Doc Savage, der Mann aus Bronze

„Die Ausschreitungen unserer Phantasie und die Entartungen unserer Herzen, also Kunst“
(Hanns Dieter Hüsch)


Hüsch hat bei dieser Zeile wohl kaum an Doc Savage, The Man of Bronze gedacht, aber wenn jemand unter diese Kategorie gehört, dann er. Doc Savage ist wohl der bekannteste pulp hero. Die pulps waren die billigen Magazine der 20er bis 40er Jahre, benannt nach dem schlechten Papier, das für sie verwendet wurde. Gegenstück: die slicks mit glattem, feinen Papier, etwa die Saturday Evening Post. Die slicks zahlten mehr, veröffentlichten aber keine: Western-, Science Fiction-, Horror-, Kriminal-, Abenteuer-, Flieger- und Liebesgeschichten. Dafür waren nur die pulps da. Und Superhelden? Superhelden gab es damals noch keine. Die kamen erst in den späten 30er Jahren auf und eroberten das Medium Comic. Sie wurden zur neuen Lektüre der jungen Leute und trugen bei zum Aussterben der pulps.

Tennesse Williams, P.G. Wodehouse fingen bei den pulps an, ebenso wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler. Kunststück – für Kriminalgeschichten gab es keinen anderen Markt. Von Veröffentlichungen in Buchform konnte man damals nur träumen.

Lester Dent schrieb unter dem Haus-Pseudonym Kenneth Robeson fast alle der 181 Romane um Doc Savage. 89 davon sind auf deutsch erschienen. Laut Klappentext ist Doc Savage „der geheimnisvolle Mann mit der Bronzehaut und den goldenen Augen. Für seine fünf Freunde ist er der geniale Denker und Planer, der unerschrocken durch tausend Gefahren geht. Einen Mann wie Doc Savage gab es noch nie. Er ist ein Universalgenie: ein begabter Arzt und Wissenschaftler, ein tollkühner Pilot, ein unschlagbarer Karate-Kämpfer. Für die Bedrängten ist er stets ein Helfer in der Not. Für seine Fans ist er einer der größten Helden aller Zeiten, unübertroffen in seinen aufregenden Abenteuern und phantastischen Taten.“

Außerdem steht er auf technisches Spielzeug (Batman hat sich viel von ihm abgeschaut): Schon Anfang der 30er Jahre hat er einen automatischen Anrufbeantworter und sich selbst öffnende Türen (angeregt durch ein wenig radioaktives Material im Schuhabsatz).

Seine fünf Freunde bleiben leider ziemlich blass:

  • Monk, klein aber sehr breit, affenartig hässlich, kommt aber bei Frauen und Kindern gut an. Genialer Chemiker.
  • Ham, extrem elegant gekleideter Spitzenanwalt mit Degenstock.
  • Renny, genialer Ingenieur. Baut ständig irgendwo berühmte Brücken. Großgewachsen mit riesigen Fäusten.
  • Long Tom, klein und bleich, ein Elektronik-Genie.
  • Johnny, Geologe oder Archäologe. Wirft ständig mit komplizierten Wörtern um sich.
  • Außerdem darf manchmal noch mitspielen: Patricia Savage, Docs Cousine. Besitzt einen exklusiven Schönheitssalon.

Obwohl ich mehr von den Abenteuern gelesen habe, als ich zugeben möchte (hüstel – alle bis auf die letzten fünf – hüstel), muss ich immer überlegen, wer wer ist. Lediglich die ersten beiden haben zusammen so etwas wie eine Identität, und auch das nur, weil sie sich ständig in den Haaren liegen und sich gegenseitig Streiche spielen. Ansonsten sind die fünf meisterlichen Freunde meist dazu da, sich gefangennehmen zu lassen, damit Doc sie befreien kann.

Von Philip José Farmer gibt es eine Doc-Savage-Biographie. Sherlock Holmes, Tarzan, Figuren von Cabell und fast jeder weitere Held der Weltliteratur tauchen in seinem Stammbaum auf. Überhaupt ist das ein nettes Gebiet, die fiktive Biographie. Es gibt derer viele, etwa die Baring-Gould-Biographie von Sherlock Holmes oder die von Nero Wolfe.

Mehr über die hero pulps gibt es im Web, zu Doc Savage speziell gibt es The 86th Floor.

Zum Englisch-Einstieg kann ich die Geschichten aber nicht empfehlen: Sie sind nicht sehr einfach zu lesen, da der Wortschatz ziemlich absonderlich ist. Das ist für pulp fiction wohl typisch: Je trivialer der Roman, desto absonderlicher der Wortschatz. Wenn es irgendwie geht, steht da eben nie „red“, sondern immer gleich „crimson“.


Ich mag vor allem die mutigen Eigennamen in den Geschichten. Bondurant Fain (Bantam #101), Midnat D’Avis (Bantam #69), Lin Pretti (Bantam #50), Kittrella Merrimore (Bantam #65).

Mein Lieblingseinstieg ist in Mystery Island. Monk und Ham streiten sich in einer Hotel-Lobby. Renny ist genervt und will die beiden etwas ärgern; deshalb lässt er zwei Glühbirnen von der Treppe in die Lobby fallen. Sie zerplatzen mit lautem Knall und klingen wie Schüsse. Als das geschieht, sind nicht nur Monk und Ham überrascht, sondern vor allem auch eine Handvoll Männer in der Lobby, die aufspringen und um sich schießen, bevor sie schließlich fliehen.

Vergiftetes Haar in The Mystery on the Snow: Der Schurke reißt sich ein paar Haare aus und steckt sie sich in den Mund. Sein Haar ist mit einer Substanz getränkt, die Giftgas entwickelt, wenn sie mit Speichel in Berührung gerät. (Der Schurke glaubt zu unrecht, mit einem Gegengift behandelt worden zu sein.)

Noch tödlicher: In Quest of the Spider gibt es vergiftete Fliegen. Und zwar keine von Natur aus giftigen, auch keine mutierten, sondern mit Gift eingeschmierte.
Glücklicherweise hat Doc daran gedacht, sein Alligatorenkostüm mitzubringen. Unvergesslich die Szene, in der ein drohendes Krokodil sich plötzlich aufrichtet und eine bronzene Hand herauskommt und den Reißverschluss vorne löst – Doc Savage.

Umständlich geht es in The Green Death zu. Doc ist im Dschungel und der Schurke beschießt ihn mit einer Wasserpistole, die mit einer Flüssigkeit gefüllt ist, die Raubkatzen anlockt.

Meine Lieblingswaffe: Ein Banjo, das schießt, wenn man auf den Saiten spielt. Knapp danach die geflügelten Maschinengewehre in The Munitions Master.

Grober Unfug? Oder doch die Ausschreitungen unserer Phantasie und die Entartungen unserer Herzen? Mir hat’s jedenfalls viel Spaß gemacht.

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