Liebe Mitschülerinnen, Mitschüler und Herr Rau

Letztes Jahr hatte ich ja in der 11. Klasse eine mündliche Schulaufgabe zu den Räubern, zu der auch Kollegen als Zuschauer geladen waren:

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Eigentlich wollte ich das dieses Jahr wieder machen, allein schon deshalb, um die gewonnenen Erfahrungen umzusetzen. Aber aus Gründen der erwarteten, vorgezogenen, verschobenen, nicht vorgezogenen etc. GSO-Änderung wusste die vorauseilende Pflichterfüllung an unserer Schule nicht, wohin sie eigentlich eilen sollte, und blieb deshalb sicherheitshalber auf dem Platz stehen.
Leider keine mündliche Schulaufgabe.

Also gab es das ganze jetzt als Quasi-Referatsreihe in Form von Vorträgen. Wie schon erwähnt, habe ich den Schülern eine Vorlesung aus der Augsburger Uni gezeigt. Die sollte Modell sein für das, was ich von Ihnen hören wollte: Eine Vorlesung statt eines Referats. Es gab eine Liste mit 18 Themen, dazu 11 Schüler.

(Die restlichen 13 Schüler der Klasse kommen in einem zweiten Durchgang in ein paar Monaten dran. Auch eine Erkenntnis vom letzten Jahr: Nicht alles auf einmal machen.)

Meine Vorgaben waren: das Thema (das einer literarischen Erörterung oder Interpretation eines poetischen Textes entsprach, beides den Schülern bekannte Aufsatzformen), eine Länge von 800 Wörtern, die Vortragssituation: Im Klassenzimmer, abgelesen, aber gut vorgetragen, und ein selbst geschriebener Text, der sich zum Vorlesen eignet. Vorher haben wir eine Abiturrede gelesen und analysiert und über Wegweise im Text gesprochen, die dem Zuhörer die Orientierung erleichtern.

Ergebnisse:

  • Das Niveau der Vorträge war hoch, deutlich höher als bei Referaten.
  • Allen Vorträgen konnte man gut folgen.
  • Die Wortzahl war ausreichend, wurde aber manchmal um bis zu 25% überschritten.
  • Das Muster Uni-Vorlesung wurde gut angenommen: Anrede, ein paar salbungsvolle Floskeln am Anfang, teilweise Siezen der Zuhörer.
  • Die Schüler, die noch Kapazitäten frei hatten, bauten Nietzsche-Zitate und dergleichen ein.
  • Ich war sehr angenehm überrascht.

Probleme, Fragen, Erkenntnisse:

  • Meine Hauptfrage: Kam mir der Inhalt der Vorträge nur deshalb so gut vor, weil ich die unsauberen Handschriften, wie ich sie aus den Schulaufgaben kenne, nicht entziffern musste, und weil ich das Gestöpsel, das ich aus manchen Referaten kenne, nicht ertragen musste – sondern überlegte Sätze präsentiert bekam?
  • Kann eine Vorlesung/Vortrag Vorbild für Schüler sein? Immerhin gehen vorgelesene Referate eigentlich gar nicht.
  • Im Kolloquium müssen die Schüler nämlich auch frei reden, und ich habe schon Prüfungen erlebt, in denen das sprachliche und inhaltliche Niveau und die Informationsdichte ähnlich hoch sind wie bei einer solchen Vorlesung.
  • Gute Schüle verstehen, dass es sich bei der Vorlesung, so wie wir sie gehandhabt haben, um ein Spiel handelt, und dass sie nicht das nächste Bio-Referat so anfangen sollten. Schwache Schülern können vielleicht weniger gut damit umgehen.
  • Die Schüler empfanden die Vorlesungen auch als besser als Referate. Den meisten machte die Vobereitung mehr Arbeit, allerdings nicht allen.
  • Ich glaube, Schüler geben sich bei einer Vorlesung mehr Mühe als bei einem Referat. Das Referat wird halt doch zu oft am Abend vorher zusammengeflickt; bei einer Vorlesung fällt das schneller auf. (Ginge uns Lehrern auch so: Ein Vortrag lässt sich schlechter improvisieren als eine Stunde mit Unterrichtsgespräch.)
  • Überhaupt wären mehr Vorlesungen durch Lehrer sinnvoll. Wir dürfen ja, auch klassenübergreifend. Wenn schon frontal (und das muss ja nicht schlecht sein), dann gleich richtig.
  • Vielleicht ist die Vorlesung eine sinnvolle Vorstufe: Das nächste Mal müssen die Schüler dann so eine ähnliche Vorlesung halten, nur freier – aber von ähnlicher Dichte, mit ähnlich wenigen Ähs, und ähnlich gut vorbereitet.

(Und ja, das ganze ist auch ein bisschen Ersatz für die schriftliche Hausaufgabe vergangener Jahre. Nur dass man sie nicht schriftlich korrigieren, sondern nur benoten muss. Und der Vortrag zählt natürlich nur als mündliche Note, nicht als Schulaufgabe. Vielleicht kann man das in Zukufnt anders machen.)

Ich stelle ein Beispiel für einen Vortrag hier ein, sobald ich einen Schüler oder eine Schülerin dazu überredet habe, den Text noch einmal ins Mikro zu sprechen.

Nachtrag:

Vier Freiwillige habe ich gefunden. Hier sind ihre Reden, nachträglich aufgenommen und mit Erlaubnis hier veröffentlicht:

Die Räuberbande:

Franz Moor (von Daniela H.):

Amalia:

Sturm und Drang (von Andreas H.)

10 Antworten auf „Liebe Mitschülerinnen, Mitschüler und Herr Rau“

  1. Da bin ich schon sehr gespannt!
    Scheint mir insgesamt eine prima Sache, trotz der von dir genannten Probleme, unter anderem allein wegen des Abwechslungsfaktors. Schließlich lernen die Schüler seit der Unterstufe, Referate zu halten – da ist eine Vorlesung eine spannende Herausforderung, eine Art Rollenspiel, das zwar sicher nicht allen liegt, aber vielleicht könnte man für die hartnäckigen Verweigerer wahlweise ein Referat anbieten.

  2. > Vielleicht ist die Vorlesung eine sinnvolle Vorstufe

    Gute Idee! Ich habe vor kurzem was über ätzende „Referate“ geschrieben (http://www.jochenenglish.de/?p=166), seitdem bin ich auf der Suche nach Alternativen. Diese Vorlesungen werde ich bei nächster Gelegenheit mal ausprobieren.

  3. Finde ich eine witzige Idee. Auch das Betrachten einer Vorlesung ist für Schüler bestimmt interessant.

    Eine Sache ist mir noch nicht ganz klar: Was genau unterscheidet einen „Vorlesungsvortrag“ von einem „Referatsvortrag“? Beides sind doch Vorträge über ein bestimmtes Thema, man muss sich vorher fachkundig machen, usw. Wo genau sind die Unterschiede?

  4. Vorlesungen sind vorgelesen. Oder zumindest liegt der Vortrag als Skript vor, was einigermaßen Sorgfalt impliziert.
    Referate dürfen bei den meisten Lehrer, denke ich, und auch bei mir, gerade nicht vorgelesen werden. Weil das zu leicht zu eintönig, ermüdend, langweilig wird.
    Beim Referat sollte man sich vorher auch fachkundig machen, aber zu oft sieht die Praxis so aus, dass sich der Schüler am Abend vorher den Wikipedia-Eintrag dazu ansieht, Teile davon in ein Word-Dokument kopiert und sich dabei auch noch gut vorbereitet glaubt. (Dass wir das Schülern durchgehen lassen, ist ein anderes Problem.) Und das wird dann eher lieblos vorgetragen.
    Und dann gibt’s natürlich noch das Powerpoint-Referat.

  5. @Christian: Die Vorlesung ist weitgehend in Schriftsprache verfasst. Dass diese viel stärker mit Hypotaxe arbeitet, ungenaue Ausdrucksweise und „in Anführungszeichen Gesprochenes“ nicht vorsieht, wird an dem Beispiel der Mustervorlesung deutlich geworden sein.
    Außerdem erlaubt sie einen größeren Stoffumfang.
    Beim nächsten Kurs werden freilich die „Vorlesungen“ vielleicht ähnlich schnell dahin gehauen wie sonst manche Referate. Da steckt man nicht drin.

  6. was mir dazu einfaellt und was mir in meiner ersten Zeit an der uni gefehlt hat als Handwerkszeug ist der wissenschaftliche Beitrag (Name von mir ich wiess nicht ob es das so gibt).

    Zumindest in den Natur- und Ingeneurwissenschaften laeuft das so: Ein wissenschaftliches Papier von ca 10-15 Seiten wird geschrieben, dieses wird dann in einem Vortrag praesentiert der zwischen 10 und 40 min lang ist. Es wird sicher nicht vorgelesen, aber das hat man auch nicht noetig wenn man das Papier echt selber geschrieben hat. Typischerweise schreibt man sowas nicht allein sondern zu 2 oder 3. – also mein Traum waere wenn man die Technik schon in der Schule lernt – was war das ein schmerz beim 1. mal.

  7. Zum „Vorlesen“ kommt ja noch eine Art Adressaten-Änderung, man fühlt sich doch für eine „Vorleseung“ gleich ganz anders, hat eine andere innere (vielleicht gar äussere) Haltung. Jedenfalls würde das mir so gehen.

    Bei mir steht Adressatengerechtigkeit im Lehrplan und meistens wähle ich ein wechselndes Publikum aus Kolleginnen oder Unter-Azubis oder Kunden. Aber ich könnte gut auch einmal Studenten wählen und deine Idee kopieren. Danke vielmals!

  8. Tolle Anregung.
    Einen Versuch wäre es wert.

    Überhaupt: bin ich sehr dankbar für die vielen Anregungen, die Sie immer wieder hier veröffentlichen. Auch wenn ich sie nicht umsetze, sie animieren und verhindern die Routine.

  9. „Beim nächsten Kurs werden freilich die ‚Vorlesungen‘ vielleicht ähnlich schnell dahin gehauen wie sonst manche Referate.“

    — Ja, das fürchte ich auch. Mal sehen, wie die zweite Hälfte der Referate läuft, später im Jahr.

    „hat eine andere innere (vielleicht gar äussere) Haltung“

    — Ja. Das „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit“ am Schluss gehörte auch der Körperhaltung und Spannung nach noch zum Vortrag, das „Nochirgendwelchefragen“ im Anschluss daran sicht- und hörbar nicht mehr. War interessant, das zu sehen.

    „mein Traum waere wenn man die Technik schon in der Schule lernt“

    — Selbstständiges Arbeiten über einen längeren Zeitraum wird leider nicht geübt, auch bei mir nicht. Man müsste mal. Vielleicht dann beim nächsten Mal, wenn der Vortrag als Muster ausgedient hat?

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