Gehört und gelesen: Podcasts & Superhelden 1

Transom ist eine Seite, die amerikanische Amateur-Rundfunkbeiträge veröffentlicht, und das schon seit vielen Jahren. Bevor es Podcasts gab, war das eine meiner schönsten Quellen für gut gemachtes Tonbeiträge; es gab nicht viel, aber sehr gutes Material.
Transom bringt Radiobeiträge, die den Ansprüchen des öffentlichen Rundfunks entsprechen, also sauber produziertes, intelligentes Material, mit technischen Angaben über die Aufnahmegeräte und ‑bedingungen für die Liebhaber. (Zu meiner Freude sehe ich, dass es inzwischen auch einen Podcast mit ausgesuchtem Material gibt. Wunderbar, gleich abonniert.)

Über Transom bin ich vor allem auf The Little Gray Book Lectures gestoßen, und um die geht es mir heute.

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Die schlechte Nachricht vorweg: Die Little Gray Book Lectures gibt es der ursprünglichen Form nicht mehr. Das zwaren zweistündige bunte Abende in diversen Bars oder Pubs (in Williamsburg, Brooklyn), mit vier Vorträgen pro Veranstaltungen. Anders gesagt: “TWO HOUR INSTRUCTIONAL VARIETY SHOW, often involving POWERPOINT PRESENTATIONS, ACCORDIONS AND DOGS.”
Veranstalter und Gestalter waren John Hodgman und Jonathan Coulton, dazu kamen Gastredner und Gastmusiker. Eine Pilot-Aufnahme gibt es bei Transom, und Ausschnitte aus anderen Lectures gibt es, angereichert mit irrwitziger Rahmenhandlung, bei LGB (auch als Podcast, es wird aber wohl bei den bisherigen sieben Beiträgen bleiben).

Die Lectures sind eine Parodie auf erzieherische und bildende Vortragsreihen und Broschüren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Themen sind drahtlose Kommunikation, Rollenspiele (mit Live-Spiel auf dem Podium), Vorteile des gemeinschaftlichen öffentlichen Singens, die wenig bekannte Musikrichtung des spy rock. (Das erinnert mich an die Einladung zum Essen bei mir, bei der jeder Gast ein kurzes Referat zum Thema “Was ich schon immer sagen wollte, was mich aber noch niemand gefragt hat” halten musste.)
Wert gelegt wird auf audience participation, Abwechslung, Musik, Skurillität.

Aber wie bei allen guten Voträgen habe ich auch Einiges gelernt: Zum einen, dass George Washington nicht der erste Präsident der USA ist. Details gibt es in dieser Roadside Attraction, aber die Kurzfassung: Washington wurde Präsident im Jahr 1790. Die Unabhängigkeitserklärung war 1776. Was war eigentlich in der Zeit dazwischen? 1781 gab es die Articles of Confederation, den Vorgänger der Constitution. Unter diesem Vorgänger gab es acht Präsidenten, George Washington war (lediglich) der erste unter der aktuellen, noch heute gültigen Verfassung. Da ist doch auch irgendwo eine Facharbeit drin versteckt.

Weiterhin habe ich von Mrs Favell Lee Mortimer erfahren. Geboren 1802 in London, Bestseller-Kinderbuchautorin, unter anderem von “The Peep of Day; or: a Series of the Earliest Religious Instructions the Infant Mind is Capable of Receiving” – die Zitate daraus haben mich dazu gebracht, das Buch gleich zu besorgen.
Vor allem hat sie aber drei Bücher über Europa und die Welt geschrieben, ebenfalls für Kinder, und das ohne jemals diese Länder gesehen zu haben. Das erste ist The Countries of Europe Described (1849), kommentierte und mit einem Vorwort versehene Auszüge aus allen Bänden gibt es in The Clumsiest People in Europe. Ein paar Proben ohne besondere Reihenfolge:

Siam:
Cross a river, and you pass from Burmah to Siam. These two countries, like most countries close together, have quarreled a great deal, and now Britain has got in between them, and has parted them: as a nurse might come and part two quarrelsome children. […] The Siamese resemble the Burmese in appearance, but they are much worse-looking. Their faces are very broad and flat; and so large are the jaws under the ears, that they appear as if they were swollen. Their manner of dressing their hair does not improve their looks […] In disposition the Siamese are deceitful and cowardly.

Portugal:
Portugal is very much like Spain; the people are alike, the customs are alike, the plants and animals are alike, and though the languages are not the same, there is a great likeness between them. Yet there is some difference between these countries.
What? Though the Portuguese are indolent, like the Spnaiards, they are not so grave, and sad, and silent. They are proud like the Spaniards, but they are more deceitful. They have black eyes, and hair, and dark complexions liek the Spaniards, but they have whiter teeth, for they never smoke, and it is smoking paper cigars which spoils the teeth in Spain.

Scotland:
One day a traveller said to a Scotchman, “Does it always rain, as it does now?” “No,” replied the man, “it snaws sometimes.”
He said “snaws,” instead of “snows,” for the poor Scotch speak their words very broad.

Germany:
I cannot say the cottages are very pleasant. The lower room is the cow’s stable. This would be well if the upper room was clean; but it is not. As the women are so much out of doors, they do not keep the house clean. There is a dresser with the shelves, beds with curtains, and a stove; but all is dirty and uncomfortable.

Borneo:
This is the largest island in the world, except one. Borneo is a heathen island. Yet Borneo is not an island of idols, as Ceylon is. All heathens do not worship idols.

Madrid:
This city is built just in the middle of Spain.
The king, who chose Madrid for his chief city, made a foolish choice; for it is far from the sea, and there is no great river near, only a little stream, so that ships cannot come near it. It is built also on a high plain, where very cold winds blow. It would not be well to go to Madrid in winter, it is so very windy, and there are no good plans for keeping the houses warm. In summer it is very hot.

(Mit den letzten Aussagen hat diese Florence Foster Jenkins der Reiseliteratur sogar recht.) Wunderbar ist der erzieherische, chauvinistische, arrogante Tonfall; jedes Land kriegt sein Fett weg. Soviel zum britischen Empire. Auch hier könnte mal eine Facharbeit daraus werden.

Ich habe mir übrigens doch noch eine vollständige Ausgabe aus dem 19. Jahrundert besorgt, hier kann man nach gebrauchten, auch antiquarischen Büchern schauen. Im Moment gibt es da nur eine Ausgabe des Buches, und auch die vielleicht nur, weil der Name der Autorin fälschlicherweise als “Morimer” eingegeben wurde.

Das alles hat übrigens dazu geführt, dass ich mir ein Buch von John Hodgman und zwei Platten von Jonathan Coulton bestellt habe. Die sehen auch sehr spannend aus.

 

Tja, zu den Superhelden komme ich dann wohl erst ein anderes Mal.

Eine Antwort auf „Gehört und gelesen: Podcasts & Superhelden 1“

  1. Sie rennen ja nicht weg ^^.

    Und damit ich nicht nur diesen kurzen Satz schreibe, danke noch mal für die Kate Fox Empfehlung. Ich finde viele ihrer Schlüsse einleuchtend, bzw. nachvollziehbar.

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