Lee Server, Danger Is My Business

Danger Is My Business. An illustrated history of the fabulous pulp magazines

leeserver.jpg

Lee Server
Danger Is My Business. An illustrated history of the fabulous pulp magazines, 1896–1953.
San Francisco: Chronicle Books 1993
144 pp.

Wer heißt Clark mit Vornamen, hat eine Festung der Einsamkeit in der Arktis und wird in den stets nach Synonymen ringenden Zeitungen gern als Mann aus (einem bestimmten) Metall bezeichnet? Wem auf diese Frage nur eine Antwort einfällt, der sollte sich schleunigst wieder hinsetzen und seine Hausaufgaben machen.

Hilfreich ist dabei dieses Buch. Es erzählt die Geschichte der amerikanischen pulp magazines, der mit billigsten Druckverfahren und auf billigem, rauhem Papier hergestellten Groschenhefte, deren Blütezeit in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts lag. Auch für die Autoren wurde nicht viel Geld ausgegeben – bei einem halben cent pro Wort fing man an, und arbeitete sich zu einem renommierteren Pulp hoch, wo es das Doppelte gab. Viel mehr Geld gab es dagegen bei den slicks zu verdienen, Zeitschriften auf glattem, glänzenden Qualitätspapier, wie der Saturday Evening Post. Dafür mußte man aber auch Qualität liefern – und vor allem keine Genreliteratur. Also tummelte sich im Bereich der Pulps alles, was sich für Science Fiction – wie das Zeug dann später genannt wurde – interessierte, für Kriminalgeschichten, Western, Fantasy, Liebesgeschichten oder Abenteuer in der Südsee.

Dementsprechend besteht Servers Buch, nach einem einführenden Kapitel, das die Vor- und Frühgeschichte der Pulps behandelt, aus sieben Kapiteln, deren jedes einem Teilbereich der Pulps gewidmet ist: “Horror and Fantasy”, “Adventure”, “Private Eyes”, “Romance and Sex”, “Hero Pulps”, “Tales of Weird Menace” und schließlich “Science Fiction Pulps”. Dieser letzte Abschnitt ist sicher für viele besonders interessant – es erübrigt sich fast, daran zu erinnern, daß hier alles angefangen hat: Bunte Titelbilder mit halbnackten Frauen, deren Anatomie jeglicher Schwerkraft spottet, tentakelbewehrte Monster, Raumpiraten – aber auch Bloch, Bradbury, Simak, Sturgeon, Asimov kommen aus den Pulps, ebenso wie der verlagstechnisch so geschickte Gedanke der Leserkontaktseiten, wie das amerikanische Fandom überhaupt.

Danger Is My Business ist keine Anthologie von Geschichten aus der Pulpzeit und enthält nur sehr wenige Ausschnitte aus der Literatur. Dafür ist es eine Schatzkammer anTitelbildern, Illustrationen, faksimilierten Seiten, Autorenfotos (darunter das eine Bild von Lovecraft, das eh schon jeder kennt, dafür aber nicht nur die Kopfansicht, sondern ganz). Bunt, bunt, bunt. Der Begleittext ist so ausführlich, daß man dennoch nicht mehr von einem reinen Bildband sprechen kann; er zeigt (auch wirtschaftliche) Zusammenhänge in der Entwicklung der Magazine auf und enthält darüber hinaus köstliche Anekdoten und Details aus dem Leben der Autoren: Walter Gibson schrieb durchschnittlich 10.000 Wörter am Tag für The Shadow, die Figur des Shadow selbst wurde von einem geistig labilen Radioschreiber erdacht, der ein paar Jahre später in einer Absteige in der Bowery umgebracht wurde, Walt Coburn war einer der wenigen echten Cowboys unter den Schreibern von Westernpulps.

Über der Phantastik sollte man jedoch nicht die anderen Kapitel vernachlässigen. Die Faszination der Pulps kommt für mich erst bei den Western‑, Abenteuer- oder Liebesgeschichten voll zum tragen. Die sündigen Geschichten mit überraschend freizügigen Illustrationen erschienen in French Night Life oder in der Spicy-Serie: Spicy Detective Stories, Spicy Western, Spicy Adventure, Spicy Mystery. Einzelne Absätze werden zitiert, die sich wirklich köstlich lesen. Und echtere Helden als Doc Savage findet man nirgendwo:

“Nun,” sagte Doc Savage, “Ich schätze, man könnte es unseren Beruf nennen, Unrecht wiedergutzumachen und Übeltäter zu bestrafen, und dabei bis an die entferntesten Enden der Welt zu gehen, wenn es nötig ist.”
“Das klingt ziemlich dumm,” sagte Fiesta.
Der Mann aus Bronze gab keine Antwort darauf.

Auch für die Entwicklung der Kriminalliteratur spielen die Pulps eine große Rolle. Hammett und Chandler schrieben beide für Black Mask. Ausschnitte aus älteren Geschichten, vor der Zeit als Carroll John Daly und Dashiell Hammett das Genre revolutionierten, führen einem erst deren Leistung vor Augen.
Mich faszinieren die Pulps einmal wegen dieser Auswirkungen auf die spätere Genreliteratur, vor allem aber wegen der einzigartigen Kombination aus Naivität und Berechnung, aus Kreativität und wirtschaftlichen Faktoren, die sie ausmachen. Die Geschichten sind oft formelhaft – Lester Dent schrieb meist mehrere Doc-Savage-Romane gleichzeitig, an nebeneinanderstehenden Schreibmaschinen -, meist für ein jugendliches oder jedenfalls einfaches Publikum konzipiert; die Autoren schrieben unter Zeitdruck. Es waren archaische, unschuldige Geschichten, man mußte sich keines Klischees schämen. (Desto mehr empört es mich, wenn mir heute in Film oder Buch Unfug vorgesetzt wird, der dieselben alten Klischees bringt, dem aber die Frische und der durchaus nicht immer unfreiwillige Humor der Pulps abgeht.) Ein Autor konnte sich auf hundert Seiten austoben, um sich erst im letzten Absatz wieder auf die Handlung zu besinnen und rasch eine Erklärung für das gesamte Geschehen im Roman zu liefern:

Chandra Lal saw Elise on the street once, desired her, checked up on her, found you, bribed the Calder girl to help him. They took their time. The Calder girl practised until she could imitate the voice of your wife. She was well paid, but not enough to justify the murder of Bergstrom, for which she must pay the penalty as an accomplice. Edna Calder suggested Chandra Lal to Elise. He wasn’t a Hindu. He just made up for the part. He has a record at headquarters a mile long. For crimes, and attempted crimes, of passion…

Und so sind viele der Geschichten heute noch mit Genuß und Belehrung zu lesen; die anderen sind immer noch von historischem Interesse.
Ein abschließendes Kapitel in Servers Buch beleuchtet die letzten Jahre der Pulps und erörtert Gründe für ihren letztendlichen Untergang (etwa den Aufstieg der comic books). Ein Anhang informiert über das Sammeln von Pulps und nennt Adressen, die dabei behilflich sein können; die letzten Seiten enthalten eine Bibliographie und den Index.

Das Buch ist leider im Moment nicht mehr im Druck; man kann es aber unschwer gebraucht finden (etwa bei www.abe.com oder bei Amazon).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.