Pädagogischer Nebel

Heute war von 14-16 Uhr Schnuppernachmittag: Die meisten Fächer zeigten ein paar Probestunden für prospektive neue Fünftklässler und deren Eltern. Ich auch mit meiner 5. Klasse Englisch. Wir haben ein paar Elemente des typischen Unterrichts gezeigt, die Schüler hatten in den zwei Stunden zuvor kleine Szenen vereinbart und dann im Rollenspiel aufgeführt. Das war schön, die können doch ganz gut reden – und haben wacker diesen langen, freiwilligen Nachmittag ausgehalten.
(Eine Schülerin hatte zu Hause eine richtige szenische Geschichte am Computer geschrieben und mitgebracht, die sie dann mit anderen Schülerinnen vorführte. Lief sehr gut.)

Davor in der 10. Klasse Gruppenarbeit zur neuen Lektüre, The Curious Incident of the Dog in the Night-Time. Später mal mehr, das Buch ist jedenfalls sehr geeignet für die Schule.

Und davor wiederum, in der ersten Stunde, das Referat zu Jorge von Burgos, im Namen einer Reihe von Gruppenreferaten zur Lektüre der 11. Klasse, Der Name der Rose. Das Referat hatte die Form einer Grabrede auf Jorge. Inhaltlich sehr gut, auch wenn es die Textsorte mit sich bringt, das man die Gedanken beim Hören wandern lässt. Zur Form:

jorge-referat1.jpg

So richtig mit weißem Tuch, Kerzen, Kutten, Bibeln und gregorianischen Chorälen vom Band. Auch der Vortrag war gut, mit Pausen, in denen auch mal nichts gesagt wurde. Das können die Schüler meist gar nicht. Wo sollen sie’s auch herhaben :-)
Und ja, die weißen Schleier stammen von der mitgebrachten Nebelmaschine.

Hier noch ein Bild vom Zurechtmachen zuvor:

jorge-referat2.jpg

Schon schön, was die alle so machen.

(Weitere Referate zum Namen der Rose.)

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19 Thoughts to “Pädagogischer Nebel

  1. Tolle Idee! Ein Referat als Grabrede! Merken, merken, merken…
    Und den „Namen der Rose“ lesen die auch? Ist zwar schön zu lesen, aber relativ dick. (Und meckert da niemand, weil es das nicht bei Reclam oder den Hamburger Leseheften gibt?)

  2. Das ist aber wieder schön! Unglaublich, was du immer anregst. Und es spricht für deinen Unterricht, dass die Lernenden die Gelegenheit zu nutzen wissen, sich so gut vorbereiten und auch noch mehr und zu Hause daran arbeiten (und gar T-Shirts mit deinen falschen Fehlerkorrekturen bedrucken, aber das war ein anderer Eintrag).

    Ich hätte zwei Fragen dazu:

    Wie benotest du die Gruppenreferate?
    Bist du gefeit vor zu guter Benotung? (Ich frage das, weil es eine meiner Schwächen ist, originelle Präsentationen zu gut und langweilige zu schlecht zu benoten – da muss ich sehr, sehr exakt arbeiten, sonst werde ich unfair.)

  3. Oh ja, das ist ein guter Punkt. Ich erinnere mich an ein Referat in der Uni im ersten Semester, bei dem ich vor Langeweile fast gestorben wäre. Es war abgelesen, monoton und thematisch ziemlich dröge. Insgeheim freute ich mich schon auf den Verriss vom Prof, der ein wenig Action versprach, und stellte mir vor wie ich an Stelle dessen brillieren würde.

    Das Ende von der Geschichte war, dass der Prof völlig aus dem Häuschen war über das hervorragende Referat. Ich bewundere ihn noch heute dafür, dass er die ganze Zeit zuhören und sich ein inhaltlich orientiertes Urteil bilden konnte…

  4. Dass der Eco so dick ist, ist kein großes Problem, das kann man Schülern zumuten. Und da ist soviel drin, was zur 11. Klasse passt. Dass das Buch dann auch teuer ist, ist allerdings ein größeres Problem, aber auch lösbar. Jeder hat sich seine Ausgabe selbst besorgt, manche hatten sie ja eh bereits, und die Ausgabe der SZ gibt es billig gebraucht.

    Gruppenreferate benoten: Ich habe noch keine endgültige Regelung gefunden. Es läuft aber darauf hinaus, dass jeder meist die gleiche Note kriegt. Hat es insgesamt alle meine Erwartungen voll erfüllt? Die meisten? Schwieriger: Waren meine Erwartungen sinnvoll? – Nächstes Mal muss ich die Kriterien vorher klarer formulieren.

    Ich glaube nicht, dass ich originelle Präsentationen besser benote, als ich will. Ich benote allerdings insgesamt Referate zu gut, wenn auch vielleicht nicht in dieser Klasse. Insgesamt sind mündliche Noten ein großes Problem – vor allem jetzt, da wir die Möglichkeit haben, sie gegenüber den schriftlichen Noten stärker zu gewichten, nämlich gleichwertig. Das halte ich insgesamt für eine gute Sache, aber dann müssten wir uns klarer werden, was wir mündlich von den Schülern wollen.

    Die Referate zuvor waren jedenfalls zur Theorie des Kriminalromans und konventioneller, aber deswegen nicht schlechter.

    Stimmt, an den Unis habe ich auch viele schlechte Referate gehört. Eingegriffen hat nie ein Prof. Vermutlich war es einfach nur allen peinlich. Loben sollte man sie jedenfalls keinesfalls.

    — Nachtrag zum Schnuppernachmittag. Physikvorführung mit tollen Experimenten. Einer der anwesenden Sechstklass-Claqueure fragte während der Stunde staunend: „Warum machen wir so was nie im Unterricht?“

    Bei mir hatten die Schüler nur jeweils am Anfang der Stunde auf das rituelle „Have you got any questions?“ gefragt, was bestimmte Wörter auf Englisch heißen. Diesmal waren es Waschbecken, Besen, und Kot. Ich habe ihnen tief seufzend feces an die Tafel geschrieben, ihnen allerdings poo als Alternative empfohlen.
    (Es war eine echte Frage, keine Provokation oder so.)

  5. Was die Gruppenreferate angeht möchte man ja ggf. von den niederländischen Nachbarn aus den Hörsäalen klauen?

    Es gibt die Note/Punktzahl für das Referat * Anzahl der Gruppenmitglieder.
    Bei drei Oberstufenschülern die eine 2+ erarbeiten wären das 36 Punkte (im deutschen Schulsystem). Diese Punkte müssen die Schüler unter sich verteilen, das Endergebnis wird dann dem Lehrer/Prof. mitgeteilt.

    Den großen Vorteil stellt dabei wohl der Umstand dar, dass die Gruppe selbstregulierend die Leute besser benoten kann die -in der dem Lehrer meist verborgenen- Planungsphase besonders aktiv waren. Der Nachteil… naja hat sich jmd. eine solche Notenvergabe mal live und in Farbe angesehen *g*?

    -K. Kamm

  6. Man möchte klauen, kann aber nicht. Der größte Nachteil bei diesem System: Es gibt bei uns keine Punkte, sondern nur die Noten 1-6. Ich denke, die Rundungsfehler sind da zu groß. Es gibt in Bayern auch kein + oder -. Man darf auch nicht übers Jahr Punkte sammeln und dann zum Schluss auf eine Note umlegen.

    Der Vorschlag ist übrigens im Rahmen einer ganzen Reihe von sogenannten Modus-21-Maßnahmen erprobt worden. Ergebnisse weiß ich nicht, aber er ist jedenfalls keine der Maßnahmen, die mit diesem Schuljahr für den allgemeinen Gebrauch zugelassen wurden.

    Das Selbstregulieren traue ich den Schülern durchaus zu, obwohl sie natürlich geschickt die Rundungsanomalien ausnutzen würden und die Punkte so verteilen würden, dass jeder die Note kriegt, die er verdient, und einer oder zwei vielleicht noch die bessere. (Jedes andere Vorgehen fände ich auch dumm.)

    Das Hauptproblem ist, dass Noten über das Bestehen des Schuljahrs entscheiden. Deshalb müssen sie rechtlich zu verteidigen sein – was in der Praxis zu rechtlich sicheren, aber nicht unbedingt sinnvollen Noten führen kann. Andersrum wär’s mir lieber.

  7. Eco war sicher unter den drei billigsten (bis auf die Reklamhefte natürlich, aber die sind vom Umfang her ja nicht vergleichbar) Schullektüren, die ich je gekauft habe. Das Buch gab es für ca. 6,50 Euro bei der SZ-Bibliothek – verglichen mit anderen Schullektüren, Wörterbüchern, Workbook/Cahier d’Activité etc. wirklich billig.
    Vom Inhalt her war es schon passend, auch wenn ich es persönlich teilweise überzogen fand (Brunellus…), an anderen Stellen (seitenlange Beschreibung einer Kirche) auch einfach nur langweilig. Von der Thematik allerdings sicher passender als meine Lieblingsbücher – Fantasyromane:
    Bartimaeus-Trilogie (englische Trilogie über einen Dämonen bzw. Djinni, die von Magiern beschworen werden und mit deren Hilfe die Magier England regieren (Unterdrückung der „Gewöhnlichen“ etc.); so genial, weil ein großer Anteil aus der Sicht des Dämons Bartimaeus geschildert wird – schwarzer Humor etc. und Fußnoten (geniales Stilmittel!), in denen dann unter der eigentlichen Geschichte spontane Gedanken weitergesponnen werden) auf Englisch und Deutsch, Harry Potter auf Englisch und Deutsch, DSA-Romane (Das Schwarze Auge, vermutlich beliebtestes deutsches Pen&Paper-Rollenspiel – zur dazugehörenden Spielewelt, dem Kontinent Aventurien, gibt’s eben auch Romane), Rhapsody-Saga, manchmal auch Hohlbein (wenn er nicht zum zweihundertsten mal „Es war einfach [i]falsch[/i].“ schreibt) und generell alle ein- und mehrteiligen Fantasyromane, die mir in die Hände fallen usw. usf. ;)…
    Von allen Schullektüren, die wir je gelesen haben, war mir wohl deshalb „Der kleine Hobbit“ am sympathischsten – Fantasy halt.

  8. Man guckt ja zuerst auf die Überschrift, dann auf die Bilder und dann fängt man beim ersten Absatz an zu lesen.

    Mein erster Gedanke: WAS, Kerzen, schwarze Kutten und Nebel in der Probestunde?!

  9. Das freut mich ja, dass in einem Fach wie Deutsch, auch die Sinne angesprochen werden. Meist geht es ja bei den Kollegen nur um das Wort. Bei der Lektüre von „Das Parfum“ kommt keiner auf die Idee, auch Parfum mitzubringen. Als Naturwissenschaftler ist man eher auf alle Sinne eingestellt. Wenn es um die Kuh geht, stehen Milch und Becher auf dem Pult,beim Thema „Waschmittel“ werden tatsächlich Flecken entfernt.
    Das haben Sie sehr schön gemacht, Herr Rau!

  10. Danke schön, aber tatsächlich sind in dieser Klasse viele sehr selbstständig arbeitende Schüler, denen man nur Freiraum geben muss. Insofern lobenswert, dass ich sie dazu ermuntere, aber das ist tasächlich keine große Leistung von mir. Auch viele Lehrer der letzten Jahre haben das so gehalten, nach allem, was ich höre.
    Zum Parfum: Ich hab’s noch nie mit Schülern gelesen, aber wenn, dann muss dabei doch gerochen werden. Ich hoffe, das wird jeder Deutschlehrer so halten. (Tatsächlich gab es bei uns auch mal ein Chemie-Französisch-Austausch-Projekt mit einem Aufenthalt in Grasse, wo die Schüler auch das Parfum vorher gelesen hatten. Wenn ich mich recht erinnere.)

  11. Das Höhlengleichnis von Plato ist mir auch direkt beim ersten Mal „hängenheblieben“, als zwei Profs per team teaching im stockfinsteren Raum wie wild um unseren Stuhlkreis herumrannten, die Luft mit Parfüm, Deo und ähnlich Beißendem schwängerten, um dann beim Schein einer Fackel (! – wenn das der Hausmeister wüsste…) das auf ein zerrissenes „Pergament“ geschriebene Höhlengleichnis mit theatergewohnter Stimme vorzutragen. War ein tolles Spektakel und das Höhlengleichnis habe ich bis heute nicht vergessen.

    Beim „Parfum“ müsste man natürlich auch Stinkendes mitbringen… man sollte vielleicht mal ein Unterrichtsvorschlagswiki anlegen…

  12. Danke für die Erklärungen. Ich bin auch gefährdet, mündlich besser zu benoten, habe allerdings zusammen mit anderen ein gutes System erarbeitet, das ich den Lernenden transparent mache (was mich selber unter Druck setzt, sauber zu arbeiten).

    Was ich immer wieder nicht verstehe ist, warum man Punkte nicht einfach auf Noten umrechnet? Dass man Noten abliefern muss ist schon gut, aber warum nicht zuerst Punkte setzen? Ist das total verboten? Vielleicht ist der Schrei nach Vereinheitlichung in Bayern weniger laut, aber bei uns in Bern wäre es unmöglich, z.B. mündliche Französischprüfungen einfach nur mit Noten zu machen, die Abweichungen untereinander wären viel zu schlecht analysierbar.

    ( Helvetisches Formelzeugs.)

  13. Doch, doch, die Umrechnung von Punkten in Noten ist auch bei mündlichen Noten erlaubt und bei Referaten durchaus sinnvoll. Wird manchmal auch gemacht. Sehr manchmal. Vorgeschrieben ist allerdings bei mündlichen Noten kaum etwas.
    Sinnvoll ist es auch, einer Gruppe von vier Schülern 36 Punkte (oder wieviel auch immer) zu geben, die sie unter sich nach bestem Gewissen verteilen sollen. Nur wenn diese Punkte dann unmittelbar in Noten umgerechnet werden, werden die Schüler hoffentlich die Tabelle anschauen und ihre Punkte dann so verteilen, dass jeder knapp über der Grenze zur schlechteren Note ist. Soviel gäbe die Schulordnung mit ein bisschen Biegen auch noch her.
    Schöner wäre es, wenn Schüler im Laufe eines Schuljahres Credits sammeln könnten, die dann am Schluss des Jahres zu einer Note zusammengefasst werden. (Wobei schon vorher feststeht, wofür es Credits gibt.) Das dürfen wir aber nicht.

  14. Oh ja, das klingt gut mit den Credits. Allerdings würde so ein System nach einer E-Plattform fürs Sammeln von Credits lechzen, auch wegen dem Austausch und den Möglichkeiten des fächerübergreifenden Unterrichts.

    (Manchmal platze ich fast bei der Vorstellung, was für ein weiter Weg das noch ist. Technologisch würde uns alles zu Füssen liegen, aber Schulen mahlen so langsam. Wobei mir sehr bewusst ist, dass diese Langsamkeit auch viele Vorteile hat.)

  15. Hallo Herr Rau,
    angeregt durch diese tollen Schülerarbeiten (Danke für’s Teilen!) hat mein 13er-Deutschkurs* recht ansehnliche Gruppen-Präsentationen** zu Brechts „Galileo Galilei“ erarbeitet, z.B. eine TV-reife Talkrunde zur Kommerzialisierung von Forschung. Damit konnten wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die nach dem schriftl. Abitur gesunkene Motivation heben und Präsentationstechniken für das mündl. Abitur üben.
    (Zwei kleine Erklärungen: *In Ba-Wü gibt es seit 2002 in D und M keine GKs und LKs mehr -> „Kernkompetenzfächer“; **Die mündliche Abitur-Prüfung im 5. Fach ist in Ba-Wü eine Präsentationsprüfung, d.h. eine Woche vor dem Termin wird der/dem Sch. eins von vier individuell abgesprochenen Themen zugeteilt, zu dem sie/er eine 10-Min-Präsentation vorbereitet, anschließend ist noch 10 Min. ‚klassisches‘ Prüfungsgespräch).
    Da ich Gruppen-Benotungen ebenfalls schwierig finde, gefiel mir der Vorschlag von K. Kamm (vom 16.3.2006). Er stieß vorab auf Skepsis bei den Sch., hat aber wohl intern dafür gesorgt, dass wirklich alle ordentlich für ihre Gruppe gearbeitet haben… so dass fast alle Gruppen die Punktesumme gleichmäßig geteilt haben. Nur eine Gruppe nicht – die hat aber ’sozial‘ geteilt: Sie haben ausgerechnet, wem mehr Punkte zu einer besseren Endnote verhelfen und wem ein ‚Abgeben‘ angesichts guter Klausurnote nicht ‚wehtut‘. Auch ein Lernziel, oder? :)

  16. Schön! Schöner als die soziale Kompetente Komponente bei dieser Art des Punkteteilens finde ich, wie rasch manche Schüler solche Rechenaufgaben durchschauen.

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