Harlan Ellison

Stapel mit Büchern von Harlan Ellison

Mein Studienfreund Frank brachte mich auf Harlan Ellison. Gehört hatte ich natürlich von ihm, und wohl auch die eine oder andere Geschichte gelesen. Aber die meisten Science-Fiction-Autoren, die ich gut kannte, waren die Generation vor ihm, die der 1950er, 1940er Jahre oder noch früher. Ellison ist vorgestern 84-jährig gestorben.

Stapel mit Büchern von Harlan EllisonEllison schrieb Science-Fiction-Kurzgeschichten, auch wenn er diese Bezeichnung nicht mochte, und er schrieb sehr gut, im Sinne von: wortgewandt, lyrisch, und da ich die Geschichten mochte, musste wohl etwas Sentimentalität dabei sein. Er schrieb außerdem Drehbücher (berühmt und preisgekrönt die Star-Trek-Folge “The City On The Edge of Forever” aus er ersten Staffel, die Folge mit Joan Collins) und war Herausgeber. Berühmt und eine Epoche definierend sind die beiden Anthologien Dangerous Visions (1967) und Again, Dangerous Visions (1972). Der dritte Band, The Last Dangerous Visions, erschien nie, obwohl die Geschichten dazu wohl gesammelt waren – eine lange Geschichte, viel Streit, Kontroversen. Und Ellison schrieb vor allem eine große Menge an Kolumnen und Essays, und die sind es, die ich Frank verdanke. Sie sind witzig, interessant, kritisch, pointiert und polemisch. Ellison war wohl sehr, sehr streitlustig; es gibt Unmengen von Anekdoten und Legenden dazu.

Ich kenne Ellison noch aus dem Krimi Murder at the ABA von Isaac Asimov, in dem Asimov als Nebenfigur auftritt und Darius Just, eine seinem Freund Ellison nachempfundene Figur, einen Mord auf einer Messe der American Booksellers Association aufklärt.

Und ich kenne Ellison, weil er mich mal angerufen hat, im Jahr 2000, glaube ich. Und das kam so: Frau Rau und ich lagen abends im Bett und lasen, ihren Aufzeichnungen nach jeweils einen Perry-Mason-Krimi, ich The Case of the Lazy Lover, sie The Case of the Nervous Accomplice. Das Telefon war damals noch im Schlafzimmer (neu in der Wohnung; Buchsen noch so wie ehedem, was übrigens ein vielmeterlanges Modemkabelausrollen nach sich zog – so war das früher), es läutete, der Anrufbeantworter ging ran, und erst Frau Rau stupste mich und sagte: Du, hast du nicht gehört, das ist Harlan Ellison.

Hello, this is Harlan Ellison in Los Angeles. It’s Friday, the 19th of November, 3:21 Los Angeles Time. I think it’s probably eight hours later where you are. I’m trying to reach Thomas Rau who has I have no mouth – it’s a computer game – in German…”

Frau Rau meinte, so schnell sei noch nie ein nackter Mann aus ihrem Bett gesprungen.

Der Hintergrund: Eine von Ellisons bekanntesten Geschichten – die ich selber gar nicht beonders mag – heißt “I have no mouth and I must scream”. Ein vielzitierter Titel, irgendein Marvel-Heft aus dem Silver Age war auch so betitelt, und überhaupt: Ellison schrieb 1963 schon das Avengers-Heft Nummer 101, das letzte dann zu meiner Sammlerzeit in Deutschland erschienene Heft. Aber ich schweife ab.

Zu dieser Geschichte gab es ein gleichnamiges Computerspiel, unter Mitwirkung von Ellison entstanden, 1995 erschienen. (Damals waren CD-ROMs der große Renner, und um den plötzlich zu Verfügung stehenden Speicherplatz auch mit Inhalt zu füllen, erschienen etliche Spiele nach Romanen, im gleichen Jahr etwa auch Bradburys The Martian Chronicles.) Es war ein Point-and-Click-Abenteuer mit fünf verschiedenen Missionen, jeweils eine pro Hauptfigur in der Geschichte. Und eine Mission spielte, aus Gründen, in einem Konzentrationslager. Ich hatte auf einem Grabbeltisch die deutsche Ausgabe erstanden, in dieser Ausgabe des Spiels fehlt diese Mission kommentarlos, was auch Auswirkungen auf die sieben möglichen Enden des Spiels hat. Das hatte Frank, glaube ich, in einem Ellison-Forum im Internet gepostet, weil jemand wissen wollte, wie man an das Spiel in dieser Version kommen konnte, Frank gab ihm nach Rücksprache meine Kontaktdaten – das war alles in den Jahren des Web 1.0, als das gerade richtig losging mit dem WWW. Da gab es noch keine Wikipedia und wenig Recherchemöglichkeiten. Jedenfalls rief dann Harlan Ellison bei mir an.

Geld wollte ich keines, er bot mir auch eines seiner Bücher im Tausch an, aber weil ich davon schon sehr viele hatte und keine Liste durchgeben wollte, wünschte ich mir ein Buch nicht von ihm, das er mir als Lektüre empfehlen könnte. Ich schickte ihm das Spiel, und kriegte von ihm The Far Arena von Richard Ben Sapir.

Das ist meine einzige Ellison-Anekdote, und es ist keine gute, weil sie nichts über Ellison aussagt, nicht seine Großzügigkeit, seine Streitlust, seine Kreativität. Aber eine andere habe ich nicht.

Geschäftige Wochen

(1)
Die letzte Abiwoche ist vorbei – tatsächlich war für die meisten Abiturienten und Abiturientinnen schon in der Woche zuvor mit der Notenbekanntgabe das Abitur herum. Aber wer in den drei schriftlichen Abiturprüfungen zu schlecht abgeschnitten hat, kann in bis zu drei mündliche Ergänzungsprüfungen gehen, die dann mit den schriftlichen Ergebnissen verrechnet werden. Damit kann man sich auch verschlechtern, aber – wenn man eben überraschend schlecht im schriftlichen Teil war – auch etwas verbessern. Das ist dann immer sehr spannend, weil wir Lehrer und Lehrerinnen ja allen wünschen, doch noch zu bestehen.
Tatsächlich ist oft die Abiturnote bei denen, die gerade noch so mit Zusatzprüfungen knapp durchgerutscht sind, dann gar nicht so schlecht. Liegt am System.
Diese Woche dann Abistreich und Abschlussfeier.

(2)
Alles, was digital ist, ist gut. Früher, da war das “elektronisch” das paradigmenwechselnde Schlagwort, und die jugendlichen Abenteuerhelden erlebten elektronische Abenteuer:

Titelseite eines Buches

Und danach war es “atomar”. Sieht man hier schön, ab Sekunde 68 – wer etwas Kontext in der Minute davor sucht, wird Schwierigkeiten haben: The 5,000 Fingers if Dr. T. ist ein sehr skuriller Film:

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Nu, und jetzt haben wir halt die digitale Revolution.

(3)
Unser digitales Mediencurriculum macht Fortschritte. So etwas geben sich ja gerade alle Gymnasien in Bayern, und nicht nur die, und nicht nur in Bayern. Wir gehen nicht fächerweise vor, sondern jahrgangsstufenweise – erst die 5., dann die 6., dann die 7. Klasse.

(4)
Es ist noch über einen Monat bis zu den Sommerferien, aber für Lehrer ist das Schuljahresende praktisch da. Wer jetzt nicht alle Noten hat, der macht sich keine mehr. Also gut, eine kleine Schulaufgabe noch, aber bei anderen steht schon viel fest. Mitarbeit und Verhalten wird eh schon vor dem Notenschluss eingetragen, damit die Klassleitungen das schon mal vorbereiten können. Wünsche für das kommende Schuljahr werden eingeholt, Sommerferienpräsenzen vergeben.

(5)
Die nächsten zwei Wochen: Date im Kultusministerium, Fachsitzung, Abifeier, unverbindliches Treffen mit einem Schulbuchverlag, dienstliches Bogenschießen, Treffen Mediencurriculum, Fortbildungstag, die letzten Vorlesungen im Semester.

Vögel dieser Woche, mit Sperber (2018)

Meise in Wohnzimmer

Am Balkon tummelt es sich gerade wieder, hier eine Kohlmeisenfamilie:

5 Meisen am Balkon

(Ja, Familie; die Jungen quengeln regelmäßig und wollen gefüttert werden.)

Eine junge Meise hat sich dann auch ins Wohnzimmer verirrt; das hatte ich schon einmal. Tür zu, Fenster auf, Ruhe bewahren, hoffen, dass der Vogel nicht vor Angst alles vollscheißt.

Meise in Wohnzimmer

Ja, und heute Abend brüllte eine Amsel sehr laut und noch aufgeregter als sonst. Das hatten wir auch schon mal. Ich sah kleine Federchen fliegen, aber sonst nichts; erst Frau Rau entdeckte wieder unseren alten Freund, den Sperber:

Sperber mit Specht

Was er diesmal erwischt hat, war keine Amsel, sondern einer unserer Buntspechte:

Sperber mit Specht

(Ein männlicher Sperber, denke ich, da nicht sehr groß.)

(Sperber 2009)
(Sperber 2012)
(Sperber 2013)
(Sperber 2016)

Peacock Revolution

im Zug mit grüner Melone

Vor zwei Jahren im Fashion Museum in Bath hörte ich zum ersten Mal von der Peacock Revolution. So hieß das, was Ende der 1960er Jahre für ein paar kurze Jahre die Männermode dominierte: Rüschen und Längsstreifen, Samt und Kord, Lila und Rot und Orange, der volle Sgt. Pepper halt.

Und da habe ich mich wiedererkannt. Kleidung war mir einerseits nie sehr wichtig, ich habe angezogen, was da war und noch einigermaßen frisch roch. Aber es hat mich gefreut, und freut mich immer noch, wenn das auch noch schöne Sachen sind, und zwar: eher etwas extravagante schöne Sachen, mitunter sogar flamboyant. Moden habe ich nur ein einziges Mal bewusst mitgemacht, mit zehn oder zwölf Jahren, als ich mit der Schere Fransen in eine kurze Jeanshose schnitt. Das war eine sehr kurze Phase. Und Marken – Marken hatte man zu meiner Zeit fast noch gar nicht erfunden. (Levi’s Jeans, Kaugummimarken, C&A‑Hausmarke Palomino, Salamander.)

Nein, mein Vorbild war wohl einfach Errol Flynn – dünnes Bärtchen, weites Piratenhemd, lachend auf einer Rahe stehend und die Locken im Wind. Nicht dass ich so war, aber so wollte ich vielleicht sein. So etwas war seit dem Ende der Peacock Revolution nicht mehr Mode, das kam dann erst wieder mit Prince und ist auf Bühnenshows begrenzt.

Man sieht hier, wie ich bereits in jungen Jahren so gekleidet war, wo ich noch heute sage: Respekt.

Zugegeben, das letzte Bild ist tatsächlich eine Faschingskostümierung. Aber vor zwanzig Jahren, als ich noch ranker war, hatte ich ein weißes und ein schwarzes Hemd, das ich explizit als Heldenhemd gekauft hatte – tiefer Ausschnitt, weiter Ärmel. Die Kleidung auf den linken Bildern, zumindest auf dem mittleren, stammt aus Berlin: da hatten wir Verwandtschaft mit Modeläden, und von dort wanderte oft Kleidung in die bayerisch-schwäbische Provinz. Ich fühlte mich sehr wohl darin.

Der bunte Auftritt kam dann immer im Doppelpack, weil ich ja einen Zwillingsbruder habe:

Kinder geringelt

Kinder in grün und gelb Kind im Jeansanzug

Als Teenager dann so:

vogelfütternd, weiße Hose, rosa Hemd

(Nicht gut zu erkennen: die fette Gürtelschnalle in Spinnennetzform. Kann ich interessierten Besuchern heute noch zeigen.)

Manchmal hatte das… Auswüchse. Hier mit 17 Jahren in San Francisco. Man beachte das kleine Bärtchen, lange, lange bevor es mal Mode wurde. (War das in den frühen 2000ern? Ich weiß es gar nicht mehr.) Und, uh, den Rest. Aber immerhin: das Hemd. In der Hand: ein frisch gekauftes Buch, entweder Tolkien-Briefe oder The Return of the King, beide hatte ich in diesem Urlaub gekauft.

Teenager in Chinatown

In der Abizeitung, als jeder von uns 5 Zeilen bekam und gut war’s, stand dann unter anderem “Genie und Dressman”. Heute verstehe ich das besser als früher. Ich sah es schon als Kompliment, aber dressman, moi?

In den Zwanzigern entdeckte ich eine Reihe von dreifarbigen Hemden mit schwarzen Punkten. Hach, waren die schön! Frau Rau war dann aber doch sehr froh, als sie dann mal verschwanden.

Hemd mit Punkten

Von Teenager-Jahren an mochte ich Hawaii-Hemden. Ich hatte stets ein oder zwei, die – wohl wieder durch die Verwandtschaft – den Weg zu mir fanden, später dann immer wieder selbst gekaufte. Ganz zu Anfang dieses Jahrtausends erstand ich dieses schöne Marvel-Hemd, lange vor dem filmischen Erfolg des Marvel-Universums. Einmal im Jahr ziehe ich es in die Schule an:

Für diese Jacke muss ich ein bisschen abnehmen, sonst würde ich sie öfter tragen:

Heute etwas gesetzter und ruhiger, fühle ich mich sehr wohl in diesen Längsstreifen:

Sakko mit Streifen

Wenn es ein bisschen kühl ist oder regnet, aber nicht genug für einen Schirm, dann bietet sich die grüne Melone an:

im Zug mit grüner Melone

Aus dem Irlandurlaub mitgebracht: neue Socken.

bunte Socken

Alles, was noch passt, ziehe ich regelmäßig in die Schule an, daneben manche Nerd-Shirts, und mein Fischgrät-Tweed-Hoodie. Oder graue Pullover. Kaum etwas davon wird je kommentiert, übrigens; wir sind eine sehr höfliche Schule. Aber ich habe Fasching ja auch mal im Ganzkörper-Löwenkostüm unterrichtet, ohne dass das irgendeinen Unterschied gemacht hätte.

Nachtrag:

Selfie im Spiegel

Unterricht zur Abiturzeit

Grußkartenbereich mit Lehrer-Dankeskarten

Beim Vorbereiten von Unterricht muss man, das lernt man im Studium, auch die anthropologisch-psychologischen Voraussetzungen berücksichtigen. Damit meint man meist die Zusammensetzung, die Stimmung, das Vorwissen bei den Schülern und Schülerinnen – aber das alles gibt es bei mir als Lehrer auch. Gerade in der Abiturzeit gehört zu den menschlichen Voraussetzungen bei der Unterrichtsgestaltung: dass ich keine Zeit dafür habe.

Der Unterricht bis zum Schuljahresende ist schon verplant, ab jetzt fällt ohnehin ständig irgendetwas aus. In meiner 6. Klasse mache ich noch ein wenig Rest (Kommunikationsmodell, Etymologie) und dann die Lektüre – Erebos übrigens. Beim Kommunikationsmodell kamen wir schnell zu Beleidigungen und dann zum Strafrecht – die Schüler und Schülerinnen wollten unbedingt wissen, was alles passieren kann, wenn was passiert. Also spontan Strafmündigkeit erklärt und Zivilrecht, und Bußgeldkatalog für Beleidigungen im Straßenverkehr recherchiert.

Auch in der 10. Klasse ist Lektürezeit, und zwar tatsächlich Naomi Alderman, Die Gabe. Bin schon sehr gespannt. Weil ich keine Zeit für irgendwas habe, sollen die Schüler und Schülerinnen allein ein Lektüre-Begleitheft dazu erstellen. Viel Computerraum, wenig Vorbereitung, weil, geht halt nicht anders.

Die 9. Klasse darf mit InstaHub spielen.

Und in der 11. Klasse Englisch… in der 11. Klasse habe ich Urlaubsdias gezeigt. Eigentlich machen wir ja gerade noch die Reste von Indien, aber ein Vergleich ist immer gut, also schob ich kurz eine andere Quasi-Kolonie mit ähnlichem Unabhängigkeitsstreben (aber anderen Methoden) ein: Irland halt. Black pudding erklärt und white pudding, Bilder vom Urlaub gezeigt, und eine kurze Timeline irischer Geschichte angeschrieben.

Ganz wichtig als letztes Urlaubsbild: Was es in irischen Supermärkten für Grußkartenabteilungen gibt. Ich hoffe, ich war deutlich genug:

Grußkartenbereich mit Lehrer-Dankeskarten

Aber eigentlich ging es darum, ein paar Lieder auf Youtube vorzuspielen und zu fragen, wo die geschichtlich einzuordnen sind. Texte hatten die SuS natürlich; alte Faustregel: nie von SuS verlangen, bei unbekannten Liedern den Text einfach so durch Zuhören zu verstehen.

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Und hier einer meiner Favoriten, mit gleich noch etwas spanische Geschichte dazu:

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(Diese Lieder sind natürlich keine Geschichtsschreibung; die verklären und vereinfachen – aber halten auch fest. Irgendwann biete ich vielleicht mal ein W‑Seminar an, “Songs about historical events”, bräuchte dazu aber sicher Unterstützung aus der Geschichte.)

Angelesenes zur irischen Ort(h)ographie, soviel wie für 1 Portion reicht

Meine Irlandeindrücke der letzten Woche muss ich erst noch verarbeiten. Ein schönes und interessantes Land, über das ich fast nichts wusste, wie ich jetzt weiß – dabei hatte ich sogar eine Irland-Vergangenheit, ohne Böll, aber mit Synge und Joyce, Brendan und Domic Behan, J.P. Donleavy, James Stephens, Lord Dunsany sowieso (aber der zählt nicht, glaube ich, obwohl: Biographie und Autobiographie ebenfalls), und Lady Gregory und das Mabinogion, und eigentlich waren es doch eine Menge Bücher aus Irlands wilder Zeit. Dazu Christy Moore rauf und runter, da lernt man auch viel. Und doch.

Die Wegweiser auf den Straßen sind alle zweisprachig Englisch-Irisch, auch sonst sieht man viele irische Namen. Wie diese Namen ausgesprochen werden, das hat aber erst auf den zweiten Blick mit der Schreibung zu tun. Das Amt des Regierungschefs heißt zum Beispiel Taoiseach. Dabei ist das vielleicht gar nicht so schwer. Ich habe mich bei Wikipedia und anderen Seiten kundig gemacht und fasse hier mal zusammen, was in 1 Lektion irischer Ortographie für den Urlaub passt.

Also: Es gibt wie im deutschen Vokale und Konsonanten. Die Vokale gibt es als Kurzvokal (häufig durch die Buchstaben a, e, i, o, u ausgedrückt; die Lautung entspricht ungefähr der deutschen) oder als Langvokal (durch die Buchstaben á, é, í, ó, ú ausgedrückt; auch hier ungefähr wie im Deutschen, nur halt in der langen Fassung). Dass die Lang- und Kurzvokale sich nicht nur durch die Länge unterscheiden, und dass es auch Diphtonge gibt: Erst mal geschenkt.

Und dann gibt es eine ganze Menge Konsonaten. Anders als im Deutschen gibt es die Konsonaten alle in zwei Versionen: slender (palatalisiert, Zungenrücken angehoben) und broad (nicht-palatalisiert). In der Umgebung von hellen, vorderen Vokalen (e, i) werden Konsonanten palatalisiert ausgesprochen, in der Umgebung von dunklen, hinteren Vokalen (a, o, u) nicht.

Auch im Deutschen gibt es diese Unterscheidung. Das “K” in “Kuh” wird (weil danach ein dunkler Vokal kommt) anders ausgesprochen als das “K” in “Kind” (mit einem hellen Vokal). Das hört man nicht, weil das für die Bedeutung im Deutschen egal ist. Mehr fällt das bei dem Laut auf, der mit “ch” geschrieben wird: in “ich” ist der anders (nach hellem Vokal, palatal) als in “ach” (nach dunklem Vokal, velar). Wenn man das “ich” mit dem anderen, unpassenden ch-Laut ausspricht, wird man zwar verstanden, hört sich aber schweizerisch an.

Im Irischen ist diese Unterscheidung wichtig, und zwar nicht nur beim “ch”, sondern bei allen Konsonanten. Ob ein Konsonant slender oder broad ausgesprochen wird, sieht man an den Buchstaben drumherum: Sind die hell (e,i), dann: slender, sind sie dunkel (a, o, u), dann: broad. Beim irischen Wort “Sinn” ist sowohl das “S” als auch das “n” slender, da in der Umgebung eines Buchstabens, der für einen hellen Vokal steht.

Zum Üben habe ich irische Wörter genommen, die ich kenne, und anhand der Liste bei Wikipedia versucht herauszufinden, wie man sie aussprechen müsste, und dann mit der korrekten Aussprache verglichen. Mit etwas Übung und reichlich Nachschlagen geht das auch: man kann von der Schreibung tatsächlich gut auf die Lautung schließen.

Siobhán:

  • S: slender s (ähnlich deutsch “sch”)
  • io: leider schwierig; Regel sagt /ʊ/, ich höre aber immer nur einen unbetonten Schwa-Laut
  • bh: broad w/v (dass es broad sein muss, sieht man am o und á drumrum)
  • á: langes a (der Akzent steht immer für Länge), wobei ich das a stets offener höre, als es die IPA-Umschrift mich Laien vermuten ließe
  • n: broad n (muss ja, wegen á)

Kein Wunder, dass Wikipedia sagt:

Alternative Schreibweisen von Siobhán sind Siavon, Siobhan, Siobhain, Siobhann, Siobhon, Siovhan, Shivaune, Shivaun, Shavon, Sioban, Shivonne, Shvaugn, Shivaughn, Shivaughne, Shavaughn, Shavaughne, Shavaugn, Shavaugne, Shavaun, Shavaune, Sheavaughn, Shavone und Chevonne.

Siobhán ist übrigens das Äquivalent zu “Johanna/Jean”. Die Verkleinerungsform (“Jeanette”) ist:

Sinéad:

  • S: slender s
  • i: kurzes i
  • n: slender n
  • éa: é ist wieder langes e, das a braucht man für den Folgekonsonant)
  • d: broad d (broad: sieht man am a vorer)

Taoiseach:

  • T: broad t (weil danach dunkler Vokal)
  • aoi: langes i, weil das bei ao so ist (das i ist für den folgenden Konsonanten da)
  • s: slender s (also wieder “sch”)
  • ea: in unbetonter Stellung ein Schwa
  • ch: broad ch (wie in deutsch “ach”)

So heißt das Amt des Regierungschefs im Parlament. Das irische Parlament heißt:

Dáil Éireann:

  • D: broad d
  • ái: langes a (und Zwischenvokalzeichen für den Folgekonsonant)
  • l: slender l (am i davor sieht man, dass es slender sein muss)
  • Éi: langes e (und eingeschobenes i)
  • r: slender r
  • ea: in unbetonter Stellung ein Schwa
  • n: broad n

Im Parlament sitzen unter anderem folgende Parteien:

Fianna Fáil:

  • F: slender f (slender sieht man an folgendem i)
  • ia: ein echter Diphtong, /iə/ – Diphtonge gibt es vor allem bei ia und ua, sonst sind es meistens Zwischenvokale
  • nn: broad n
  • a: Schwa
  • F: broad f (broad sieht man am folgenden á)
  • ái: kein Diphtong (weil nicht ia und ua), sondern ein langes a (wegen Akzent), gefolgt von Zwischenvokalzeichen
  • l: slender l (damit es auch wirklich klar slender ist, muss eben das i zwischen á und l)

Fine Gael:

  • F: slender f
  • i: kurzes i (wenn betont)
  • n: slender n
  • e: Schwa
  • G: broad g
  • ae: langes e, das kam überraschend, und es zählt vor allem trotzdem als dunkles Vokalzeichen, da hier vor einer Rechtschreibreform Mitte des 20. Jahrhunderts “aedhea” geschrieben wurde, also mit einem “a” am Schluss – Gaedheal statt heute Gael
  • l: broad l (das Vokalzeichen davor ist zwar hell, früher stand da aber ein dunkles)

Sinn Féin:

  • S: slender s
  • i: kurzes i (in betonter Stellung)
  • nn: slender n
  • F: slender f
  • éi: langes e (wir erinnern uns, der Akzent) – gilt für é und éi, aber ist das i dann nicht völlig unnötig?
  • n: slender n (aber das wäre auch ohne das i slender)

Dann noch Aongus > mit langem /i:/ vorne, broad consonants in der Mitte und hinten. Ebenso Aoife > mit langem /i:/ vorne, aber slender f (daher das i in der Schreibung), Schwa am Ende. Saoirse > mit /i:/ in der Mitte, vorne ist das s broad, in der Mitte slender, Schwa am Ende – alles sind Vornamen. I think he’s got it!

Zum merken für mich:
Ao(i) ist /i:/.
Ae(i) ist /e:/.
S in der Umgebung von e und i ist “sch”, sonst “s”.
Wenn ein Akzent darauf ist, ist es immer lang und ein Monophtong, auch wenn noch so viel Vokalbuchstaben drumrum sind.

Und wie sich das r oder l als broad oder slender consonant nun ahören, und was die ganzen h sollen, das ist wieder eine andere Geschichte und wäre sicher etwas für eine 2. Portion.

Links: