Michael Bywater, Lost Worlds

Camus und Sartre hin oder her, ob das Leben sinnlos ist oder absurd, das hat mich als Teenager nicht gekümmert, auch wenn es mein Spezialgebiet im Colloquium war, 15 Punkte, dankeschön. Es kümmert mich auch jetzt noch nicht.
Aber was mich als Teenager mitgenommen hat, das war das hier:

Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet: Gigantische Schiffe, die brannten draußen vor den Schultern des Orion. Und ich habe C‑Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor.
All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

Und damit stirbt Rutger Hauer als Roy Batty in Blade Runner. Zum ersten Mal gesehen mit 15, zum ersten Mal richtig gesehen mit 16. Ein bisschen melodramatisch vielleicht, aber da ist mir zum ersten Mal ein- und aufgefallen, dass ich sterblich bin, und dass all meine Eindrücke mit mir verschwinden werden.

Daran erinnert hat mich dieses Buch:

Es ist entstanden aus einer Kolumne im englischen Independent on Sunday und zählt enzyklopädisch-alphabetisch auf, was wir alles verloren haben.

  • “B.O.” Body Odour, Körper-/Schweißgeruch. “There was once a time when people smelt of people.” Es folgt ein Exkurs zu Badegewohnheiten durch die Jahrhunderte und die Unmöglichkeit für uns, nachzumepfinden, wie die Leute früher den Geruch empfunden haben.
  • Analoge Telephonwählscheiben.
  • Hüte. Weil es sie nicht mehr gibt und weil man sie ständig verlor, als es sie noch gab.
  • Bestimmte Pfeifentabaksorten, Tabakläden und unschuldiges Rauchen. Meerschaum.
  • Junggesellenbuden, so wie Sherlock Holmes sie hatte.
  • Maturity.
  • “Ich glaube, es war.…, der gesagt hat…”. Tatsächlich hatte man kurz vorher im Zitate-Wörterbuch nachgeschlagen und war auf einen Herrn gestoßen, von dem man vorher nie gehört hatte, dessen Zitat man aber anbringen wollte. Und man erweckte den Eindruck, als habe man alles von ihm und überhaupt gelesen. Heute, mit WWW, geht das nicht mehr. “Ich glaube, es war” gehört beantwortet mit: “Schau halt im WWW nach.”

Manche verlorenen Dinge hat es nie gegeben, so wie DAS GEHEIMWISSEN DER VERGANGENEN KULTUREN, auf das Esoteriker so stehen. Bei anderen Dignen ist es gut, dass es sie nicht mehr gibt. Oft handelt es sich um englische Wörter und die damit verbundenen Konzepte. Bywaters Tonfall ist sentimental und bissig zugleich, aber nicht vorwurfsvoll.

Das Buch beginnt mit einem Zitat aus Douglas Adams’ besten Buch (zusammen mit Mark Carwardine): Last Chance to see, in dem es um vom Aussterben bedrohte Tierarten geht. Ein paar Seiten über Mauritius und den Dodo habe ich auch schon mal für eine Klausur genutzt.
Es schließt mit einem Eintrag zu einem Beinahe-Autounfall mit einem Freund und dessen Gedanken dazu, einem Freund, der wenige Jahre später mit 49 Jahren viel zu früh an einem Herzanfall sterben würde. Es gibt keinen eigenen Eintrag zu ihm, aber er war mir als Beispiel dafür, was wir alles verlieren, ständig präsent.

4 Antworten auf „Michael Bywater, Lost Worlds“

  1. Aus dem Buch von Douglas Adams lese ich immer meinen Schülern vor :-)
    Vom Dodo, vom Kakpo und den Waranen.Ich liebe es.
    An den Körpergeruch vor dem Deo erinnere ich mich gut, weil ich vermutlich etwas älter bin als Sie. Meine Jugend war voller Gerüche, auch den der Menschen. Die rochen nach Kernseife, nach Lavendelseife oder eben nach sich. Man unterschied dann zwischen “schon länger nicht gewaschen” und “ganz lange nicht gewaschen”. Das hielt man dann auch nicht aus. Als die Deowelle schwappte, hörte das auf.
    Hüte trage ich immer noch, vielleicht weil ich nicht mag, dass Dinge verschwinden.

  2. Ich benutze wieder ein Telefon mit Wählscheibe. Einen Tag vor meinem Einzug in die Studentenbude hatte ich immer noch kein Telefon gefunden, weil alles, was übrig (!) war, bereits ISDN war, und ich ein analoges brauchte. Meine Oma, vor ein paar Jahren zum Geburtstag schnurlos geworden, hatte dann ihr bisheriges noch im Schrank…

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