Gedichterunde im Englischunterricht

In den letzten zwei Wochen habe ich in der Oberstufe ein paar Gedichte präsentiert. Erst mein üblicher Dreischritt von – im weitesten Sinn – Liebesgedichten, in denen es um die Beschreibung von Frauen geht, und um Bildersprache. Im Sonett 15 aus dem Amoretti-Zyklus von Edmund Spenser (Link zum Text) wird eine Frau gepriesen, in dem ihre Eigenschaften mit den Kostbarkeiten verglichen werden, die Händler aus Ost- udn Westindien zurückbringen – Haare wie Gold, Augen wie Saphire, Lippen wie Rubine. Die Seele der Frau ist natürlich noch besser, wird aber im Vergleich zum Rest nur kurz, wenn auch als Schlusspointe, abgehandelt.

Danach folgt Shakespeares Antwort darauf, sozusagen: das Sonett 130 (Link zum Text), „My mistress‘ eyes are nothing like the sun“, wo er die Geliebte geradezu herutnermacht: Musik klingt schöner, Parfum riecht besser, Koralle ist roter als ihr Mund – und doch ist sie mindestens so gut wie all die anderen Frauen, die man mit übertriebenen vergleichen überhäuft.

Als drittes „Reported Missing“ von Barry Cole (Text, Audio): Jemand, ein Mann, meldet einem Polizisten eine geliebte Frau als vermisst – in blumigen Vergleichen, wären der Polizist gerne konkrete Angaben hätte, also wenigstens Augenfarbe, Haarfarbe, aber kriegt nur blumige Bilder. Mit dem Gedicht lässt sich auch gut das Vorlesen üben, weil man eigentlich bis zu drei verschiedene Tonfälle dafür braucht

(Die Kombination der Gedichte ist nicht originell, die ersten beiden macht man sicher irgenwann im Studium, den Barry Cole dazu habe ich aus einem Schulbuch.)

Bei den Gedichten geht es mir einmal um das Verhältnis zwischen dem Mann und seiner Geliebten, zum anderen um Metaphorik. „My love is like a red, red rose“, eine Zeile von Robert Burns, nehme ich gerne als Einstieg: Was hat die Geliebte, oder der, mit einer Rose gemein? Nach der theoretischen Diskussion plus Tafelbild kommt man das folgende Gedicht von Edmund Waller (17. Jahrhundert), wieder eine Rose, wieder als Teil eines Vergleichs, aber hier ist der Sprecher so nett, den Vergleich für den Adressaten oder die Adressatin zu erklären:

Go, lovely Rose –
Tell her that wastes her time and me,
That now she knows,
When I resemble her to thee,
How sweet and fair she seems to be.

Tell her that’s young,
And shuns to have her graces spied,
That hadst thou sprung
In deserts where no men abide,
Thou must have uncommended died.

Small is the worth
Of beauty from the light retired:
Bid her come forth,
Suffer herself to be desired,
And not blush so to be admired.

Then die – that she
The common fate of all things rare
May read in thee;
How small a part of time they share
That are so wondrous sweet and fair!

Aber es stimmt schon, jüngere Gedichte kommen besser an bei Schülerinnen und Schülern. Deshalb habe ich die Sequenz beendet mit zwei Gedichten des von mir sehr geschätzten e.e.cummings (experimentell und zugänglich, also irgendwie safe), beide wieder mit viel Symbolik.

„o by the by“ ist ein kleines, heiteres Gedicht, das nur auf den ersten Blick kryptisch wirkt. (Hier ist der Text.) Wenn man sich ein Bild von der Situation im Gedicht mal, unten ein grüner Hügel, darauf eine Person oder zwei („little you-i“), darüer blauer Himmel… wenn man nur wüsste, was mit „threw/his wish at blue“ gemeint ist… aber auch das ist doch eigentlich klar, finde ich. Bilder zu diesem Wunsch am Himmel haben wir hier:

(it dived like a fish
but it climbed like a dream)
throbbing like a heart
singing like a flame

Singing like a flame? Sind das die Gasflammen früher, die ein kleines Geräusch gemacht haben? Aber vor allem klingt das Gedicht auch einfach schön, besonders in den letzten Versen.

Das Gedicht kam gut an, aber noch mehr eines von Cummings‘ bekanntesten Gedichten: „Somewhere I have never travelled“ (Text hier). Auch das ist voller Bilder, wieder geht es auch um eine Blume, aber diesmal sind die Bilder nicht so leicht zu fassen, nicht so leicht zu analysieren.

Gelernt habe ich dabei auch etwas. Ich hatte das Gedicht immer für ein Liebesgedicht gehalten, weil… na ja, man ist so geprägt. Ein Gedicht, von jemandem (also einem Mann) an jemand anderen (eine Frau), und es geht klar um Liebe und Gefühl. Und vielleicht ist das Gedicht auch so entstanden; ich weiß es nicht. Aber viel besser finde ich: In diesem Gedicht spricht eine Vater, oder eine Mutter, an das noch ganz kleine Kind. Das erklärt auch „in your most frail gesture“, „the power of your intense fragility“ und den feinen letzten Vers: „nobody,not even the rain,has such small hands“. Das Öffnen und Schließen in den Strophen 2 und 3 weckt auch Assoziationen mit einem kindlichen Versteckspiel.

In dem Gedicht spricht nur einer, er spricht über eine andere Person, und ein bisschen zu ihr, aber sicher nicht mit ihr; die andere Person übt eine zauberhafte Macht auf ihn aus, ohne tatsächlich selbst wirklich aktiv zu sein. Ja, das ist eher ein Kleinkind; keine Partnerin.

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5 Thoughts to “Gedichterunde im Englischunterricht

  1. Die Gedichte gleich an Frau H. weitergereicht.
    Das E.E.Cummings-Gedicht könnte auch direkt von ihm an seine Tochter gemeint sein. Er hat ihr immerhin einige Gute-Nacht-Geschichten geschrieben: Fairy Tales: „Once there was a house who fell in love with a bird …“.
    Die Fairy Tales hat Hauptschulblues mit seinen VorleserInnen übrigens gerne (so die VorleserInnen) vorgetragen.

  2. Danke für den Hinweis, das wusste ich noch nicht. (Habe und lese seine sämtlichen Gedichte; aber noch nie Prosa von ihm gelesen.)

  3. Tolle Anregungen. Thanks for sharing. Das Shakespeare Sonett mache ich auch immer, wenn ich Gedichte machen muss, und lasse die SchülerInnen meist eine Zeichnung anfertigen. Da haben wir immer viel Spaß. Gedichte sind allerdings nicht so meins und ich mache sie nur, wenn es sich nicht umgehen lässt.

  4. Ich mag Gedichte, lese sie sogar gern und freiwillig, deutsche oder englische. Aber eigentlich nur metrisch einigermaßen bewusst gestaltete, sonst macht es keinen Spaß. Manchmal – schon lange nicht mehr, sollte ich wieder mal anfangen – erkläre ich sie Frau Rau, die damit gar nichts anfangen kann.

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