Jahresrückblick 2020

Gleich am ersten Tag des Jahres fuhr ich mit Frau Rau mit dem Zug nach Venedig. Das war sehr schön. Unbeschwert, wie oft und vieles. Frau Rau konnte zwar schon keine Tageswanderungen mehr unternehmen, und joggen auch nicht, aber das Spazierengehen mit gelegentlichem Vaporetto ging noch sehr gut.

In Venedig entstand die Idee, dass ich doch mal ein Sabbatjahr einlegen konnte. Es schien rückblickend offensichtlich, aber tatsächlich hatte ich das nie in Erwägung gezogen. Zuhause erkundigte ich mich und beantragte und dann wurde das genehmigt.

Ende Januar gab es eine neue Diagnose für die Hüftschmerzen von Frau Rau, und im März entschied sie sich zu einer Operation. Mit Warteliste und Vorstellungsterminen dauerte es bis Ende Oktober, bis das künstliche Hüftgelenk eingesetzt war. Soweit läuft alles gut ab.

Nicht ganz so gut sieht es mit meinem Vater aus. Oberschenkelhalsbruch, letztes Jahr, und nach einer nicht sehr gelungen Erstoperation gab es eine zweite Operation, die ebenfalls nicht sehr sauber ausgeführt wurde. (Das Krankenhaus machte auch insgesamt einen schlechten Eindruck, obwohl das nichts über die Qualität der Operationen aussagen muss.) Aktuell liegt mein Vater nach der dritten Operation in der Rehaklinik, unbesuchbar wegen Corona; und wenn alles gut geht, ist er nach einer vierten Operation dann wieder auf den Beinen. Ich weiß nicht, wie es ihm wirklich geht, und mache mir große Sorgen. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich meine Eltern, die beide noch leben und beide alt sind, als selbstverständlich und gegeben hingenommen. Erst als meine Mutter vor vierzehn Jahren an Krebs erkrankte, verstand ich, dass das nicht immer so weitergehen würde. Meine Eltern sind deutlich über achtzig Jahre als und beide so großartig, dass ich das einmal in einem eigenen Blogeintrag ausführlich erklären muss.

Währenddessen Corona, und Schule zu Hause. Alles schrecklich, aber auch aufregend. Es war spannend, ernüchternd, frustrierend und gelegentlich erfreulich, was da im Schulsystem geschah.

Richtig frustrierend wurde es erst im Spätsommer. Die Schule begann regulär, und die Regelungen der Regierung sahen vor, dass ab einem 7‑Tage-Inzidenzwert Maskenpflicht im Unterricht gelten würde, und strengere Maßnahmen bei noch höheren Werten. Ach, was haben wir gelacht. Bei uns haben etliche Lehrer und Lehrerinnen, aber nicht alle, ab dem 50er-Wert auf Masken bestanden auch ohne dass eine offizielle Ansage kam. Die kam dann auch nicht, “wird schon gut gehen” hieß es bei den Schulen, und wenn die einst getroffenen Regeln anderswo ebenso schnell ignoriert wurden, ist es kein Wunder, dass die zweite Welle in den ersten Oktobertagen begann und es lange dauerte, bevor die ersten Maßnahmen ergriffen wurden. Hätte man mal früher.

(Dazwischen, in den Sommerferien. mit dem Zug nach Frankfurt und Bremen, Urlaub machen und Menschen besuchen. Zum letzten Mal geflogen März 2019.)

Mir geht es gut, Frau Rau auch, und uns beiden zusammen geht es auch gut. Wir haben einander und sind vom Temperament her so gut vorbereitet auf ein Leben in der Wohnung, wie es eben geht. Aber ich neige dazu, mich noch mehr zu verkriechen als sonst.

Dabei ist meine Welt voller guter Menschen. Die Freunde aus meiner Schulzeit, die außerschulischen Freunde meiner Teenagerjahre, die Freunde aus meinen frühen Zwanzigern, die Freunde aus meinen späten Zwanzigern – zu den meisten habe ich keinen Kontakt gehalten. Ich habe wirklich ganz bezaubernde Neffen und Nichten (und Brüder und Schwiegerfamilie), und – weiter entfernt lebend – etliche Cousins und Cousinen. Und melde mich sehr wenig bei ihnen. Ich denke viel an sie (und an andere), das reicht mir eigentlich, aber wenn ich diese Kontakt auf Dauer aufrechterhalten möchte, muss ich mich vielleicht mehr anstrengen.

2 Antworten auf „Jahresrückblick 2020“

  1. Lieber Herr Rau,
    ist Ihre jährliche Cthulhu-Runde dieses Jahr ausgefallen oder wurde sie per Discord o.Ä. abgehalten? Leider haben Sie seit 2017 nicht mehr darüber gebloggt.
    Beste Grüße von einem regelmäßigen Leser
    Yanthar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.