Was mir beim Lesen von Tom’s Midnight Garden aufgefallen ist

pearce_garden Tom’s Midnight Garden von Philippa Pearce ist ein mehrfach preisgekrönter englischer Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1958. Ich will das Buch hier gar nicht groß vorstellen, sondern nur einen Aspekt festhalten: wie mich die Geschichte an zwei andere, bisherr unverbundene Geschichten erinnert hat.

Tom, etwa zehn Jahre alt, wird wegen Masern in der Familie zu Verwandten geschickt. Dort gefällt es ihm gar nicht gut; ihm fehlt vor allem, dass es zu dem großem Haus (in dem auch andere Parteien leben) keinen Garten gibt – keine Wiese zum Rennen, keine Bäume zum Erklettern.
Tom fasziniert die alte Standuhr in der Vorhalle des Hauses, die stets die falschen Stunden schlägt – um Mitternacht schlägt sie gar dreizehn Mal, und Tom findet zufällig heraus, dass die Hintertür des Hauses zu dieser Zeit (und nur dann) nicht in den kleinen, zugebauten Hinterhof führt, sondern in ein großen, sonnigen Garten, in dem er nach Herzenslust herumtoben kann.

Seine nächtlichen Ausflüge wiederholen sich, und er lernt bald die Bewohner des Hauses kennen, zu dem der Garten gehört. Das Haus scheint dasselbe zu sein, in dem er zur Zeit wohnt, nur viele Jahrzehnte früher. Die Bewohner können ihn nicht sehen, er kann auch nicht mit ihnen interagieren – bis Hatty auftaucht, vielleicht sechs Jahre alt, die ihn wahrnehmen und mit ihm reden kann. Sie freunden sich an und verbringen viel Zeit mit dem Erkunden des Gartens und später auch der Umgebung des Hauses.

Erst nach einigen Treffen stellt sich heraus, dass jeder den anderen für einen Geist hält. Und erst nach weiteren Treffen fällt Tom auf, dass Hatty altert – während für Tom die Treffen jeden Tag stattfinden, vergehen für Hatty zwischen den Besuchen Toms manchmal längere Zeiträume, so dass sie zum Ende des Buches, als Toms seine Rückfahrt zu seiner Familie nicht mehr länger aufschieben kann, schon alt genug für eine baldige Verlobung ist. Tom und Hatty unternehmen eine letzte gemeinsame Schlittschuhfahrt, er mit ihren alten Schlittschuhen (denselben, die sie trägt), die sie für ihn im Haus versteckt hat, damit er sie Jahrzehnte später findet.

— Das Buch hat mich an zwei andere Geschichten erinnert. Einmal an „Night Meeting“ von Ray Bradbury, eine meiner liebsten Kurzgeschichten aus den Martian Chronicles: Auf einer langen nächtlichen Autofahrt – auf dem Mars, bald nach der Kolonisation durch die Menschen – begegnet Tomás Gomez bei einer Kaffepause einem anderen nächtlichen Fahrer in einem exotischen Fahrzeug. Es ist Muhe Ca, ein Marsianer. Sie unterhalten sich in der nächtlichen Stille, froh um Gesellschaft, aber sehr verwundert über die Begegnung. Die Marsianer sind ausgestorben, schon seit langer Zeit, ihre Städte sind Ruinen und ihre Kanäle sind voller Sand – so sieht Gomez seine Umgebung. Muhe Ca dagegen sieht in der Ferne die prachtvollen Städte und rauschende Kanäle voller Leben. Jeder erzählt von seiner Welt. Berühren können sich die beiden nicht, ihre Hände gehen durch einander durch. Jeder hält den anderen für einen Geist, oder eine Gestalt aus ferner Vergangenheit, aber am Schluss, nachdem sie viele Gemeinsamkeiten festgestellt haben, ist das nicht mehr wichtig.. „Let us agree to disagree,“ schlägt der Marsianer vor. Sie trennen sich.

Eine schöne, musikalische Geschichte. An sie musste ich bei dem Treffen von Tom und Hatty denken – beide kommen aus verschiedenen Zeiten, beide halten einander für Geister, können sich nicht berühren, und bauen doch eine Beziehung zu einander auf. Beide Geschichten sind ein bisschen traurig*.

Das gilt auch für The Time Traveler’s Wife von Audrey Niffenegger (Blogeintrag), und da fand ich die Ähnlichkeiten frappierend. Clare und Henry treffen sich die ersten zehn Jahre über auf einer Wiese hinter dem Haus von Clares Eltern, heimlich und unbemerkt. Aus der Sicht von Clare taucht alle paar Wochen dieser merkwürdige fremde Mann aus einer anderen Zeit bei ihr auf, sie verbringen ein bisschen Zeit miteinander, worauf er wieder verschwindet. Hatty stellt sich für Tom in unterschiedlichen Altersstufen dar, Clare sieht Henry ebenso (und Henry Clare auch). Henry springt in der Zeit fast immer zurück, nur sehr selten vorwärts; Toms Sprünge in die Vergangenheit sind meist in chronologischer Folge, aber nicht immer: „He did not always go back to the same Time, every night; nor did he take Time in its usual order.“ (S. 170)

Auch der Roman von Niffenegger ist ein bisschen traurig. Tom’s Midnight Garden ist keine Liebesgeschichte, oder vielleicht nur ein ganz kleines bisschen, aber eine Geschichte um Verlust und Sehnsucht.

*Sind Zeitreisegeschichten nicht immer bittersüß? Wegen der Unabwendbarkeit der Ereignisse, dem nicht zu verhindernden Verlust?

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8 Thoughts to “Was mir beim Lesen von Tom’s Midnight Garden aufgefallen ist

  1. Hatte ich noch nicht gesehen, Db, ist jetzt vorgemerkt, danke.

    Der geheime Garten hatte ich sogar mal als Schullektüre, Theresa, das war ein Schülervorschlag damals. Gärten spielen überhaupt in der englischen Kinderliteratur dieser Zeit eine große Rolle. (Zeitreisen eventuell auch, aber das weiß ich nur aus Wikipedia.)

    Als die Uhr dreizehn schlug ist zur Zeit nicht lieferbar, Jan-Martin, aber gebraucht gibt es noch ein paar Ausgaben bei zvab.com oder Amazon.

  2. Spannende Parallelen! Es gibt übriges sogar zwei deutsche Übersetzungen, eine aus den 1960er-Jahren von Wolfram Buddecke, und eine relativ aktuelle von Klaus Fritz, dem Harry-Potter-Ünersetzer. Beide empfehlenswert!

  3. Mich erinnert es sehr an Edith Nesbit’s Magic City und den Buben, der Spielzeugstädte, er baut ( ich hoffe ich erinnere mich richtig ) und bei Mondschein herausfindet, dass diese Städte eine sehr, sehr reale Seite haben können, sieben Aufgaben muss er lösen und Lucy, die Schwester seines zukünftigen Stief-Vaters an seiner Seit ertragen…Ein ganz und gar wunderbares Buch wie ich finde, denn Philip ist kein Held avant la lettre, eher ein Misanthrop und man bedauert eher den Drachen, als ihn…, nicht zu vergessen die opulenten Schilderungen gedeckter Tische.

  4. Hui!
    Danke! Der Inhalt gefiel mir und meiner Tochter – aber über die Amazon App wurde die Deutsche Version (bei mir) gar nicht angezeigt :-)
    Jetzt, mit deutschem Titel, ist das Buch schon auf dem Weg. *freu*

  5. Ah, richtig, eure Lektüre! Ach, es gibt noch so viele schöne Bücher für euch, Jan. Meine Ausgabe hatte die ursprünglichen Zeichnungen (keine Ahnung, ob das bei allen so ist), die haben mich an die Enid-Blyton-Illustrationen meiner Kindheit erinnert.

    E. Nesbit kannte ich vorher nur durch die Verfilmung der Railway Children, marie_sophie, ich habe mir Magic City mal als epub von Gutenberg heruntergeladen. Das ist so schön, dass das so einfach geht.

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