Kull von Atlantis – Terra Fantasy Band 28 und 29

Der erste Terra-Fantasy-Band enthält – mehr oder weniger – die Hälfte der 1967 zusammengetragenen Kull-Geschichten: Drei längere oder halbwegs lange Geschichten, sechs eher kurze Vignetten. Zwei Fragmente wurden durch Lin Carter beendet. Alles Howard-Material entstand wohl 1926–1930, nur ein kleiner Teil wurde zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. Kull verkaufte sich wohl nicht besonders, Robert E. Howard packte beim nächsten Versuch noch ein bisschen mehr Magie dazu und schuf seine nächste, ungleich erfolgreichere Figur: Conan, den Barbaren.

Kull ist nur in der ersten kurzen Vor-Geschichte allein, danach stets König und stets in Begleitung der gleichen Weggefährten. Klar wird viel mit dem Schwert gekämpft, aber der Hauptgegner wird nie im Kampf getötet (von einer der Geschichten abgesehen, die von Lin Carter beendet wurden, und die auch in anderen Punkten von Howard abweicht). Vielmehr geht es um eher existentielle Probleme oder philosophisch verpackte Rätsel, auf einem Niveau, das einen Teenager durchaus faszinieren kann. In einer Geschichte stirbt der Gegner explizit nicht durch Kull, sondern einen unscheinbaren Skorpion; in einer anderen geht es um eine das ganze Universum bedrohende Stille (ähnlich wie bei Michael Endes Nichts); in einer weiteren um die Sache mit dem Kosmos und dem Sandkorn und Welten in Welten und so weiter.

Anders als sein Nachfolger Conan ist Kull ein Grübler, Standardpose Kopf sinnend auf den Arm gestützt. Es gibt keine Trinkgelage, sondern “zwei riesengroße Regale mit Pergamentschriften” in seinem ansonsten karg eingerichteten Raum, und “Kull war nicht an Frauen interessiert”. Der Emo unter den Barbaren, der Philosoph, der Asket? Der Grübler?

Wirklich erwähnenswert und folgenreich ist vielleicht nur die einzige der Geschichten in diesem Band, die zu Howards Lebzeiten veröffentlicht wurde, “Das Schattenkönigreich”. Darin geht es um Verfolgungswahn und Identität. Kull ist erst vor kurzer Zeit zum Herrscher von Valusien aufgestiegen. Das neuerworbene Reich ist ihm noch unbekannt; er wird überrascht von einem Geheimgang, der bis zu seinen Gemächer führt, und der seinen piktischen Verbündeten (später: Vertrauten) bekannter ist als ihm. Vor allem ist sein Palast von einem Kult von Schlangenmenschen unterwandert, die die Gestalt echter Menschen annehmen können. Er kann sich nicht darauf verlassen, dass die Personen wirklich die sind, für die sie sich ausgeben – und wird selbst für eine kurze Weile durch einen Doppelgänger auf dem Thron ersetzt. (Diese Geschichte ist wohl tatsächlich der Urvater von “V – die Besucher” oder den modernen Reptiloiden-Verschwörungstheorien.)

Der zweite Band enthält die restlichen Geschichten, und damit fast alles, was es von Kull gibt. Auch hier sind Geschichten von Lin Carter beendet, und nicht wirklich gut beendet.

Erwähnenswert ist “Herr von Valusien” (“By This Axe I Rule”), eine abgelehnte und unverkaufte Geschichte, die Howard nur leicht variierte, mit ein bisschen Magie versah, und dann mit “Conan” als Namen der Hauptfigur verkaufte – so kam es, dass auch Conan schon in der ersten Geschichte ein König war. In den meisten anderen Geschichten ist er eher ein Herumtreiber. Eine Nebenfigur der Geschichte, die Kull letztlich das Leben rettet, ist – wieder mal – eine Frau, die aufgrund der Gesetze Valusiens ihren Geliebten nicht heiraten kann. Nach seiner Rettung zerbricht Kull dramatisch mit seiner Axt die Steintafel mit dem hinderlichen Gesetz. “Ich bin das Gesetz,” ruft er. – Der Gedanke, dass es ein Volk gibt, das, etwa mittels gewählter Vertreter, das Gesetz ändern kann, ist diesen Geschichten fremd.

In “Die Spiegel des Tuzun Thune” (“The Mirrors of Tuzun Thune”) hört Kull von einem berühmten Zauberer, der Wunder wirken kann, und stellt ihn auf die Probe. Er soll einen Dämon beschwören, oder ein Wunder wirken. Der Zauberer kontert, nichts sei leichter als das: Er müsse nur Kull ins Gesicht schlagen, und würde damit einen furchtbaren Dämon herbeirufen. Und der Zauberer bewegt seine Hand: “Ist dies kein Wunder – daß dieses blinde Fleisch meinem Geist gehorcht? Ich gehe, ich atme, ich spreche. Sind das nicht alles Wunder?”

Ich hätte schwören können, dass ich das schon mal bei Lessing in Nathan der Weise gelesen habe. Da geht es doch auch um Wunder, und dass unsere Welt wunderbar genug ist. Ähnlich auch bei Lichtenberg, ganz häufig bei Chesterton – aber nichts. Kann es sein, dass diese aufklärerische Szene wirklich auf Howards Mist gewachsen ist?

Ich habe nur eine entfernt verwandte Zen-Erzählung gefunden, wo ein Soldat zum Zen-Lehrer Hakuin geht und von diesem wissen will, ob es wirklich ein Paradies und eine Hölle gibt. Hakuin beleidigt den Soldaten, worauf dieser sein Schwert zu ziehen beginnt: Hier öffne sich das Tor zur Hölle. Als der Soldat sein Schwert wieder in die Scheide steckt, kommentiert Hakuin: Und hier beginne das Paradies. – Ich glaube, von dieser Art der Proben eines weisen Lehrers gibt es noch mehr, und irgendwo hat REH das mit dem Wunder und der Hand her.

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