Angelesenes zur irischen Ort(h)ographie, soviel wie für 1 Portion reicht

Meine Irlandeindrücke der letzten Woche muss ich erst noch verarbeiten. Ein schönes und interessantes Land, über das ich fast nichts wusste, wie ich jetzt weiß – dabei hatte ich sogar eine Irland-Vergangenheit, ohne Böll, aber mit Synge und Joyce, Brendan und Domic Behan, J.P. Donleavy, James Stephens, Lord Dunsany sowieso (aber der zählt nicht, glaube ich, obwohl: Biographie und Autobiographie ebenfalls), und Lady Gregory und das Mabinogion, und eigentlich waren es doch eine Menge Bücher aus Irlands wilder Zeit. Dazu Christy Moore rauf und runter, da lernt man auch viel. Und doch.

Die Wegweiser auf den Straßen sind alle zweisprachig Englisch-Irisch, auch sonst sieht man viele irische Namen. Wie diese Namen ausgesprochen werden, das hat aber erst auf den zweiten Blick mit der Schreibung zu tun. Das Amt des Regierungschefs heißt zum Beispiel Taoiseach. Dabei ist das vielleicht gar nicht so schwer. Ich habe mich bei Wikipedia und anderen Seiten kundig gemacht und fasse hier mal zusammen, was in 1 Lektion irischer Ortographie für den Urlaub passt.

Also: Es gibt wie im deutschen Vokale und Konsonanten. Die Vokale gibt es als Kurzvokal (häufig durch die Buchstaben a, e, i, o, u ausgedrückt; die Lautung entspricht ungefähr der deutschen) oder als Langvokal (durch die Buchstaben á, é, í, ó, ú ausgedrückt; auch hier ungefähr wie im Deutschen, nur halt in der langen Fassung). Dass die Lang- und Kurzvokale sich nicht nur durch die Länge unterscheiden, und dass es auch Diphtonge gibt: Erst mal geschenkt.

Und dann gibt es eine ganze Menge Konsonaten. Anders als im Deutschen gibt es die Konsonaten alle in zwei Versionen: slender (palatalisiert, Zungenrücken angehoben) und broad (nicht-palatalisiert). In der Umgebung von hellen, vorderen Vokalen (e, i) werden Konsonanten palatalisiert ausgesprochen, in der Umgebung von dunklen, hinteren Vokalen (a, o, u) nicht.

Auch im Deutschen gibt es diese Unterscheidung. Das „K“ in „Kuh“ wird (weil danach ein dunkler Vokal kommt) anders ausgesprochen als das „K“ in „Kind“ (mit einem hellen Vokal). Das hört man nicht, weil das für die Bedeutung im Deutschen egal ist. Mehr fällt das bei dem Laut auf, der mit „ch“ geschrieben wird: in „ich“ ist der anders (nach hellem Vokal, palatal) als in „ach“ (nach dunklem Vokal, velar). Wenn man das „ich“ mit dem anderen, unpassenden ch-Laut ausspricht, wird man zwar verstanden, hört sich aber schweizerisch an.

Im Irischen ist diese Unterscheidung wichtig, und zwar nicht nur beim „ch“, sondern bei allen Konsonanten. Ob ein Konsonant slender oder broad ausgesprochen wird, sieht man an den Buchstaben drumherum: Sind die hell (e,i), dann: slender, sind sie dunkel (a, o, u), dann: broad. Beim irischen Wort „Sinn“ ist sowohl das „S“ als auch das „n“ slender, da in der Umgebung eines Buchstabens, der für einen hellen Vokal steht.

Zum Üben habe ich irische Wörter genommen, die ich kenne, und anhand der Liste bei Wikipedia versucht herauszufinden, wie man sie aussprechen müsste, und dann mit der korrekten Aussprache verglichen. Mit etwas Übung und reichlich Nachschlagen geht das auch: man kann von der Schreibung tatsächlich gut auf die Lautung schließen.

Siobhán:

  • S: slender s (ähnlich deutsch „sch“)
  • io: leider schwierig; Regel sagt /ʊ/, ich höre aber immer nur einen unbetonten Schwa-Laut
  • bh: broad w/v (dass es broad sein muss, sieht man am o und á drumrum)
  • á: langes a (der Akzent steht immer für Länge), wobei ich das a stets offener höre, als es die IPA-Umschrift mich Laien vermuten ließe
  • n: broad n (muss ja, wegen á)

Kein Wunder, dass Wikipedia sagt:

Alternative Schreibweisen von Siobhán sind Siavon, Siobhan, Siobhain, Siobhann, Siobhon, Siovhan, Shivaune, Shivaun, Shavon, Sioban, Shivonne, Shvaugn, Shivaughn, Shivaughne, Shavaughn, Shavaughne, Shavaugn, Shavaugne, Shavaun, Shavaune, Sheavaughn, Shavone und Chevonne.

Siobhán ist übrigens das Äquivalent zu „Johanna/Jean“. Die Verkleinerungsform („Jeanette“) ist:

Sinéad:

  • S: slender s
  • i: kurzes i
  • n: slender n
  • éa: é ist wieder langes e, das a braucht man für den Folgekonsonant)
  • d: broad d (broad: sieht man am a vorer)

Taoiseach:

  • T: broad t (weil danach dunkler Vokal)
  • aoi: langes i, weil das bei ao so ist (das i ist für den folgenden Konsonanten da)
  • s: slender s (also wieder „sch“)
  • ea: in unbetonter Stellung ein Schwa
  • ch: broad ch (wie in deutsch „ach“)

So heißt das Amt des Regierungschefs im Parlament. Das irische Parlament heißt:

Dáil Éireann:

  • D: broad d
  • ái: langes a (und Zwischenvokalzeichen für den Folgekonsonant)
  • l: slender l (am i davor sieht man, dass es slender sein muss)
  • Éi: langes e (und eingeschobenes i)
  • r: slender r
  • ea: in unbetonter Stellung ein Schwa
  • n: broad n

Im Parlament sitzen unter anderem folgende Parteien:

Fianna Fáil:

  • F: slender f (slender sieht man an folgendem i)
  • ia: ein echter Diphtong, /iə/ – Diphtonge gibt es vor allem bei ia und ua, sonst sind es meistens Zwischenvokale
  • nn: broad n
  • a: Schwa
  • F: broad f (broad sieht man am folgenden á)
  • ái: kein Diphtong (weil nicht ia und ua), sondern ein langes a (wegen Akzent), gefolgt von Zwischenvokalzeichen
  • l: slender l (damit es auch wirklich klar slender ist, muss eben das i zwischen á und l)

Fine Gael:

  • F: slender f
  • i: kurzes i (wenn betont)
  • n: slender n
  • e: Schwa
  • G: broad g
  • ae: langes e, das kam überraschend, und es zählt vor allem trotzdem als dunkles Vokalzeichen, da hier vor einer Rechtschreibreform Mitte des 20. Jahrhunderts „aedhea“ geschrieben wurde, also mit einem „a“ am Schluss – Gaedheal statt heute Gael
  • l: broad l (das Vokalzeichen davor ist zwar hell, früher stand da aber ein dunkles)

Sinn Féin:

  • S: slender s
  • i: kurzes i (in betonter Stellung)
  • nn: slender n
  • F: slender f
  • éi: langes e (wir erinnern uns, der Akzent) – gilt für é und éi, aber ist das i dann nicht völlig unnötig?
  • n: slender n (aber das wäre auch ohne das i slender)

Dann noch Aongus > mit langem /i:/ vorne, broad consonants in der Mitte und hinten. Ebenso Aoife > mit langem /i:/ vorne, aber slender f (daher das i in der Schreibung), Schwa am Ende. Saoirse > mit /i:/ in der Mitte, vorne ist das s broad, in der Mitte slender, Schwa am Ende – alles sind Vornamen. I think he’s got it!

Zum merken für mich:
Ao(i) ist /i:/.
Ae(i) ist /e:/.
S in der Umgebung von e und i ist „sch“, sonst „s“.
Wenn ein Akzent darauf ist, ist es immer lang und ein Monophtong, auch wenn noch so viel Vokalbuchstaben drumrum sind.

Und wie sich das r oder l als broad oder slender consonant nun ahören, und was die ganzen h sollen, das ist wieder eine andere Geschichte und wäre sicher etwas für eine 2. Portion.

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3 Thoughts to “Angelesenes zur irischen Ort(h)ographie, soviel wie für 1 Portion reicht

  1. Danke für die große Portion Irisch! Nur in der Überschrift gibt es noch Verbesserungspotenzial: Orthographie (oder meinetwegen Orthografie) schreibt sich nach wie vor mit „th“. Oder Sie lassen die Orthographie gleich ganz weg, schließlich geht es im Text doch eigentlich eher um Phonetik und Phonologie des Irischen…

  2. Ah ja, danke. Ich habe so lange überlegt, ich „grafie“ oder „graphie“ schreiben soll, dass mir das darüber entgangen ist.

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