Geschichten-Parallelen

In A Treasury of North American Folk Tales habe ich eine Variante von “Die Kuh Elsa ist tot” entdeckt. Viele Angehörige meiner Generation kennen diesen Witz von Dieter Hallervorden, 1977 aus Nonstop Nonsens.
Stellt sich heraus, die Geschichte ist alt und weit verbreitet, als “Häufung des Schreckens” hat sie im Erzähltypus-Index AaTh die Nummer 2040. Die Enzyklopädie des Märchens nennt zahlreiche Tradierungen und Beispiele, darunter auch das hier aus dem Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes von Johann Peter Hebel:

Ein Wort gibt das andere

Ein reicher Herr im Schwabenland schickte seinen Sohn nach Paris, daß er sollte Französisch lernen, und ein wenig gute Sitten. Nach einem Jahr oder drüber kommt der Knecht aus des Vaters Haus auch nach Paris. Als der junge Herr den Knecht erblickte, rief er voll Staunen und Freude aus: »Ei Hans, wo führt dich der Himmel her? Wie steht es zu Hause, und was gibt’s Neues?« – »Nicht viel Neues, Herr Wilhelm, als daß vor 10 Tagen Euer schöner Rabe krepiert ist, den Euch vor einem Jahr der Weidgesell geschenkt hat.«
»O das arme Tier«, erwiderte Herr Wilhelm. »Was hat ihm denn gefehlt?«
»Drum hat er zuviel Luder gefressen, als unsere schönen Pferde fielen, eins nach dem andern. Ich hab’s gleich gesagt.«
»Wie! Meines Vaters vier schöne Mohrenschimmel sind gefallen?« fragte der Herr Wilhelm. »Wie ging das zu?«
»Drum sind sie zu sehr angestrengt worden mit Wasserführen, als uns Haus und Hof verbrannte, und hat doch nichts geholfen.«
»Um Gottes willen!« rief der Herr Wilhelm voll Schrecken aus. »Ist unser schönes Haus verbrannt? Wann das?«
»Drum hat man nicht aufs Feuer achtgegeben an Ihres Herrn Vaters seliger Leiche, und ist bei Nacht begraben worden mit Fackeln. So ein Fünklein ist bald verzettelt.«
»Unglückselige Bottschaft!« rief voll Schmerz der Herr Wilhelm aus. »Mein Vater tot? Und wie geht’s meiner Schwester?«
»Drum eben hat sich Ihr Herr Vater seliger zu Tod gegrämt, als Ihre Jungfer Schwester ein Kindlein gebar, und hatte keinen Vater dazu. Es ist ein Büblein.
Sonst gibt’s just nicht viel Neues«, setzte er hinzu.

Und im Englisch-Leistungskurs habe ich Chris de Burgh, “The Painter” gemacht. Das Lied beginnt so:

I’d like you to meet my last queen,
over there large as life
she’s been hanging there for almost a week,
my poor late wife

Vielleicht kennt ja der eine oder andere das Lied. Erfahrene Hörer und Leser merken spätestens an der Stelle, “he was driving me mad”, dass man dem Sprecher im Lied nicht sehr trauen kann. Das zu erkennen, fällt Schülern schwer – unzuverlässige Erzähler sind sie nicht gewöhnt.
Aber das Lied ist eine gute Übung, um sich danach vielleicht daran zu wagen und einen Vergleich anzustellen, auch wenn der Text nicht einfach ist:

Robert Browning: My Last Duchess

That’s my last Duchess painted on the wall,
Looking as if she were alive. I call
That piece a wonder, now; Frà Pandolf’s hands
Worked busily a day, and there she stands.
Will’t please you sit and look at her? I said
“Frà Pandolf” by design, for never read
Strangers like you that pictured countenance,
The depth and passion of its earnest glance,
But to myself they turned (since none puts by
the curtain I have drawn for you, but I)
And seemed as they would ask me, if they durst,
How such a glance came there; so, not the first
Are you to turn and ask thus. Sir, ‘twas not
Her husband’s presence only, called that spot
Of joy into the Duchess’ cheek; perhaps
Frà Pandolf chanced to say “Her mantle laps
Over my lady’s wrist too much,” or, “Paint
Must never hope to reproduce the faint
Half-flush that dies along her throat.” Such stuff
Was courtesy, she thought, and cause enough
For calling up that spot of joy. She had
A heart–how shall I say–too soon made glad,
Too easily impressed; she liked whate’er
She looked on, and her looks went everywhere.
Sir, ‘twas all one! My favour at her breast,
The dropping of the daylight in the West,
The bough of cherries some officious fool
Broke in the orchard for her, the white mule
She rode with round the terrace–all and each
Would draw from her alike the approving speech,
Or blush, at least. She thanked men–good! but thanked
Somehow–I know not how–as if she ranked
My gift of a nine-hundred-years-old name
With anybody’s gift. Who’d stoop to blame
This sort of trifling? Even had you skill
In speech–which I have not–to make your will
Quite clear to such an one, and say, “Just this
Or that in you disgusts me; here you miss,
Or there exceed the mark”–and if she let
Herself be lessoned so, nor plainly set
Her wits to yours, forsooth, and made excuse–
E’en that would be some stooping; and I choose
Never to stoop. Oh sir, she smiled, no doubt,
Whene’er I passed her; but who passed without
Much the same smile? This grew; I gave commands;
Then all smiles stopped together. There she stands
As if alive. Will’t please you rise? We’ll meet
The company below, then. I repeat,
The Count your master’s known munificence
Is ample warrant that no just pretence
Of mine for dowry will be disallowed;
Though his fair daughter’s self, as I avowed
At starting, is my object. Nay, we’ll go
Together down, sir. Notice Neptune, though,
Taming a sea-horse, thought a rarity,
Which Claus of Innsbruck cast in bronze for me!

2 Antworten auf „Geschichten-Parallelen“

  1. Merci bien!
    Die Abfolge von AaTh 2040 folgt in der europäischen Linie der Reihe Hund-Pferd-Haus-Familienmitglied, im Chanson ist das erste Glied übersprungen. Der Rabe bei Hebel geht möglicherweise auf einen Übersetzungsfehler in einer Vorläuferfassung zurück, ist in der bisherigen Forschung jedenfalls noch nicht erklärt, lese ich gerade.

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