzugsbereich meiner Schule kenne. Ich war schon mehrfach dort, es ist wunderschön gelegen, mit Platz für alles mögliche (Grillplatz, Spielecke, Bienenkörbe).

Das ist ein großer Schritt für unsere Genossenschaft. Wir mussten Geld aufbringen für den Ankauf des Grunds, für den Umbau, für neue Gebäude und Geräte; der Rest kommt von der Bank. Dazu müssen wir auch noch etwas wachsen; der Grund ist groß genug für 1500 Haushalte, und auf so viele muss die Genossenschaft in ein paar Jahren auch wachsen. (Bis zu diesem Zeitpunkt zahlen wir eine Zulage, um das zu finanzieren.)

Ich bin mit der Genossenschaft und den Kisten äußerst zufrieden. Das Vorgehen der Vorstände und des Aufsichtsrat sind sehr transparent, man wird über so viel und so detailliert informiert, wie man das wünscht; die Vorstände kommen auch eher aus der kritischen BWL-Ecke statt aus einer idealisierenden Ökobewegung.

Frau Rau und ich kriegen natürlich nur eine Kiste; ich bin Mitglied ohne Ernteanteil, einfach so, weil ich das gut finde. Die Kisten sind ihr Geld wert, der Salat schmeckt jedesmal besser als der aus dem Laden. Die Karotten sind manchmal krumm, die Kartoffeln haben auch schon mal silbrig geglänzt (was völlig harmlos ist, sie aber unverkäuflich macht), sie waren jedesmal sehr lecker. Schwarzwurzeln und diesen kleinen kanonenkugelrunden Kürbis mögen Frau Rau und ich nicht so besonders, aber die werde ich schnell an Kollegen los. Ansonsten mag ich es inzwischen, so eine schöne Kiste vorgesetzt zu bekommen, und dann zu planen, was ich damit mache. Am Abholtag gibt es regelmäßig Salat zum Abendessen, und inzwischen fallen mir sogar zu Rettich verschiedene Sachen ein. Sellerie ist eh leicht: mindestens schon mal Sellerielasagne, Waldorfsalat, Sellerieschnitzel. Anregungen hole ich mir in den Blogs, denen ich folge; bei den Rezeptseiten des Guardian und aus Kochbüchern.

Links:

Kleinigkeiten aus der Schule

Robot Karol

Diesen kleinen Clip habe ich in der 7. Klasse gezeigt, wo die Schüler und Schülerinnen mit Robot Karol arbeiten. Karol ist ein kleiner virtueller Roboter, der sich in einer zweidimensionalen Welt voller Felder bewegt und den man so programmiert, dass er Aufträge verrichtet (wie Pakete einsammeln), ohne an die Wand zu stoßen:

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Das sind auch nichts anderes als viele kleine Robot Karols, die gleichzeitig durcheinanderwuseln. In der 7. Klasse fängt man halt mit einem an.

G8 oder G9 – macht keinen Unterschied

Seit ein paar Tagen geistert eine Expertise durch die Presse, die feststellt, dass es für die fachlichen Leistung keinen Unterschied macht, ob man auf dem G8 oder G9 war. Hier kann man sich die 54 Seiten pdf herunterladen: https://www.stiftung-mercator.de/de/publikation/chancengleicheit-statt-g8-oder-g9/ – ganz unten, in der Mitte. Laut dieser Expertise wurden als Leistungsindikatoren Schul- und Abiturnoten hergenommen.
Und das halte ich für völlig unbrauchbar. Klar sind die Noten gleich, egal ob G8 oder G9. Ein Kultusministerium kriegt die Noten, die es bestellt (mit vielleicht ein wenig unerwünschter Inflation). Ob die Anforderungen dabei schwerer oder leichter werden, ob die Schüler und Schülerinnen damit leichter zurechtkommen oder nicht, darüber sagen Noten nichts aus. Eine 1 kriegt theoretisch, wer den Anforderungen in besonderem Maß entspricht – praktisch werden diese Anforderungen aber jeweils den Gegebenheiten angepasst. Weniger Zeit zum Üben, geringere Anforderungen.

Wenn Maschinen Menschen bewerten

Interessanter Fund bei netzpolitik.org:

Für die Bertelsmann Stiftung hat Konrad Lischka einen umfassenden Überblick über Anwendungsfälle algorithmischer Entscheidungsfindungsverfahren verfasst. Das Arbeitspapier setzt sich mit insgesamt neun Einsatzfeldern auseinander, von gerichtlichen Rückfallprognosen über Bewerbervorauswahlen und Kreditvergaben bis zu Predictive Policing. Neben deskriptiven Elementen beleuchtet das Papier aus der Perspektive der Teilhabegerechtigkeit Chancen und Risiken.

50 Seiten pdf, für mich als Laien nicht ganz leicht, aber hochinteressant bisher. Es geht darum, wo Algorithmen angewendet werden, um automatisiert Menschen zu bewerten.

Sonst so

Am Montag ist Einschreibung, mal sehen, wie viel neue Schüler sich anmelden. Und ob die Ankündigung des G9 dazu führt, dass jetzt wieder doch ein paar mehr Schüler oder Schülerinnen, die sonst den ruhigeren Weg über die Realschule gewählt hätten, wieder aufs Gymnasium geht.

Balkonvögel 2017

Rotkehlchen

Rotkehlchen
Rotkehlchen

Buchfink männlich
Buchfink, männlich

Buchfink weiblich
Buchfink, weiblich

Daneben Amseln, Blau- und Kohlmeisen, Kleiber, alles heute.

- Heute ansonsten auch noch: Laufen mit den Zombies, letzte Schulaufgabenkorrektor vor dem diesjährigen Abitursprint, Vorlesung vorbereiten, Online-Noteneingabe der letzten Prüfungen und mündlichen Noten; Rindfleisch mit gesalzenen schwarzen Bohnen und Paprika; Spanienurlaub buchen. Mittags gekochtes Rindfleisch von gestern, mit Brühe, und geriebener Meerrettich noch von Ostern; dazu frischgebackenes Brot von Frau Rau.