Jeremias Gotthelf, Die schwarze Spinne

Vermutlich habe ich diese Novelle zu meiner Studienzeit gelesen, als Schüler sicher nicht. Von der Geschichte wusste ich schon lange, als Beispiel für phantastische Literatur (da hatte ich ja viel gelesen, auch Literaturgeschichtliches) oder als Fassung der modernen Wandersage von der aufplatzenden Beule, aus der lauter kleine Spinnen kommen. Dennoch hat sie mich beim ersten Lesen dann recht kalt gelassen.

Das war jetzt anders: was für eine interessante Geschichte! Von wegen Horror – die ersten 20% sind reine Rahmenhandlung, und was für eine brave, sittsame, wohlgefällige. Es geht um die Taufe eines Kindes, und da dreht es sich um zwei Dinge: erstens hat man vergessen, der Patin den Namen des zu taufenden Kindes zu sagen, und fragen darf sie nicht, weil, so der allgemeine Glaube, wenn die Patin nach dem Namen des Kindes fragt, wird es “zeitlebens neugierig”, und das gilt als schlecht. Das alles fällt der Patin erst auf dem Weg zur Kirche ein, kreideweiß ist sie. Geht aber doch gut aus; der Pfarrer weiß den Namen auch. Und zweitens geht es ums Essen und Trinken: Was da nicht alles aufgefahren wird! Dreierlei Küchlein, “dürre Bohnen und Kannenbirenschnitze, breiter Speck dazu und prächtige Rückenstücke, von dreizentnerigen Schweinen, so schön rot und weiß und saftig”, “Voressen von Hirn, von Schaffleisch, saure Leber”, “eine schöne Fleischsuppe, mit Safran gefärbt und gewürzt”, so geht das Absatz um Absatz. Geflirtet wird auch ein bisschen, aber vor allem muss man sich zieren beim Essen, vor und nach der Kirche, als Ehrengast, aber auch so. Bloß nie die erste sein, und nein, man sei schon satt, woraufhin dann Vorwürfe, dass das Essen halt nicht gut genug sei, und dann halt doch noch eine Extratasse Kaffee, und das Spiel wiederholt sich bei jedem Gericht. – Früher langweilig, heute nicht.

Diese biedere Rahmenhandlung stellt einen Kontrast dar zu den beiden verknüpften Binnengeschichten, der eigentlichen Novellenhandlung. In der ersten, längeren, die wohl um 1200 herum spielen mag, geht es um die fragwürdigen Mitglieder eines Ritterordens, die auf der örtlichen Burg hausen und deren Anführer den Dorfbewohner harte Fronarbeit abverlangt. Ein Schloss müssen sie bauen, was auch unter großer Mühe gelingt, und dann sollen die Bauern auch noch 100 Buchen von weit weg nach oben verpflanzen, um einen schönen Spazierweg zu schaffen. Er droht mit furchtbaren Strafen für Männer, Frauen und Kinder des Dorfes. So oder so bedeutet das den Ruin für alle.

Da bietet der Teufel Hilfe an und verlangt nur ein ungetauftes Kind dafür. Zuerst lehnen alle ab. Dann macht man sich ein bisschen Hoffnung, den Teufel werde man doch irgendwie betrügen können; eine Christine letztlich, ohnehin etwas verrufen, sagt für alle zu, wird zur Besiegelung auf die Wange geküsst – ohne direkt im Auftrag zu handeln, aber auch ohne später zu viel Widerspruch zu kassieren. Wird schon gutgehen. Und ja, der Teufel hilft, und ja, das nächste geborene Kind wird rasch getauft, bevor es der Teufel holen kann.

Auf Christines Wange entsteht jetzt an der Stelle des Teufelskusses ein Mal, das immer größer wird. Ist nichts, sagen die anderen. Eine weitere Frau wird schwanger, aber man sorgt sich nicht mehr groß darum: muss man halt schenll taufen, der Rest findet sich. Das Mal wird größer, und eine große, fette Spinne schaut halb – aber erst einmal nur halb – heraus. Die Leute meiden Christine, Christine leidet schreckliche Schmerzen, aber alle sagen nur so: Ja, dein Problem, wir haben das mit dem Teufel ja nicht ausgemacht.

Ab da folgt eine lange Sequenz, die mit den besten Stellen bei Poe mithalten kann, dem von “Metzengerstein”. Das Kind wird geboren und rasch getauft:

Christine umkreiste vergeblich und machtlos das Haus. Von immer wilderer Höllenqual ergriffen, stieß sie Töne aus, die nicht Tönen glichen aus einer Menschenbrust; das Vieh schlotterte in den Ställen und riss von den Stricken, die Eichen im Walde rauschten auf, sich entsetzend.

Die Spinne im Gesicht schwillt an und gebiert unzählige weitere kleine Spinnen. Und wie eine Pest wüten die Spinnen, kriechen “über das Vieh, das Futter, und was sie berührten, war vergiftet, und was lebendig war, begann zu toben, ward bald vom Tode gestreckt.” Und schon wächst die nächste Spinnenbrut in Christine heran. Die versammelten Bürger überlegen:

Nach und nach kamen aus den angstgepressten Kehlen abgebrochene Laute hervor, und wenn man sie zusammensetzte, so meinten sie gerade, was Christine meinte, aber kein einzelner hatte seine Einwilligung gegeben in ihren Rat.

Also ja, das nächste Kind kriegt der Teufel, auch wenn es niemand so gesagt hat, dass man ihn verantwortlich dafür machen könnte – außer Christine. Als Vorgriff auf Rosemary’s Baby weiß also jeder im Dorf, dass das Kind der nächsten Schwangeren dem Teufel gehören wird, bis auf die Frau selber. Auch ihr Ehemann spielt mit. Als die Geburt naht, lauert das halbe Dorf um das Häuschen herum, der Ehemann holt den Pfarrer, geht aber betont langsam (außer ein paar schnelle Schritte, wenn das Gewissen doch durchscheint) und hat es auch nicht eilig beim Pfarrer. Der Pfarrer, unter Blitz und Donner und kreideweiß im Gesicht, kämpft mit Christine, die das Kind zum Teufel bringen will, sie verwandelt sich sogar ganz in eine Spinne, aber der Pfarrer besiegt sie, das Kind wird getauft. (Pfarrer und Kind sterben bald darauf.)

Und dann wütet die schwarze Spinne – “nie war eine Pest verheerender, nie eine Krankheit grässlicher gewesen”, um es mit Poes Worten vom Anfang der “Maske des roten Todes” zu sagen. Selbst die Ritter erliegen ihr; einer reitet aus und sucht nach der Spinne und findet sie doch nicht so, wie er es erwartet hätte:

Da ritt er den Menschen zu, wollte Kunde einziehen, sie stunden ihm, bis er nahekam. Da schrien sie grässlich auf und flohen in Wald und Schlucht, denn auf des Ritters Helm saß schwarz, in übernatürlicher Größe die Spinne und glotzte giftig und schadenfroh ins Land. Was er suchte, das trug der Ritter und wusste es nicht; in glühendem Zorne rief und ritt er den Menschen nach, rief immer wütender, ritt immer toller, brüllte immer entsetzlicher, bis er und sein Ross über eine Fluh hinab zu Tale stürzten. Dort fand man Helm und Leib, und durch den Helm hindurch hatten die Füße der Spinne sich gebrannt dem Ritter bis ins Gehirn hinein, den schrecklichsten Brand ihm dort entzündet, bis er den Tod gefunden.

Es gelingt der Mutter des Kindes, unter Opferung ihres eigenen Lebens, die Spinne zu bannen, in einen Holzbalken zu sperren, mit einem Propfen zu verschließen. Und dieser Balken steht noch heute, ist Teil des Hauses geblieben; die Familie wacht darüber.

Eine zweite, kürzere Binnengeschichte erzählt, wie zweihundert Jahre darauf die Leute im Dorf wieder die Spinne herauslassen, weil sie nie mehr auf Religion und Tradition achten, “fremde Weiber” haben ihr Teil dazu beigetragen. Und wieder gelingt es jemandem aus der Familie, unter Opferung des eigenen Lebens die Spinne in den Balken zu sperren. Die Anwesenden, die diese Geschichten erzählt bekommen, gruselt es ein wenig, aber die Familie selbst fühlt sich sicher, selbst mit dem Balken im Rücken, solange alle gottesfürchtig bleiben.

Wie viel man aus der Geschichte herausholen kann! Novellenform und alten Sagenstoff, Außenseiter und Gruppendenken, Sündenböcke, Frauenrollen, Religion.

3 Antworten auf „Jeremias Gotthelf, Die schwarze Spinne“

  1. Ich erinnere mich an eine Inszenierung, sehr beeindruckend und den Schauer der Geschichte erfassend und wiedergebend, in der Schauburg unter Jürgen Flügge und Dagmar Schmidt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.