E. E. Kellett, The Lady Automaton

1. Hintergrund

In der 6. und 7. Klasse las ich William Tenn, weil mir dessen Werke zufällig über einen Freund in den Weg gespült wurden. Sonst wäre mir dieser Autor zwar da und dort in Anthologien begegnet, aber ich hätte wahrscheinlich nicht vor ein paar Jahren die dreibändige Werksausgabe (einschließlich nonfiction) gelesen und wäre nicht auf den Aufsatz “ ‘The Lady Automaton’ by E. E. Kellett: A Pygmalion Source?” gestoßen. Veröffentlicht hat Tenn, bürgerlich Englischprofessor, diesen Aufsatz unter seinem bürgerlichen Namen Philip Klass in Shaw , 1982, Vol. 2 (1982), pp. 75–100, zusammen mit Kelletts ursprünglicher Geschichte.

“The Lady Automaton” erschien im Juni 1901 in Pearson’s Magazine (Vol 11, pund danach nur in einer Anthologie aus dem Jahr 1979, sie ist eine etwas gekürzte Version von “The New Frankenstein” aus Kelletts Kurzgeschichtensammlung A Corner in Sleep and Other Impossibilities aus dem Jahr 1900. Veröffentlicht wurde die ältere Fassung seitdem wohl nur noch einmal in einer Anthologie aus dem Jahr 1994. Lesen kann man die jüngere Fassung, auf die sich Tenn bezieht, hier, auf einer Domain, in der es um ein selbst geschriebenes Pen-and-Paper-Rollenspielsystem geht, das vor dem Hintergrund der scientific romances aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert geht. Dort gibt es Spielregeln, Szenarios, und viele Kurzgeschichten und Aufsätze aus dieser Zeit. Internet, yay!

Über Kellett findet man hier (mit Bild) und da Interessantes, gar neugierig Machendes, aber insgesamt nicht viel; eine eigene Wikipediaseite gibt es nicht, und selbst nach dem vollen Namen (“Ernest Edward Kellett”, 1864–1950) muss man eine Weile suchen. Dennoch, A Corner in Sleep and Other Impossibilities würde ich gerne mal lesen, der Titel klingt vielversprechend.

Ich habe nicht weiter nach Literatur zu dem Thema gesucht und weiß nicht, ob es viele oder wenige weitere Aufsätze dazu gibt; in der Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik 63(1), 2015, S. 89–100 gibt es zumindest noch “My Fair Lady Automaton” von John M . Picker, in dem es um weibliche sprechende Maschinen von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zu Pygmalion von George Bernard Shaw geht, mit Exkursen in die Gegenwart.

Die Hypothese von William Tenn, um jetzt endlich mal zu seinem Aufsatz zu kommen, ist nun eben die, dass “The Lady Automaton” eine Quelle für Shaws Drama Pygmalion war (Grundlage des Musicals My Fair Lady), und Tenn/Klass weist auf viele Parallelen hin, die ich hier gar nicht wiederholen will.

2. Die Geschichte

Der Erzähler, ein Arzt, erzählt von seinem Freund Arthur, den er gelegentlich besucht. Arthur ist Wissenschaftler, oder eher Erfinder; er hat einen perfekten Phonographen entwickelt. Auf Anregung Arthurs entwickelt er danach ein Gerät, das nicht nur aufgezeichnete Stimmen wiedergeben, sondern selbstständig antworten kann. Die beiden kommen sofort darauf, dass so ein Gerät den Turing-Test bestehen würde:

[W]hat an achievement it would be to contrive a sort of anti-phonograph, that should give the appropriate answer to each question I like to put!”
“Why, a thing that could do that would be nothing less than man.”
“Well,” I said, “what is man but a bundle of sensations – a machine that answers pretty accurately to the questions daily put to it?” For I was, or pretended to be, a full-blown materialist.

(Das Rechenproblem dahinter wird kleingeredet, das sei ja auch nicht viel aufwendiger als das, was “Babbage’s calculating machine” bereits vorgemacht hat. Eher geht es um die mechanische Umsetzung, die thematisiert wird.)

Beim ersten Testen der Maschine, dem Anti-Phonographen, weiß der Erzähler nicht recht, was er sagen soll. Engländer halt: “I was at a loss how to begin the conversation, so called the weather to my aid”, gefolgt vom Stoßseufzer: “Oh, for the inventive powers of a Frenchman, in order to begin the conversation naturally!”

Aber diese Maschine ist nur der erste Schritt. Arthur will sie mit einer anderen Maschine kombinieren, die sich bewegen kann, wobei der Anti-Phonograph “the brain power” dazu liefern wird. Außerdem soll dieser neue Automat eine feine Dame sein, “behave like a lady”. Das würde so ein Automat doch wohl hinkriegen?

Der Automat – Miss Amelia Brooke – wird gebaut und als Nichte des Erzählers der Gesellschaft präsentiert. Sie ist ein großer Erfolg, gleich zwei junge Männer, Burton und Calder, verlieben sich in sie. Zwischendurch kriegt Amelia ein Hardware-Update. Die zwei jungen Männer halten beide um ihre Hand an, und weil Amelia als Automat auf gleiche Eingaben immer gleich reagiert und junge Männer zumindest in solchen Situationen immer das gleiche sagen, sagt Amelia beiden zu und auch noch für den gleichen Tag.

Der immer entsetztere Erzähler informiert jedoch Calder, der daraufhin den seinigen Hochzeitstermin verschiebt, um zu beobachten, was geschieht. Und tatsächlich, es kommt zur Trauungszeremonie. Calder ersticht Amelia. (“There was a whirr, a rush. The anti-phonograph was broken.”) Sägespäne rinnen aus der Wunde; ihr gleichfalls anwesender Schöpfer Moore stirbt. Und der Erzähler deutet im letzten Satz an, dass er kein “fashionable physician” mehr ist, sondern mitunter sogar eher als Patient betrachtet wird.

Erwähnenswerte Einzelheiten:

  • Von Anfang an wird Amelia “doll” (Puppe) genannt oder “creature” – das erinnert an Frankenstein, der einmal explizit genannt wird und ja ohnehin im ursprünglichen Titel auftaucht. Der Erzähler hasst den Automaten geradezu, er ist ihm unheimlich, das Wort “uncanny” taucht fünfmal auf, daneben gibt es “fatal, detestable, fiendish, monotonous.”
  • Der Erfinder Arthur dagegen entwickelt eine fast symbiotisch geschilderte Beziehung zu Amelia, allerdings auch eine manisch besitzergreifende:
    • “She shall walk drawing-rooms like a lady, or I will break her to pieces myself!”
    • “[S]he is more than a doll; she is Me. I have breathed into her myself”
    • Als Amelia bluten können soll, um überzeugender zu sein, will Arthur keinesfalls aufgeben: “Rather would I drain my own veins into hers. Rather go out and kill somebody. What did Mephistopheles say? ‘Blood is a peculiar sort of juice.’ But I will make it.”
    • Moore’s extraordinary success had turned his brain.
    • Could it be that by some unholy means Moore had succeeded in conveying some portion of his own life to this creature of his brain?
    • [H]is wonderful toy was broken, and the cord of Moore’s life was broken with it.
  • Das komplizenhafte Verhältnis zwischen Erzähler und Erfinder ist dementsprechend nicht ungetrübt. “I tried to enter a feeble protest, but he overbore me. You ask how; I cannot tell. Call it magic – anything you like; but it overbore me. I yielded; I promised my assistance.” Und dann sitzen die beiden da in ihrem Kämmerchen und basteln: “We sat like two mischief-making children far into the small hours of the night, plotting how we could carry out the plan best. Moore had enslaved me, body and mind; I was carried away in a kind of drunken enthusiasm and almost as feverishly excited as Moore himself. Nothing would now have stopped me. Would Frankenstein have paused the very hour before his creature took life?”
  • Es gibt Sticheleien auf die (gehobene) Gesellschaft, insbesondere Frauen. “‘The Society woman of our time,’ you proclaimed, ‘what is she but a doll? Her second-hand opinions, so daintily expressed, would not a parrot speak them as well?’” Ein Herz ist nicht Teil des Innenlebens von Amelia, scherzhaft: sie soll ja auch eine feine Dame sein. Amelia kann ein bisschen Französisch parlieren und “[s]he can enter a room, bow, smile, and dance” – was auf jeden Fall reichen dürfte, die anderen Frauen auszustechen.
  • Arthur zieht Amelia echten Frauen auf jeden Fall vor, er sieht als Vorteile des Automaten: “she is not touchy”, “she can’t blush”.
  • Dem Erzähler ist sie dagegen zu mechanisch: “She was] dancing beautifully but a little mechanically […], saying always the right things, answering questions always in the same way, and wearing at pretty regular intervals the same detestable smile.” Ihr Erfolg ist “too monotonous. Human beings sometimes put their foot in it; she never.”
  • Auch die beiden jungen Männer ziehen Amelia den anderen vor. Und diesmal ist es genau anders herum, die anderen Frauen erscheinen wie Puppen und Amelia wird eine große innere Tiefe zugeschrieben: “They have nothing to say for themselves, they are mere bundles of conventionality; but she – she is all soul.” Es ist ironisch, dass gerade die Puppe ganz Seele sein soll.

Der Text allein ist schon interessant, jenseits der Parallelen zu Pygmalion, die man bei Tenn/Klass nachlesen kann und die ich deshalb nicht wiederhole. Man kann ihn unter dem Science-Fiction-/Steampunk-Aspekt lesen, vielleicht mit etwas Informatik darin. Man kann ihn verbessern: Ist die Doppelung der beiden Verlobten nötig; könnte nicht einfach gleich der Erzähler am Ende den Automaten zerstören? Man kann ihn mit Frankenstein und Pygmalion vergleichen und überhaupt mit weiblichen Automaten in Literatur und Film. Arthur und der Erzähler als Junggesellen, die sich die perfekte Frau basteln, aber unterschiedliche Vorstellungen davon haben. Und vor allem natürlich: die Frau als Besitztum, die völlige Abwesenheit von Amelias Blickwinkel.

3. Der Sandmann

Das hat man doch kommen sehen, oder? Die Parallelen zu “Der Sandmann” von E.T.A. Hoffmann finde ich mindestens so interessant wie zu Shaw. Zugegeben, die anderen Geschichten um weibliche Automaten aus dem 19. Jahrhundert, von denen im Picker-Aufsatz oben einige aufgezählt werden, kenne ich nicht; vermutlich gibt es da bereits Zwischenstufen und verbreitete Motive. Und natürlich gibt es Offenbachs Oper auch noch als Zwischenschritt.

  1. Es gibt zwei Wissenschaftler, oder jedenfalls zwei Erbauer einer künstlichen Frau, Eingeweihte in eine Art Komplott.
  2. Amelia heißt die Frau in der einen, Olimpia in der anderen Geschichte – ich finde die Namen ähnlich. (Eliza ist auch nicht weit davon entfernt.)
  3. Beide Ingenieure hecken einen Plan aus, stellen den Automaten als eine junge weibliche Verwandte vor und führen sie in die Gesellschaft ein.
  4. In beiden Werken gibt es eine Ballszene, wo der Automat erfolgreich auftritt – wo allerdings gerade das Tanzen als zu mechanisch geschildert wird, und in Olimpia wohl nur ein Teil des Publikums getäuscht wird.
  5. In beiden Fällen wird die künstliche Frau den natürlichen Frauen als Kontrast gegenübergestellt, aber gut, das ist nur zu natürlich bei diesem Motiv.
  6. In beiden Geschichten verliebt sich mindestens ein junger Mann in den Automaten, in beiden wird der Automat am Ende zerstört und ein junger Mann macht sich unglücklich.
  7. In beiden Geschichten geht es um Wahnsinn, auch wenn der bei Kellett einen der Schöpfer und weitaus milder betrifft und bei Hoffmann den jungen Mann. Clara-Lothar-Siegmund und , der Erzähler auf der anderen Seite stehen dabei für diejenigen, die dem Wahn nicht verfallen, sie bieten eine andere, realistische Sichtweise.
  8. Freud schöpfte für seinen Aufsatz “Das Unheimliche” sehr aus dem Sandmann; als “uncanny” (unheimlich) bezeichnet Kelletts Erzähler fünfmal das Geschehen.
  9. Amelias Verehrer sieht unglaubliche Tiefe in ihr, im Gegensatz zu anderen Frauen: “What are all these painted dolls to her? They have nothing to say for themselves, they are mere bundles of conventionality; but she – she is all soul.” Und Nathanael geht es ebenso mit Olimpia: »O du herrliches, du tiefes Gemüt«, rief Nathanael auf seiner Stube: »nur von dir, von dir allein werd ich ganz verstanden.«

Vielleicht muss man den “Sandmann” neu erzählen: Einmal aus Spalanzanis Perspektive (als Watson-Figur, mit einem verkleidungslustigen Coppola-Coppelius als Holmes, und eienr Erklärung für ihren Streit am Ende), und einmal aus der von Olimpia.

4. Fußnote

Seit zwölf Jahren gibt es und höre ich den H. P. Lovecraft Literary Podcast. Die ersten hundert Folgen sind kostenlos und öffentlich, danach gibt es einen Großteil der Episoden nur im Abonnement, aber eine Folge pro Monat ist weiterhin öffentlich. Diesmal ist es die erste Folge von wahrscheinlich zweien, in denen sich die beiden Gastgeber mit E.T.A. Hoffmanns Sandmann beschäftigen. Es ist ein bisschen viel Geplänkel dabei diesmal, aber für mich als Deutschlehrer besonders interessant, wie sie diese Erzählung aus einer ganz anderen Perspektive und mit anderem Hintergrund angehen. Es hat ein bisschen was vom Genre der First-Time-Listening-Videos, wo (junge) Leute zum zumindest anscheinend ersten Mal Musikklassiker wie “Bohemian Rhapsody” hören.

Episode 558 – The Sandman – Part One
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