Print On Demand am Bahnhof in München

Das musste ich ausprobieren. Am Bahnhof im Kiosk für internationale Presse gibt es jetzt auch einen großen Laserdrucker und ein Terminal dazu. Die Software lässt einen aus gut 850 Zeitungen auswählen – von Albanien (Gazeta Shqiptare) bis Zimbabwe (Business Weekly), mit Zeitungen aus China, Indien und Quatar dazwischen. Aus den USA gibt es den Cincinnati Enquirer, aus England zwar die Birmingham Mail und Post, aber nichts aus Brighton.

Nach der Auswahl werden gut 70 MB Daten von einem Server geladen. Dann wird gedruckt, das dauert ein paar Minuten. Wie das bei Druckern so ist, ging auch da etwas schief – kurzer Anruf bei einem Gerätewart, der dann als Remote User den nicht abgeschlossenen Druckvorgang abbrach und einen neuen begann.

Heraus kommt dann das – links der Digitaldruck, rechts die Zeitung, die ich zum Vergleich mitnahm:

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Gedruckt wird DIN A 3, beidseitig, nur das Titelbild ist farbig. Die Druckqualität ist hervorragend, das Papier ist fest. Geheftet wird durch händisches Zusammentackern am Rand. Kostet 4 bis 6 Euro pro Zeitung. (Daily Express: 4 Euro.) Verantwortlich für das ganze Prinzip ist NewspaperDirect.

Ein Vorteil: Man kann nicht nur die aktuelle, sondern auch die letzten Ausgaben zuvor drucken lassen, wenn man die verpasst hat – jeweils bis zu einer Woche zurück.

– Ausprobieren musste ich das, weil ich meinem LK davon erzählt hatte. Nach der Klausur, und weil’s eh gerade um Urheberrecht und Zensur und Presse ging, habe ich eine Stunde zu Drucktechnik gemacht, unterbrochen vom Abistreich. Hochdruck, Tiefdruck, Flachdruck, Digitaldruck; Rotationspresse – viel mehr als bei Wikipedia weiß ich jetzt auch noch nicht. Und was Satz betrifft, weiß ich kaum den Unterschied zwischen Linotype und Monotype.

(Apropos, falls sich da jemand auskennt: Wie lief das eigentlich, wenn früher eine neue Ausgabe des gleichen Buchs erschien und diese Ausgabe neu gesetzt wurde? Musste da jemand alles neu abtippen? Oder gab es eine Möglichkeit, die Daten zu speichern, auf Lochstreifen vielleicht? Kann ich mir nicht vorstellen.)

Fundstücke (Lehrertest, Gedichte)

1. Sonderedition zum Mitauswählen

Via Kunst Blog Buch: Auch die ZEIT gibt eine Serie preisgünstiger Sondereditionen heraus, die im Herbst erscheinen soll. Bei der Zeit-Leser-Edition dürfen die Leser mitbestimmen, welche 20 Klassiker der deutschen Literatur im Herbst als Teil der Reihe erscheinen. Diese Woche ist dran “Aufklärung, Sturm und Drang, Weimarer Klassik”, ab 2.7. kommt “Romantik, Biedermeier, Vormärz”, danach “Realismus, Naturalismus, Fin de Siècle” und ab 16.7. “Moderne, Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur”.
– Allerdings: Anmeldung nötig. Man wählt 5 aus 20 Kandidaten je Epoche aus, kann auch selber welche angeben, for what it’s worth. Lichtenberg fehlt und mein Lieblingstext von Lessing. Aber vermutlich werden’s doch wieder die bekannten Klassiker.

2. Online-Selbsttest für Lehrerwerdenwoller

Selbsttest für Lehramtsstudierende in Baden-Württemberg (via Apanat) Kann man ja mal die Schüler durchschicken, ich habe angefangen, den Test zu bearbeiten, aber dann er mich doch nicht genug interessiert.

3. Was bleibt (I)

Was Hugelgupf in der 10. Klasse alles gelernt hat. Das wäre ein schönes Feedback fürs Schuljahresende.

4. Was bleibt (II)

Und die.hor.de fragt: Wie sähe das aus, wenn allein Novalis’ Zahlen und Figuren blieben? Das geht mit den fortgeschritteneren regulären Ausdrücken in Open Office sehr einfach: Man muss jeden einzelnen Buchstaben (und nur solche) durch ein einzelnes Leerzeichen ersetzen. Dazu bei Suchen/Ersetzen unter Optionen “regulärer Ausdruck” auswählen, nach [:alpha:]? suchen und eben durch Leerzeichen ersetzen. Voila folgendes bekanntes Gedicht aus dem Deutschunterricht:

                               

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                 .
               .    

(Die Darstellung in HTML geht etwas schwieriger, da dort aufeinanderfolgende Leerzeichen nicht angezeigt werden. Also entweder den pre-Tag verwenden oder – lästiger – jedes Leerzeichen durch den HTML-Code   ersetzen.)

Das gleiche Verfahren gibt’s übrigens auch im Wasserzeichen der Poesie. Ich habe ein paar Gedichten so umgeformt – sieht toll aus, und sehr unterschiedlich. Daraus wird noch eine Übung für meine LK-Schüler.

Abschied von den Abiturienten

Gestern war die Abifeier. Ich war nur kurz dort, da ich keine Buffet-Karte hatte und deshalb nicht groß mit den Schülern plaudern konnte… ich habe den Jahrgang ja auch nicht unterrichtet in den letzten zwei Jahren. Ehrlich gesagt, ich hätte ich mich sicher irgendwie reinschleichen können. Aber, um ein Zitat abzuwandeln, das mir neulich begegnet ist:

I certainly have not the talent which some people possess of conversing easily with those I have never seen before I have not seen for some time (and will not see again for even longer).

Ich bin überhaupt ganz schlecht im Verabschieden. Auch im Kennenlernen. ich bin dann verdruckst und stehe in einer Ecke und nehme die Farbe der Tapete an. (It’s a gift.) Wenn ich dann mal Vertrauen und Mut gefasst habe, haue ich ähnlich auf die Pauke wie in meinem Blog, aber wer mich zum ersten Mal trifft, der muss verwundert sein ob meiner Unauffälligkeit.

Vom aktuellen Abiturientenjahrgang kannte ich nur wenige. Vor allem eine Klasse, die ich in der 7. in Deutsch unterrichtete, in der 8. und 9. in Englisch und in der 11. dann wieder in Deutsch. Immer auf Wunsch. Schulversuchszweig Europäisches Gymnasium, daher eine sehr kleine Klasse. Ein Kollege bezeichnete die Klasse gerne als Rau-Elite-Klasse. Scherzhaft natürlich, ganz scherzhaft. In den letzten zwei Jahren habe ich sie dann aus den Augen verloren, kannte sie nur noch aus Erzählungen, aber zum Abschied wollte ich sie mir eben noch ansehen. Sind schon sehenswerte junge Menschen, denen ich alles Gute wünsche und die ich in ein paar Jahren wiedersehen möchte.

Ich war gerührt, dass ich in der Abizeitung auch einige Male kurz vorkomme. Ich denke immer, ich bin gleich vergessen. Ein Schülerjahr sind ja wie sieben Menschenjahre Erwachsenenjahre, oder so ähnlich.

— Fußnote: Die Schülerzeitung kostet 5 Euro, hat viele gute Ideen und Telefonbuchformat. Jeder Schüler kriegt zwei Seiten, davon eine mit einem Fragebogen. Interessante Fragen: Note des Übertrittszeugnisses, peinlichstes Erlebnis in der der Schullaufbahn und die Lieblingsschullektüre. Beim ersten fühlt man sich manchmal bestätigt und manchmal verwundert; die anderen beiden sind als Evaluation tatsächlich praktisch. Das könnte es jährlich geben. Einige haben als Lieblingsschullektüre tatsächlich Salingers “Der Fänger im Roggen” angegeben. Das hat eben jene Klasse in der 7. Klasse in Deutsch gelesen. Und ich erinnere mich natürlich, das ging gut. Ich halte das Buch immer noch für ein Meisterwerk. Man kann es als Erwachsener lesen oder als Schüler, aber dann auf Deutsch und viele Jahre vor dem etablierten Lesezeitpunkt. In der 11. oder 10. Klasse ist das zu spät. —

Mit dem Abitur verlässt uns auch unsere nichtoffizielle Schulbloggerin. Nicht das einzige Blog aus unserer Schüler, aber das aktivste. Im letzten Jahr hat es immer mehr Leser unter den Lehrern gefunden. Nach und nach erfahren nämlich immer mehr, dass es so etwas wie Blogs überhaupt gibt, und dass eines aus unserer Schule kommt. Mir fallen mindestens sechs Lehrer ein, die regelmäßig mitlesen, und weitere bekommen das erzählt. “Wo steht denn das?”, heißt es im Lehrerzimmer immer wieder mal, und die Antwort wandelt sich langsam von: “Im Internet. Bei Nina im Blog” (vom Bekannten zum Unbekannten) zu: “Bei Nina im Blog”, mit dem Nachsatz “Im Internet” erst, wenn die erste Antwort unverstanden bleibt.

Wie sehr ich dieses Blog vermissen werde, fällt mir erst jetzt langsam auf. Ich behaupte: Es tut einer Schule gut, wenn ein analytischer, sprachlich geschickter Schüler (oder eben eine Schülerin) mit Fingerspitzengefühl aus dem Schulleben bloggt. Das ist ein Rückmeldungskanal, wie es ihn sonst nicht gibt – Schülerzeitung erscheinen seltener und sind weniger aktuell. Öffentlich die Meinung zu sagen und sich Kommentaren auszusetzen ist etwas, das Schüler sonst nicht tun, das geschieht sonst unter der Hand oder in abgeschlossenen Foren, oder in Form der Abizeitung, die allerdings eben keine Diskursmöglichkeit bietet und nicht mitten im laufenden Betrieb steht.

Old Jews Telling Jokes

Old Jews Telling Jokes. Mehr muss man fast nicht dazu sagen. Und man kann sie per RSS abonnieren!

Einer der saubersten, “Silent Gas Emission”:

Für den muss man wissen, was ein schmuck ist:

Und da ist auch schon das Problem, falls man diese Witze in der Schule verwenden wollte: Man braucht Weltwissen, um Witze zu verstehen. Und außerdem Humor. Anderseits sind Witze eine großartige Kommunikationssituation. Ich habe das vor vielen Jahren mal in einem Englisch-Grundkurs gemacht, als Ergänzung zu den üblichen Referaten: jeder Schüler musste einen Witz erzählen. Das hat damals nicht gut geklappt. Ich habe das nicht energisch genug durchgezogen, und das muss man wohl, denn die Schwierigkeiten sind groß: die meisten Schüler können zumindest im Klassenzimmer, vor den anderen Schülern, keine Witze erzählen. Kein Sinn für Tempo und Pointierung, dazu zu leises Sprechen und undeutliche Aussprache. Und das Publikum ist auch kein sehr einfaches – damit meine ich die Mitschüler und nicht den Lehrer.

Trotzdem, das mache ich noch einmal. Schließlich sind Witze kurz, und man kann schnell feststellen, ob die Kommunikation gelungen ist – das Publikum lacht oder es lacht nicht. Laut und deutlich zu sprechen und auf das Publikum zu achten, das mag schwer sein, aber das kann und muss man lernen.

Ein weiteres Problem bei vielen Witzen ist außerdem, dass sie recht freizügig sind. Nu, das muss man sich und den Schülern ausmachen. Es muss ja nicht gleich soweit kommen, dass man The Aristocrats als Improvisationsübung heranzieht. Obwohl das vielleicht auch nicht schlecht wäre. “Anyone feels like having a go at the aristocrats joke today?”

– Über das Erzählen von Witzen: Ich mag ja die langen Geschichten, von denen man bis zur Pointe nicht weiß, worauf sie hinauswollen. P.G. Wodehouse erzählt in Over Seventy (als Teilband von Wodehouse On Wodehouse, nochmal vielen Dank für den Tipp, Estara) von W.S. Gilbert (der von Gilbert & Sullivan), der seine Gäste beim Abendessen wohl auch gerne mit einer solchen Anekdote unterhielt. “It was one of those very long deceptively dull stories where you make the build-up as tedious as you can, knowing that the punch line is going to pay for everything, and pause before you reach the point so as to stun the audience with the unexpected snaperoo.” W.S. Gilbert arbeitet sich an diesen Punkt heran, und der tumbe junge Wodehouse lacht zum falschen Zeitpunkt, nämlich in der Pause vor der Pointe, und verhindert damit das Ende der Geschichte, weil die anderen Gäste nervös in das Lachen einfallen. Gilbert schaut fuchsteufelswild. Aber der hinter ihm stehende Butler strahlt: “For some reason which I was unable to understand, I appeared to have made his day. I know now what the reason was. I suppose he had heard that story build up like a glacier and rumble to its conclusion at least fifty times, probably more, and I had killed it.”

(Hätte sich W.S: Gilbert besser eines der Mitglieder des Club of Queer Trades bedient – desjenigen nämlich, der sein Geld damit verdient, anderen Gästen beim Essen die Pointen zuzuschieben.)

(Schön bei Wodehouse auch seine Erklärung, wie Dichter zu Dichtern werden. Der Limerick ist der Grund: Die ersten zwei Zeilen sind trügerisch leicht, so dass man weitermachen möchte. Aber spätestens die letzte Zeile ist dann so schwer, dass die Leute dann doch lieber ernsthafte Lyrik schreiben. Tennyson schmiss seinen Limerick nach “There was a young fellow called Artie/Who was always the life of the party” hin und schrieb stattdessen Idylls of the Kings.)

Das Gefangenenparadoxon (Abistreich-Version)

Nein, nicht das Gefangenendilemma, sondern das Gefangenenparadoxon bzw. das der unerwarteten Hinrichtung: Ein Gefangener soll hingerichtet werden, und zwar spätestens am Sonntag in einer Woche. Aber, so sagt ihm der Gefängnisdirektor, er werde nicht wissen, welcher Tag es sei.

Aha, denkt sich der Gefangene, dann kann es schon mal nicht am Sonntag sein. Denn wenn der gekommen ist, weiß der Gefangene ja, dass er an diesem Tag sterben wird. Der Tag scheidet also aus. Damit fällt auch der Samstag davor flach: Wenn der gekommen ist, weiß der Gefangene, dass es sein Todestag sein wird – denn der Sonntag kann es ja nicht sein. Also kann es auch nicht der Samstag sein. Bleiben noch Montag bis Freitag. Aber auch der Freitag kann es nicht sein, denn da das Wochenende ausscheidet, ist Freitag der letztmögliche Termin für die Hinrichtung. Also weiß der Gefangene am Freitagmorgen, dass er an diesem Tag sterben wird – was aber nicht sein kann, da ihm ja vesprochen wurde, er würde den Tag nicht wissen. Also kann er auch nicht am Freitag hingerichtet werden.

Und mit der gleichen Begründung scheiden auch die anderen Tage aus. Also legt sich der Gefangene bequem auf seine Pritsche und fällt aus allen Wolken, als sie ihn am Mittwoch zur Hinrichtung führen.

***

Am Freitag ist Abitur-Abschlussball. Da kann der Abistreich also nicht sein… bleiben noch Donnerstag und Mittwoch…

***

Wenn es regnet, erwarte ich Sackhüpfen in der Aula oder etwas ähnlich Erbärmliches. Besserer Vorschlag: Man bestuhlt die Aula für etwa sechs Klassen, sucht sich dann Klassen aus, auf deren Vertretungs-Stundenplan dann als Raum-Vertretung “Aula” steht. Und die sechs Lehrer müssen dann versuchen, ihren regulären Unterricht parallel mit den anderen in der Aula abzuhalten. Andere Schüler dürfen von der Galerie aus zusehen. Zwei Durchgänge sollten zu machen sein.

Stein, Schere, Papier (zum Mitmachen)

Am Ende der 10. Klasse sollen die Schüler in Informatik an einem umfangreicheren Projekt möglichst selbstständig arbeiten. Dazu ist eigentlich keine Zeit, die meisten Informatiklehrer kommen so gerade mal über die Runden dieses Jahr – das erste Jahr mit Informatik in dieser Jahrgangsstufe. Aber für ein klitzekleines Projekt habe ich noch Zeit.

Selbst Wikipedia weiß wenig über die Geschichte des Spiels Stein, Schere, Papier. Ich stelle mir gerne vor, dass schon die alten Germanen so etwas spielten. Jedes Jahr wird die Weltmeisterschaft darin ausgetragen. Man gewinnt durch psychologische Einschätzung des Gegners; am seltensten wird dabei (mit 29,6%) die Schere gewählt. Eine echte Zufallsstrategie würde das Spiel zu einem reinen Glücksspiel werden lassen, aber der Mensch ist zur Erzeugung von Zufallsreihen nicht geeignet.

Meine zehnte Klasse soll sich ein Modell für so ein Turnier einfallen lassen und das dann in Java umsetzen. Allerdings sollen nicht Menschen gegeneinander spielen, sondern vorbereitete Strategien der Schüler (in Form von Java-Klassen). Die besseren Schüler erarbeiten die Infrastruktur des Turniers; wer sich weniger zutraut, soll nur eine Strategie ins Rennen schicken und kann eine Tafel Schokolade gewinnen.

Solch eine Strategie kann sein: “Ich spiele immer Stein.” Oder: “Ich spiele abwechselnd Stein-Schere-Papier, immer in dieser Reihenfolge.” Oder man macht die eigene Entscheidung von den vergangenen Entscheidungen des Gegners abhängig. Ich stelle mir das ganze so vor, und jetzt wird es leider technisch:

stein-schere-papier

(Erklärung: # protected, ‑private, +public. Kursiv: abstract. Nach dem Doppelpunkt: Typ des Rückgabewerts bzw. des Attributs. Die Methode duellbestimmen(Duell) wird für die Verbindung mit anderen Klassen des Turniers gebraucht und ist hier nicht wichtig)

Zur Erläuterung des Diagramms: Es gibt eine Oberklasse Strategie mit den wichtigsten Methoden. Die Klasse ist abstrakt, es soll also gar keine Strategie-Objekte geben können. Vor allem ist die Methode entscheidungMitteilen() als abstrakt definiert. Das heißt, dass jede Unterklasse von Strategie dazu gezwungen wird, diese Methode selbst zu definieren.

Im einfachsten Fall sieht die zu programmierende Unterklasse so aus wie dieses Beispiel zur Ich-wähle-immer-Stein-Klasse:

public class Stein extends Strategie ( ) {
  //Attribute

  //Konstruktoren
  public Stein (String n) {
    super(n);
  }

  //Methoden
  public String entscheidungMitteilen ( ) {
    return "Stein";
  }
}

Die einzigen Bedingungen für die Schüler-Strategien: 1. Sie müssen im Konstruktor ihrer Klasse das Attribut name mit einem Wert versehen, so dass jedes Objekt ein eindeutiges Namen-Attribut erhalten kann. Das macht die Siegerehrung leichter. 2. Es muss natürlich die Methode entscheidungMitteilen() definiert werden, mit dem vorgegebenen Rückgabewert String. Erlaubt sind nur “Stein”, “Schere” und “Papier”, aber eventuelle Fehler können die durchführenden Turnierklassen abfangen.

Zu klären ist noch die Spielweise. Ich will das Spiel möglichst einfach halten und schlage deshalb vor:

  • Jede Strategie spielt einmal gegen jede andere.
  • Ein Duell zwischen zwei Strategien dauert 100 Runden, also Entscheidungen. (Statt der üblichen, umständlicheren two out of three.)
  • Der Gewinner einer Runde erhält 2 Punkte, der Verlierer 0, bei gleicher Entscheidung gibt es jeweils 1 Punkt.
  • Reine Zufallsstrategien sind – aus Gründen – nicht erlaubt. (Vermutlich möchte ich auch Strategien ausschließen, die Zufall nur als ein Element im Algorithmus benutzen.) Lediglich ich als Lehrer schicke eine solche ins Rennen. Die Schüler sind sich noch uneins, ob das ein Vorteil für mich ist oder keiner. Das ist tatsächlich eine interessante Frage. Es ist keiner, hoffe ich.
  • Wer am Schluss am meisten Punkte hat, gewinnt.

Ich will deshalb 100 Runden, damit kluge Strategie Zeit haben, die Entscheidungen weniger kluger Strategien zu analysieren und sich darauf einzustellen.

Die Methoden der übergeordneten Klasse Strategie werden natürlich an die Kind-Strategien weitervererbt. Die wichtigsten lauten:

  • rundeErfragen() – in der wievielten Runde sind die Spieler gerade (Runde 0 bis 99, der Einfachkeit halber)
  • rundenzahlErfragen() – wieviele Runden gibt es insgesamt (100, eigentlich überflüssig, aber so bleiben wir flexibel)
  • punkteErfragen() – wieviel Punkte hat man selber im Moment

Und vor allem:

  • entscheidungErfragen(int r) – wie hat man sich in Runde r entschieden (falls man mitzählen möchte)
  • entscheidungGegnerErfragen(int r) – wie hat sich der Gegner in Runde r entschieden (falls man mitzählen möchte) – in beiden Fällen muss r natürlich kleiner sein als rundeErfragen()

Mit der letzten Methode kann man zum Beispiel ab Runde “1” die Tit-for-tat-Strategie spielen, also immer die gleiche Entscheidung treffen wie der Gegner in der jeweils vorhergehenden Runde. Für Runde “0” muss man sich noch etwas einfallen lassen:

public String entscheidungMitteilen() {
   return entscheidungGegnerErfragen(rundeErfragen()-1));
}

Ich schreibe das hier nur relativ skizzenhaft, weil es eh ein wenig technisch ist, und weil die Schüler sich das ja selber einfallen lassen sollen, statt hier abzuschreiben. Es kann also sein, dass die Methoden anders heißen werden, aber das lässt sich leicht anpassen. Zumindest irgendwelche Methoden dieser Art wird es geben.

Ich stelle das hier andererseits so ausführlich da für den Fall, dass hier jemand mitliest, der auch ein bisschen Java kann und Lust hat, selbst eine Strategie ins Rennen zu schicken. Der Gewinner kriegt eine Tafel Schokolade!

– Lose Gedanken zum Schluss:

  1. Ja, ich habe mich bei diesem Projekt vom Gefangenendilemma inspirieren lassen.
  2. Gerade bei konkurrierenden Strategien und gezählten Punkten ist das Prinzip der Datenkapselung wichtig. Sonst würde ja eine Strategie der anderen in die Entscheidungen pfuschen.
  3. Fortgeschrittene Schüler können ein Syndikat gründen und solche Strategien entwickeln, die – etwa anhand der ersten 10 Entscheidungen – sich gegenseitig erkennen und jeweils einer davon danach alle Punkte zuschustern. Gibt sicher noch mehr raffinierte Einfälle.
  4. Eine perfekte Strategie kann es demnach nicht geben, da der Erfolg jeder Strategie von der Zusammensetzung der Teilnehmer abhängt.
  5. Den BlueJ-Ordner oder eine Jar-Datei maile ich auf Wunsch zu, falls jemand zu Hause damit herumspielen und eigene Strategien erproben will.

Nachtrag: Hier gibt es mein Stein-Schere-Papier interaktiv.

Freitags-Fundsachen (Zensur, Fahrtkostenerstattung, Spesenschnüffeln mit dem Leistungskurs)

  • Am Anfang der Woche in der Süddeutschen ein Interview mit einem Lehrer, wer’s lesen will. manche sinnvolle Sachen stehen drin, die zur Arbeitszeit sind es allerdings weniger. (“Chemie- und Sportlehrer”.)
  • Gestern wurde also das Zensurgesetz beschlossen. Selbst die Tagesschau hat Unwissenheit demonstriert, indem sie behauptete, wer nach dem Stoppschild weiter auf die gestoppte Seite klicke, mache sich strafbar. Darum geht es nicht. Da gibt es kein “weiter”, auf das man klicken kann, darum geht es ja.

    Dazu, wie sehr das Stoppschild Kinder schützt:
    zensursula1
    (Quelle)

    Dazu, wie bald Urheberrechtsverstöße, Glückspiel und Killerspiele als Nächstes zensiert werden:

    Köln (ots) – Der CDU-Bundestagsabgeordnete und baden-württembergische CDU-Generalsekretär Thomas Strobl will über die Sperrung kinderpornografischer Seiten im Internet hinausgehen und hat auch die Sperrung von Killerspielen ins Gespräch gebracht. “Wir prüfen das ernsthaft”, sagte er dem “Kölner Stadt-Anzeiger” (Freitag-Ausgabe). “Wir gehen nach Winnenden nicht zur Tagesordnung über. Wenn es einen Nachweis gibt, dass sich Killerspiele negativ auf das Verhalten Jugendlicher auswirken, dann kann das Internet kein rechtsfreier Raum sein.” (Kölner Stadt-Anzeiger, inzwischen auch Focus)

    Das ist von gestern abend, ähnliche Vorstöße hat es schon mehrere gegeben. Ich mache gerade im Deutsch-Unterricht beim Erörtern etwas Logik: Der letzte Satz ist ein tolles Beispiel für pseudologische Aussagen, werde den in der nächsten Stunde meinen Schülern vorsetzen.

    Am Vormittag hatte ich mit meinem Leistungskurs das Thema diskutiert. Nachdem wir gerade als Erörterungsthema Urheberrecht haben, war es auch angemessen, etwas über Zensur zu sagen – was der Unterschied ist zwischen Zensur und Verbot und Indizierung und und FSK und so weiter. Und dass laut GG Artikel 5 keine Zensur stattfindet.

    Das Problem verstehe ich schon: Wenn in einem Land etwas legal ist und in einem anderen nicht – Glücksspiel also, oder Bücher, die in den USA bereits in der public domain sind und in Europa noch nicht (viele frühe Wodehouse-Titel), oder volksverhetzende Literatur (in den USA ist die Meinungsfreiheit höher gestellt als in Deutschland, das Zitierrecht übrigens auch), oder Angriffe auf das Türkentum oder Erinnerungen an das Tian’anmen-Massaker – wie soll man dann damit umgehen? Jeder Staat hat das Recht, seinen Bürgern das vorzuenthalten, was er beschließt? Vermutlich. Aber erstens: Nicht ohne die Judikative. Und zweitens: Bei der Kinderpornographie greift dieses Argument natürlich überhaupt nicht.

  • Und noch etwas aus der Schule: Ein KMS vom 4.6.2009 regelt die Gewährung von Freiplätzen bei Klassenfahrten neu. Freiplätze dürfen nur noch genommen werden, wenn sie a) angeboten werden, ohne dass man darum gebeten hat und b) diese Freiplätze nicht den Lehrern zugute kommen, sondern auf die Gesamtkosten umgelegt werden, so dass es für die Schüler billig wird. Im Klartext: Schüler und Eltern dürfen auch nicht indirekt oder irgendwie einen Teil der Lehrerkosten übernehmen. Die muss das Land Bayern ganz alleine zahlen. Ich wüsste allerdings nicht, dass dafür Geld da ist. Es wird also entweder weniger Fahrten geben oder die Lehrer werden wieder unrechtmäßigerweise dazu gezwungen, ihre Fahrtkosten selber zu zahlen. Das hatten wir doch schon.
    Wer im Moment allerdings schon eine Fahrt anderweitig geplant hat, darf die noch durchführen. Denn: “Derzeit finden sich noch anderslautende Regelungen in den Bekanntmachungen des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus zu Schul-/Studienfahrten und Fachexkursionen vom 12.02.2007 (dort Ziff. 2.2) und zu Schülerwanderungen vom 12.02.2007 (dort Ziff. 2.6).”

    – Wie öffentlich sind diese KMS (Schreiben vom Kultusministerium) eigentlich? Online findet sich da und dort gelegentlich eines, aber eine Sammlung dazu kenne ich nicht. Dabei stehen da oft bindende Anweisungen drin. Ich habe meine aktuellen Informationen aus der Schule, mache aber nur öffentlich, was ohnehin im Web steht: Für die bayerischen Realschulen gibt es diese Informationen (Nachrichten des/der Ministerialbeauftragten Oberbayern West, auch als Feed), im entsprechenden Bayerischen Gymnasialnetz ist nichts dergleichen

  • England hat ja seit einigen Wochen einen Skandal wegen unkontrollierten und exzessiven Spesenanforderung von Abgeordneten. Für die abstrusesten Dinge, zum Beispiel eine Insel mit Häuschen für die Enten im privaten Teich des Zweitwohnsitzes. Beim Guardian haben interessierte web-kundige Bürger die Möglichkeit, in einem Gemeinschaftsprojekt zur Zeit 134.039 Seiten mit Spesenforderungen durchzuforsten. Jeder schnappt sich ein paar Seiten und schaut, ob etwas Interessantes darin steht. 54.402 Seiten sind im Moment noch zu sichten. Nachtrag: Die Seitenzahlen wachsen täglich.

    Step 1: Find a document
    Step 2: Decide what kind of thing it is and whether it’s interesting
    Step 3: Copy out any individual entries
    Step 4: Make any specific observations about why a claim deserves further scrutiny
    Examples of things to look out for: food bills, repeated claims for less than £250 (the limit for claims not backed up by a receipt), and rejected claims.

    Hat etwas von Schnüffelei – aber hey, öffentlich ist öffentlich. Wäre das nicht ein interessantes Projekt für einen Leistungskurs? Ein paar Dokumente habe ich mir angeschaut. Etwa 2/3 jeder Seite sind geschwärzt, also zensiert: Kritik dieser Vorgehensweise beim Guardian.

Ethik, Pathetik und Cary Grant. Und Lessing.

Kapitel 1: Der Fall des verschwundenen Stehpults

Heute durfte ich wieder mal ganz Lehrer sein. Und das kam so: Wir haben ja in jedem Klassenzimmer diese tollen rollbaren Stehpulte. Genauer: in fast jedem Klassenzimmer. Anscheinend fehlt mindestens ein solches Pult, wie lange und wodurch, das lässt sich schwer sagen. Jedenfalls war vor den Pfingstferien in einer meiner Klassen das Teil weg, das von mir und meinen Schülern rege genutzt wird.

Auf Wegen fand ich heraus, dass sich eine andere Klasse in einem parallelen Flügel des Gebäudes unser Pult geklaut hatte – eine Klasse, die ich gut kenne, in der ich selber gerade unterrichte und die ich auch mag. Also bin ich rüber in deren laufende Unterrichtsstunde, sagte ihnen das Klauen auf die geständigen Köpfe zu, und nahm das Stehpult wieder mit.
Kurz zuvor waren allerdings Aufkleber mit der Nummer des jeweiligen Klassenzimmers an allen Stehpulten befestigt worden. Deshalb brachte ich für mein Klassenzimmer, also das ursprüngliche, einen zusätzlichen Aufkleber an: “Leihgabe der Klasse X für Klasse Y im Schuljahr 2008/09, aus pädagogischen Gründen”.

Verstanden habe ich das Klauen natürlich, und auch das billigende Inkaufnehmen beteiligter Lehrkräfte. Schließlich war auch das eigene, ebenso dringend benötigte und ursprünglich vorhandende Stehpult der Klasse verschwunden, also von einer unbekannten Klasse geklaut. Die Haltung ist menschlich und ich kenne sie selber aus der Bundeswehr oder aus dem Film “Unternehmen Pettycoat” mit Cary Grant. (Das ist der Film mit dem rosa U‑Boot, falls meine Leser eine ähnliche Kindheit verbracht haben wie ich.) Zweiter Weltkrieg: Ein marodes U‑Boot will von der Mannschaft wieder flott gemacht werden, muss das auch für einen letzten Einsatz. Überall mangelt es natürlich an allem möglichen Material. Tony Curtis, frisch an Bord gekommener Lebemann, entpuppt sich als Meister des Organisierens: sie klauen wie die Raben. Wie durch Zauberhand gelangen Farbe (wenn auch nur rote und weiße) an Bord, ein lebendes Schwein, Kabeltrommeln, Navigationsgeräte, Blechplatten – was man halt so braucht. Der Vorgesetzte Cary Grant seufzt ein bisschen und will lieber nicht so genau wissen, wo der Segen eigentlich herkommt.

In der Schule gibt es mitunter einen ähnlichen Corpsgeist, oder von mir aus auch: einen gesunden Wettbewerb. Und es gilt ebenfall, Mängel zu verwalten. Das geschieht ebenfalls für einen guten Zweck. Und das Äquivalent zu großzügigen Vorgesetzten gibt es natürlich auch, ich nehme mich dabei keinesfalls aus – will aber für meine weiblichen Leser anmerken, dass die Rolle des Cary Grant tatsächlich anderweitig besetzt ist. (Tony Curtis würde eigentlich noch besser passen, finde ich. Passt aber auch ein bisschen zu dem Schüler, den ich gerade im Kopf habe.)

Kapitel 2: Der Sohn des verschwundenden Stehpults

Nach den Pfingstferien unterrichte ich im Leistungskurs. Das Stehpult fehlt. Schräg gegenüber ist das Klassenzimmer X, in dem ich schon das letzte Mal fündig geworden. Man verzeiht mir, dass ich gleich rübergeschaut habe? Darin fand ich dann auch ein Stehpult, allerdings mit einem Aufkleber, der es tatsächlich der Klasse X zuweist. Macht man den ab, weil man ein misstrauischer Mensch ist, findet man darunter den Aufkleber der Klasse Z. Das war dann so eine Art Ring-Klauerei: Klasse X klaut von Klasse Z, Klasse Z aus meinem LK-Raum.

Heute hatte ich dann in der Langfingerklasse Unterricht und nutzte das für einen kurzen Monolog. Ich bin auch wirklich nicht böse geworden, war tatsächlich auch gar nicht böse – denn schließlich ist diese Art des Klauen ziemlich harmlos; es ging mir nur darum, erst einmal ein gewisses Unrechtsbewusstsein zu schaffen. Ich glaube, das entwickelt sich erst mit der Zeit. Ich habe mir, als ich nur wenig älter war als diese Schüler, wesentlich Schlimmeres zu Schulden kommen lassen. Und andere Schüler, andere Klassen, stellen richtig schlimme Sachen an, über die ich hier nicht schreibe. Ich bin mir also bewusst, dass das wirklich Luxusprobleme sind. Aus diesen meinen Schülern werden sicher keine Räuber, Mörder, Kindsverderber. Allenfalls, und genau darum geht es mir, ganz gewöhnliche Steuerhinterzieher und Spesenschummler.

Also hielt ich meinen Kurzvortrag über Ehrlichkeit. Und dass ich es für ein natürliches Verhalten halte, in so einem Fall erst mal das Gerät vom Nebenraum zu klauen. Weil: einem selbst wurde es ja auch geklaut. Und es gehört ja ohnehin der Schule, die Tat ist also quasi opferlos. Und wenn die anderen ihres vermissen, können die sich ja ein drittes klauen. Wie gesagt, ich halte das für natürlich. “Natürlich” im Sinne von: nicht-zivilisiert, Recht des Stärkeren, naives Gerechtigkeitsempfinden, auch: kindgemäß. Dass richtiges Verhalten anders aussieht, muss der Mensch erst lernen – so ist jedenfalls mein Menschenbild.

(Der Neffe fragte neulich auch, wieso man im Museum etwas zahlen müsse, man mache dort doch nichts kaputt. Eine kluge Frage. Tatsächlich ist da kein offensichtliches Verbrauchsgut, das durch den Besucher verbraucht wird, also danach nicht mehr da ist, so wie ein Schnitzel. Und man erhält auch keine offensichtliche mit Aufwand verbundene Dienstleistung wie bei der Straßenbahn. Dass das Da-Sein alleine schon Aufwand ist, muss man erst lernen.)

Einige Beispiele für dieses urtümliche Verhalten:

  • Bei der Bundeswehr: Materialappell, wenn jeder seine Ausrüstung zeigen muss. Wenn was fehlt, klaut man es.
  • Bei Siemens zu meinen Ferienjob-Zeiten: Jeder Arbeiter hat seinen eigenen Lötkolben und seinen eigenen Satz Schraubenschlüssel. Wenn man die verleiht, kriegt man sie nicht wieder. Wenn man sie herumliegen lässt… gibt es Missverständnisse.
  • Beim Ausleihen eines Sportgeräts in der bewegten Pause gegen Vorlage des Schülerausweises: Wenn man das Sportgerät verliert (und sei es, weil ein großer böser fremder Schüler es gestohlen hat), klaut man dann einfach das eines kleineren Schülers, um es am Ausleihkiosk anstatt des eigenen abzugeben?
  • Beim kleinen Fach im Lehrerzimmer, von dem jeder Kollege eines hat: Wenn einem da das eine Zwischenbrett fehlt, das man uns gönnt, klaut man sich dann einfach eins aus einem anderen Fach? (Ich verrate jetzt mal nicht, welcher hochrangige Kollege mir das empfohlen hat.)

Es gibt da einen Witz von den zehn Leuten, die gemeinsam auf einer Skihütte Urlaub machten, und auf der dann zehn Paar Schi als gestohlen gemeldet werden. Tatsächlich war es dann nur eines – und dann hat jeweils der eine Gast die Schi des nächsten geklaut. Den Witz habe ich aber nicht erzählt, weil ich nur noch die Pointe kannte.

Hat die Klasse verstanden, was ich gemeint habe? Ich weiß es nicht. Kann ja schlecht eine Ex drüber schreiben lassen.

Kapitel 3: Lessing

War’s das? Ach nein, Lessing habe ich noch versprochen.

Es gibt da einen ganz wundervollen Text von ihm, Die Erziehung des Menschengeschlechts. Der hat mich wohl auch geprägt. Die Grundmetapher: Lessing vergleicht darin die Menschheit mit einem Kind, das heranreift, und wie ein Kind auch Erziehung braucht. Die Erziehung geschieht unter anderem in Form von Schulbüchern und den Lehren darin. Für ein Kind muss das Schulbuch einfach sein, ein gewisses Maß an didaktischer Reduktion ist nötig, auch wenn man natürlich nicht den Fehler machen darf, einen Zusammenhang so sehr zu vereinfachen, dass diese Vereinfachung der späteren Verfeinerung im Wege steht. Für die Menschheit ist dieses Elementarbuch, das Grundschulbuch also, das Alte Testament: Benimm dich anständig, sonst straft Gott dich und deine Nachkommen. (Mit dem Gedanken an die Nachkommen wird schon mal der Grundstein dafür gelegt, an die Zukunft zu denken und nicht nur an die eigene Lebenszeit.) Reifen das Kind beziehungsweise die Menschheit heran, ist es Zeit für die Sekundarstufe: das Neue Testament: Benimm dich anständig, sonst straft Gott deine ewige Seele.

Allerdings muss die Menschheit irgendwann auch mal die nächste Stufe erreichen, also auch dieses Lehrbuch als zwar wahr, aber nicht mehr entwicklungsgemäß beiseite legen. Dann wird es Zeit für ein neues Lehrbuch, eine neue Offenbarung, und dann wird man vielleicht nicht mehr mit Strafen oder Belohnungen in der Zukunft drohen müssen, um für gutes Verhalten zu werben:

§ 85
Nein; sie wird kommen, sie wird gewiss kommen, die Zeit der Vollendung, da der Mensch, je überzeugter sein Verstand einer immer bessern Zukunft sich fühlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgründe zu seinen Handlungen zu erborgen, nicht nötig haben wird; da er das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem bloß heften und stärken sollten, die innern bessern Belohnungen desselben zu erkennen

Und ich bin nicht mal die erste Seite, die “cary grant” und “erziehung des menschengeschlechts” im selben Dokument verbrät. Aber die andere ist eine Video-Liste aus einer Bibliothek, das zählt doch nicht, oder?

Der Wunsch des bayerischen Kultusministeriums nach Dialog

Als ich aus den Pfingsferien in die Schule kam… genauer: Als ich während der Pfingstferien in der Schule war, habe ich eine neue Broschüre des bayerischen Kultusministeriums in meinem Fach gefunden. Jeder Kollege hat ein Exemplar erhalten:

li_wissenswert_1_2009

LI Wissenswert ist der Relaunch des alten Magazins Lehrerinfo. Ein neuer Kultusminister, ein neuer Name. 12 Seiten. “Ein Service des bayerischen Kultusministeriums für Lehrerinnen und Lehrer”. Darin stehen interessante Informationen, ich halte deren Vermittlung für eine Selbstverständlichkeit und keinen Service. Aber vielleicht sehe ich das zu eng. Irgendwo stehen ja so oder so die Informationen, die Lehrer interessieren, aber man findet sie dann halt doch nicht, und da ist so ein Heft hilfreich.

Das Magazin beginnt mit einem Vorwort des Kultusministers Dr. Ludwig Spaenle: “Qualität und Gerechtigkeit für die bayerischen Schulen im Dialog verwirklichen”. Das mit dem Dialog ist ein Leitmotiv.
Auf der zweiten Seite gibt es “Aktuelles aus dem Kultusministerium”. Der Dialog ist so wichtig, dass unter jeder Kurzmeldung die Webadresse steht; sie lautet jeweils und vollständig www.km.bayern.de – insgesamt 10 mal im ganzen Heft. Ich habe ja selber schon bemerkt, dass die Links im KM gerne mal verschwinden. Vielleicht hat das Fehlen konkreterer Links auch damit zu tun, dass der KM-Webauftritt dieses Jahr ohnehin umgebaut werden soll.

Das Layout: Ist okay. Nur die Schriftart für die Überschriften ist ungeeignet.

Danach: “Massiver Ausbau von Ganztagsschulen”: Bis 2013 soll es unter anderem an jedem Gymnasium eine Ganztagsklasse in den Jahrgangsstufen 5 und 6 geben, in 7 und 8 auf Antrag fortgeführt. Montag bis Donnerstag 8 bis 16 Uhr. Für jede dieser Klassen soll es 8 Lehrerwochenstunden geben (also zwei pro Tag) und 6000 Euro pro Schuljahr – zum Beispiel für einen Sozialarbeiter an der Schule. Das wusste ich noch nicht. Ich hätte es sicher auch anderswo lesen können, aber das Problem ist ja, dass die Kommunikation zwischen KM und Lehrern nicht optimal läuft. Vieles erfahren wir aus der Zeitung, manches geht auf dem Weg zu den Lehrern auch an irgendeiner Stelle verloren.

Danach einige Seiten dazu, dass jetzt die Zeit gekommen ist, mal wieder die Jungs zu fördern und nicht nur die Mädchen. Erwähnenswert die bayerische Sprachregelung: In den zitierten Texten und Tagungstiteln ist immer von “Jungen” die Rede, aber wenn die bayerische KM-Redaktion frei schreiben darf, heißt es gut süddeutsch: “Buben”.

Dann eine Seite zur Lehrergesundheit, ein Thema, das Staatssekretär Dr. Marcel Huber so wichtig ist, dass es eine feste Rubrik in dieser Zeitschrift wird. Dessen E‑Mail-Adresse ist nicht angegeben, aber zu jedem redaktionellen Beitrag gibt es eine eigene Kontakt-Adresse. Vielleicht ist die Redaktion ja tatsächlich an einem Dialog interessiert. Noch zweimal wird auf die Wichtigkeit des Dialogs hingewiesen. “Dialog ist nur in wechselseitiger Kommunikation möglich. Deshalb freuen wir uns auf Ihre Vorschläge, Anregungen und vor allem Ihre konstruktive Kritik”. Zum Schluss wird das auch noch einmal betont, man stelle sich “der kritischen und offenen Diskussion” – es gebe in zwei Rubriken Raum für kontroverse Beiträge und Gastkommentare. In dieser Ausgabe stammt der von Prof. Dr. Hans Maier, ehemaligem bayerischen Kultusminister. Nicht mal uninteressant, aber ehrlich gesagt und im Vertrauen: auch nicht wirklich, ähm, kontrovers.

Natürlich ist das Heft eine Mitarbeiterzeitschrift, und deren Aufgabe ist es, Mitarbeiter zu motivieren. Stimmen, die Kritik am Arbeitgeber Kultusministerium oder der bayerischen Bildungspolitik äußern, wird man nie hören. Das würde uns ja demotivieren. Aber ich werde auch die nächsten Ausgaben lesen. Allerdings hat die Art und Weise der Einführung des G8 bei mir dazu geführt, dass das KM viel Glaubwürdigkeit verloren hat. Das muss erst mal wieder aufgeholt werden. Demnach sind auch noch kaum dialogische Elemente in LI Wissenswert; vielleicht geht das bei einer Erstausgabe auch nicht. Lieber wäre mir natürlich ein Blog ein Forum für den Dialog mit der Basis, aber ich sehe schon ein, dass das nicht geht.


Kurze Liste einiger Informationsquellen aus dem bayerischen Kultusministerium:

(Links gültig am 15. Juni 2009.)

– Einer Pressemitteilung habe ich dann auch heute entnommen, dass unser Kultusminister den Landesschulbeirat als Lehrplanbeirat eingesetzt hat. Es wird nämlich am Lehrplan geabreitet, wegen der Kompetenzorientierung. Überarbeitung kann er allemal brauchen, kann man gut machen doer schlecht. Wenigstens wollen sie sich Zeit lassen damit.

Der Landesschulbeirat vertritt alle wichtigen Gruppen und Organisationen, die den Schulalltag mit gestalten, nämlich zum Beispiel Eltern, Lehrkräfte, Schüler, Kommunen, Wirtschaft und Kirchen. Die Lehrpläne fortzuschreiben und neu zu entwickeln ist eine so zentrale Aufgabe, dass mir ein Grundkonsens dabei sehr wichtig ist”, betonte Minister Spaenle […] und setzt damit seine “Kultur des Dialogs” konsequent fort. (Quelle)

Was so ein Landesschulbeirat in anderen Bundesländern ist, habe ich im Web gefunden, für Bayern leider nicht. Ich bin halt durch Webauftritte verwöhnt, die erleichtern den Dialog so schön.
Artikel 73 des BayEuG verrät: “Der Landesschulbeirat wird zu wichtigen Vorhaben auf dem Gebiet der Bildung und Erziehung durch das Staatsministerium für Unterricht und Kultus angehört”. Die Mitglieder werden vom KM berufen, und zwar:

  1. bis zu acht Mitglieder aus dem Kreis der Eltern,
  2. acht Mitglieder aus dem Kreis der Lehrkräfte,
  3. die sechs Landesschülersprecherinnen und Landesschülersprecher und die gemäß Art. 62a Abs. 2 Satz 5 gewählten Schülerinnen und Schüler,
  4. je ein Mitglied auf Vorschlag
    a) der Katholischen Kirche,
    b) der Evangelisch-Lutherischen Kirche,
    c) des Bayerischen Städtetags,
    d) des Bayerischen Gemeindetags,
    e) des Bayerischen Landkreistags,
    f) des Verbands der Bayerischen Bezirke,
    g) der Industrie- und Handelskammern,
    h) der Handwerkskammern,
    i) des Deutschen Gewerkschaftsbunds und des Bayerischen Beamtenbunds,
    k) des Bayerischen Bauernverbands,
    l) des Bayerischen Jugendrings,
    m) der Hochschulen,
    n) der privaten Schulen,
  5. fünf Mitglieder, die unter dem Gesichtspunkt der notwendigen Ergänzung des Beirats aus den Bereichen Frühpädagogik, Berufliche Bildung, Erwachsenenbildung, Kunst und Journalistik berufen werden.

Bewegte Pause

Projekt und Schlagwort gibt es seit Jahren, und jetzt haben wir auch so etwas: In der Pause (20 Minuten, die längere von zwei Pausen am Vormittag) können Schüler an einem Kiosk Bälle und Jongliermaterial und anderes Sportgerät ausleihen und damit die Pause verbringen.

bewegtePause1

Genutzt wird das schon ein bisschen, auch wenn heute die meisten nur Ball gespielt haben.

bewegtePause2

Schön grün, das ganze. Wir haben tatsächlich viel Glück mit dem neuen Gebäude.
Vielleicht verbringe ich meine Pausenaufsicht in Zukunft jonglierend? Erst letzte Woche habe ich mir ein Hupfseil gekauft, das könnte ich auch mitnehmen und mich zum Gespött der Schüler machen.

Im Pausenhof steht immer noch unser begehbares Kunstwerk “Golden Gate” herum. (Schülername: Karriereleiter.) Darauf erstreckt sich die Bewegung leider immer noch nicht:

bewegtePause3

Ansonsten waren heute Mittag die Abiturienten zur Bekanntgabe der Ergebnisse der Abiturprüfungen in der Schule. Zu viel Gegröle und zu viele Bierfahnen für meinen Geschmack.