Ethik, Pathetik und Cary Grant. Und Lessing.

Kapitel 1: Der Fall des verschwundenen Stehpults

Heute durfte ich wieder mal ganz Lehrer sein. Und das kam so: Wir haben ja in jedem Klassenzimmer diese tollen rollbaren Stehpulte. Genauer: in fast jedem Klassenzimmer. Anscheinend fehlt mindestens ein solches Pult, wie lange und wodurch, das lässt sich schwer sagen. Jedenfalls war vor den Pfingstferien in einer meiner Klassen das Teil weg, das von mir und meinen Schülern rege genutzt wird.

Auf Wegen fand ich heraus, dass sich eine andere Klasse in einem parallelen Flügel des Gebäudes unser Pult geklaut hatte – eine Klasse, die ich gut kenne, in der ich selber gerade unterrichte und die ich auch mag. Also bin ich rüber in deren laufende Unterrichtsstunde, sagte ihnen das Klauen auf die geständigen Köpfe zu, und nahm das Stehpult wieder mit.
Kurz zuvor waren allerdings Aufkleber mit der Nummer des jeweiligen Klassenzimmers an allen Stehpulten befestigt worden. Deshalb brachte ich für mein Klassenzimmer, also das ursprüngliche, einen zusätzlichen Aufkleber an: “Leihgabe der Klasse X für Klasse Y im Schuljahr 2008/09, aus pädagogischen Gründen”.

Verstanden habe ich das Klauen natürlich, und auch das billigende Inkaufnehmen beteiligter Lehrkräfte. Schließlich war auch das eigene, ebenso dringend benötigte und ursprünglich vorhandende Stehpult der Klasse verschwunden, also von einer unbekannten Klasse geklaut. Die Haltung ist menschlich und ich kenne sie selber aus der Bundeswehr oder aus dem Film “Unternehmen Pettycoat” mit Cary Grant. (Das ist der Film mit dem rosa U‑Boot, falls meine Leser eine ähnliche Kindheit verbracht haben wie ich.) Zweiter Weltkrieg: Ein marodes U‑Boot will von der Mannschaft wieder flott gemacht werden, muss das auch für einen letzten Einsatz. Überall mangelt es natürlich an allem möglichen Material. Tony Curtis, frisch an Bord gekommener Lebemann, entpuppt sich als Meister des Organisierens: sie klauen wie die Raben. Wie durch Zauberhand gelangen Farbe (wenn auch nur rote und weiße) an Bord, ein lebendes Schwein, Kabeltrommeln, Navigationsgeräte, Blechplatten – was man halt so braucht. Der Vorgesetzte Cary Grant seufzt ein bisschen und will lieber nicht so genau wissen, wo der Segen eigentlich herkommt.

In der Schule gibt es mitunter einen ähnlichen Corpsgeist, oder von mir aus auch: einen gesunden Wettbewerb. Und es gilt ebenfall, Mängel zu verwalten. Das geschieht ebenfalls für einen guten Zweck. Und das Äquivalent zu großzügigen Vorgesetzten gibt es natürlich auch, ich nehme mich dabei keinesfalls aus – will aber für meine weiblichen Leser anmerken, dass die Rolle des Cary Grant tatsächlich anderweitig besetzt ist. (Tony Curtis würde eigentlich noch besser passen, finde ich. Passt aber auch ein bisschen zu dem Schüler, den ich gerade im Kopf habe.)

Kapitel 2: Der Sohn des verschwundenden Stehpults

Nach den Pfingstferien unterrichte ich im Leistungskurs. Das Stehpult fehlt. Schräg gegenüber ist das Klassenzimmer X, in dem ich schon das letzte Mal fündig geworden. Man verzeiht mir, dass ich gleich rübergeschaut habe? Darin fand ich dann auch ein Stehpult, allerdings mit einem Aufkleber, der es tatsächlich der Klasse X zuweist. Macht man den ab, weil man ein misstrauischer Mensch ist, findet man darunter den Aufkleber der Klasse Z. Das war dann so eine Art Ring-Klauerei: Klasse X klaut von Klasse Z, Klasse Z aus meinem LK-Raum.

Heute hatte ich dann in der Langfingerklasse Unterricht und nutzte das für einen kurzen Monolog. Ich bin auch wirklich nicht böse geworden, war tatsächlich auch gar nicht böse – denn schließlich ist diese Art des Klauen ziemlich harmlos; es ging mir nur darum, erst einmal ein gewisses Unrechtsbewusstsein zu schaffen. Ich glaube, das entwickelt sich erst mit der Zeit. Ich habe mir, als ich nur wenig älter war als diese Schüler, wesentlich Schlimmeres zu Schulden kommen lassen. Und andere Schüler, andere Klassen, stellen richtig schlimme Sachen an, über die ich hier nicht schreibe. Ich bin mir also bewusst, dass das wirklich Luxusprobleme sind. Aus diesen meinen Schülern werden sicher keine Räuber, Mörder, Kindsverderber. Allenfalls, und genau darum geht es mir, ganz gewöhnliche Steuerhinterzieher und Spesenschummler.

Also hielt ich meinen Kurzvortrag über Ehrlichkeit. Und dass ich es für ein natürliches Verhalten halte, in so einem Fall erst mal das Gerät vom Nebenraum zu klauen. Weil: einem selbst wurde es ja auch geklaut. Und es gehört ja ohnehin der Schule, die Tat ist also quasi opferlos. Und wenn die anderen ihres vermissen, können die sich ja ein drittes klauen. Wie gesagt, ich halte das für natürlich. “Natürlich” im Sinne von: nicht-zivilisiert, Recht des Stärkeren, naives Gerechtigkeitsempfinden, auch: kindgemäß. Dass richtiges Verhalten anders aussieht, muss der Mensch erst lernen – so ist jedenfalls mein Menschenbild.

(Der Neffe fragte neulich auch, wieso man im Museum etwas zahlen müsse, man mache dort doch nichts kaputt. Eine kluge Frage. Tatsächlich ist da kein offensichtliches Verbrauchsgut, das durch den Besucher verbraucht wird, also danach nicht mehr da ist, so wie ein Schnitzel. Und man erhält auch keine offensichtliche mit Aufwand verbundene Dienstleistung wie bei der Straßenbahn. Dass das Da-Sein alleine schon Aufwand ist, muss man erst lernen.)

Einige Beispiele für dieses urtümliche Verhalten:

  • Bei der Bundeswehr: Materialappell, wenn jeder seine Ausrüstung zeigen muss. Wenn was fehlt, klaut man es.
  • Bei Siemens zu meinen Ferienjob-Zeiten: Jeder Arbeiter hat seinen eigenen Lötkolben und seinen eigenen Satz Schraubenschlüssel. Wenn man die verleiht, kriegt man sie nicht wieder. Wenn man sie herumliegen lässt… gibt es Missverständnisse.
  • Beim Ausleihen eines Sportgeräts in der bewegten Pause gegen Vorlage des Schülerausweises: Wenn man das Sportgerät verliert (und sei es, weil ein großer böser fremder Schüler es gestohlen hat), klaut man dann einfach das eines kleineren Schülers, um es am Ausleihkiosk anstatt des eigenen abzugeben?
  • Beim kleinen Fach im Lehrerzimmer, von dem jeder Kollege eines hat: Wenn einem da das eine Zwischenbrett fehlt, das man uns gönnt, klaut man sich dann einfach eins aus einem anderen Fach? (Ich verrate jetzt mal nicht, welcher hochrangige Kollege mir das empfohlen hat.)

Es gibt da einen Witz von den zehn Leuten, die gemeinsam auf einer Skihütte Urlaub machten, und auf der dann zehn Paar Schi als gestohlen gemeldet werden. Tatsächlich war es dann nur eines – und dann hat jeweils der eine Gast die Schi des nächsten geklaut. Den Witz habe ich aber nicht erzählt, weil ich nur noch die Pointe kannte.

Hat die Klasse verstanden, was ich gemeint habe? Ich weiß es nicht. Kann ja schlecht eine Ex drüber schreiben lassen.

Kapitel 3: Lessing

War’s das? Ach nein, Lessing habe ich noch versprochen.

Es gibt da einen ganz wundervollen Text von ihm, Die Erziehung des Menschengeschlechts. Der hat mich wohl auch geprägt. Die Grundmetapher: Lessing vergleicht darin die Menschheit mit einem Kind, das heranreift, und wie ein Kind auch Erziehung braucht. Die Erziehung geschieht unter anderem in Form von Schulbüchern und den Lehren darin. Für ein Kind muss das Schulbuch einfach sein, ein gewisses Maß an didaktischer Reduktion ist nötig, auch wenn man natürlich nicht den Fehler machen darf, einen Zusammenhang so sehr zu vereinfachen, dass diese Vereinfachung der späteren Verfeinerung im Wege steht. Für die Menschheit ist dieses Elementarbuch, das Grundschulbuch also, das Alte Testament: Benimm dich anständig, sonst straft Gott dich und deine Nachkommen. (Mit dem Gedanken an die Nachkommen wird schon mal der Grundstein dafür gelegt, an die Zukunft zu denken und nicht nur an die eigene Lebenszeit.) Reifen das Kind beziehungsweise die Menschheit heran, ist es Zeit für die Sekundarstufe: das Neue Testament: Benimm dich anständig, sonst straft Gott deine ewige Seele.

Allerdings muss die Menschheit irgendwann auch mal die nächste Stufe erreichen, also auch dieses Lehrbuch als zwar wahr, aber nicht mehr entwicklungsgemäß beiseite legen. Dann wird es Zeit für ein neues Lehrbuch, eine neue Offenbarung, und dann wird man vielleicht nicht mehr mit Strafen oder Belohnungen in der Zukunft drohen müssen, um für gutes Verhalten zu werben:

§ 85
Nein; sie wird kommen, sie wird gewiss kommen, die Zeit der Vollendung, da der Mensch, je überzeugter sein Verstand einer immer bessern Zukunft sich fühlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgründe zu seinen Handlungen zu erborgen, nicht nötig haben wird; da er das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem bloß heften und stärken sollten, die innern bessern Belohnungen desselben zu erkennen

Und ich bin nicht mal die erste Seite, die “cary grant” und “erziehung des menschengeschlechts” im selben Dokument verbrät. Aber die andere ist eine Video-Liste aus einer Bibliothek, das zählt doch nicht, oder?

10 Antworten auf „Ethik, Pathetik und Cary Grant. Und Lessing.“

  1. In diesem Fall scheint dem Lehrer eine Rolle zugewachsen zu sein, die mich an “Father Brown” erinnert, den moralisch aufrechten, mit detektivischem Spürsinn begabten Geistlichen, in Deutschland vor allem durch die Verfilmungen mit Heinz Rühmann bekannt.
    Und um Missverständnissen vorzubeugen: Das ist jetzt nicht respektlos gemeint, sondern im Gegenteil. :-)

  2. Erst mal herzlichen Dank für den Filmtipp. Ein mir gänzlich unbekannter Film mit Cary Grant und Tony Curtis – her damit! Und überhaupt war das ein sehr schöner Text für einen sonnigen Donnerstagmorgen.

  3. Diese “Klauerei” gibt es bei uns an der Uni auch. Da sind es nur Stühle und Projektoren…in meiner Schulzeit waren es manchmal Projektoren, aber hauptsächlich Schwämme. Schwämme waren irgendwie zuerst Mangelware, bis es eine Art “Sport” wurde, wer die meisten Schwämme hatte. Der Schrank meiner damaligen Klasse war voll. Gab ein ziemliches Donnerwetter, als der Klassenlehrer den mal geöffnet hat.

    Sehr schöner Text, danke.

  4. Wenn’s euch erfreut hat, freut mich das. Sehr gern geschehen, jederzeit wieder. (Und danke für die Links, apanat. Wieder Lesefutter. Ja, die erhabene und die schöne Seele – ich gestehe, ich bringe sie immer durcheinander. Aber zusammen mit etwas Kant könnte ich mir das mal gründlich aneignen.)

    Das rosa U‑Boot ist ein sonntagnachmittäglicher Klassiker, Sabine. Regie Blake Edwards, sehe ich gerade, das erklärt manches.

  5. Schön haben Sie den alltäglichen Wahnsinn beschrieben.
    Bei uns sind es die Tageslichtprojektoren, die wandern.
    Auch Fernseher findet man sogar auf anderen Stockwerken wieder. In unserer Schule haben fast alle Geräte Beine. Und meist sagte einfach ein Kollege: besorgt mal.….
    und schwuppps, es ist geschehen.

  6. Lieber Herr Rau. Mehrfach bin ich über – Steh- oder auch Rednerpulte – auf Ihrer Seite “gelandet”. Es sind immer wieder wunderbare Geschichten, die Sie dem schulischen Alltag entnehmen. UND zu den “geklauten” Pulten habe ich die Anregung, sich einmal unser Modell AACHEN anzuschauen. Das Pult ist äußerst preiswert, unter 300 €, ist ROLLBAR und so vom Besitzer auch wieder leicht zurück zu rollen. Herzliche Grüße WilFried Bock, mit der Bitte: Weiter so!

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