Wiedergelesen: Hammett und Amis

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Dashiell Hammett, The Maltese Falcon. Den Film kannte ich zuerst, er gilt zu Recht als Meisterwerk. Über das Buch habe ich vor einiger Zeit schnöde Worte gelesen, auch Frau Rau hat es damals vor fünfzehn Jahren nicht gefallen. Grund zum Wiederlesen.

Inhalt: Eine Klientin, die immer wieder ihren Namen und ihre Geschichte ändert, bittet die Detektive Sam Spade und Miles Archer um Unterstützung. Archer wird erschossen. Spade, der seinen Partner mit dessen Frau betrügt, gerät unter Verdacht. Bald taucht ein Joel Cairo auf, der ebenso wie die Klientin (Brigid O’Shaugnessy) auf der Suche nach einem schwarzen Vogel ist. Ein junger Möchtegerngangster beobachtet ihn, im Dienst von Casper Gutman. Der erzählt Spade schließlich auch die Geschichte vom Malteser Falken, einer ungemein wertvollen, unscheinbaren Statue, dem verschollenen Geschenk eines Kreuzritterordens. Seit fünfzehn Jahren jagt Gutman dem Falken hinterher. Höhepunkt und Finale: Spade, Cairo, O’Shaugnessy, Gutman und der Junge warten gemeinsam eine Nacht lang in einem Hotelzimmer auf den Morgen, bis ihnen der Falke ins Hotel gebracht werden kann. Sie lassen einander nicht aus den Augen und spielen Psychospielchen.

Das Buch gefällt mir immer noch. Die Anekdote von Flitcraft/Pierce, die romantische Geschichte um den Falken. Die Erzählperspektive: Man kriegt nie eine Innensicht in die Charaktere. (Ganz anders der ich-erzählende Marlowe bei Raymond Chandler, mit langen Exkursionen und inneren Monologen, auch wenn ich den ebenso schätze.)

Klar gewinnt man in Folge der Dialoge und der Lenkung der Aufmerksamkeit durch den weitgehend neutralen Erzählers doch eine Meinung darüber, was in den Köpfen der Figuren vorgeht. Aber so ganz klar ist das nicht, gerade Brigid O’Shaugnessy und natürlich Sam Spade bleiben schwer zu durchschauen. Er hält sich bedeckt, sie ist eine chronische Lügnerin; allesamt sind sie moralisch nicht eindeutig zu fassen.

„I saw him tonight.“ Spade did not look up and he maintained his light conversational tone. „He was going to see George Arliss.“
„You mean you talked to him?“
„Only for a minute or two, till the curtain-bell rang!“
She got up from the settee and went to the fireplace to poke the fire. She changed slightly the position of an ornament on the mantelpiece, crossed the room to get a box of cigarettes from a table in a corner, straightened a curtain, and returned to her seat. Her face now was smooth and unworried.
Spade grinned sidewise at her and said: „You’re good. You’re very good.“
Her face did not change. She asked quietly: „What did he say?“
„About what?“
She hesitated. „About me.“
„Nothing.“ Spade turned to hold his lighter under the end of her cigarette. His eyes were shiny in a wooden satan’s face.
„Well, what did he say?“ she asked with half-playful petulance.
„He offered me five thousand dollars for the black bird.“
She started, her teeth tore the end of her cigarette, and her eyes, after a swift alarmed glance at Spade, turned away from him.
„You’re not going to go around poking at the fire and straightening up the room again, are you?“ he asked lazily.

Unerreicht ist das Personal des Romans. Die meisten Personen kann ich zwar nur schwer von ihrer wichtigsten Filmversion trennen – Mary Astor als Brigid O’Shaugnessy, Peter Lorre als Joel Cairo, Sidney Greenstreet als Casper Gutman, Elisha Cook als Wilmer treffen ihre Rolle perfekt. (Bogart als Spade trifft es nicht ganz so, gut dagegen wieder Lee Patrick als Sekretärin.) Aber diese Rollen sind eben auch schon im Roman ganz hervorragend angelegt.

 

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Kingsley Amis, Lucky Jim. Wie schön. Es ist mir ein bisschen zu lang geworden beim Wiederlesen, aber wirklich nur ein bisschen. Ich hatte vergessen, dass es ja außerdem eine wunderschöne Liebesgeschichte ist, ich sentimentaler Kerl. Lieblingsszene: Die nächtliche Autofahrt etwa in der Mitte des Buches.

Inhalt: James Dixon arbeitet als Dozent an einem College, ist in der Probezeit und bangt um seine Anstellung, da er akademisch nicht sehr interessiert ist und außerdem von einem Fettnäpfchen ins andere tritt. Er versucht sich bei seinem Chef Liebkind zu machen, verliebt sich in die Freundin dessen Sohnes, lebt in romantischer Verwirrung mit einer Kollegin, trägt Fehden mit anderen Kollegen aus.

Sehr gut erinnern konnte ich mich an einzelne Szenen und an die Tatsache, dass James Dixon gerne Gesichter schneidet, wenn niemand hinsieht. Und das sehr bewusst: Er hat sein Eskimogesicht, und andere feste Gesichter; manchmal improvisiert er auch.* Überhaupt: Er verbirgt sehr viel von sich vor seiner Umwelt, ist dabei unglaublich analytisch, ständig denkt und beurteilt und bewertet und gärt es in ihm. Seine Phantasien sind manchmal gewalttätig: „He was saying ‚Most impressive‘, and for a second Dixon felt like picking up the spanner he could see in the dashboard pocket and hitting him on the back of the neck with it“, richten sich auch gegen Unbelebtes: „He hated that Toby jug, with it sopen black hat … more strenuously than any other inanimate occupant of this house, not excepting Welch’s recorder. Its expression proved that it knew what he thought of it, and it could tell nobody. He put a thumb on each of his temples, waggled his hands at it, rolled his eyes, mouthed jeers and imprecations.“

Eine sehr sympathische, eben doch überhaupt nicht sehr glückliche Figur – wenn ihn da nicht doch noch die Liebe retten würde. Zum glücklichen Ende gehen ihm die Gesichter aus: „He thought what a pity it was that all his faces were designed to express rage or loathing. Now that something had happened which really deserved a face, he’d none to celebrate it with.“

* Was dem Lucky Jim seine faces sind, sind The Ginger Man von J.P. Donleavy seine walks – verschiedene Arten zu gehen, je nach Stimmung und Anlass. The Ginger Man dürfte zur gleichen Zeit entstanden sein, Mitte der 1950er Jahre. Ich habe es deshalb gelesen, weil ich mal eine irische Phase hatte, weil das Buch lange verboten war, und vor allem, weil ich aus einem schönen Lied der Pogues („A Rainy Night in Soho“) eine „ginger lady“ kenne und der Spur nachgehen wollte. Hat mich nicht weit gebracht, aber dass Shane McGowan das Buch kannte, dürfte klar sein – ein späteres Buch von Donleavy, einem amerikanischen expatriate in Irland, heißt A Fairy Tale of New York

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