Raffinierter Betrug

Heute hat mir eine Kollegin erzählt, dass sie jetzt schon zum zweiten Mal ihre vierjährige Tochter beim Geburtstag des Kindes beschummeln musste: Weil die Eltern zum Geburtstag nicht richtig da sein konnten, erzählten sie dem Kind einfach, es hätte am Mittwoch Geburtstag und nicht am Dienstag. Das Datum lesen kann es ja noch nicht.
Wenn man drüber nachdenkt: Klar, das funktioniert problemlos.

Rashomon-Episoden

Rashomon, auch: Rasho-Mon, Rashômon, ist ein Filmklassiker von Akira Kurosawa von 1950; Grundlage des Films sind Kurzgeschichten von Ryunosuke Akutagawa. Hier ist der Eintrag bei IMDB dazu.
Der Film hat viele interessante Aspekte, aber der bekannteste ist wohl der Aufbau: Ein Verbrechen ist geschehen, der Bandit Tajômaru hat einen Mann ermordet und dessen Frau vergewaltigt. Drei Personen treffen sich und berichten aus ihrer Sicht vom Geschehen. Zuletzt wird der Geist des Ermordeten beschworen und erzählt seine Fassung. Die vier Geschichten erzählen vier unvereinbare Versionen eines Geschehens. Was wirklich passiert ist, können die Personen nicht klären.
Mit dieser kurzen Zusammenfassung ist dem Film lange nicht genüge getan, aber die Kenntnis des Films setze ich mal voraus. Er ist ein Meilenstein.*

Die Struktur von Rashomon ist von vielen anderen Erzählern aufgenommen worden. Gerade Fernsehserien haben gerne mal Rashomon-Episoden (ähnlich wie es viele Fassungen von “Twelve Angry Men” gibt, aber dazu später mal). Typischerweise gibt es dabei drei widersprüchliche Fassungen eines Geschehens, die episodenartig nacheinander erzählt werden. Bei den furchtsameren Serien gibt es zum Schluss eine Instanz, die eine der Fassungen zur richtigen erklärt. Man traut dem Zuschauer anscheinend nicht zu, die Spannung auszuhalten, die eine unvollkommene Auflösung mit sich bringt.

  • The Dick van Dyke Show: “The Night the Roof Fell In”, Staffel 2 (1962), Drehbuch John Whedon, Regie Hal Cooper.
    Rob (Dick van Dyke) und Laura (Mary Tyler Moore) streiten sich, bis Rob die Nacht wütend in der Garage verbringt. Beide erzählen ihren jeweiligen Freunden ihre Fassung des Geschehens, stellen sich selbst als absolut unschuldig am Streit hin. Es gibt eine dritte Fassung.
  • Magnum, P.I.: “I Witness” (dt. “Rashomon, die Fortsetzung” bzw. “Augenzeugen”), Staffel 4 (1984)
    Ein kleines Meisterwerk. Der Nachtclub wurde überfallen, die Kasse geraubt; die Polizei und Magnum finden Rick, T.C. und Higgins nackt und gefesselt. Jeder der drei erzählt seine Variante; keine der drei ist glaubwürdiger als die anderen, jeder stellt sich selber als Held und die anderen als Jammerlappen hin. Die drei Fassungen unterscheiden sich nach Hintergrundmusik, nach Tiefe des Dekolletés bei der Sängerin und vielen, vielen weiteren Einzelheiten. – Zum Schluss ist der Überfall geklärt, aber warum die drei nackt waren, erfährt Magnum aus keiner der drei Geschichten.
  • Peter Parker The Spectacular Spider-Man (Vol. 1): Issue No. 121 (1986), “Eye Witness!” Keine Fernsehserie, sondern ein Superhelden-Comic. J. Jonah Jameson (Herausgeber des Daily Bugle und Spider-Man-Hasser), Peter Parker (Spider-Man) und dessen Freundin Mary Jane erzählen drei Fassungen des gleichen vereitelten Banküberfalls. Sehr schön gemacht, bis in die Details. Kein Wunder: Als ich gerade nach den Credits gesucht habe, ganz hinten, steht da als Autor “Peter David”. Und der ist nunmal einer der besten. (Für die verschiedenen Teilgeschichten gab’s auch verschiedene Zeichner, sechs insgesamt.)
  • Star Trek The Next Generation: “A Matter of Perspective” (dt.: “Riker unter Verdacht”), Staffel 3 (1990).
    Eine Raumstation explodiert, dabei stirbt der Forscher Apgar, Riker und Apgars Frau Manua überleben. Nach Rikers Fassung war Apgar grob unhöflich und Manua versuchte Riker zu verführen; laut Manuas Fassung versuchte Riker sie zu vergewaltigen und fing Streit mit Apgar an (Troi erkennt, dass Manua zumindest nicht bewusst lügt). Danach wird die Fassung von Apgars Assistenten gehört. Schließlich gelingt es, im Holodeck das wirkliche Geschehen zu simulieren.
  • Emergency Room: “Four Corners”, erste Episode von Staffel 8 (2000).
    Ich hab die Folge noch gar nicht gesehen, es ist aber eine klare Rashomon-Hommage.
  • Coupling: “Remember This”, Episode 19, Staffel 3 (2002).
    Patrick und Sally erinnern sich, wie sie sich kennen gelernt haben. Wir sehen zwei sich widersprechende Fassungen. Man kann sich zusammenreimen, was genau geschehen ist, da ziemlich klar und schreiend komisch ist, welcher Erzähler welche Details im Gedächtnis behalten hat. Keine der beiden Fassungen ist durchweg korrekt.
    (Coupling ist eine brillante englische Serie. Brillant geschrieben, sehr gut gespielt. Der Versuch, eine US-Fassung zu drehen, ging wohl schief; nach 4 von 11 gesendeten Episoden wurde die US-Serie abgesetzt. Wie konnte man nur auf die Idee kommen, das ließe sich für Amerika zurechtschneiden.)
  • That 70s Show, Episode “I Can’t Quit You Babe (a.k.a. Jackie and Hyde Get Busted)” (September 24, 2002) – drei Versionen davon, wie Jackie und Hyde zusammenkamen. Für die Episode aber nicht zentral, sondern Beiwerk.
  • How I Met Your Mother, Staffel 8, Folge 17 (Folge 177), “The Ashtray”. Drei Varianten eines Abends, und eine vierte dann als das, was tatsächlich passiert ist.
  • Ein Mord mit Aussicht, Spielfilmauskopplung (2015) aus der Serie Mord mit Aussicht. Wir sehen hier zuerst die Version, die als tatsächlich geschehen und neutral geschildert vorgestellt wird, danach kommen gefärbte Zeugenaussagen, aber jeweils nur kurze Szenen. (Und zwar durch Filtereinsatz wörtlich gefärbt.)
  • Gambit/Das Mädchen aus der Cherry-Bar (1966) Nicht wirklich Rashomon, die ersten 25 Minuten der Einbruchsfilm-Handlung stellen sich danach lediglich als Vorstellung des Plan heraus; darauf folgt der tatsächliche Ablauf, der sich deutlich unterscheidet. Typisch Rashomon etwa: Im Plan spricht Shirley MacLaine kein einziges Wort und setzt sich akrobatisch-delikat auf die Couch; im tatsächlichen Ablauf spricht sie so viel, dass die Michael Caine auf die Nerven geht, und ist wesentlich burschikoser.

Bestimmt gibt es noch mehr Folgen, Matlock hat doch bestimmt auch eine gemacht. Kennt jemand noch welche?

*Gerade gesehen, dass der Film auf der Kurzgeschichte “Yabu no naka” (“In the Grove”) von Ryunosuke Akutagawa basiert, die wiederum auf “The Moonlit Road” von Ambrose Bierce zurückgeht. Schon bei Bierce haben wir drei unzuverlässige Erzähler, die jeweils – vermutlich – das gleiche Ereignis beschreiben, eine Frau, die von ihrem Mann aus Eifersucht umgebracht wird. Ihre Aussage gibt es ebenfalls durch ein Medium.

Nachtrag: Siehe Liste bei TV Tropes.
Nachtrag: Liste bei Wikipedia.

Christy Moore

Man begegnet sich im Leben immer zweimal. Christy Moore bin ich jetzt zum vierten Mal begegnet, will heißen: Zum vierten Mal war ich in einem Christy-Moore-Konzert. Zweimal in Deutschland, zweimal in England; das letzte Mal (letzte Woche) ganz zufällig und unvorhergesehen. Ich hatte gedacht, dass ich Christy Moore kaum mehr live sehen würde; dazu ist er zu selten in Deutschland (denke ich), und ich kriege ohnehin nie mit, wenn irgendwo ein Konzert ist.
Um so schöner war es also, dass ich das Konzert zufällig erwischte. Es war nicht so gut wie früher, aber es war gut. Jetzt bin ich zufrieden.

Christy Moore lernte ich 1989 oder 1990 gleichzeitig aus zwei Ecken kennen: Einmal über eine Kommilitonin, die eine Christy-Moore-CD hatte und ein irisches Liederbuch, und einmal über meinen Plattenfreund, der mich beständig mit neuer Musik versorgte. (Üblicherweise waren es eher exotische Amerikaner als irische Folk-Sänger.)

Christy Moore ist in Irland berühmt. In Großbritannien wohl auch. Ob man ihn in Deutschland kennt, weiß ich nicht: In den 70er und 80er Jahren schwärmten junge Deutsche gerne mal von Irland, hörten irische Musik, und wollten unbedingt mal Urlaub dort machen. Auf Hochzeiten und in Wohnzimmern begegnete man allerorten einem “Traditional Irish Blessing”, das da anfängt: “May the road rise up to meet you” (oder wie ich selber paraphrasiere: “May you fall flat on your face”). – Ob das heute noch so ist, weiß ich nicht; jetzt schwärmt man wohl wieder mehr für Mittelerde oder Neuseeland .

Biographische Details zu Christy Moore schenke ich mir, ich müsste sie ohnehin erst von seiner Web-Seite herausfinden. Er ist jedenfalls 60 Jahre alt, sein erster Auftritt war 1965, bald darauf verbrachte er einige Zeit in England und lernte das Leben der Exil-Iren kennen; das politisierte ihn. Mit der Gruppe Planxty wurde er bekannt; Planxty spielte alte und neue irische Lieder. Dann viele viele Solo-Platten, Auftritte und Interviews, eine Art Autobiographie (die ich allerdings noch nicht kenne).

Was ich an Christy Moore mag:

  • Die Art, wie er singt. Die Arrangements sind schlicht; live trat er meist alleine auf (letztes Mal hatte er allerdings einen zweiten Gitarristen dabei), spielt Gitarre mit Stahlseiten, manchmal auch eine irische Trommel, und singt. Bei den Konzerten war er sehr konzentriert, ließ wenig Zeit zwischen zwei Nummern für Beifall, wollte kein Mitklatschen (auch wenn das englische Publikum anders als das deutsche tatsächlich auf 2 und 4 klatschen kann). Nach jeweils einer Stunde begann er dann aufzutauen, entschuldigte seine Einsilbigkeit mit stets neuer Nervosität beim Auftreten, und fing an, mehr mit dem Publikum zu kommunizieren, ging auf Zwischenrufe und Liedwünsche ein. Zu vielen Liedern erzählt er, wie er ihnen das erste Mal begegnet ist und deutet an, warum er sie singt.
  • Die Lieder, die er singt. Es sind selbst geschriebene, aber auch sehr viele Lieder anderer Künstler. (Das mag ich. Damit steht das Lied im Vordergrund und nicht das Gesamtkunstwerk Interpret+Lied, an das wir uns heute gewöhnt haben. Angefangen hat das ja wohl erst mit dem Rock’n’Roll. Davor gab es keine Cover-Versionen, oder genauer: Es gab keine Originale. Es gab nur Lieder, die von verschiedenen Leuten gesungen werden. Bevor die Charts anhand verkaufter Platten errechnet wurden, maß man die Menge der verkauften Musiknoten. Vor hundert Jahren wurde ein Lied durch eine Show am Broadway bekannt, was sich die Künstler am Broadway gut bezahlen ließen, und danach verkauften sich die Noten, und das Orchester im Hotel oder Restaurant spielte die Nummern dann ebenfalls. Ich habe jedenfalls großen Respekt vor Musikern, die auch mal Lieder anderer Leute singen. Gute Lieder erkennt man auch daran, dass sie verschiedene Interpreten zu verschiedenen Interpretationen reizen.)
    Christy Moore singt einige irische Volkslieder wie “Cliffs of Doneen” und “Black is the colour of my true love’s hair”, einige wenige irische Kunstlieder der letzten zweihundert Jahre (“The Curragh of Kildare”), vor allem aber moderne irische Lieder wie “Nancy Spain” von Barney Rush oder “Fairytale of New York” von Shane McGowan/Jem Finer, dazu viele eigene Lieder. Viele der Lieder sind politisch.

Eine Art Lieder interessiert mich besonders, die nur am Rande etwas mit Christy Moore zu tun hat: Lieder zu zeitgeschichtlichen Vorgängen. Protestsongs. Vor allem dann, wenn sie ganz konkret werden, Namen nennen, die sonst vielleicht in Vergessenheit gerieten. Hier wird, oder wurde, Information noch mündlich weitergegeben, in Liedern aufgezeichnet. Zum Beispiel (alles Lieder, die auch Christy Moore singt):

  • “Sacco and Vanzetti” (Woody Guthrie). Zur Erinnerung siehe Wikipedia-Eintrag oder diese Seite. Wie schuldig oder unschuldig die beiden waren, ist offen (zur Zeit geht man davon aus, dass mindestens einer tatsächlich beteiligt war); unbestritten ist jedoch, dass ihr Gerichtsverfahren und ihre Hinrichtung 1927 nicht rechtmäßig waren. Woody Guthrie schrieb und spielte ein ganzes Album mit “Ballads of Sacco and Vanzetti”. Das bekannteste Lied daraus nennt den Schauplatz, nennt die Namen des Richters, der Ankläger, bringt Zitate.
  • Namen nennt auch “Scapegoats” (Cowan/Moore). Darin geht es um die Birmingham Six – sechs gebürtige Nordiren, in Birmingham lebend, wurden 1975 zu lebenslänglicher Haft wegen eines IRA-Bombenattentats verurteilt. Schon während der Verhandlungen gab es Vorwürfe, die Beweise seien manipuliert worden; 1991 wurde das Urteil aufgehoben, 2001 gab es Schadenersatz. Ein ähnlicher Fall sind die Guildford Four.
  • “Viva la quinte brigada” (Christy Moore). Ein Lied über die Internationalen Brigaden, genauer: die daran beteiligten Iren, die im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco kämpften. Wikipedia hat eine Liste von ausländischen Teilnehmern am spanischen Bürgerkrieg, zählt aber nur die berühmten Namen auf. Christy Moore nennt die weniger Bekannten: “Bob Hilliard was a Church of Ireland pastor / Form Killarney across the Pyrenees he came / From Derry came a brave young Christian Brother / Side by side they fought and died in Spain // Tommy Woods age seventeen died in Cordoba / With Na Fianna he learned to hold his gun / From Dublin to the Villa del Rio / Where he fought and died beneath the blazing sun”. Moore verschweigt nicht, dass auch auf Seiten Francos Iren kämpften.
  • “The Ludlow Massacre” (Woody Guthrie): Siehe Wikipedia-Eintrag.
  • “They never came home” (Christy Moore): Ein Lied um den Stardust-Brand von 1981: Bei einem Feuer in einer Disco starben 48 junge Menschen. Panik, abgesperrte Notausgänge, keine Verurteilung für die Betreiber, aber Gerichtsurteil gegen Christy Moore wegen des Liedes. Ich habe das Lied auf dem Konzert letzte Woche zum ersten Mal gehört, sonst hätte ich nie von dem Stardust-Brand erfahren.

Natürlich ist diese Art der Geschichtsschreibung einseitig, oberflächlich und ein wenig sensationslüstern. Und bestimmt bekomme ich zu hören, dass ich die wichtigsten Beispiele für Lieder dieser Art ignoriert habe. Ich lerne gerne dazu.

Zum Konzert letzte Woche habe ich gar nicht mehr viel zu sagen. Als Vornummer erschien (unangekündigt, aber auch nicht sehr überraschend) der irische Musiker Freddie White und sang und spielte auf der Gitarre einige eigene Nummern, aber auch Versionen von “Martha” von Tom Waits und eine eigenwillige Version eines zumindest mir vorher nicht bekannten Irving-Berlin-Stücks, My Walking Stick.
Christy Moore danach war nicht allein, sondern hatte sich einen zweiten Gitarristen mitgebracht: Declan Sinnott, der akustische, häufig aber auch E‑Gitarre zu Christys akustischer Gitarre spielte. Das gab bei ein oder zwei Liedern nette Effekte (vor allem bei “North and South of the River”), ansonsten fand ich es überflüssig. Christy allein ist mir lieber, aber wenn er mal etwas Neues ausprobieren möchte, soll er das jederzeit machen.
Schon bald setzten die Zwischenrufe und Wünsche ein. Christy, ernst und still bis auf ein knappes “Thank you” zum Beifall, bat sich erst einmal eine Stunde Ruhe aus, um seine Nummern zu spielen. Danach taute er auf, erzählte ein paar Ankedoten, machte sich über ein paar tatsächlich sehr störende Zwischenrufer lustig, und erfüllte Musikwünsche. Folgendes hat er gespielt; vermutlich habe ich ein paar Titel vergessen, und die Reihenfolge bringe ich ohnehin nicht mehr zusammen:

All I Remember
North and South of the River
Yellow Triangle
Viva la quinte brigada
America, I Love You (= “America, You are not the world” von Morrissey)
Ordinary Man
Go Move Shift
Don’t forget your shovel
Ordinary Man
Reel in the flickering light (ein leichtfüßiges, lustiges Lied)
Biko Drum
Burning Times
All for the Roses
Lisdoonvarna (auf Wunsch; mit der üblichen Van-the-Man-Einlage)

Plattentipp: Als Einstieg und Überblick Christy Moore Live at the Point. Christy live mit Gitarre, alte und neue Lieder, laute und leise, lustige und ernste. Nicht so viel ernste wie auf den letzten Platten.
Für den Anfang vermeiden, da untypisch: Das Traveller-Album.

Harte Schule zum Nächsten

Ich bin frisch zurück von einem kurzen Urlaub und habe gestern die zweite Folge von “Harte Schule” im ZDF gesehen; die erste habe ich zwar aufgezeichnet, hatte aber noch keine Zeit dafür. Bei Gedankenstrom gibt’s eine kurze Besprechung davon, da steht alles drin, was man wissen muss.

Besonders spannend war die Sendung nicht, schade. Ich hätte gerne Unterricht gesehen, den gab’s aber leider nicht, nur Leistungsmessungen. Wurde den Schülern überhaupt auch etwas beigebracht? Vermutlich interessiert das das Publikum nicht besonders; ich selber könnte mir stundenlang den Unterricht von anderen Lehrern anschauen.
Bei den Leistungsmessungen wurde auch mir zu sehr betont, zu zeigen, was die Schüler von heute alles nicht mehr können, obwohl das in den 50er Jahren einfacher Stoff der Unterstufe gewesen ist. Unter anderem ging es darum, vier Zahlen der Größe nach zu ordnen. Das war jedenfalls alles, was der Off-Sprecher zu der Aufgabe sagte, mit einem leichten Unterton der Empörung. Tatsächlich waren diese vier Zahlen Brüche, also 3/7 und 5/9 und so weiter. (Nachtrag: Es waren ‑7/3, 2/5, 1/4, ‑1,9) Das macht die Aufgabe schon etwas schwerer, und wenn ich auch traurig darüber bin, wie wenig Schüler das richtig können, bin ich mir nicht sicher, ob auch studierte Erwachsene das richtig gemacht hätten.

Ansonsten gab es, wie zu erwarten, eine aufsässige Schülerin, die dem Druck und den willkürlichen Anordnungen nicht standhielt. Mit Isolationsstrafe und Tränen. “Wie zu erwarten” deshalb, weil’s das auch im englischen Vorbild gab, und weil das Versprechen solcher Szenen ja wohl ausmacht, ob so eine Sendung produziert wird oder nicht. Ich glaube nicht, dass die Sendung ganz nach einem Drehbuch abläuft (anders als die Starsuch-Spiele bei den privaten Sendern), aber trotzdem kriegt man halt doch immer das, was man erwartet. Als ich mal in einer Quizshow Kandidat war, wurden wir auch gebeten, unseren Gefühlen besonders freien Lauf zu lassen: “Zeigen Sie nur, dass Sie sich freuen!”

Jedenfalls saß Saskia in Isolation: Weil sie mit den willkürlichen Regeln nicht zurecht kam, Rädelsführerin war. Das glaube ich alles, aber ich frage mich gleichzeitig, wie sehr die mitmachenden Schülern vorher wussten, was sie erwartete. Da bespricht man sich doch mit Freunden, diskutiert sämtliche Möglichkeiten aus, was da wohl kommen wird, schaut vielleicht mal ins englische Vorbild rein, wenn man besonders neugierig ist – richtige Überraschungen dürften da eigentlich nicht kommen. Oder gehen die Schüler und Schülerinnen da ganz blauäugig rein?

Jedenfalls saß Saskia ganz allein in Isolation. Bis auf den Kameramenschen, natürlich. Und den Tontechniker. (Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat ja wohl noch zwei Leute für den Job, bei den Privaten muss das oft einer allein machen.) Das sind schon mal zwei Leute. Was tragen die eigentlich? Sehen die auch nach 50er Jahren aus, oder haben sie Jeans an? Zugegeben, nach einiger Zeit wird man das Kamerateam ignorieren, genauso wie man Big-Brother-Kameras ignoriert. Aber auch bei Tierdokumentationen stört es mich, wenn das Kamerateam nicht thematisiert wird. Am schlimmsten sind Hai-Dokumentationen. Wenn der Offsprecher betont, dass eine Situation jetzt ganz besonders gefählich wird, und es um Sekunden geht – aber die Tatsache, dass da jemand ganz in der Nähe seelenruhig eine Kamera draufhält, völlig ignoriert wird.

Zurück zur Schule. Die zwei weiteren inhaltlichen Punkte der gestrigen Sendung schienen mir gar nicht so recht zum Thema “Harte Schule” zu passen: Tanzkurs mit Walzer zund Foxtrott. Die Schülerinnen und Schüler amüsierten sich prächtig dabei, und der Off-Sprecher behauptete, das sei außerhalb eines solchen Programms kaum vorstellbar. Unfug. Tanzkurs macht auch heute noch Spaß.
Außerdem gab es Gartenarbeit. Und das sah jetzt endgültig nach “Ferien auf dem Bauernhof” aus. Im Unterricht mögen sich Schüler ja noch so benehmen können wie vor 50 Jahren, aber im Garten sieht man, dass die Schüler wenig mit Grünzeug und Gartenarbeit vertraut sind, und das können sie auch nicht simulieren.

Die nächsten Folgen schaue ich mir sicher noch an. Vielleicht sehen wir auch mehr Unterricht, obwohl’s das nächste Mal eher um Liebesgeschichten unter den Schülern gehen soll.

(Erster Eintrag zu diesem Thema.)

Altes Notizbuch

Es faustisch hinter den Ohren haben
Unsachgemäße Lektüre (der Bibel, der Apokalypse, Glaube an bevorstehenden Weltuntergang)
Er schob die Zigarettenstummel im Aschenbecher herum, als ob er aus ihrer Anordnung die Zukunft lesen könnte
Die Zukunft aus dem Verhalten eines Screen Savers lesen
Beeindrückend
Schriftgestelltes

Korpusanalyse

Ein Textkorpus ist eine feine Sache, auch für Lehrer, aber vor allem für Sprachverspielte.

Korpora sind Zusammenstellungen verschiedener Texte. Das British National Corpus (BNC) untersucht zum Beispiel die englische Sprache, und hat deshalb 4124 Einzeltexte zusammengestellt, mit insgesamt über 100 Millionen Wörtern. Die Texte stammen in einem bestimmten Verhältnis aus Zeitungsartikeln, Romanen, wissenschaftlichen Veörffentlichungen, mündlicher Sprache und anderen Quellen.

Damit hat man eine Textgrundlage. Jetzt könnte man zum Beispiel schon mit einem Computer das Korpus nach dem englischen Wort “beyond” durchsuchen, und erfahren, wie oft das Wort “beyond” verwendet wird. Dabei kann man feststellen, dass das Wort zu den 1000 häufigsten Wörtern im Englischen gehört – zumindest in der geschriebenen Sprache, in der gesprochenen Sprache gehört es nur zu den 2000 häufigsten Wörtern.
Das ist schon mal praktisch, das zu wissen, wenn man etwa ein Wörterbuch herausgeben will, vor allem eines für Schüler: Da sollen ja vor allem die am häufigsten gebrauchten Wörter erscheinen. Und häufige Verwendungen vor weniger häufigen erscheinen.
Man kann untersuchen, ob bestimmte Wörter eher in gesprochener oder geschriebener Sprache erscheinen, eher in wissenschaftlichen Zusammenhängen oder in Zeitungsartikeln.

Allerdings kann das Wort “beyond” eine Präposition, ein Adverb oder ein Substantiv sein. Nur die Präposition ist häufig, die anderen sind es nicht. (Deswegen steht im Schülerwörterbuch die Präposition auch an erster Stelle.) Also enthält ein Korpus sinnvollerweise auch Informationen über die Wortarten. Man sollte das Korpus auch durchsuchen können nach “beyond+PREP” oder “beyond+NOUN”. Dazu muss jemand die 100,106,008 Wörter durchgehen und bei jedem Wort die Wortart bestimmen: Ist “lives” 3. Person Singular present oder Plural des Substantivs? – Glücklicherweise nehmen einem Computer das ab. Die Wortartbestimmung in englischer Sprache lässt sich recht gut automatisieren. Allerdings liegt die Erfolgsquote (beim BNC) nur bei 96%. Bei den restlichen 4% vermerkt das System, dass es sich zwischen zwei Varianten nicht entscheiden kann, und stellt beide zu Verfügung. So oder so wird es aber immer Fehler geben. Damit muss der Sprachwissenschaftler leben.

Noch sind die Möglichkeiten der Korpusbenutzung aber noch nicht erschöpft, die schönsten Möglichkeiten kommen erst noch:

  • Heißt es “the police is” oder “the police are”? Für den ersten Fall kriegt man 44, für den zweiten 286 Fundstellen. Wenn man noch Fälle wie “the role of the police is” ausklammert, wird klar, dass zu “the police” ein Verb im Plural kommt, und ein Singular so selten ist, dass man das falsch nennen muss, auch wenn es dafür einige Belege gibt.
  • Schreibt man “grey” oder “gray”? Gut, das kann man auch im Wörterbuch nachschauen. (Aber die Ersteller von Wörterbüchern müssen ja wiederum ihre Informationen auch irgendwoher haben.) 5456 Belege für “grey”, 1091 für “gray”. Eines ist häufiger, aber beide sind wohl richtig. Allerdings gibt es auch hier Sonderfälle, die man eigentlich untersuchen müsste.
  • “Movable” (118 Belege) oder “moveable” (56)? Wohl beides.
  • “Allright” (3) oder “alright” (8329)? Trotz der drei Belege, bei denen sich einer beim genaueren Hinschauen als Fehler erweist, kann man “alright” die einzig richtige Form nennen. “All right” (6435) geht natürlich auch.
  • Heißt es “an example of” (5138) oder “an example for” (109)? Letzteres ist tatsächlich auch richtig, bedeutet aber etwas ganz anderes als ersteres.

Für diese Beispiele, bei denen es lediglich um die Häufigkeit bestimmter Buchstabenkombinationen geht, kann man natürlich auch Google als Ersatz verwenden. Spannender ist die Untersuchung von Kollokationen. In jeder Sprache tauchen manche Wörter besonders häufig in der Nähe von (also meist gleich vor oder nach) anderen Wörtern auf. Solche Wortkombinationen heißen Kollokationen. Was macht man mit einem Tresor? Knacken. Und mit einem Rekord? Brechen.
Was taucht gerne mal vor “girl” auf? Am signifikantesten sind “little, young, dark-haired, teenage, McLaren, clever”. McLaren? Alle Belege stammen aus dem gleichen Roman, bitte ignorieren. Am häufigsten sind, in absteigender Häufigkeit, “little, young, good, old, other, pretty, nice, golden, beautiful”.
Und zu “boy”? Signifikant: “little, naughty, old” und andere, die nur sehr selten erscheinen (aber eben nur vor “boy”). Häufig: “little, old, good, small, young, dear, my”.
Was für ein “conscience”, Gewissen, hat man? Im Deutschen “schlecht, sozial, gut, rein”, im Englischen: “social, clear, guilty”, “good, bad” gibt es auch, aber weit abgeschlagen.

Links:

Aktualisierte Links zum Thema:


Harte Schule im TV

Wie schon mal angekündigt, kommt jetzt – allerdings ein paar Tage vor dem einst angegebenen Termin – Harte Schule ins Fernsehen: Morgen, Donnerstag, ZDF, 19.25 Uhr.
Inhalt (siehe Link oben): Reality-Doku-Live-Rollenspiel, oder wie das heißt, mit heutigen Schülern, die vier Wochen im Internat der 50er Jahre unterrichtet werden. Darf man als Lehrer eigentlich nicht verpassen. Zum Anschauen und Kommentieren werde ich leider erst nächste Woche kommen. (Urlaub! Nichts zum Korrigeren mitnehmen, nur etwas Informatik.)

Englische Akzente

Das The Speech Accent Archive sammelt Akzente. Jeweils der gleiche kurze Text – dieser hier:

Please call Stella. Ask her to bring these things with her from the store: Six spoons of fresh snow peas, five thick slabs of blue cheese, and maybe a snack for her brother Bob. We also need a small plastic snake and a big toy frog for the kids. She can scoop these things into three red bags, and we will go meet her Wednesday at the train station.

- wird gesprochen von (englischen) Muttersprachlern und Nicht-Muttersprachlern. Zu jedem Sprecher gibt es Angaben zu Geburtsort, Muttersprache, Zweitsprachen, Alter und Geschlecht, Art und Dauer des Englisch-Lernens und Länge eines eventuellen Aufenthalts im englischen Ausland.
Es gibt Sprecher von über hundert verschiedenen Sprachen, zu jeder Sprache gibt es mehrere Sprecher. Deutsche Akzente gibt es aus: Düsseldorf, Bemberg, Meißen, Stuttgart, Halle und Wien. Finnische aus Lahti und Helsinki. Englische Akzente aus 110 verschiedenen Gegenden der USA, aus Kanada, Irland, England, Australien, Schottland, Indien und Jamaica. Jeden Beitrag kann man sich anhören und in IPA-Notation mitlesen. Das alles in Creative-Commons-Lizenz. Großes Manko: Die Sounddateien sind im mov-Format und können im Fenster angehört werden, um sie herunterzuladen, muss man aber in den Quellcode des Frames steigen, den Dateinamen lesen, und einen Link darauf per Hand setzen.
(Daneben gibt es zu jeder Sprache das Lautsystem als Diagramm.)

Dann gibt es noch das International Dialects of English Archive, kurz IDEA. Auch hier gibt es zwei Standardtexte, etwas länger als oben, die von Sprechern gelesen werden. Die Auswahl an vor allem amerikanischen und britischen Akzenten ist dabei weit größer als beim Speech Accent Archive, das Anhören der Texte im Fenster nicht möglich, aber dafür kann jede Datei als mp3 heruntergeladen werden.

Collect Britain (gehört zur British Library) hat 90.000 Bilder und Audioclips gesammelt, unter anderem die Sammlung von englischen Akzenten.

6 Fragen zu Büchern

Auf speziellen Wunsch hin:

1. You’re stuck inside Fahrenheit 451, which book do you want to be?
Wer’s nicht weiß: In Fahrenheit 451 von Ray Bradbury sind Bücher verboten und werden verbrannt. Manche Leute lernen heimlich Bücher auswendig, um sie so zu retten.
Mein Buch wäre Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales. Es ist leicht auswendig zu lernen, da in Versen geschrieben (im 14. Jahrhundert in England). Mein Mittelenglisch ist ordentlich, ich kann jetzt schon einige Chaucer-Fragmente auswendig – mehr als von jedem anderen Buch jedenfalls. Leichter als Mittelhochdeutsch ist es allemal, wenn man schon Englisch kann.
Vor allem macht es aber auch Spaß, die Tales laut zu erzählen. (Ich hab schon mal über Chaucer gebloggt.) Eine Rahmenhandlung, viele kleine Einzelgeschichten, lustige und spannende, alberne und ernsthafte, viele Rollen, in die man schlüpfen kann.

2. Have you ever had a crush on a fictional character?
Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Wenn, dann vermutlich eher Film. Aber nein, nicht dass ich wüsste.

3. The last book you bought is:
Das waren drei gleichzeitig, Amphitruo von Plautus (Lateinisch/Deutsch), ein neuer Terry Pratchett (A Hat Full of Sky, nicht so toll) und Ein Seemann von Welt von P. Howard (bzw. Jenö Rejtö), auf das ich durch diesen Blog-Eintrag gekommen bin.

4. The last book you read:
Der Terry Pratchett von oben.

5. What are you currently reading?
Amphitruo von Plautus. Den Stoff kenne ich von einer Kleist-Verfilmung aus den 30ern. Weit interessanter als der Pratchett. Man fühlt sich natürlich auch viel cooler beim Lesen antiker Autoren. (So ordentlich bin ich selten, dass ich neu gekaufte Bücher auch gleich lese.)
Mittendrin stecke ich außerdem noch in Leeres Viertel Rub’ Al-Khali von Michael Roes. Über 800 Seiten, da darf man schon mal Pause machen. Sonst lese ich eher selten parallel.

6. Five books you would take to a deserted island.
Für vier Wochen: Ziemlich egal, ich würde versuchen, die Zeit ohne zu lesen zu genießen. Für länger:

  • Homer, Odyssee und Ilias in einem Band. (Das wird ja wohl erlaubt sein, da gibt’s sicher Ausgaben. Sonst nehme ich die 18-bändige Biographie von Manuel von Cabell.)
  • Chaucer, siehe oben. Nur die Tales, oder gleich den ganzen Riverside Chaucer.
  • Ein Bradbury, vielleicht The Martian Chronicles, aber das kann sich mit Lust und Laune ändern.
  • Friedrich Torberg, Die Tante Jolesch. Schon mal, weil ich’s von jemandem geschenkt bekommen habe.
  • Jetzt wird’s schon schwieriger. Was gibt es, das ich sicher wieder und wieder lesen wollen würde? Eine Anthologie deutscher Lyrik, richtig, möglichst groß. Den Conrady etwa, 1200 Seiten vom Mittelalter bis heute. Auch wenn mir dann immer noch so viele Texte fehlen würden.

(“Book of matches” und “Wie überlebe ich auf einer einsamen Insel” habe ich jetzt mal ausgelassen.)

Neuer Fernsehmüll

Alle Spieler legen eine Hand aufs Auto. Und dann wird gewartet. Wer als letzter aufgibt und nach Hause geht, dem gehört das Auto. “Touch the car – Hände aufs Auto”, heute auf irgendeinem Privatsender.

Die Regeln sind möglicherweise abgewandelt und verlustigt. Das amerikanische Vorbild ist authentischer; es handelt sich um einen lokalen Wettbewerb und keine TV-Inszenierung. Gehört habe ich davon zum ersten Mal über einen Radio-Beitrag in der Sendung This American Life (zu finden auf auf dieser Doppel-CD oder gleich online bei der TAL-Sendung). Der Radiobeitrag bringt einen Ausschnitt aus einem Dokumentarfilm: 24 Texaner, ein Nissan-Pickup-Truck, ein jährlicher Wettbewerb des Nissan-Händlers, nach 80 Stunden gibt der vorletzte Teilnehmer auf.
Und bei uns macht man daraus schon Fernsehshows. Es würde mich aber nicht wundern, wenn es auch dafür ein Vorbild gibt.

Ich brauch dringend eine zehnte Klasse oder drüber in Englisch, damit ich mit denen They Shoot Horses, Don’t They lesen kann. Lang dauert das nicht mehr, und wir schicken unsere verzweifelten Arbeitslosen auch wieder in Tanzmarathons. Bei Big Brother geht’s denen ja noch viel zu gut.