A slug-balancing act?

Einem Freund zeigte ich vor einem halben Jahr mein Büchlein mit Aufsatzthemen aus dem Jahr 1966, er blätterte darin und hakte – willkürlich ausgewählt – bei einem zu Thomas Manns Novelle „Mario und der Zauberer“ nach. Nun hatte ich die just als Hörbuch angehört, und damit entschied ich, als Oberstufenlektüre noch kurz diese Erzählung einzuschieben. Dem Kurs präsentierte ich das Buch und die Vorschläge daraus (damals: „9./10. Schj.“):

  1. „Ein tragisches Reiseerlebnis“ heißt der Untertitel der Novelle. Woraus entspringt die Tragik der Geschichte?
  2. Die naiv zuschauenden Kinder — der gerissene Zauberer Cipolla, ein spannungsgeladener Gegensatz
  3. Wie lässt Thomas Mann die schwüle Atmosphäre des Bösartigen entstehen?
  4. Worin liegt die eigentliche Bosheit des Zauberers, worin die nicht hinzunehmende Kränkung Marios?
  5. „Ein Ende mit Schrecken, ein höchst fatales Ende. Und ein befreiendes Ende dennoch — ich konnte und kann nicht umhin, es so zu empfinden.“ Diese doppelte Beurteilung gibt Thomas Mann der Erschießung des Zauberers. Erklären Sie diese, und nehmen Sie selbst Stellung.

Vier der fünf Themen wählte der Kurs aus und kam auf schöne Ergebnisse. Dann wollten wir uns noch eine Stelle genau ansehen, also close reading, was man in der Schule so gerne macht, weil das das Standard-Prüfungsformat ist. Ziemlich willkürlich wählte der Kurs eine kurze Stelle, nämlich Cipollas erstes Auftreten auf der Bühne. Da wird er so beschrieben als:

keineswegs mehr jung, mit scharfem, zerrüttetem Gesicht, stechenden Augen, faltig verschlossenem Munde, kleinem, schwarz gewichstem Schnurrbärtchen und einer sogenannten Fliege in der Vertiefung zwischen Unterlippe und Kinn

Die jungen Leute lasen aufmerksam: was heißt hier Fliege?

Der Beschreibung nach kann das doch nur ein Bärtchen sein, und zwar unterhalb des Mundes, aber über der Spitzbart-Position, da wo mein jüngerer Bruder lange Zeit ein Bärtchen trug. „White-man hater“ hieß das früher mal (habe ich aus einem Kinky-Friedman-Roman notiert), inzwischen höre ich häufiger „soul patch“. Und das sollte auf deutsch „Fliege“ heißen, oder mal geheißen haben?

Wiktionary kennt das als „kleiner Bart auf der Oberlippe“, der Beispielsatz dazu ist: Die Fliege erlangte als „Hitlerbärtchen“ traurige Berühmtheit. Eine Quelle ist nicht genannt, der Satz wird in verschiedenen Onlinequellen zitiert, vermutlich jeweils von Wiktionary übernommen.

Auch Wikipedia ist mit diesem Schnurrbart vertraut: „Fliege (auch Zweifinger-, Hitler- oder Chaplin-Bart)[3][4][5]“ Allerdings findet sich in keiner der drei Quellen [3][4][5] der Begriff „Fliege“, eher geht es dort um „Bürstenbart“. Die Quellen sind als Google-Büchersuche angegeben, ich habe diese benutzt, um darin nach „Fliege“ zu suchen und habe jeweils nichts gefunden.

Das heißt: Entweder Thomas Mann verwendet den Begriff falsch. So etwas kommt durchaus vor, auch bei namhaften Autoren. Oder der Begriff bezeichnet doch nicht das Hitlerbärtchen (dessen Parodie in einer Blackadder-Episode als slug-balancing act missverstanden wird, wunderbar anschaulich), sondern eine andere, seltenere Bartform. Nacktschnecke über dem Mund, Fliege darunter.

Ich freue mich über sachdienliche Hinweis; in der Thomas-Mann-Forschung ist das sicher längst annotiert.


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