Gulasch, Räuber, kommunikativer Sexismus

Abendessen war Wildschweingulasch, um die Heizperiode einzuleiten:

Dazu Böhmische Knödel, fast so gut wie in meiner Kindheit. Ich habe allerdings weniger Rollmuster innen in Erinnerung. Das Rote ist Moosbeerenmarmelade, gesammelt, gemacht und geschenkt bekommen vom lieben Kollegen.

Als Nachtisch gab es doch noch Sommerliches: Zum ersten Mal Wassermelone aus dem Kartoffelkombinat, unserer Anbaugenossenschaft.

War sehr süß, sehr lecker.


In der Schule in der 10. Klasse Die Räuber gemacht. Eigentlich ist ja gerade Lyrik, aber da habe ich Übungsaufsätze gekriegt, und Drama kommt bei vielen besser an – ich finde das Stück auch sehr zugänglich. Erste Szene, Besetzungsfragen: der alte Moor klischeehaft dick (gemütlich, gutwillig) oder dünn (zerbrechlich, alt)? Der Schülervorschlag Leonardo di Caprio als Franz Moor wurde mehrheitlich abgelehnt, große Zustimmung dagegen für Tom Hiddleston (“Loki”). Kunststück: der intrigante, verschlagene, eifersüchtige Bruder ist ja fast die gleiche Konstellation. Als Nächstes wurde dann Wurmzunge aus dem Herrn der Ringe – und anscheinend auch der Hobbit-Verfilmung – vorgeschlagen, passt auch. (Wurm aus Kabale und Liebe habe ich für mich behalten.)


In Deutsch 11, auch als Vorbereitung auf die Dramenanalyse, Zeichen- und Kommunikationsmodelle gemacht. Angefangen mit der Bibel:

Denn als Gott der Herr gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere auf dem Felde und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen würde, so sollten sie heißen. Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen

(1. Mose 2)

Dann Probleme gezeigt, warum das so einfach nicht geht mit der 1:1‑Zuordnung von Dingen und Wörtern. Ganz kleiner Exkurs, man hat ja Bildungsauftrag: Da der Mensch näher mit den Goldfischen verwandt ist als die Goldfische mit den Haien, ist der Begriff “Fisch” allein schon nicht ganz einfach. Es gibt Knorpelfische (Haie, Rochen) und Knochenfische, und da wiederum Strahlenflosser (Goldfische) und Fleischflosser (Quastenflosser), und zu letzteren letztlich auch die Tetrapoden/Landwirbeltiere…

Organonmodell ganz kurz, Schulz von Thun, Roman Jakobson. Ist alles auch im Schulbuch, aber nicht sehr verständlich dort, finde ich. Und am Ende Sprechakttheorie nach Austin/Searle, erweitert um die phatische Funktion bei Jakobson. Das können die Schüler und Schülerinnen alles bei der Dramenanalyse heranziehen, wenn es sich anbietet, sie müssen aber nicht.

Mir war es wichtig, dass sie verschiedene Modelle gezeigt bekommen, auch wenn ein Arbeitsblatt am Schluss klar macht, welche Elemente ich für sie für die Schule für am geignetsten halte. Denn es ist ja nicht so, dass alle Nachrichten vier Seiten haben, sondern: nach dem Modell von, zum Beispiel, Schulz von Thun ist das jeweils der Fall. Andere Modelle machen das anders, und manche Modelle sind für manche Zwecke geeigneter als andere.

Vier Seiten einer Nachricht, Wikipedia, gemeinfrei
Roman Jakobson, Functions of Language, Wikipedia, gemeinfrei

Mit Schulz von Thun bin ich nie so recht warm geworden. Der Unterschied zwischen den Aspekten ist mir nicht immer klar, und die phatische Funktion fehlt. Außerdem sind die Standardbeispiele dann doch irgendwie sexistisch. “Was ist das Grüne in der Soße?”/“Mein Gott, wenn es dir nicht schmeckt, kannst du ja selber kochen.” Die Frau kocht für den Mann und ist auch noch zickig, weil sie seine harmlose Frage missversteht. Anderes Beispiel, bei dem ich nicht weiß, ob es von Schulz von Thun ist, aber es ist auch im Schulbuch: “Du, da vorne ist Grün!”/“Fährst du oder fahre ich?” Da ist es egal, wer am Steuer sitzt, Hauptsache, das eine ist ein Mann und das andere eine Frau.

Es hilft gar nicht, dass der unmittelbar folgende Abschnitt des Schulbuchs (2008) den unsäglichen Mario Barth und sein heiteres Wörterbuch “Deutsch-Frau, Frau-Deutsch” präsentiert. Die Arbeitsaufträge dazu sind nicht besonders kritisch:

  1. Der Autor karikiert das Verhalten eines Paares. Warum misslingt hier die Verständigung?
  2. Tragen Sie eigene Erfahrungen und Beobachtungen zum Gesprächsverhalten von Männern und Frauen zusammen. Vergleichen Sie Ihre Ergebnisse.

Da kann etwas Gutes herauskommen dabei, aber man müsste mindestens auch über die Gründe für das andere Gesprächsverhalten sprechen. Ich glaube übrigens nicht, dass Lehrer und Lehrerinnen sich da unterschiedlich im Klassenzimmer verhalten. Fachabhängige Unterschiede sehe ich eher, und dass Lehrer im Lehrerzimmer eher die Lehrerinnen unterbrechen als umgekehrt, das stimmt wohl schon.

(Nachtrag: Sprechaktanalyse dann geübt anhand von Loriotsketch.)

5 Antworten auf „Gulasch, Räuber, kommunikativer Sexismus“

  1. “Da der Mensch näher mit den Goldfischen verwandt ist als die Goldfische mit den Haien …”
    Oh!
    Loriot ist prima für Sprechaktanalyse, auch in der HauptMittelschule.
    Ja, und mit dem von Thun hatte H. es nie.

  2. Danke! Bin dem sicher schon mehrfach begegnet, habe den Herrn der Ringe aber nie auf deutsch gelesen. Denn der amerikanische Cousin hatte eine schöne einbändige Ausgabe dagelassen, mit Bakshi-Reitern vorne, an die ich mich dann doch irgendwann machte.

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