Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 2

Fortsetzung von hier. Es geht in diesem Blogeintrag um die lange Binnenerzählung “Der Besuch. Eine Pfahldorfgeschichte”, die zwei Drittel des ersten der beiden Romanbände ausmacht.

Diese Geschichte ist keine Parodie, glaube ich, auf das wohl eine kleine Weile populäre Thema der Pfahlbaukulturen. Aber eine Parodie ist es vermutlich, ich weiß nur nicht, worauf. Es ist ein Werk des Realismus, etwas launig, nicht ganz so sehr wie bei Gottfried Keller. Aber es gibt mitunter eine stark auktoriale Erzählstimme und viele bewusst gesetzte Anachronismen.

Die Handlung ist nicht komplex: Der schneidige Arthur kommt ins jungsteinzeitliche Pfahlbaudorf und erhitzt die Gemüter. Denn erstens macht er Sigune schöne Augen, oder vielleicht auch sie ihm, obwohl eigentlich zwischen ihr und dem Hirten Alpin (über weite Strecken die Hauptperson der Erzählung) ein gewisses Einverständnis herrscht. Und zweitens bringt er von den größeren Städten seiner Wanderung Gegenstände aus einem unbekannten Material mit, als Tauschware und als Geschenke – Bronzegegenstände, die den Pfahldorfbewohner bisher unbekannt sind. Viele sind davon beeindruckt, manche fürchten die Veränderungen, die der sich abzeichnende Fortschritt für das Dorf und dessen Kultur bedeutet, so dass die wackere Steinaxt nicht mehr geachtet wird und nichts mehr gilt.

Der Kultus der Gemeinde steht ohnehin auf etwas wackeligen Beinen. Zuständig für den Gottesdienst sind die Druiden, aber die fortschrittlichere Gilde der Barden nimmt ihnen nach und nach viel von ihrem Einfluss. Verehrt wird Selinur, “die große Mutter aller Dinge” und Erschafferin der Menschen. Sie blies dem Menschen dereinst den Atem ein, worauf dieser nieste, weswegen das Niesen auch als sakrale Handlung empfunden wird: etwaige Verunreinigungen im Menschen werden so regelmäßig ausgestoßen. Ursache der Verunreinigungen ist vor allem der böse Gott Grippo, der gemieden und respektiert werden sollte, aber auch seinen Zweck hat. Grippo erst bringt die üblen Erkältungskrankheiten, den Pfnüssel. (Das Wort gibt es wirklich; ich kannte es vorher nicht: Alemannisch, auch schweizerisch, für: Erkältung.) Und auf so einem Pfahlbau, über dem kalten Wasser, da gibt es halt viel Pfnüssel. Außerdem gibt es noch einen dritten Gott, den unbekannten Gott, aber von dem weiß man nicht viel.

Das alles in durchaus ernstem, leicht verklärten Ton. Wenn da nicht die Anachronismen wären. Der Sohn soll “Fabrikant” werden, will der Vater – der Erzähler entschuldigt sich auktorial für die Wortwahl und erklärt, dass damit Werkzeug- und Waffenmanufaktur am Nachbarsee gemeint ist. Die möchte, dass er “studieren” geht, auf die Druiden- oder Bardenschule. Die Unterbringung der Gäste: “Hotel können wir das also nicht wohl nennen; damals sagte man Freihof.” Die Pfahldorfbewohner graben selber ältere Pfahlbauten aus, sinnieren über Fortschritt und über ihre Meinung über die Vergangenheit, über die Zukunft, darüber, wie die Vergangenheit über die Zukunft denkt. Hier leitet der Druide seinen Gedichtvortrag ein, der als Gegenrede zu dem Lied des Barden gedacht ist:

“Hochgeachtete Gäste, insbesondere hochgeachteter Herr Bardensänger! Ich weiß, daß ich im Sinne der ganzen Gemeinde spreche, wenn ich erkläre, daß sie in Eurem Festgedichte ein Erzeugnis sowohl der religiösen Gefühlsbegeisterung, als auch der tiefen poetischen Stimmung begrüßt, im Inhalt höchst bedeutend, in der Form fließend, korrekt, geisterhaft. Nur ganz unmaßgeblich, weit entfernt von aller Absicht, diese Blüte der Dichterphantasie irgend verkleinern zu wollen, möchte ich mir einige bescheidene kritische Bemerkungen erlauben.”

Die Religion und Mythologie ist keltisch. Es gibt Menhire, auch wenn man nicht mehr weiß, wozu sie von wem errichtet worden sind. Misteln werden mit einer heiligen Sichel geschnitten. – Ich kenne die Irish Renaissance und mit ihr die Wiederentdeckungen des Keltentums erst im späteren 19. und frühen 20. Jahrhundert – Lady Gregory, W. B. Yeats, AE, ganz am Rande ganz vielleicht Lord Dunsany. Aber anscheinend waren das Mabinogion und ähnliche Texte schon ein paar Jahrzehnte vorher beliebt. – Eine zentrale kultische Figur der Pfahldorfbewohner ist Taliesin, dessen Name und Geschichte dem keltischen Barden Taliesin (6. Jahrhundert n. Chr.) entsprechen. Vor allem eine Geschichte aus seiner Jugendzeit, erzählt im Hanes Taliesin, erscheint auch hier: Der kleine Gwion arbeitet bei der Zauberin Ceridwen. Er nascht aus dem Kessel mit verbotenem Zaubertrank und erlangt dadurch Weisheit, wird aber von Ceridwen verfolgt. Bei dieser Jagd verwandeln sie sich ständig: er sich in einen Hasen, sie sich in einen Windhund – man kennt das aus Merlin und Mim. Am Ende verwandelt Gwion sich zu einem Weizenkorn, Ceridwen sich in eine Henne, sie frisst das Weizenkorn – und gebiert bald darauf Gwion in Gestalt des Taliesin.

Das Dreiecksverhältnis Alpin-Sigune-Arthur ist relativ schnell geklärt, Alpin und Sigune finden sich, Arthur bleibt ihr gemeinsamer Freund. Nur dass der inzwischen als Aufrührer gilt, seine Vision noch über die der Barden hinausgeht. Er phantasiert davon, dass die Sterne groß und weit weg sind und dass es dort auch Leben gibt. Er will mehr für : “Ich bitt’ euch, wozu ist man denn eigentlich? Wozu braucht es denn eigentlich die Seinerei, die Existiererei?” Er bekennt sich zum unbekannten Gott, den er als Manngott, als männliches (und besseres) Gegenstück zu Selinur deklariert. Er zieht Parallelen zu den gallischen und inselkeltischen Gegenstücken Esus und Hu Gadarn, und macht als Ursache für die Zurückgebliebenheit der Pfahlbaugemeinschaft das Gebot aus, auf dem See zu leben (des Pfnüssels wegen, man erinnert sich):

“Die Zähne frißt euch der Nebel an und im Winter habt ihr die Fußböden so kalt, daß euch die juckenden Frostbeulen an den Zehen herumhängen wie Klumpen von Waldbeeren und daß euch vor Fußfrost alles Blut zu Kopf steigt, was eben eine Hauptursache ist, daß ihr nichts Gescheites denken könnt! – Die Seele, den Geist nieset und hustet ihr euch aus dem Leibe! – Wißt es, schon ist’s im Werk, daß wir andern wegziehen vom See aufs Land! Fest soll’s sein unter uns, aufs Trockene wollen wir! Man wird dumm über den trüben Wassern, verschnuppt, hirnverstört, abergläubisch, fürchtet Gespenster, fürchtet den Grippo. Wozu braucht ihr ihn noch?”

Man sieht: Dramatisch und albern zugleich. Arthur wird als dem “Erzketzer” gefangen genommen (“Fußnote: Hiemit ist die einzig wahre Ableitung unsrer Vorsatzsilbe »Erz« den Lesern, namentlich den philologischen, zur Kenntnis gebracht.   Anm. d. Verf.”).

Arthur soll, eher aus Rachsucht und Kleingeistigkeit und spontan, der Göttin geopfert werden. Aber Alpin und Sigune und ein paar eingeweihte Barden verhelfen ihm zur Flucht. Am Ende, ein paar Jahre später, das Dorf hat inzwischen einen neuen, moderner gesinnten Druiden, sinniert Alpin über den Fortschritt:

“Ich denk’ halt: manches Alte ist doch auch gut, und stille Hirten muß es doch immer geben, und ich denk’ halt: wer immer recht behalten mag, es ist immer gut, wenn ein Teil Leute noch stet, aber ohne Gift am Alten hängt, und ich fürcht’ halt, das laute Klopf- und Hämmerwesen, das Gehaspel und Gesause der vielen Spindeln und Webstühle in den großen Arbeiterpferchhäusern, all der Lärm und das Unsal möcht’ immer mehr aufkommen, das mir so arg zuwider ist.”


Es gibt in dieser Erzählung viele Einschübe in Form von Kinder- und geistlichen Liedern, den Wettstreit zwischen Barde und Druide, einen Initiationsritus mit Katechismus. (Während der Initiation erhalten die Kinder ihr erstes Schnupftuch.)

Gleitende, Wehende!
Spindelumdrehende!
    Hüte vor Stopfungen,
    Stockungen, Pfropfungen,
    Nasigen Knopsungen
        Gnädig uns nur!
        O Selinur!
Pfuisala, Pfuiala, Pfuia!

Höhepunkt ist aber ein kultischer Feiertag mit einem musikalischen Triumph der traditionellen Pfahlbaukultur:

Als die Zuhörer nach und nach zu sich kamen, war es, als ob man auf ein Schlachtfeld sähe. Die Sänger und Musiker lagen halb ohnmächtig am Boden, der Rätscher wirbelte taumelnd im Kreis, der Geißbub wälzte sich, mit Todesschweiß bedeckt, in epileptischen Krämpfen, der Arme hatte sich des Guten zu viel zugemutet. In ähnlichem Zustand befanden sich die Hörer und noch mehr die Hörerinnen.

Einer klugen Amazon-Reaktion zu dem Buch entnehme ich, dass es sich dabei um eine Wagner-Parodie handelt. (Und der Barde Guffrud Kullur ist, stellt sich später heraus, niemand anders als Gottfried Keller, mit dessen Erlaubnis Vischer zwei seiner Gedichte etwas abgewandelt in die Pfahldorfkultur übertragen hat – worauf sich Keller erbat, dass der Barde Kullur bei der Festschlägerei nur ordentlich zulanden sollte.) Es folgt ein Schauspiel “Hu – hu -– brum – brum – hu – hu! oder Entbehrung ist Entbärung, erfunden und in Szene gesetzt von Tanzmeister und Tanzdichter Hopp-Hoppodur”, und darauf wiederum das großes Festmahl. Das wird vor allem in Form einer ausführlichen Speisekarte vermittelt:

Zumindest in der ersten Auflage war diese Speisekarte außerhalb der Seitenzählung, einseitig gedruckt und ausklappbar, soweit ich das von den mir zur Verfügung stehenden Scans beurteilen kann – also vielleicht gar nicht eingebunden, sondern eingelegt? Im Anschluss an die Speisekarte folgen sieben Seiten Fußnoten zu den Gerichten und Übersetzungen der Begriffe.

(Ist Sinuhe der Ägypter ein verspäteter Pfahlbauroman? Da ist Fortschritt, wenn ich mich recht erinnere, auch ein zentrales Thema. Ist aber schon knapp vierzig Jahre her, dass ich das gelesen habe.)

Als Nächstes: Der zweite Band des Romans, der die Rahmenhandlung wieder aufnimmt. Ich habe schon gehört, dass der dann zumindest am Ende hin sehr fragmentarisch wird, also mal sehen.

(Epische Fortsetzung: hier.)

5 Antworten auf „Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 2“

  1. Das Fragmentarische ist ein Tagebuch, das mich an das bedeutendste literarische Tagebuch aus der Zeit des Realismus erinnert, das von Hebbel. – Wenn das treffen sollte, so ist es sicher als Parodie gedacht.
    Ich habe aber nur sehr flüchtig hineingeschaut, bin bei meiner Lektüre gerade über die Seite 60 meiner (einbändigen) Ausgabe hinaus.

  2. Pfnüselküste: Was für ein schönes Wort! Überhaupt war ich mit dem ganzen Konzept Zürichsee nicht vertraut. Pfahlbauten, sagt mir Wikipedia, gab es wohl auf beiden Seiten des Sees, in der ganzen westlichen Häfte bis nach Zürich im Norden.

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