Moodle-Fortbildung heute und die Hype-Kurve

By | 12.1.2011

Heute habe ich zum zweiten Mal eine Gruppe von Deutsch-Fachbetreuern im Umgang mit Moodle fortgebildet. Es ging sehr gut, deutlich beser als beim ersten Mal. Das lag zum einen daran, dass ich jetzt besser wusste, welche Probleme und Schwierigkeiten die Teilnehmer haben würden. Und zum anderen daran, dass unser eigener Computerraum für Gäste einige Schwierigkeiten mehr bietet als der an der Schule, an der ich heute war.

Vielleicht weckt man ja durch die Möglichkeit, sich mittels Moodle mit anderen Fachbetreuern auszutauschen, das Bedürfnis, das auch zu tun. Irgendwie und irgendwann mal. Ich kann jedenfalls mal dazu beitragen, dass möglichst viele Fachbetreuer in einem gemeinsamen Kurs landen.

Meine Moodle-Einführung beginnt mit einer Vorstellung der Hype-Kurve von Jackie Fenn. Das ist eigentlich ein alter Hut, aber wo man ihn noch nicht kennt…


Originalgrafik von Idotter, CC-BY, siehe Quelle

Diese Kurve zeigt, wie nach Einführung einer technischen Neuerung die interessierte Öffentlichkeit reagiert: die Aufmerksamkeit steigt rasch an bis zu einem Höhepunkt der überzogenen Erwartungen an. Dann stellt man plötzlich fest, dass die neue Errungenschaft diese Erwartungen nicht erfüllen kann, und es wird sehr still darum. Das Tal der Enttäuschung ist erreicht. Irgendwann normalisieren sich die Erwartungen dann wieder und die Aufmerksamkeit befindet sich auf dem Niveau, das der Sache gebührt.

Ich habe hier mal eingetragen, wo sich zu diesem Zeitpunkt einige ausgewählte Errungenschaften befinden:

Wo man was auf der Kurve einzeichnet, hängt natürlich davon ab, welche Zielgruppe man meint. Unter Lehrern ist ein 3D-Drucker noch etwas ziemlich Neues, in anderen Kreise schon längst nicht mehr. Ein Tipp: wenn man etwa nach gartner hype 2011 bildergoogelt, findet man aktuelle Darstellungen der Kurve, auf denen gezeigt wird, wo sich welche Technik zur Zeit wirklich befindet.

(Stolz bin ich übrigens auf das kleine Schweinderl links unten. In der Präsentation bewegt sich das nach dem Mausklick nämlich entlang der Kurve, um zu demonstrieren, dass jede neue Sau die gleiche Runde durchs Dorf machen muss.)

Diese Hypekurve habe ich einfach frech auf Bildungskonzepte übertragen. Ist empirisch überhaupt nicht überprüft, aber nicht unwahrscheinlich. Ich habe mal folgende Punkte eingezeichnet:

Vor allem um die Kompetenzorientierung wird gerade so viel Gedöns gemacht, dass ich es kaum erwarten, bis die endlich die Kurve hinuntergerutscht ist. An welcher Stelle in der Kurve sich Moodle gerade befindet, lasse ich offen.

– Ich glaube ja, dass es gar nicht schadet, wenn man Lehrern nicht jede neue Idee (die ja oft genug auch nur aus der Politik kommt) als das Nonplusultra verkauft, sondern auch mal etwas bescheiden ist. Ich habe auch schon an etwas offizielleren Broschüren mitgearbeitet, und da war leider nur Jubeln angesagt – in der Hoffnung, dass man damit die Herzen der Lehrer gewinnt. Nu.

Fußnote: Eine abgespeckte Fassung der Präsentation oben (mit Kurve und Schweinchen) gibt es inzwischen auch unter CC-BY-SA-Lizenz zum Herunterladen.

12 thoughts on “Moodle-Fortbildung heute und die Hype-Kurve

  1. Hannes

    Schön, diese Kurve kannte ich tatsächlich noch nicht (für mich also kein alter Hut). Danke!
    Ich denke, dass sie zu einer gewissen Distanz gegenüber neueren Entwicklungen bei einem selbst führen kann. Und das ist meistens gar nicht schlecht, um nach einiger Zeit nicht enttäuscht das Handtuch zu werfen.

  2. Steff

    Meine Prognose: Moodle versandet irgendwo im Tal der Enttäuschung. Warum? Weil man zur Moodle-Bedienung Fortbildungen besuchen muss! Und das wiederum liegt daran, dass Moddle nie als Kooperationstool für eine Gruppe gleichberechtigter User konzipiert wurde, sondern als Lernplattform mit ganz anderen Bedürfnissen: Ein Trainer (der sich auskennt) erstellt Übungseinheiten allerlei Formate für eine Gruppe von Schülern, die diese bearbeiten und wieder abliefern. Hat man einmal in ein anderes System geschnuppert (ich empfehle CommSy – ist um Längen intuitiver zu bedienen) langt man Moodkle nimmer gern an. Nur meine bescheidene Meinung.
    Wenn ich nicht ganz falsch liege, besteht die Tragik der Moodle-Hype darin, dass Sie viele nicht 100% PC-affine Kolleginnen und Kollegen für einen zweiten Versuch des Einstiegs in die online-Kooperation verbrennt.

  3. sdinkel

    Das Problem von Moodle sehe ich insbesondere in den hohen Erwartungen (Eierlegendewollmilchsau). Wird damit dann zum ersten mal gearbeitet, zeigt sich recht schnell, dass Moodle doch nicht alles kann. Leider, wie Steff sagt, auch nicht die gleichberechtigte Kooperation.
    Allerdings kann Moodle imho das, was es können will ziemlich gut. Deshalb lohnt sich, wie ich finde, der Einsatz.
    An der Benutzerfreundlichkeit kann aber sicherlich noch gearbeitet werden (Stichwort „verbrennen“).

  4. murmel

    Für unseren Berufsschulzweig würde ich sagen, dass die Kompetenzorientierung schon einiges über den Scheitelpunkt hinaus ist und in Richtung Normalisierung tendiert.

  5. Herr Rau Post author

    Moodle ist wirklich nicht intuitiv und etwas umständlich. Für viele Sachen nehme ich nicht Moodle, sondern ein Wiki oder Google Docs – weil ich mich auskenne. Aber ich glaube, dass man Onlinewerkzeuge von zwei Seiten an Lehrer bringen muss: von unten, indem einzelne Lehrer so etwas im Kollegium anfangen und dadurch werben, und – effizienter – von oben, indem der Umgang mit einem solchen Werkzeug von einer offiziellen Seite unterstützt und vor allem eingefordert wird. Und da ist Moodle schon sehr viel besser als gar nichts, denke ich. Es reichte mir schon völlig, wenn man es nur mal als Mailinglisten-Ersatz verwendete oder zur Dokumentenablage. Das ist ein Anfang.

  6. Maik Riecken

    Moodle ist bei uns mehr oder minder ziemlich weit links auf der Hypekurve angekommen. Ich habe als zuständiger Betreuer nie einen Hype zu Moodle entstehen lassen, sondern unterstütze bis heute aktiv KuK, die damit arbeiten wollen in Pausengesprächen und E-Mails bedarfsorientiert – was sich viral herumspricht, ist oft nicht so misstrauensbehaftet. Moodle kann ein wichtiger Baustein im Übergang zu freieren Lernformen sein – darüber habe ich in meinem Blog eine Menge geschrieben und selbst der Erfinder von Moodle bestätigt die konzeptionellen Defizite mehr oder minder in einem Interview – leider habe ich den Link zum Video nicht mehr.
    Ich und viele Kollegen nutzen Moodle zur Materialbereitstellung und als Sprungbrett in andere Tools, da sich Links und Materialien dort gut konzentrieren lassen. Ich ganz persönlich mache sehr, sehr viel mit nicht öffentlichen Blogs – als Heftergänzung und virtuellem Klassenraum (da überzeugt mich Moodle so gar nicht).
    Was die Zusammenarbeit mit KuK von anderen Schulen betrifft, bietet Moodle als „Lehrendensystem“ schon eine Menge Potential – wobei viele Projekte an der Teamherausforderung (Toll, ein anderer macht’s) scheitern und nicht an Moodle).

    Gruß,

    Maik

  7. Hokey

    Bei mir steckt Moodle kurvenmäßig am Tiefpunkt. Ich muss es eigenständig aufsetzten, warten und für die Sicherheit sorgen – und dazu habe ich keine Zeit und auch keine Lust (mehr). In diesem Schuljahr biete ich darum das erste Mal keinen begleitenden Moodle-Kurs für meine Oberstufe an. Einen besonderen Mehrwert habe ich Moodle nicht entnehmen können, aber wahrscheinlich ist das meine Schuld, weil ich nicht genug Zeit und Energie hineingesteckt habe.

  8. Georg

    Die Hype-Kurve kannte ich tatsächlich auch noch nicht, aber sie wirklich vielseitig belegbar; die hier aufgeführten Beispiele überzeugen.
    Noch schöner aber finde ich den Begriff des „pädagogischen Tamagotchi“, den Klaus Russ in einem gut ein Jahr alten Artikel zur Entlarvung mancher pädagogischen Mode verwendet, bei der auch die sogenannten neuen Medien ihr Fett abkriegen. Hier ein Auszug:

    „Das Internet wird in den nächsten Jahren die Bildungsetats auffressen, weil Bill Gates und die Telekom es so wollen. Deren Selbstlosigkeit kennt keine Grenzen; und die Schulen lassen sich dankbar zumüllen mit
    abgeschriebenem Computerschrott aus der Wirtschaft, dessen Entsorgung dann der Schulträger zu bezahlen hat. Pädagogische Einwände (Hartmut von Hentig) werden ebenso ignoriert wie die erwiesene Tatsache, dass die Datenrezeption vom Bildschirm aus hirnphysiologischen Gründen sechs- bis achtmal schlechter funktioniert als vom bedruckten Papier. Dass selbst Erfinder des Internets (Clifford Stoll) vor dieser Informationsquelle nachdrücklich warnen, dass die Harvard-Universität den linearen wissenschaftlichen Diskurs durch die Hyperlink-Technik gefährdet sieht, verschlägt nichts bei Lehrern,die sich als Avantgarde der informations- und kommunikationstechnischen Grundbildung (IKG) sehen.“
    Das ist sicher überspitzt und teilweise ungerecht, aber vielleicht doch nützlich als kleines Korrektiv. Den ganzen lesenswerten Artikel findet man hier: http://www.schulrat.com/texte/lehrer_texte.html

  9. Herr Rau Post author

    „Ich muss es eigenständig aufsetzten, warten und für die Sicherheit sorgen“ – nicht zumutbar. Zeit und Energie hat man nur begrenzt. Deswegen finde ich es ja prinzipiell schön, dass für bayerische Gymnasien tatsächlich zentrale Installationen verfügbar gemacht werden.

    Georg, das sind deutliche Worte. Bei „aus hirnphysiologischen Gründen sechs- bis achtmal schlechter“ schlägt mein bullshit detector Alarm, aber am Rest ist schon was dran.

  10. Pingback: Verlorene Links – Teil 4 - riecken.de - Gedanken zu Bildung, Lehre und Schule

  11. jan Mathys

    Mit Moodle habe ich noch keine Erfahrung aus Lehrerperspektive. An der Uni gab es das.
    Für den Unterricht hat sich für mich rpi-virtuell.net als praktisch erwiesen. Da kann ich Chat, Forum, Wiki und Gruppenarbeitsfunktionen mir zusammenklicken. Ist also eher für Projektarbeit von SuS gedacht, die in der Schule und auch zuhause miteinander kooperieren können und die Benutzung ist auch nicht Relilehrern erlaubt.
    Dass das Internet nur ein Hype ist, wage ich zu bezweifeln, weil Wissen dauerhaft einfacher zur Verfügung steht und gerade deshalb mehr Denken nötig ist, es einzuordnen.
    Die Idee des Unterschieds von Papier und Bildschirm in dem Ausmaß scheint mir nicht überzeugend.

  12. Pingback: Die Hypekurve im Rückblick | Lehrerzimmer

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