Abituraufgaben LK Deutsch 2009

Das Web 2.0 hat das bayrische Abitur erreicht, auch wenn der Goethe vorne dran etwas konstruiert ist:

“Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!”
(Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Osterspaziergang)

Privatheit und Öffentlichkeit galten lange Zeit als klar voneinander zu unterscheidende Bereiche. Zeigen Sie, ausgehend von einer präzisen Begriffsklärung und unter Berücksichtigung eigener Erfahrungen, inwiefern sich das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit in einer von den neuen Medien geprägten Gesellschaft ändert und diskutieren Sie, welche Folgen sich daraus ergeben!

Wer sich damit schon mal befasst hat, für den müsste das ein tolles Thema sein. Für mich wäre es das, anders als manche der anderen Aufgaben.

Alle Aufgaben:

  1. Gedichtvergleich zweier moderner Gedichte von Durs Grünbein, dazu: Darstellung von “Macht in einem literarischen Werk einer anderen Epoche”. Woyzeck, Ödipus, Dreigroschenoper, auch Faust, da findet sich immer etwas.
  2. Dramatischer Text aus dem Expressionismus, dazu: “Zusammenbruch einer bestehenden Ordnung in einem anderen dramatischen Werk”. Ödipus? Woyzeck? Vielleicht mal Räuber in der 11. Klasse?
  3. Epischer Text aus dem 18. Jahrhundert. Aus Anton Reiser. Lang. Dazu Vergleichstext. Dazu “[Möglichkeiten der Leserlenkung] anhand zweier Erzähltexte aus verschiedenen Epochen”. Umfangreich.
  4. Literarische Erörterung der Frage, warum die deutsche Literatur so langweilig ist. (Umformulierung des Themas von mir. Aufgehängt an Erich Kästner: “Die deutsche Literatur ist einäugig. Das lachende Auge fehlt.”)
  5. Erörterung zu privat/öffentlich, siehe oben.
  6. Sachtextanalyse dieses Artikels von Bodo Kirchhoff (leicht gekürzt) und eine Erörterung zu den Rahmenbedingungen der Literaturproduktion. Letztlich geht es um die Frage, wie und warum Schriftsteller von ihrem Beruf leben können sollen. Geht mir auch privat im Kopf herum, habe noch keine abgeschlossene Meinung dazu.

Insgesamt: Leider gar kein 19. Jahrhundert. Lauter sehr unvertraute Texte. Mehr schreibe ich erst einmal nicht, ich bin Zweitkorrektor des aktuellen Leistungskurses, da will ich keine Hoffnungen wecken oder Ängste fördern.

10 Antworten auf „Abituraufgaben LK Deutsch 2009“

  1. Das ist gemein, selbst wenn hier nur Aufgaben vorgestellt werden. Zu denen wäre in diesem Jahr einiges anzumerken. Der Erstkorrektor, der gerade bei seiner ersten Korrektur sitzt, darf aber noch viel weniger sagen, eigentlich gar nichts.
    Eine allgemeine Erfahrung oder Beobachtung bei diesen Abiturkorrekturen aber ist, dass es höchste Zeit für die meisten Schüler ist, der Welt jenseits der Zumutungen des Schülerdaseins zu begegnen.

  2. Ui ui ui :-) genau dieselbe Aufgabe habe ich mir heute aufgehalst.Zwar hab ich (zum Glück) noch nicht sehr viel Erfahrung mit dem Abitur, aber ich glaube die Aufgabe war wirklich fair und machbar.Aber so ein bisschen was könnten Sie schon preisgeben zum Thema privat-öffentlich , Herr Rau ;-)
    Man brennt als Abiturient wenigstens wenige Stichworte zu ergattern.

  3. Lesenswert: Verschiedene Deutsch-LKler diskutieren das Gedichtthema und ihre Vorbereitung bei Max in den Kommentaren. (Weiterer Eintrag von Max dazu.)

    Sarah, schönes Thema! Wer Blogs kennt, dem fällt dazu sicher was ein.
    ich hatte hier schon mal einen Aspekt des Öffentlichseins angerissen und mich auf Kant bezogen. Die Details aus der 11. Klasse wird man als Schüler aber wohl nicht mehr im Kopf haben. Am interessantesten und schwierigsten ist die Frage, “welche Folgen sich daraus ergeben”. Datenschutz, Aufklärung, neue Gesetze, neuer Umgang, Urheberrechtsverschärfung, Entwicklung der anderen Medien?

  4. Hm, schon interessant, wie positiv Sie die Themen des Deutsch-LK-Abiturs insgesamt bewerten. (Oder täsusche ich mich?) Alle Germanisten, die ich kenne und das auch zu korrigieren haben, sind sauer und entsetzt über die Aufgabenstellungen, v.a. bei den Themen 1 bis 3. Mir ist zu Ohren gekommen, dass das KM mit empörten E‑Mails buchstäblich überflutet wird.
    Zu Thema 5 (hat mein Sohn hat es gewählt) ist insofern problematisch als das Goethe-Zitat völlig aufgesetzt ist und der Osterspaziergangkontext überhaupt nicht zu der Thematik passt.
    Man kann nur hoffen, dass möglichst viele Kursleiter und Zweitkorrektoren mit Augenmaß und dem Sinn für das Machbare bewerten.
    Beelzebub Brucks hintersinniger, wenn auch etwas kryptischer Einschätzung der Situation kann ich nur zustimmen.

  5. Ich dachte, mich verhältnismäßig neutral ausgedrückt zu haben, was die diesjährige Aufgabenauswahl betrifft. Vielleicht bin ich dabei übers Ziel hinausgeschossen. Max argumentiert – aus Schülersicht – in seinen Blogeinträgen ja ganz gut für diese Themen. Machbar sind allemal die Aufgaben 4 und 5 – das aufgesetzte Goethe-Zitat (habe ich ja auch angemerkt) dürfte niemanden abschrecken. Diese Zitate vorne dran gibt es häufig und sie haben selten etwas mit dem eigentlichen Thema zu tun, das sollten die Schüler wissen.

    Die anderen Aufgaben sind problematischer. Aber ich will nichts dazu sagen, bevor ich nicht gesehen habe, was die Schüler daraus gemacht haben. Die sind manchmal besser, als die Deutschlehrer denken.
    Schade ist auch, dass nichts zum 19. Jahrhundert dabei war, also zur ganzen 12. Klasse.

    Schön wäre es, wenn es irgendwo Unterlagen zur Abiturprüfung gäbe – also ein Dokument auch für die Lehrer und Schüler, das Art, Umfang und Inhalt der Prüfung angibt. An dem kann sich die Schule dann orientieren.

  6. @Georg: Ganz ehrlich, ich kann den Ärger nicht nachvollziehen. Es sind 5 Stunden Arbeitszeit und sechs Themen zur Auswahl – da muss doch irgendwas gehen. Und eine Textanalyse ist IMMER drin, das hat nichts mit dem Thema oder dem Text zu tun, sondern ist meiner Meinung für einen Deutsch-LKler, der Abi macht, absoluter Standard und ganz normales Handwerkszeug. Wenn diese Textanalyse gelingt, hat sich der Schüler schon einmal intensiv mit der Aufgabe befasst (nicht zu unterschätzen fürs Weiterarbeiten!) und außerdem schon ein Drittel bis die Hälfte erledigt – und zwar ohne dass man Wissen musste, was der Autor MEINT, sondern nur, indem man analysiert, was er schreibt.
    Am Thema 5 ist aus meiner Schülersicht das weitaus größere Problem, das man extrem von der Lehrkraft abhängt. Ich bin Schüler und in der Regel mehrere Stunden täglich online, sei es privat oder für die Schule. Ich habe ein Blog, ich nutze Twitter, ich lese nicht nur in der Wikipedia, sondern schreibe gelegentlich dort auch selbst. Eigentlich wäre das mein Thema gewesen, aber ich hab’s nicht genommen. Nicht, weil ich Gedichte so sehr liebe, sondern weil ich weiß, dass mein LK-Leiter gegenüber dem Internet nicht so aufgeschlossen ist, wie ich es bin (also er interessiert sich dafür, es gab einmal ein Klausurthema zu Amazons Kindle, aber er sieht es skeptischer). In meinen Klausuren habe ich mehrmals zarte Anklänge geliefert, wie ich zum Internet stehe, und er hat es mir größtenteils herausgestrichen (es ging z.B. darum, dass ich Brechts Radiotheorie durch Blogs etc. verwirklicht sah). Deswegen würde ich so ein Thema nicht wählen. Ihr Sohn hatte jetzt zwei Jahre lang Deutsch-LK, da kann man meiner Meinung nach ungefähr wissen, was beim Lehrer ankommt und was nicht – und bei einer Erörterung ist dieses Wissen überlebenswichtig.
    Ich habe in keiner meiner LK-Klausuren eine Gedichtanalyse geschrieben, sondern nur Analysen von dramatischen und epischen Texten (habe mich in einer solchen Klausur zum ersten Mal wirklich mit Theodor Storms Schimmelreiter befasst und war spontan begeistert), aber jetzt im Abitur habe ich eine geschrieben. Weil mir das Thema gefallen hat. Und ich fühle mich im Nachhinein nicht schlecht dabei. Ähnliches rate ich auch Ihnen und Ihrem Sohn – er war jetzt zwei Jahre im LK und hat mit Sicherheit viel gelernt, irgendwie kann man das immer anwenden. Mich würde interessieren, warum Ihr Sohn das Thema gewählt hat. Weil er Goethe kannte? Weil ihm das Thema so gut gefiel? War es die pure Not? Oder hat er sich nur auf Erörterungen vorbereitet? (Um ehrlich zu sein, in unserem LK haftete denen, die die freie Erörterung nahmen, immer etwas der Ruf an, zu faul zum Lesen und zum Bearbeiten von Texten zu sein. Aus der Ferne kann ich das natürlich nicht beurteilen und vielleicht ist dies auch ein unangebrachtes Vorurteil, aber in unserem LK war dieser Ruf eben da.)

  7. 8:36
    Verhältnis der Anzahl der Worte Goethes zu Wortanzahl der Arbeitsanweisung.
    Erste Aufgabe: Kürze diesen Satz und kläre, was der Autor möchte.

  8. hallo. ich bin schülerin eines gymnasiums in bayern und habe dieses jahr ebenfalls das deutsch lk abitur geschrieben und habe dabei – wohl als einzige- den romanauschnitt von karl philipp moritz genommen. diese woche kamen etliche lehrer zu mir und meinten, dass sie die aufgabenstellung dieses jahr eine unverschämtheit fänden, weil keines der themen den stoff der 12. und 13. klasse einschließen würde. einige legten mir sogar nahe, sich mit anderen schülern zusammenzuschließen und das abitur einzuklagen um gegebenenfalls die note höher setzen zu lassen. ich bin nicht unbedingt dieser ansicht aber mich würden einmal andere meinungen zum deutsch abitur in diesem jahr interessieren und ob sie mit den aussagen der lehrer unserer schule übereinstimmen?? lg

  9. Hallo Saskia, ich habe mal gewartet, ob jemand anderes etwas beisteuern kann. Klagen gegen ungerechte Behandlung durch ein Ministerium: Finde ich immer gut. Ob das hier angebracht ist, weiß ich nicht.

    An den Themen selber habe ich vor allem auszusetzen: Dass sie in dieser Form überraschend kamen. Wenn man vorher weiß, dass Literaturgeschichte nicht geprüft wird, dann wird man weniger Zeit auf die einzelnen Epochen verwenden.

    Ich habe eine Mail an den Deutsch-Ansprechpartner beim ISB geschrieben, ob es irgendwo Angaben darüber gibt, was im LK-Abitur geprüft wird. Für nächstes Jahr. Oder ob man das jeweils aus den Aufgaben der Vorjahre erschließen muss.

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