Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 3

Fontanefan, wenn du das hier liest und noch nicht fertig mit der Lektüre von Auch Einer bist: Es kommen Spoiler! Du wirst das Lesen dieses Blogeintrags vielleicht auf später verschieben wollen. (Aber ich sehe gerade, du bist auch schon in der zweiten Hälfte.) Alle anderen: das wird hier etwas länger.

(Fortsetzung von hier.) Der ursprüngliche Band 1 bestand aus einem knappen Drittel heiterer Rahmenerzählung, gefolgt von gut zwei Dritteln heiterem Steinzeitroman. Auch der ursprüngliche Band 2 besteht aus einem knappen Drittel Rahmen- und zwei Dritteln Binnenerzählung.

Der Erzähler und Herausgeber stößt auf die Spur des unbekannten A.E. – er sieht ihn an einem Bahnhof abreisen, wobei A.E. typischerweise seinen Mantel zerreißt und seine Brieftasche verliert, die der Erzähler aufhebt und ihm nachsendet. Nur wenige Tage später reist der Erzähler zu ihm und will ihn besuchen – aber kurz davor ist A.E. gestorben. “Tod durch einen Messerstich im Streite mit einem rohen Fuhrmann.” Seine letzten Worte galten einem unbekannten “Erik” und einer weiteren Person.

Das kam dann doch erst einmal unerwartet.

Bei A.E.s Wirtschafterin, seinem Stammtisch und einem befreundeten Assessor erfährt der Erzähler Einzelheiten aus dem Leben von A.E. — “Albert Einhart” mit Namen, also war das ursprüngliche “A.E.” für “Auch Einer” ein Scherz des Herausgebers. Dieses Leben war durchaus konfliktreich, voller Skurillitäten und Scheitern, Sich-selbst-im-Weg-stehen. Ein Abschnitt in seinem Leben scheint besonders dunkel gewesen zu sein; auch die Wirtschafterin weiß keine Details.

“In diesem Leben mußte ein Sturm gewüthet haben, dessen Gewalt wir wohl kaum ahnten; rettendes, himmlisches Licht mußte dann erschienen, aber irgend ein Schmerz nachgeblieben sein, der einen Wolkenschleier von Wehmut um die Lichterscheinung legte.”

Das öffentliche Leben von Albert Einhart sah so aus:

  • Bestellung zum Vogt (Vorsteher einer übergeordneten Polizeibehörde)
  • erfolgreiche, aber nicht ganz problemlose Karriere (weder Freund der Revolution von 1848 noch zufrieden mit den reaktionären Jahren darauf)
  • Arzt empfiehlt eine Reise in den Süden, da will A.E. auch hin, aber erst einmal nach Norwegen
  • die Reise nach Norwegen, auf der irgendetwas Dunkles passiert ist; zur Italienreise danach kommt es nicht mehr
  • unmittelbar danach Verwundung in Schleswig-Holstein im Deutsch-Dänischen Krieg 1864
  • gewählter Abgeordneter in der “Kammer” – die Bundesversammlung des Deutschen Bundes? Er scheitert grandios.
  • Spätsommer 1865: A.E. reist nach Italien über die Schweiz, wo er den Erzähler trifft; dort spielt die Rahmenhandlung des ersten Bandes
  • Frühling 1866: A.E. wiederholt einen Teil der Schweiz-Reise und schaut nach den Leuten, die ihm damals begegneten
  • Teilnahme an der Schlacht von Königgrätz Juli 1866
  • zieht wieder in Krieg, der letzte Tagebucheintrag gilt der Schlacht von Sedan September 1870

Im literarischen Nachlass von A.E., den der Erzähler verwalten soll, finden sich – neben zwei Fotografien verschiedener Frauen, die für A.E. wohl von großer Wichtigkeit waren – etliche Dokumente, deren umfangreichstes und letztes den Hauptteil des Romans ausmacht.

Nachlass 1: System des harmonischen Weltalls.

Schon aus Band 1 wissen wir, dass A.E. gerne System aufstellt. Mit diesem hier versucht er die Tücke des Objekts zu klassifizieren (der Begriff taucht selber nur zweimal im ganzen Roman auf), ein Projekt des Wahnsinns, wie der Erzähler kommentiert:

Ich entfalte sie und meinem Auge zeigt sich ein Chaos von Linien auf dem einen, ein noch größeres von Linien und Farben auf dem andern. In den Feldern dieser krausen Netze stand Schrift in verschiedenen Richtungen geführt, wie solche durch die eintheilenden Linien gegeben waren: senkrecht, wagrecht und über’s Kreuz in Diagonalen. Beide mühsamen Kunstwerke waren unvollendet, man sah ein Stück ausgeführt, daneben auf derselben Fläche Versuche, andere Theilungslinien zu führen, die verworrener und verworrener wurden und schließlich erkennen ließen, daß der Künstler nicht weiter wußte, stecken blieb, erlag. Kleinere Blätter lagen dabei, auf
denen der Unglückliche es mit wiederholten neuen Anordnungsentwürfen versucht und einzelne Anmerkungen niedergeschrieben hatte.

Ich fühle mich erinnerte an Verschwörungsspinner, wie man sie aus dem Film kennt, mit Zeitungsartikeln und Fotos an eine Wand gepinnt, bunte Fäden dazwischen gespannt. Und ja, Farbcodierung benutzt A.E. auch. Aber ganz scheint er dem Wahnsinn nicht verfallen zu sein, es ist mehr eine, hm, heftige Marotte.

Nachlass 2: Fragment einer Singtragödie

Szene 3. Park.
Personen:
Eine Pfütze.
Ein Hühnerauge.
Arie mit einem gewissen klebrigen Etwas in der Tonfärbung vorgetragen von der Pfütze, entsprechend von Instrumenten begleitet.

Ein weißlicher Punkt schwebt herbei; derselbe erweist sich, näher sichtbar, als Hühnerauge (äußerst giftiger Blick und Gesammtausdruck). Arie: hornig harter, friktiv brennender Ton. Text offenbart teuflische Absichten.

Verschwörungsduett zwischen Beiden.

Pfütze und Hühnerauge haben sich gegen Hilario verschworen. Der “tritt auf, heiter gespannt, das Hühnerauge schwebt, einen feurigen Faden durch die Luft ziehend, nach ihm hin, verschwindet in seinem Lackstiefel. Er winselt, hinkt, fällt in die Pfütze, wird sehr dreckig. In diesem Augenblick erscheint Adelaide. Lacht sehr, verhöhnt ihn bitterlich. Beide ab.”

Das Verspotten durch eine Frau ist ein Motiv, das später noch einmal erscheinen wird, daher erwähne ich das hier.

Nachlass 3: Korrektur eines (fremden) Romans

Im Nachlass finden sich einige gedruckte Blätter, Teile eines Romans, “dessen Styl und Inhalt weiblichen Ursprung erkennen ließ”, die A.E. mit Korrekturbemerkungen versehen hat. Die Anmkungen offenbaren A.E.s pessimistisches Weltbild. Es beginnt mit einer Reise:

Die Koffer waren gepackt —
Anmerkung: bis auf einen, den Hauptkoffer, wozu der Schlüssel verlegt war —
Die Droschke war bestellt —
Anm.: und kam nicht. Endlich steigen wir in den Wagen —
Anm.: wobei der Onkel fehltrat und umfiel —
Wir sitzen, das Dampfroß schnaubt, die Räder beginnen zu rollen —
Anm.: das Handgepäck fällt aus dem Netzfach und treibt dem Onkel den Hut an.

Als die Anmerkungen überhand nehmen, so vermutet der Erzähler, hat A.E. das Projekt aufgegeben.

Zwischenspiel

Ein paar Jahre nach dem Tod von A.E. reist der Erzähler wieder in die Schweiz, auf den Spuren der Reise aus dem Romananfang, auf der die beiden sich kennengelernt haben. Dort erfährt er, dass auch A.E. einen Teil der Reise wiederholt hat, er trifft erneut Gestalten aus ihren gemeinsamen Erlebnissen, die sich noch gut an A.E. erinnern, teilweise auch an dessen zweiten Aufenthalt. Vor allem trifft der Erzähler auf einen Herrn Mac-Carmon, ein Schotte; A.E. und Erzähler waren ihm bereits im ersten Band begegnet – ihm und seinen zwei Enkeln, damals war auch seine verwitwete Tochter dabei. Diese Episode im Wirtshaus zu Bürgeln habe ich in meiner Inhaltsangabe zur Rahmenhandlung des ersten Bandes ausgelassen, weil sie mir nicht wichtig genug schien. Oho, da habe ich geirrt, stelt sicher heraus, bis in die Details, und gut gemacht hat das der Friedrich heodor Vischer. Beim Lesen hat man da ja noch keine Ahnung, dass es später ein Geheimnis zu enträtseln gilt. – MacCarmons Tochter ist inzwischen auch gestorben und in Italien begraben, von wo Mac-Carmon gerade zurück nach Schottland reist. Von MacCarmon erfährt der Erzähler, dass er A.E. schon damals bereits länger kannte, und der Erzähler erhält wichtige Informationen zu einer Episode im Leben A.E., die in den Tagebüchern fehlen.

Nun folgt der Hauptteil des dritten Bandes, das Tagebuch von A.E., ergänzt um die Episode, die Mac-Carmon dem Erzähler vermittelt hat.

Erst im Nachhinein wurde mir das geschickte Setting richtig klar: Eine dunkle Episode in Norwegen, der Schotte, zwei Frauen-Bilder, Genie und Wahnsinn – welches geheime Leben mag A.E. geführt haben? Wir erwarten voller Spannung die Aufklärung in den Tagebüchern.

Nachlass 4: Das Tagebuch

Die Spannung fällt dann aber steil ab. Eine ganze Weile lang besteht das Tagebuch aus mehr oder weniger launigen Notizen und Geistreicheleien, wie man sie heute vielleicht twittern würde. Daneben bekommen wir, bruchstückhaft, die inneren Eindrücke zu der von A.E.s Hauswirtschafterin vermittelten äußeren Handlung, die wir ja bereits kennen, und ohne die wir aus den Fragmenten nicht immmer schlau würden. Das wird fast ein bisschen ermüdend, wenn man sich nur mäßig für kunsttheoretische und ähnliche Betrachtungen interessiert. Und dann rutscht man, die Norwegenreise hat begonnen, in ein Drama um Liebe, Eifersucht, Tod und Totschlag und Leichenschändung, bevor, nach Norwegen, der lange Rest des Tagebuchs fast (aber nur fast) wieder aus Kunstgeschichte, Alltag und Kleinkram besteht.

Bitte was? Ist das ein Experiment? Denn die Wirkung beim Lesen ist schon interessant: Lang passiert nichts, dann nebenbei arg Dramatisches, dann wieder nichts, und weiter nichts. Hallo? Vermutlich entgeht mir einfach den Wert der Gedanken, da ich mich in der Ästhetiktheorie der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht auskenne und sie mich nicht interessiert. Oder ist das wie bei Jorge Luis Borges, der irgendwo auch mal beklagt hat, glaube ich, aber vielleicht kommt die Idee auch anderswo her und ist nur etwas, das ich von Borges erwarte – beklagt hat, erinnere ich, dass man beim Lesen eines Romans ja schon immer absehen könne, wann das Buch zu Ende sei, allein schon anhand der verbleibenden Seiten, deren Bündel immer dünner wird. Und das beeinflusse natürlich die Erwartungen. Ob man dem nicht entgegenwirken könne, indem man einfach ans Ende der Handlung noch viele Füllseiten anhängen könnte, um so die Lesererwartungen zu foppen.

Die Norwegen-Episode:

A.E. verliebt sich in eine Frau (blond, skandinavisch-germanisch mit griechischer Bildung), die einen väterlichen Freund und einen jugendlichen Verehrer hat. Auf beide ist A.E. eifersüchtig, teilweise wahnsinnig eifersüchtig. “Träume voll Todesangst – ich bin vergeistert, wohne im Reich der Dämonen.” Es kommt zu Küssen, aber auch zu Spott. “Mein Gehirn siedet, – es rieselt mir so oben herüber – Schatten, Wolken – auch der triefende Schweiß zurückgetreten, in dem ich von ihr fortstürzte – hinaus in den Sturmwind – verkältet in’s Mark hinein – böse, böse Mischung -”

Der junge Verehrer stirbt, die Frau kehrt zu A.E. zurück. Dass die Liebesbeziehung nicht nur platonisch ist, wird angedeutet: “Diese Nacht, wie ich so die Schlummernde, Hingegossene beschaute”. Aber irgendetwas geht schief, wir erfahren es nicht genau – A.E. gräbt die Leiche des Verehrers aus, um sie noch einmal zu töten; konfrontiert dann die Geliebte, der andere Verehrer ist wohl auch da und wird ins Wasser gestoßen, A.E. wirft den Dolch der Geliebten an den Kopf. Die kriegt nur einen Kratzer, will weder Polizei noch Aufsehen. Sie stirbt eine kurze Weile später an Blutvergiftung. A.E. wird noch zuvor von dem zufällig Zeuge werdenden Arzt Erik vom Ort des Geschehens (Drontheim) entfernt (nach Christiania), es dauert eine Weile, bis er gesundet. Der Arzt hat eine frisch angetraute Braut, Cordelia, die A.E. während dessen Rekonvaleszenz pflegt – es ist die zweite Frau in A.E.s Leben (italienisch-schottischer Herkunft), und eben genau Mac-Carmons Tochter.

Nach der Norwegen-Episode:

Wieder miszellenhafte Gedanken: zur scherzhaftern Mythologie der Teufel, die im Objekt stecken; zu Politik, Ästhetik, Kunstgeschichte; Reisegedanken; Skizzen zu Erzählungen; Überlegungen zur Nationalstaatwerdung Deutschlands und Italiens; ganz flüchtige Erinnerungen an Schlachten; Gedanken über das Wesen der Frau und die beste Art Frau für einen Philosophen; Notizen aus dem beruflichen Alltag; Episoden, die wir schon aus dem Erzählrahmen aus Außensicht kennen; Selbstbemitleidung und Selbstreflexion (“Sehr oft hält man mich dann auch für betrunken”). Also Füllmaterial? A.E. spielt mit dem Gedanken, die ursprünglich für die Zeit nach Norwegen geplante Italienreise doch anzutreten – auch in der vagen Hoffnung und Angst davor, auf Cordelias Spuren zu stoßen, deren Mutter aus Umbrien stammt. Das Paar Erik und Cordelia könnte ja gleichfalls dort sein – eine vage Vermutung. Erst einmal wird aber nichts aus dem Plan; es reicht nur für eine Dienstreise nach Schwaben und einen ersten Abstecher in die Schweiz. Beruflich ist A.E. wieder erfolgreich, vor der Übernahme eines neuen Amts in einer größeren Kreisstadt erhält er Urlaub, und auch der Arzt rät zu einer Reise ins Warme – eigentlich Kairo, lässt sich aber auf Italien herunterhandeln. Erste Ideen zu einer Pfahldorfgeschichte, dann endlich: Italien!

Comer See, Gardasee, Verona, Bologna, Florenz – und nur ganz, ganz gelegentlich, spärlich, eine Seitenbemerkung, die zeigt, dass er wohl doch permanent an Cordelia denkt. Perugia, Heimatstadt ihrer Mutter. “Das Elternhaus ihrer Mutter erfragt, auch erfahren, daß noch eine Muhme lebt, in Assisi verheirathet. Hinüber!” “Die Tante gefunden, gesprochen.” Das hat schon etwas von Stalking.

Zu Erik und Cordelia hält er ein wenig Kontakt über seltene Briefe, erfährt – jetzt wieder in Deutschland – von Eriks Tod. Es fällt A.E. schwer, die richtigen Worte zu finden: “Ja, aber daß in jeden Brief etwas hinein will, – was doch nicht darf, nicht soll – davon darf kein Hauch – Sie wird wohl errathen, aber – o Knäuel von Verflechtung!”

Zurück in Deutschland wird er in die Abgeordnetenkammer gewählt und scheitert grandios mit einer Rede, die man – inzwischen – vielleicht als eine Art Nervenzusammenbruch auf offener Bühne betrachten kann. Wieder rät man ihm zu einer Reise in den Süden, und auf dem Weg dorthin, in der Schweiz, taucht zum ersten Mal der Erzähler im Tagebuch auf. Es ist die Episode, als A.E. in der Felswand seine Probleme in den Sturm schreit, von mir im ersten Blogeintrag als Schlüsselszene interpretiert. Dort versucht der Erzähler A.E. zu retten, gerät dabei selbst in Gefahr und wird seinerseits von A.E. gerettet. (Aus der Innensicht erhält diese Episode etwas mehr Todessehnsucht als zuvor.) “Immerhin ordentlicher Mensch das, hat’s recht vernünftig mitgemacht. Nur komisch, daß er wissen und seinerseits angeben zu wollen schien.” Ohne Kenntnis der Außensicht bliebe das kryptisch.

Mit keiner Silbe erwähnt das Tagebuch die – peinlich endende – Begegnung mit der verwitweten Cordelia, ihren Kindern, ihrem Vater Mac-Corman in Bürglen. Erwähnt wird allerdings Bellinzona, wo er sie im Reisewagen sieht, ihnen aber ausweicht. Ähnlich in Assissi: “Nacheilen? Halt, nein! Hinab, fort in’s Thal, — sie darf mich nicht entdecken. Muß ihr’s ersparen.” Er versteckt sich, obwohl man ihn zu suchen scheint. Später reut ihn das dann: “Warum fährt es manchmal wie ein Blitz in mir auf: gleich wieder fort und hin!? Hast Wahnsinn begangen dort in Assisi! Das einzige Glück für dein gebrochenes Leben – Nein, nein, so spricht nur der alte Adam in mir! Besser so, es bleibe des Schmerzes Reinheit!”

In Sizilien erfährt er – nach einem infernalischen Alptraum – von der schweren Erkrankung Cordelias. Er eilt zu ihr – Neapel, Rom, Perugia, Assissi – sie liegt im Sterben, die beiden verabschieden sich; A.E. sieht ihren toten Gatten Erik als Vision “freundlich nicken” und schreibt als letzten Prosa-Eintrag im Tagebuch: “Ja, ja, nun weiß ich meinen Weg. -”

Wir erfahren nichts über diesen Weg. Irgendwann, mindestens fünf Jahre später, stirbt A.E., ohne dass sich sein Leben merklich geändert hat. Seine letzten Worte gelten Erik und Cordelia.

Ist A.E. Verschwörungsspinner, Incel, Stalker? Auf jeden Fall eine gequälte Seele:

“Wie geht es denn nun aber Anderen? Machen sie denn keine oder gar so viel weniger Fehler? Oder machen sie ebensoviele, werden sich aber nachher nicht durchsichtig, haben eine Seele von dickem Juchtenleder? – Oder werden sich durchsichtig, schütteln aber die Last des innern Vorwurfes federleicht ab? Geht doch kaum! Warum müssen sie denn also nicht auch schreien wie ich?”

Fazit: Ein kurioser Roman, mit Längen. Aber die Längen spielen vielleicht eine Rolle. Es ist ein Buch, von dem ich mir vorstellen kann, dass ich es in zehn Jahren noch einmal lese.

Fußnote am Ende: Zweimal nur taucht “Tücke des Objekts” in diesem Roman auf und ist doch sprichwortlich geworden. Wie sieht es mit des Deutschen Angst vor Zugluft und der unvermeidlich daraus folgenden Erkältung aus? War die damals verbreitet und Vischer greift sie nur auf – oder ist er am Ende dafür mi verantwortlich? A.E. hat das ganze Buch über Angst vor Erkältung, sieht sie als persönlichen Feind an, sieht Begräbnisse und Theaterbesuche nur als Möglichkeit, ich zu erkälten:

“Allerdings ist es eben auch so eine Sache mit den Lokalen für den Kultus. Gebildete Persönlichkeiten pflegen sich da zu verkälten. In bitterem Ernste: kommt uns je ein Retter aus obiger Noth, so denke ich mir gern, er werde zuerst als Erfinder auftreten, der eine urwohlthätige Grundlage für die Stimmung herstellt: Luft in geschlossenem Raum und doch kein Zug! Wer diese Aufgabe löst, wird einer der größten Wohlthäter der Menschheit sein. Ist dieß erst entdeckt, so werden die Menschen milder, launenloser, klarer, gemüthsfreier, sie werden besser, sie werden edler werden. Ja, damit wird der erhoffte Reformator beginnen, auf diesem Grunde wird er aufbauen!”

4 Antworten auf „Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 3“

  1. Ich danke für die Warnung vor den Spoilern. Genau die regen mich an, die Lektüre wieder aufzunehmen, weil ich jetzt weiß, dass es auch wieder Handlung gibt.

  2. >weil ich jetzt weiß, dass es auch wieder Handlung gibt.
    Ja… nein… es ist kompliziert. Frag nach der Norwegen-Episode noch einmal nach.

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