Montague, The Stray Shopping Carts of Eastern North America

Ein schönes Buch, das nur auf den ersten Blick befremdend anmutet, aber schon nach dem ersten Blättern eine neue Welt erschließt, die einsichtig und ganz und gar selbstverständlich wirkt. Da hätte man nun wirklich selbst darauf kommen können, denkt man.

„The Stray Shopping Carts of Eastern North America: A Guide to Field Identification“ von Julian Montague ist ein Buch zur Bestimmung von verlorenen Einkaufswagen. Man kennt so etwas vielleicht schon von heimischen Vögeln oder Pilzen. Montague geht dabei allerdings neue Wege. Bestimmt werden Einkaufswagen in der Wildnis nicht nach ihrem Hersteller, sondern nach ihrer Funktion. Die Beschreibung zu einem der vielen Bilder sieht dann zum Beispiel so aus:

The specimen on the left is an A/2 PLAZA DRIFT, B/18 AS REFUSE RECEPTACLE. The specimen on the right is a B/7 TRANSIENT IMPOSTER, B/14 ARCHAIC, B/18 AS REFUSE RECEPTACLE. It is not uncommon to find such complex situations in and around shopping plazas.

Montague unterscheidet 11 Arten von „false strays“ (Typ A). Ein „false stray“ ist ein Einkaufswagen („specimen“), der sich zwar von seinem Ursprungsort („source“) entfernt hat, meist einem Einkaufszentrum, der aber wohl früher oder später dorthin zurückfinden wird. Das kann ein A/2 sein (plaza drift – wenn der Wagen im Einkaufszentrum von Parkplatz zu Parkplatz gewandert ist), ein A/3 (bus stop discard) oder ein A/10 (alternative usage – zweckentfremdet an der Quelle eingesetzte Wagen, etwa zur Absperrung oder Markierung).

Mehr Unterarten, nämlich 22, gibt es bei den „true strays“ (Typ B). Das sind Einkaufswagen, die wohl nie wieder zum Ort ihres ursprünglichen Einsatzes zurückfinden. Das beginnt mit der allgemeinsten Kategorie B/1 (open true), kann auch ein B4 sein (on/as personal property, etwa in einer Garage zur Aufbewahrung von, äh, Sachen). Häufig ist auch B/12 oder B/13 (simple bzw. complex vandalism), traurig stimmt einen ein B/14 (archaic – wenn es die ursprüngliche Quelle schon gar nicht mehr gibt).

Montague stellt diese Klassen zuerst anhand typischer Beispiele vor, den Rest des Buches machen dann Aufnahmen von Einkaufswagen in allen möglichen Situationen aus. Dazu kommen viele Hintergrundinformationen, etwa die mögliche Übertragbarkeit auf andere Regionen der Welt oder auf verlorene Plastiktüten, Verkehrshütchen oder ausgediente Reifen. Typische Zerfallsreihen werden beschrieben, etwa von B/1 über B/15 und B/20 zu B/21. Reich illustriert und beeindruckend ist im Anhang eine Fallstudie im wörtlichen Sinn: „The Niagara Falls River Gorge. Analyzing a complex vandalism super site.“ Etwa eine Meile unterhalb der berühmten Wasserfälle befindet sich ein Abhang, der häufig für Vandalismus genutzt wird, eine Art Elefantenfriedhof für Einkaufswagen. Der kundige Beobachter kann dort drei Zonen ausmachen mit jeweils für sie typischen true strays.

Weitere Informationen und viele, viele Bilder gibt es bei der beeindruckenden Seite http://www.strayshoppingcart.com/. Der Bereich zu den Niagarafällen ist zwar noch im Aufbau, eine andere Fallstudie kann aber eingesehen werden.

Man möchte sich nach der Lektüre gleich ein Notizbuch anschaffen und mit dem Fotoapparat Jagd auf Einkaufswagen machen. Und deswegen komme ich auch erst jetzt zu diesem Blogeintrag, obwohl ich das Buch schon vor einiger Zeit gelesen habe. Um Vögel und Eichhörnchen zu fotographieren, muss ich mich ja nicht aus der Wohnung bewegen, aber mit Einkaufswagen ist das schon schwieriger. Seit acht Wochen halte ich die Augen offen und finde keine. Zwei Fast-Erfolge hatte ich, aber das waren dann doch nur ein Einkaufskorb für ein Fahrrad und ein kleiner Rollwagen (Bilder unten). Glücklicherweise brachte Frau Rau neulich aus Berlin einen Fund zurück, für den ich herzlich dankbar bin:

Fundort: Urbanstraße, Berlin-Kreuzberg, etwa 400m von der Quelle (ein Netto-Supermarkt) entfernt. Vermutlich ein A/1, „close false“, also noch so nahe an der Quelle, dass die Rückkehr zu ihr wahrscheinlich ist.

Rollwagen, außer Konkurrenz, in angefrorenem Wassergraben, Augsburg. Wäre vermutlich ein B/12, simple vandalism, genauere Bestimmung nicht möglich, aber B/2, damaged, nicht auszuschließen.

Fahrradkorb, außer Konkurrenz, S-Bahn-Haltestelle Donnersbergerbrücke, München. Wäre vermutlich B/9, snow immobilization, möglicherweise in Kombination mit B/2

Mit Schülern könnte man ein ähnliches Projekt auf dem Schulgelände machen. Nicht mit Einkaufswagen, aber ein Führer zur anderen Formen unbeachteten zivilisatorischen Mülls ist möglich. Ich stelle mir da eine Broschüre vor mit den verschiedenen Arten von Fundsachen im Schulgebäude. Allein im Computerraum habe ich fast täglich eine Sammlung von Federmäppchen, Heften, Büchern und Kettchen. Auch Getränkeflaschen und Dosen gibt es genug zu fotographieren und katalogisieren.

Nachtrag: Beim Shopblogger gibt es ein schönes Bild von einem true stray (B/13, complex vandalism) auf dem Eis.

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3 Thoughts to “Montague, The Stray Shopping Carts of Eastern North America

  1. Kein Wunder, dass du keine freilaufenden Einkaufswagen finden kannst – die halten sich alle ausnahmslos in ihrem natürlichen Habitat in der Dortmunder Nordstadt auf. Ich sehe jeden Tag mindestens zwei bis drei… :)

  2. Ein Paar („a brace of“) verlorener Einkaufswagen, vermutlich im Übergang von B/4 „on/as personal property“ zu B/19, „in/as refuse: situated in and around trash cans, dumpsters, scrap heaps.“ Der Fundort nahe dem Altglascontainer legt auch eine kürzlich erfolgte Nutzung als B/18 „as refuse receptacle“ nahe.

    Gesehen am 29.4.2010

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