Lord Dunsanys Gürtel

Einschusslöcher an Dubliner Hauptpostamt
Einschusslöcher an Dubliner Hauptpostamt

In Dublin machten wir eine Führung zum Easter Rising mit. Das waren sechs Tage Aufstand in (hauptsächlich) Dublin; das Hauptpostamt wurde besetzt und zum Hauptquartier des Aufstands. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, die 15 Anführer hingerichtet – was wiederum zu Wahlgewinnen für die Unabhängigkeit fordernde Partei Sinn Féin im (englischen) Parlament führte, dann einer Unabhängigkeitserklärung, dem Krieg danach. Nicht gewusst hatte ich, dass eigentlich ein irlandweiter Aufstand vorbereitet war, der dann aber wegen mehrfacher Kommunikationsprobleme doch weitgehend auf Dublin begrenzt war.

Ein englisch-irischer Autor jener Zeit, den ich sehr schätze, ist Lord Dunsany – Edward John Moreton Drax Plunkett, 18. Baron Dunsany; Betonung auf der langen zweiten Silbe, mit Diphtong; aus bekannter, verzweigter und reicher irischer Familie. Ich wollte wissen, wie er sich eigentlich während des Osteraufstands verhalten hatte. Also schlug ich bei Wikipedia nach.

Er war im Militär, aber gerade im Urlaub; fuhr trotzdem gleich nach Dublin, um (den Briten) zu helfen, wurde verwundet, dann aus dem Krankenhaus entlassen. Und dann steht bei Wikipedia, ohne Quellenangabe:

His military belt was lost in this episode and was later used at the burial of Michael Collins.

Michael Collins ist ein Nationalheld, Führer des Unabhängigkeitskampfes, und starb 1922 in einem Feuergefecht im irischen Bürgerkrieg. Was niemanden auf Wikipedia verwundert, mich aber schon: Wie kommt Lord Dunsanys Gürtel, von dem wir zuletzt 1916 gehört haben, sechs Jahre später zur Beerdigung von Michael Collins?

Dunsany beschreibt diese Tage in dem ersten seiner drei schmalen Bändchen Autobiographie. Ich habe nur den zweiten Band im Regal, aber auf Lord Dunsany in the Great War werden Dunsanys Erfahrungen beschrieben, mit vielen Zitaten aus der Autobiographie. Anscheinend steht in dieser aber nichts von dem Gürtel, auch eine Google-Books-Suche im (nicht öffentlich zugänglichen) Scan nach „Belt“ bringt kein Ergebnis. Genannt wird in dem Blogeintrag allerdings eine Seite aus der Dunsany-Biographie von Mark Amory, und die habe ich im Regal:

A curious postscript was told to him [Dunsany] long afterwards by a doctor who necessarily knew many of the secrets of both sides. Dunsany’s Sam Browne belt was taken from him by the Sinn Feiner who delivered him to the hospital. Seven years later when Michael Collins, the Nationalist leader, was murdered, it chanced to be lying around and Collins was laid out and buried with it. (Mark Amory, Lord Dunsany: A Biography. London: Collins, 1972, p. 129)

Das war’s. Keine Quelle angegeben. „It chanced to be lyring around?“ Das klingt recht unwahrscheinlich, aber hey, das ist Irland, das passieren unwahrscheinliche Dinge, und Irland ist klein. Der nächste Schritt wäre, sich Michael Collins vorzunehmen und die Umstände seiner Beerdigung. Wikipedia dazu:

The body was first presented at Shanakiel Hospital in Cork, a small military establishment, and then shipped around the coast to Dublin where it was laid out in St Vincent’s Hospital Dublin. From there it was removed to the City Hall beside Dublin Castle where it was laid in state.

In keiner der Biographien, die mir über die Google-Büchersuche zugänglich waren, habe ich etwas zum Gürtel gefunden. Nur sehr gelegentlich wird Amory zitiert. (Viele Bücher sind bei von Google eingescannt und zwar nicht als Ganzes zugänglich, können aber nach Wörtern durchsucht werden.)

Sicher ranken sich um Michael Collins auch viele Legenden. Ist das eine davon? — Ich habe den Historiker, der die Easter-Rising-Tour geleitet hat, angeschrieben; er kennt einen Michael-Collins-Spezialisten und will es diesem weiterleiten. Wenn etwas herauskommt, hänge ich das hier an.

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2 Thoughts to “Lord Dunsanys Gürtel

  1. Danke für den Anstoß – Lord Dunsany muss ich mir unbedingt auch mal ansehen-ich hatte letztes Jahr die Ehre, ein einstündiges Interview mit Peter S. Beagle zu führen & er hat ihn als einen seiner wichtigsten Einflüsse genannt…

  2. Dunsany: Unbedingt. Die Kurzgeschichten, die frühen vor allem. Das sind die außergewöhnlichen, stilprägenden – „Idle Days on the Yann“, oder, exotischer, „Why the Milkman Shudders When He Perceives the Dawn“. Feine Kenner, zu denen ich aber nicht gehöre, schätzen auch seine Romane.

    Beagle: Respekt. Ich schätze ihn sehr.

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