The Time Traveler’s Wife

Die dreifach hochgezogene Augenbraue in Gold für: Audrey Niffenegger, The Time Traveler’s Wife. Ich hatte das Buch einige Wochen im Regal, ohne rechte Lust. „The International Bestseller“ steht vorne drauf, und dass die Autorin eine Künstlerin ist, die in Chicago am College unterrichtet. Und dann habe ich’s gelesen.

Die Prämisse ist wunderbar simpel: Henry leidet an Zeitsprüngen. Immer wieder reißt es ihn aus seiner Gegenwart und er landet, nackt, in der Vergangenheit (ganz selten auch in die Zukunft), oft zu Zeiten und an Orten, die für sein Leben wichtig waren. Nach Minuten oder Stunden reißt es ihn dann wieder zurück in seine Gegenwart, ebenso nackt.

Das hätte die Basis für einen Science-Fiction-Roman sein können. Immerhin sind Zeitreisen ein beliebter und interessanter Topos, dessen Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft sind. Das Buch ist statt dessen die komplizierte Liebesgeschichte von Henry und Clare, die Geschichte zweier Menschen, die sich ständig verlieren und wieder finden.

Clare trifft Henry das erste Mal, als sie 6 Jahre alt ist und er 36. Henry trifft Clare das erste Mal, als er 28 Jahre alt ist und sie 20.

Für Clare stellt sich das so dar, dass, seit sie 6 Jahre alt ist, alle paar Wochen auf einer vom Haus aus nicht einsehbaren Wiese auf dem Anwesen ihrer Eltern ein nackter Mann auftaucht. Mal ist er 40, mal 36, mal 38, mal 32 Jahre alt. Er gibt Clare Nachhilfe in Schulfächern, sie reden viel miteinander, werden Freunde. Clare kriegt mit 15 oder 16 heraus, dass sie und Henry heiraten werden. Sie verliebt sich in ihn. (Er liebt sie schon länger, schließlich ist er seit Jahren mit ihr verheiratet.) Eine Zeitlang taucht Henry dann nicht mehr auf, bis Clare schließlich in ihrer gemeinsamen Zeit zufällig auf ihn stößt.

Für Henry sieht das so aus, dass er schon seit dem Kindesalter immer wieder in die Vergangenheit springt, dort kurz bleibt, und dann wieder zurück springt. Langstreckenlauf wird sein Hobby, und Taschendiebstahl und Einbruch gehören zu seinen nötigsten Fähigkeiten: Schließlich landet er oft genug nackt in der Vergangenheit und muss schauen, wie er zurecht kommt. Henry bringt sich das Schlösserknacken bei. (Genauer: Ein 35jähriger Henry bringt einem 12jährigen Henry das Schlösserknacken bei.) Als er 28 Jahre ist, spricht ihn eine wildfremde Frau auf ihre 12 Jahre lange gemeinsame Vergangenheit an: Clare. Mit der ersten gemeinsam verbrachten Zeit geht die Geschichte dann erst richtig los.

Das Schöne am Buch ist einmal die bezaubernde Liebesgeschichte. Leichter in Worte zu fassen ist allerdings das intellektuelle Vergnügen beim immer wieder neuen Entdecken von unerwarteten Konsequenzen der Prämisse. Henry kann sich begegnen. Viele Henrys können sich begegnen. Clare und Henry teilen gemeinsame Erinnerungen, nur jeweils nicht zur gleichen Zeit. Wieviel darf der alte Henry der jungen Clare (oder einem jüngeren Henry) über die Zukunft verraten? Kann man eifersüchtig auf sich selber sein? Ich verkneife mir mühsam, genauer auf die überraschenden Kombinationen einzugehen.

Das Buch ist umfangreich, über 500 Seiten, aber leicht zu lesen. Es ist keinesfalls kompliziert, der Handlung zu folgen; am Anfang jedes Abschnittes erfährt man die Jahreszahl und das aktuelle Alter von Henry und Clare. Keinesfalls ist das ein Buch, bei dem man kontinuierlich mitdenken oder -rechnen muss.

Exkurs 1: Neben Rilke-Gedichten und ein wenig John Donne ist es vor allem Andrew Marvells „To His Coy Mistress“, das als Motiv durch den Roman zieht. „Had we but world enough and time“. Wunderschönes Gedicht. Einfacher Aufbau, auch was für die Schule. Ich bin dem Gedicht spätestens mit dem Erstlingsroman von Peter S. Beagle begegnet, A Fine and Private Place. Auch in der deutschen Übersetzung als He! Rebeck! bei dtv/Klett-Cotta, damals zumindest, sehr wirkungsvoll. Allerdings geht das Yiddisch gefärbte Amerikanisch einer der Hauptpersonen in der Übersetzung völlig verloren. A Fine and Private Place ist eine schöne, nur ein bisschen melancholische Geschichte um einen Einzelgänger, der seit vielen Jahren auf einem New Yorker Friedhof lebt, mit einem sprechenden Raben als Begleiter. In ihr Leben mischen sich unter anderem ein Geisterpaar, das sich erst langsam an seinen Zustand gewöhnen muss. Ich muss jedesmal an eine Szene im Buch denken, wenn ich Nat King Cole singen höre: „Once on a high and windy hill / In the morning mist, two lovers kissed / And the world stood still“ („Love is a many-splendored thing“).

Exkurs 2: Als Leser mit reicher Science-Fiction-Vergangenheit und Freund von Zeitreisegeschichten frage ich mich: Ist das Buch Science Fiction? (Science-Fiction-Leser versuchen ständig, ihr Genre zu definieren, das gehört einfach dazu.) Asimov meinte: „Schlechte Literatur kann keine gute Science Fiction sein.“ Ich sehe es ein bisschen anders, vielleicht sogar: „Gute Science Fiction darf keine gute Literatur sein.“ He, wenn Asimov nicht erklären muss, was gute Literatur ist, dann muss ich das auch nicht!
Die beste Science Fiction wurde, da sind sich alle einig, im Goldenen Zeitalter der Science Fiction geschrieben. Nur wann dieses golden age liegt, darin sind sich die Leute uneinig. David Hartwell hat 1982 die Antwort darauf gefunden (wobei ich nicht weiß, ob er nicht vielleicht eine noch ältere Quelle zitiert; er nennt jedenfalls keine): „The golden age of science fiction is twelve.“ Einige sagen, das golden age war 1928, andere nennen 1939 oder 1953 – was auch immer man einen im Alter von 12 Jahren begeistert hat, das ist das golden age. Auf Deutsch funktioniert das Wortspiel leider nicht.
Mit 12 oder 14 hätte mich das Buch vermutlich nicht so gefesselt. Und die Bücher, die mir damals so viel gebracht haben, würden mich heute kalt lassen. Natürlich bin ich dennoch froh, dass ich sie gelesen habe; soviel Wundersames hätte ich sonst nie entdecken können, und viele davon habe ich auch heute noch.
Also nein, keine SF, zumindest nach meiner engen idiosynkratischen Definition. Aber einen SF-Hintergrund muss Niffenegger haben. Niemand zitiert sonst so einfach: „The Monkey’s Paw“. („Die Affenpfote“. Kennt ihr doch. Kommt. Kennt ihr doch.)
Ein Kapitel bei Niffenegger heißt „Science Fiction“, aber das muss nichts heißen. Das furiose Springen durch die Zeit brachte mich dazu, mich an Alfred Bester, The Stars My Destination/Tiger! Tiger! zu erinnern. Das ist nicht nur ein Klassiker der Science Fiction, sondern auch ein sehr gutes Buch. (Zaghaftere sollten vielleicht zuerst The Demolished Man von Bester lesen. Mann, bin ich froh, dass ich SF gelesen habe.)
Und letztlich brachten mich die bei Niffenegger verschiedentlich aufgeworfenen Probleme, was eigentlich genau Identität darstellt, dazu, mich an Algis Budrys‘ SF-Roman Rogue Moon zu erinnern. (Nichts zu holen bei Amazon, schade. Gutes Buch. Aber strictly SF.)

Exkurs 3: Muss ich mir schenken, um nicht zu spoilen.

Exkurs 4: Henry, S. 245, wörtliche Rede: „und so wiete“. Personaler Erzähler, S. 168: „und so wiete“. Henry, S. 58, wörtliche Rede: „immer weider“. Kann man das Buch nicht mal vorher einem zeigen, der Deutsch kann? Nur die deutschen Stellen wenigstens? Niffenegger ist ja nicht die einzige, das sehe ich ständig bei amerikanischen Autoren.
(Ich gehe davon aus, dass uns die Autorin nichts damit sagen will, dass sie ihren Erzähler falsch deutsch schreiben lässt. Und ihre Hauptperson schriftlich falsch deutsch reden lässt. Oder soll die falsche Schreibung eine falsche Aussprache bezeichnen?)

Nachtrag: Audrey Niffenegger – Her Site. Schönes Design, aber noch nicht viel Inhalt, aber wenigstens einige Links zu Interviews.

3 Antworten auf „The Time Traveler’s Wife“

  1. Meine Frau – eine Amerikanerin mit mittlerweile fluessigem Deutsch – regt sich auch herrlich ueber die in Exkurs 4 besprochenen Stellen auf. Right on!

  2. Das letzte englischsprachige Buch, in dem richtiges Deutsch vorkam, war „Jane Eyre“. Ich halte diese dauernde Verballhornung der deutschen Sprache für eine heimliche Rache für den zweiten Weltkrieg, oder für irgendetwas anderes. Ein besonders schönes Beispiel ist in David Lodges „Nice Work“, als Robyn Penrose die deutschen Geschäftspartner mit ihrem fließenden Deutsch „beeindruckt“. Ich habe es gerade nicht da, aber es ist wirklich peinlich. Dass die in den Verlagen sich da keine Mühe geben.

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