Wilhelm Raabe, Stopfkuchen

“Eine See- und Mordgeschichte”, so der Untertitel. Ha! Das ist jetzt das dritte Werk des poetischen Realismus, das ich in relativ kurzer Folge gelesen habe, und bei allen gab es Mord- und Totschlag, und bei allen dauerte es bewusst und absichtlich und foppenderweise ewig, bis etwas passierte. Ist das Programm? Von “Die schwarze Spinne” kennt man die grusligen Szenen, und dabei sind die ersten 20% der Erzählung nichts als idyllische Hochzeitsvorbereitung. Der zweite Teil von Auch Einer besteht fast nur aus nichts. Und auch der Inhalt dieser See- und Mordgeschichte ist schnell wiedergegeben:

Der Erzähler, erfolgreicher Schafzüchter in Kolonial-Afrika, weit herumgekommen in seiner Laufbahn, erzählt, wie er nach Jahrzehnten wieder seine deutsche Heimatstadt besucht. Die Erzählsituation ist die Rückreise nach Afrika auf einem Schiff; sie wird mehrfach am Rande angesprochen, spielt aber für die eigentliche Handlung keine direkte Rolle. See-Geschichte ist also schon mal nicht viel. Der erzählte Aufenthalt betrifft hauptsächlich den Besuch bei einem alten Schulfreund – der wird zuerst entweder aufgeschoben, oder ist dann doch nicht so wichtig? Der Erzähler und der Schulfreund, vormals “Stopfkuchen” genannt ob seine Verfressenheit, interpretieren ihre gemeinsame Jugend auch unterschiedlich: war der Erzähler Freund, Mobber, Mitläufer, etwas dazwischen?

Auch hier bestehen die knapp ersten 15% aus Vorgeplänkel. Dann besucht der Erzähler Stopfkuchen, der inzwischen Herr auf der Roten Schanze ist und mit der Tochter des ehemaligen Besitzers verheiratet. Auf dem Hof der Roten Schanze spielt sich ein Großteil des Romans ab; Stopfkuchen erzählt dem Erzähler, wie es dazu gekommen ist, dass jetzt er auf dieser ehemaligen Armeeanlage sitzt. Der frühere Besitzer war in der Stadt schon zur Jugendzeit der beiden Männer verschrieen als Mörder eines gewissen Kienbaum. Über die Details oder auch nur Kienbaum selber erfahren wir fast das ganze Buch über nichts, nur über die Auswirkung: Ausgrenzung, Gerichtsprozesse, Abgrenzung; Verwilderung des Hofes und der Leute darauf, Mobbing gegen Vater und Tochter, Hänseleien und Prügeleien und aggressive Hofhunde. Aber schon zum Ende der Jugendzeit hin, vor dem Abschied der Schulfreunde, schließt Stopfkuchen eine erst vorsichtige Freundschaft mit Tochter, Vater und Roter Schanze.

Und der Hauptteil des Romans besteht dann eben aus der unerbittlichen Erzählung Stopfkuchens, wie es dazu kommt, dass er jetzt Herr auf der Roten Schanze ist. Genüsslich walzt er alles aus. Es ist weniger, dass er auf Abwege und andere Themen gerät, vielmehr wiederholt er sich und wiederholt sich und kommt nicht zum Punkt. Er triezt seinen Zuhörer, dem er immer wieder Versäumnisse der Jugendzeit vorhält. Wie sie ihn missverstanden und schlecht behandelt hätten, nur gerade mal eben zufällig vielleicht ein bisschen freundlich gewesen seien, ihm gegenüber, und dem Herrn der Roten Schanze und seiner Tochter nie auch nur ein bisschen.

„Dieser hier zeigte doch schon in seiner Kindheit Mitgefühl und ging als der letzte, wenn die anderen mich unter der Hecke liegenließen.“

Stopfkuchen reizt und ködert und spielt mit dem Erzähler, fordert Erinnerungen ein:

Leider erinnerte ich mich nicht mehr, und Stopfkuchen sah mich nur erwartend, grinsend an und half mir nicht ein.

„[ D]enn was soll dieser Weltwanderer und Abenteurer auf seiner demnächstigen Fahrt über das große Weltmeer eigentlich von uns denken, wenn das mit unsern Lebensabenteuern und unserer Erzählungsweise noch lange auf diese Weise weitergeht?“

Der Erzähler reagiert fasziniert-geduldig:

Es war gegen den Menschen nicht anzuerzählen.

Ich bezwang mich und schlug den Dicken mit seinem lächelnden Verständnis für mein Dasein und meine exotischen Errungenschaften nicht hinter die Ohren.

Mittendrin, ein Stück vor der der Mitte, lässt Stopfkuchen beiläufig fallen, dass er ja zufällig den echten Mörder Kienbaums herausgefunden habe; sein – inzwischen gestorbener – Schwiegervater sei in der Tat unschuldig gewesen. Davon weiß auch seine Frau, mit der er ein inniges Verhältnis (des späten 19. Jahrhunderts) hat, noch nichts; das dunkle Geheimnis ihres Heranwachsens gelöst?

Aber weiterhin müssen Erzähler, Stopfkuchens Frau und die Leserinnen warten. Unerbittlich genüsslich lässt er den Erzähler zappeln, und damit auch der Erzähler uns. .… Erst in den letzten 15% beginnt es tatsächlich um die untertitelte “Mordgeschichte” zu gehen: Stopfkuchen erzählt, jetzt in der Dorfwirtschaft, nicht mehr der Ehefrau, sondern dem Erzähler und der gebannt lauschenden Wirtschaftsbedienung (damit die das unter die Leute bringt) die wahre Geschichte. Am Ende reist der Erzähler wieder ab.

Wollen diese Realisten mich foppen? Zugegeben: Ich habe ja dann doch mit Spannung und Interesse weitergelesen. Und dem Kriminalgeschichtenleser in mir fällt auf, dass es für die letztendlich Lösung des Falles nur die Aussage Stopfkuchens gibt.

Exkurs zu Zitaten

“Wer erschlug den Hahn Gockel?”, fragt Stopfkuchen rhetorisch mindestens zweimal im Buch. Ich recherchiere, und zwar erst einmal unter “Cock Robin” (Wikipedia), weil mir das vertrauter war: Das ist ein alter langer englischer Kinderreim, der so beginnt: “Who killed Cock Robin? / I, said the Sparrow, / with my bow and arrow, / I killed Cock Robin.” Dieser Kinderreim ist oft verarbeitet worden, als Lied, und sehr viel in Krimis, und da ist er mir sicher irgendwo schon einmal begegnet. Und siehe, es gibt eine deutsche Übersetzung von Friedrich Rückert:

Des Hahn Gockels Leichenbegängnis

Wer erschlug den Hahn Gockel?
Ich, spricht der Sperber,
Ich bin der Verderber,
Ich erschlug den Hahn Gockel.

Wer hat’s gesehn?
Ich, spricht das Mäuslein,
Aus meinem kleinen Häuslein
Hab’ ich’s gesehn.

Wer trank sein Blut?
Ich, spricht das Mücklein,
Mit kleinen Schlücklein
Trank ich sein Blut.

Wer gräbt sein Grab?
Ich, spricht Rotkehlein,
Mit meinem Zehlein
Grab’ ich sein Grab.

Wer trägt die Bahr’?
Ich, spricht der Rabe,
Ich trag’ im Trabe
Die Totenbahr.

Wer ist der Priester?
Ich, spricht die Dohle,
Bin schwarz wie Kohle,
Ich bin der Priester.

Wer singt den Psalm?
Ich, spricht die Nachtigall,
Ich sing’ mit lautem Schall,
Ich sing’ ihm den Psalm.

Wer läut’ die Glock’ hell?
Ich, spricht das Böcklein,
Ich läut’ ihm’s Glöcklein;
Fahr wohl, Hahn Gockel!

Alle die Vögel in der Luft
Befiel ein Klagen und Seufzen,
Als sie hörten das Glöcklein läuten
Zu Hahn Gockels Gruft.

(Friedrich Rückert)

Einen Leitspruch zitiert Stopfkuchen häufig, er steht auch angeschlagen in seiner Roten Schanze: “Gehe aus dem Kasten!” – man denkt natürlich sofort an die box, außerhalb derer man denken soll, weil irgend jemand meint, die dunklen Ecken der box gehen niemanden etwas an. Tatsächlich geht es um Noah und seine Arche: „Gehe aus dem Kasten“ (1 Mose 8, 16).

Ein- oder zweimal sagt Stopfkuchen, wenn auch in anderem Tempus: “Die Riesen ängsten sich unter den Wassern und die bei ihnen wohnen”, was so sehr nach Zitat und außerdem so spannend klingt, dass ich die Quelle herausfinden wollte. Auch hier wieder die Bibel (Hiob 26, 5), wenn auch eine häufigere Übersetzung ist: “Die Schatten drunten erbeben, unter dem Wasser und seinen Bewohnern.” Riesen? Schatten? Also mal wieder in Hiob geschaut, bleibt kryptisch.

E‑Book (epub)

Und weil die verschiedenen epub-Versionen, die von dem Buch kursieren, alle mit Scanfehlern behaftet sind, hier meine verbesserte Version (einfach einmal entzippen).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.