Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 1

Ein namenlos bleibender Erzähler wandert in der Schweiz, um den Zuger See herum und läuft dort immer wieder einem anderen Wanderer über den Weg. Die beiden freunden sich fast an, doch der Unbekannte, A.E. genannt (“Auch Einer”, hat das halbe Buch gedauert, bis ich das kapiert habe), wahrt eine gewisse Distanz. Er nennt seinen Namen nicht und will auch den des Erzählers nicht wissen, um das Verhältnis so ganz von Mensch zu Mensch halten, ohne Achtung von Herkunft oder Stand. Im Lauf ihrer vielen Gespräch erklärt A.E. dem Erzähler seine Philosophie, sein Weltbild.

Schon früh fällt dabei der Begriff von der “Tücke des Objekts”. Der hatte mich ursprünglich auf diesen Roman gebracht – ein sprichwortlich gewordener Ausdruck, in meiner Kindheit in meiner Familie immer wieder mal verwendet, so wie “Oh wie eiskalt ist dein Händchen” und viele andere. Genug – ich recherierte und fand heraus, dass der Ausdruck aus diesem Roman stammt, der unter anderem als “kurios” bezeichnet worden war und später zu einem ebenso kuriosen Roman von Heimito von Doderer. Also musste ich Auch Einer lesen.

Die Welt nach A.E. ist böse, oder zumindest eben tückisch: Eine liebevoll bestrichene Scheibe Brot am Nebentisch fällt exemplarisch auf die gebutterte Seite – “’natürlich’ würde A.E. sagen”. Die erstaunlich ausführliche Wikipedia-Seite zum Eintrag “Butterbrot” sagt mir im Abschnitt “Fallen eines Butterbrots”, dass das bereits ab dem Anfang des 19. Jahrhunderts Thema ist; der englische Eintrag “Buttered toast phenomenon” führt ein Gedicht von 1884 an, das zur Verbreitung dieses Gedankens beigetragen habe.

“Von Tagesanbruch bis in die späte Nacht, solang irgend ein Mensch um den Weg ist, denkt das Objekt auf Unarten, auf Tücke. Man muß mit ihm umgehen, wie der Tierbändiger mit der Bestie, wenn er sich in ihren Käfig gewagt hat; er läßt keinen Blick von ihrem Blick und die Bestie keinen von seinem; was man da von der moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt, ist nichts, ist Märchen; nein, der starre Blick sagt dem Vieh nur, daß der Mensch wacht, auf seiner Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich fix gespannt, lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse. So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder, Tintenfaß, Papier, Zigarre, Glas, Lampe – alles, alles auf den Augenblick, wo man nicht acht gibt. Aber um Gottes willen, wer kann’s durchführen? Wer hat Zeit?”

Dass die Welt so ist, wie sie ist, liegt an ihrem Ursprung. A.E. enthüllt dem Erzähler seine Kosmogonie, die ein Urweib und Urschlamm enthält und böse Geister; all diese schufen die Menschen, die – von einem männlichem Lichtgeist unterstützt – wiederum die Kultur erschufen: “das Recht, den Staat, die Wissenschaft, die begierdelose Liebe und die Künste.”

“Aber die Geister, das Schandschlammprodukt, wüteten und beschlossen furchtbare Rache. Sie schlüpften in die Objekte. – Das Weitere wissen Sie, wissen, wie der Mensch nun geschunden wird, was alles ihm über den Weg rennt, wenn er mitten im besten, im vernünftigsten, im zweckmäßigsten Tun begriffen ist, wissen, wie er in allem tückisch durchkreuzt, durchbrochen, das Hackbrett ist, worauf kichernd, hohnlachend die bösen Geister spielen. Es ist nur noch beizubringen, daß es ungenau gesprochen ist, wenn man das besessene Objekt anschuldigt, statt den besitzenden Dämon.”

Es sind also die ehemals selbstständig existierenden Dämonen, die in die gewöhnlichen Dinge des Alltags schlüpften. Deshalb findet man seine Brille nicht, deshalb fällt das Butterbrot immer auf die gebutterte Seite, deshalb schlägt, ahem, der Druckfehlerteufel zu. Das erinnert mich an die Gremlins. Das Wort wurde nicht eigens für den Film aus dem Jahr 1984 erfunden, es ist deutlich älter und bekannt geworden über das Militär. Wenn dort irgendein Gerät nicht funktionierte, oder nicht so funktionierte, wie es sollte, und das kommt beim Militär ja immer wieder mal vor, dann hieß es: Die Gremlins sind schuld. Es geht also vor allem um mechanische oder elektronische Fehlfunktionen, als wären da kleine Teufelchen am Werk, die das Gerät sabotieren. Entstanden ist diese Bedeutung wohl in der britischen Luftwaffe in den 1920er Jahren “among the British pilots stationed in Malta, the Middle East, and India” (Wikipedia, wo noch viel mehr dazu, auch schöne Poster).

Von herkömmlicher Kunst ist A.E. nur mäßig beeindruckt. Der Wilhelm Tell, der könne schon eine echte Tragödie werden, wenn Tell eben mit dem wahren Gegner, dem Objekt, zu kämpfen hätte – bei der Landung ins Wasser fiele, etwa, worauf das Drama eine andere Richtung nehme. Das Ende dann so:

“Tell gelangt auf seiner Flucht nach Wien, nimmt einen falschen Namen an, erinnert sich an seine Geschicklichkeit in Holzarbeiten, wird Schreiner, zieht seine Familie nach und überläßt es den Enkeln, im Verlauf der Zeit den richtigen Namen wieder zu schreiben.”

Die drei Grazien als Skulptur, schön und gut, aber richtige Kunst entsteht erst mit einem anderen Stoff:

“Drei furchtbare Weiber, schön und entsetzlich, grauenhaft schön, bilden, sich umarmend, eine Gruppe, ein Symplegma! –: der Schnupfen, der Katarrh oder Pfnüssel (dies Wort hatte er, wie er mir sagte, in der Schweiz aufgefangen; er unterbrach hier den Zug seiner Rede, verbreitete sich über dessen onomato-poetischen Wert und behauptete mit komischer Heftigkeit, das Wort sei keltischen Ursprungs, was ich ihm doch nicht bestritt, obwohl ich es für gut deutsch hielt) – der Pfnüssel – und die Grippe! Ziel, des edelsten Künstlers würdig! Hauptaufgabe: die Nuancen, die Stufen richtig zu geben, abzutonen!”

Krankheiten spielen überhaupt eine zentrale Rolle im Kunst- und Weltbild von A.E. – auch Hamlet liest sich erst richtig, wenn man erkannt hat: “alle Hauptstellen in diesem unsterblichen Drama verkünden doch mit Flammenschrift: jeder Zoll ein Hämorrhoidarius!”

In einer Schlüsselszene führt A.E., sich in einem Sturm an eine Felswand klammernd, einen inneren Monolog, also eigentlich einen äußeren, in den Sturm gebrüllten Monolog, der aber beim lauschenden Erzähler als das ankommt, was später innerer Monolog heißen wird, weil der Wind nur Satzfetzen zu ihm durchlässt:

»Welt – eine Erkältung des Absoluten – in der Einsamkeit – spuckte aus und die Welt war – die Welt vom Ewigen gehustet, geräuspert – Schandgallert – Brütnest der Plagteufel – Trichinen des Daseins –«

Jetzt ballte er wieder die Faust gegen einen der Felsriesen, die ihm gegenüberstanden.

»– – verhöhnst du mich? Urkerl – Schöpfungstagen – immer gleich – undurchbohrbar – Urlümmel – Schweig! – selbst ein alter Rotzler – Triefnase – – Mensch doch wenigstens Schnupftuch –«

Er gebrauchte es mächtig.

»Warum – warum, ewiger Gott, der du nicht bist – dies tiefe, starke Bewußtsein der Zwecke – Zusammenhangs – daß etwas, auch nur etwas ganz sei – Durchkreuzung – herrliche Gefühle – Kröten – über den Weg laufen – Beinstellen – uns, deren Adlersonnenblick – Ganzes – Harmonie – Freude – einmal – einmal – Blütenkelch – Feldwanze darin – Gespensterangst, Tag und Nacht – Herzensbangigkeit, tiefe – unsichtbaren Feind – Furcht? – Nie, – vor keinem sichtbaren – will endlich frei sein – frei – Angstband zerreißen – in Fetzen vor deine Füße! – Ha! Wie? Du auch da unten im Wasserstrudel, Nixe mit den Fischaugen? Kennst mich noch? Glotzt herauf? Soll ich kommen? Fort! fort! Nicht zu dir, nicht dir zulieb! – – Suwarow – weiß, – Gebrüll der Schlacht – wie so wohl, so frei – Gebeine im wütenden Wasserstrudel bleichen –«

Die beiden trennen sich schließlich, haben sich aber zuvor beide als Dichter – ganz amateurhaft, versteht sich – geoutet, und A.E. verspricht dem Erzähler, ihm eine Erzählung zu schicken, und diese Erzählungen findet sich dann in den Roman eingeschoben: “Der Besuch. Eine Pfahldorfgeschichte”.

Vorher entnehme ich einigen Anspielungen im Text, dass es wohl um diese Zeit herum eine populäre Gattung des Pfahlbauromans gab mit Handlung in der Jungsteinzeit, auf die das Werk von A.E. vielleicht eine Parodie ist? Denn – sagt mir Wikipedia – im Winter 1853/54 wurden am Zürichsee während einer Trockenperiode Spuren von Pfahlbausiedlungen entdeckt, und zwar die ersten in Europa, scheint es. Die gab es im Alpengebiet wohl tatsächlich viel, wie sich danach herausstellte. Allerdings stellte sich bald die Frage: Waren die Pfahlbauten wirklich ursprünglich im Wasser gestanden und damit echte Pfahlbauten, oder waren sie am Ufer, gegen Überschwemmungen geschützt, und nur durch den später ansteigenden Wasserspiegel im See gefunden worden? Dann wäre das vielmehr eine “Feuchtbodensiedlung”! Wikipedia beruhigt:

Sie waren nur durch einen späteren Seespiegelanstieg unter die Wasserlinie geraten und zunächst irrtümlich für echte Pfahlbauten (im Wasser stehend) gehalten worden. Mit fortschreitender Ausgrabungstätigkeit an den zirkumalpinen Seen wurden aber immer mehr echte Pfahlbauten, die nur saisonal bei Niederwasserständen trocken fielen, gefunden. Pfahlbausiedlungen und Pfahlbauten sind nach den neuesten Untersuchungen wieder als Begriffe akzeptiert. Damit ist der langandauernde „Pfahlbaustreit“ um die Lage dieser Siedlungen beendet.

Und jetzt bin ich am Lesen dieser sehr langen Binnenerzählung, die die restlichen zwei Drittel des ersten Bandes ausmacht. Allein, ich musste schon jetzt beginnen, meine Gedanken zum Buch aufzuschreiben; das wird ja uferlos sonst. Ob der Rest interessant ist, kann ich also noch nicht sagen. Fortsetzung hier.

8 Antworten auf „Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 1“

  1. Another Roadside Attraction: Zu denken wäre auch an dieses seltsame Märchen der Brüder Grimm “Herr Korbes” in dem sich die Gegenstände gegen den Menschen wenden, “tück’sch”, hierzu auch Köhlmeiers wunderbarer Kommentar, seinerzeit auf BR-alpha gesendet. Und natürlich erinnert sich der ewige Robinson an Sonnleitners “Höhlenkinder im Pfahlbau” von 1919, also etwas später.

  2. Danke für die Hinweise! Den Köhlmeier gibt es hier, habe ich gleich nachgehört:
    https://www.br.de/mediathek/podcast/koehlmeiers-maerchen/folge-6-herr-korbes/41404

    Von Robert Sheckley, einem amerikanischen Science-Fiction-Schriftsteller, gibt es die Geschichte “I See a Man Sitting on a Chair, and the Chair is Biting His Leg”, in der es auch um Objekte geht, die einem Mann das Leben schwer machen – zuerst aus übergroßer, später aus verschmähter Liebe. Genau nachschauen kann ich es nicht, das Bücheregal für die Kartons S‑Z ist noch nicht geliefert. :-)

  3. Herzlichen Dank für den Bericht!
    A.E. mit der “Tücke des Objekts” gehörte auch zu meinen Kindheits- und Jugenderinnerungen, bis mir Vischer über Faust. Der Tragödie dritter Theil (https://de.wikipedia.org/wiki/Faust._Der_Trag%C3%B6die_dritter_Teil) bekannter wurde. Denn A.E. habe ich zwar stehen sehen, aber nur zu Teilen und nicht sonderlich aufnahmefähig gelesen. Eben habe ich ihn aber an ziemlich genau der Stelle, wo ich ihn in der zweiten Reihe vermutete, gefunden. Die Ausgabe ist von 1919 und enthält eine Art Widmungsgedicht mit der Unterschrift Walter Hueck von 1919, das mit den Zeilen “Ein lächerliches Säugetier/ auf schlechtem Papier/ – wie wir” schließt. In den nächsten Tagen werde ich wohl nicht die Zeit finden, aber ich befürchte, dass Corona mir noch die Gelegenheit geben wird, auch diese Bildungslücke zu schließen. – Im Grunde hast du sie ja schon so gut wie geschlossen.- Nur habe ich deinen Beitrag nicht zu Ende gelesen, bevor ich zum Regal stürzte und kommentierte.

  4. Spannend, Fontanefan! Spoiler meinerseits: Nach allem, was ich aufgeschnappt habe, zerfällt das Buch am Ende in fragmentarische Notizen. Aber zumindest für die ganze erste Hälfte gilt das noch nicht. (Kommentieren kann ich bei dir nicht, Fontanefan, ist das Absicht so?)

  5. Da ich zwischen elektronischer Ausgabe (im Bett) und Printausgabe wechsle, bin ich jetzt bei S.57 auf ein Lesezeichen von mir gestoßen, das mit Sicherheit nicht von einem Oberstufenschüler mit “Lesezeichen von (alias Fontanefan) ” beschriftet worden ist. Da wundert es mich nicht, dass von der damaligen Lektüre nichts hängengeblieben ist.
    Die “Tücke des Objekts” kannte ich sicher als Schlagwort, hatte sie (diese “Boshaftigkeit” und “Unfairness”!) aber noch nicht an meinem Computer erlebt.
    Weshalb war er bei meinem 8‑jährigen Sohn folgsam wie ein Lamm, aber ließ mich über 5 Minuten nach einer Taste suchen, nur weil jede Taste vier verschiedene Funktionen hatte. “Print” durfte ich nicht ausschreiben, sondern hatte die Taste zu finden, die an den allenfalls 2 mm hohen Kanten der Taste damit beschriftet war. Freilich nicht, damit etwas ausgedruckt wurde. Es ging nur darum, dass es auf dem Bildschirm sichtbar wurde. – Dabei war ich bis S.27 des Handbuchs gut zurechtgekommen, das mein Sohn (über 300 Seiten auf Englisch) längst zu Ende studiert hatte. Und er hatte mir alles so sorgsam zurecht gemacht: Kabel gesteckt, Bedienung erläutert usw., damit ich nach Feierabend (22:30) auch mal etwas über den Spectrum (https://de.wikipedia.org/wiki/Sinclair_ZX_Spectrum) von Sinclair lernen könnte. Meinem Sohn konnte ich seinen guten Willen nicht vorwerfen, wohl aber diesem Gerät, das mir verweigerte, was es meinem Sohn überreichlich spendete: Erfolgserlebnisse.

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