The Great Stink

Stellen wir uns eine frühe neuzeitliche Großstadt vor. London. Am Anfang des 19. Jahrhunderts eine Million Einwohner. Die müssen alle aufs Klo. Wie funktioniert das eigentlich? Es gibt zu diesem Zweck keine Kanalisation, die dient lediglich zum Abtransport von Regenwasser, das, wie man das so kennt, in gulleys läuft, auch in überbaute Flüsse und Flüsschen, und letztlich in der Themse landet. Wohin also mit den Fäkalien einer Millionenstadt?
In den Keller natürlich, oder jedenfalls in Senk- oder Klärgruben. Wenn die voll sind, wird der Inhalt – vom ehrenwerten Berufsstand des nighsoil man – aufs umliegende Land gebracht, wo die Fuhre für 2s 6d an Bauern verkauft wird.

Je größer die Stadt allerdings wird, desto weiter weg sind diese Bauern. Und desto teurer wird der Abtransport. (1847 kommt auch noch Guano aus Südamerika als Konkurrent dazu.) Schon früher hatten die Leute aus Sparsamkeit, Geldnot oder Trägheit einfach ihre Keller vollgeschissen. In einer Untersuchung von 1842 wird berichtet:

Upon visiting the latter, I found whole areas of the cellars of both houses were full of nightsoil to the depth of three feet, which had been permitted for years to accumulate from the overflow of the cesspools. (Edwin Chadwick, Report on the Sanitary Condition of the Labouring Population of Great Britain)

All diese Klärgruben stanken natürlich zum Himmel. Menschen wurden krank. Wie kam das eigentlich mit der Krankheit? Wo schlechte Luft, da viel Krankheit. Also musste die Luft besser werden. Deshalb wurde 1815 zuerst erlaubt, die Fäkalien in die Kanalisation zu leiten. Das kam auch daher, weil das water closet (WC) seit Ende des 18. Jahrhunderts immer populärer geworden war. Und ab 1848 mussten die Fäkalien der Haushalte sogar in die Kanalisation geleitet werden. Wir erinnern uns: um die Gesundheit der Menschen zu fördern, da – der gängigen Theorie nach – Krankheiten durch stinkende Luft übertragen werden. Also musste man die schlechten Gerüche loswerden. Indem man die Fäkalien in die Kanalisation leitete. Die in die Themse führte. Aus der die Londoner ihr Trinkwasser bezogen.

Die Themse stank zum Himmel, zumal die Kanalisation oft nur bei Ebbe funktionierte, und die darauf folgende Flut die Exkremente wieder landeinwärts spülte. Schöne wissenschaftliche Genauigkeit zeigt sich in diesem Leserbrief des Physikers Michael Faraday:

SIR,

I traversed this day by steam-boat the space between London and Hangerford Bridges between half-past one and two o’clock; it was low water, and I think the tide must have been near the turn. The appearance and the smell of the water forced themselves at once on my attention. The whole of the river was an opaque pale brown fluid. In order to test the degree of opacity, I tore up some white cards into pieces, moistened them so as to make them sink easily below the surface, and then dropped some of these pieces into the water at every pier the boat came to; before they had sunk an inch below the surface they were indistinguishable, though the sun shone brightly at the time; and when the pieces fell edgeways the lower part was hidden from sight before the upper part was under water. This happened at St. Paul’s Wharf, Blackfriars Bridge, Temple Wharf, Southwark Bridge, and Hungerford; and I have no doubt would have occurred further up and down the river. Near the bridges the feculence rolled up in clouds so dense that they were visible at the surface, even in water of this kind.

The smell was very bad, and common to the whole of the water; it was the same as that which now comes up from the gully-holes in the streets; the whole river was for the time a real sewer. Having just returned from out of the country air, I was, perhaps, more affected by it than others; but I do not think I could have gone on to Lambeth or Chelsea, and I was glad to enter the streets for an atmosphere which, except near the sink-holes, I found much sweeter than that on the river.

I have thought it a duty to record these facts, that they may be brought to the attention of those who exercise power or have responsibility in relation to the condition of our river; there s nothing figurative in the words I have employed, or any approach to exaggeration; they are the simple truth. If there be sufficient authority to remove a putrescent pond from the neighbourhood of a few simple dwellings, surely the river which flows for so many miles through London ought not to be allowed to become a fermenting sewer. The condition in which I saw the Thames may perhaps be considered as exceptional, but it ought to be an impossible state, instead of which I fear it is rapidly becoming the general condition. If we neglect this subject, we cannot expect to do so with impunity; nor ought we to be surprised if, ere many years are over, a hot season give us sad proof of the folly of our carelessness.

I am, Sir,

Your obedient servant,

M. FARADAY.
Royal Institution, July 7

(Observations on the Filth of the Thames, a letter to the Editor of the Times of London by Professor Michael Farady, July 7, 1855)


(Punch, Juli 1855)

1858 kam es im Laufe eines besonders trockenen Sommers zum Great Stink of London. Das House of Commons war kaum mehr zu benutzen. Die Furcht vor Krankheit (durch die stinkende Luft gebracht) war groß. Endlich machte das Parlament ernst damit, eine Kanalisation zu schaffen, die die Exkremente von zwei Millionen Einwohnern entsorgen sollte. Die Geschichte davon erzählt dieses Buch:


Stephen Halliday, The Great Stink of London. Sir Joseph Bazalgette and the cleansing of the Victorian metropolis. (1999)

Pläne zu einer Kanalisation hatte es schon zuvor gegeben. Ein Problem war aber, dass es bislang keine Institution gegeben hatte, die mit ausreichend Befugnissen ausgestattet war, diese Pläne umzusetzen. Schließlich gab es keine politische „Stadt London“, keine Regierung für diese Ansammlung zusammengewachsener, aber immer noch unabhängiger Gemeinden. 1855 wurde das Metropolitan Board of Works gegründet und nach und nach mit genügend Spielraum ausgestattet. Das MBW war eine Art Proto-Stadtverwaltung, die sich um typische Aufgaben der Stadtwerke kümmerte: Straßenbau, Brücken, Kanalisation.

Das größte Projekt war das Errichten eines Kanalisationssystems, das die Abwässer der Haushalte auffängt, bevor sie in die Themse fließen können. Dazu wurden nördlich und südlich der Themse Abwasserkanale gelegt – eine technische und logistische Riesenleistung unter dem Leiter, Joseph Bazalgette, die in Hallidays Buch ausführlich gewürdigt wird. Unter anderem wurden dazu das Victoria, Albert und Chelsea Embankment angelegt. Das Victoria Embankment führt nördlich der Themse zwischen Westminster und Blackfriars Bridge. Zuvor gab es dort baufällige Wege, Molen, oder die Themse schwappte direkt an die Haustür. (Schöne Vorher-Nachher-Bilder im Buch.) Danach gab es eine breite Straße am neu gewonnenen Themseufer:

Und darunter gab es Leitungen für Wasser und Gas, die neuen Abwässer-Kanäle, später Elektrizität und auch noch Platz für die U-Bahn.

Da wünscht man sich doch ein schönes Städtebauspiel, SimSewer oder so ähnlich.

— Einen anderen Schwerpunkt verfolgt ein zweites Buch, das ich bei der geschätzten Mrs H. gefunden habe. (Auch das obere hat sie mir empfohlen, glaube ich.)


Steve Johnson, The Ghost Map (2006)

Es beginnt ebenfalls mit einer ausführlichen Beschreibung des sanitären Zustands Londons Anfang des 19. Jahrhunderts. Ausführlich wird der „Miasma“-Gedanke erklärt: Krankheiten verbreiten sich durch ein Miasma, durch schlechte Luft. Das hatte ja dazu geführt, die Fäkalien in die Themse zu leiten statt sie zu vergraben. Die Themse, aus der die Londoner ihr Trinkwasser bezogen. 1831-32 gab es die erste Cholera-Epidemie, 1848-49 die zweite, 1853-54 die dritte.

What is cholera? Is it a fungus, an insect, a miasma, an electrical disturbance, a deficiency of ozone, a morbid off-scouring of the intestinal canal? We know nothing; we are at sea in a whirlpool of conjecture. (Lancet, 22. Oktober 1853, p. 393-4.)

Man wusste es nicht. Der Gedanke, dass Krankheiten durch verseuchtes Wasser verbreitet werden, war neu und ungewöhnlich und sollte noch bis ins späte 19. Jahrhundert nicht überall akzeptiert sein. John Snow wurde durch kartographische Analyse der Epidemie von 1853-54 von diesem Gedanken überzeugt. Ihm fiel auf, dass bestimmte Bereiche überraschend mehr oder weniger Cholera-Todesfälle als andere hatten. „Schlechte Luft“, meinten die meisten, oder „moralisch verkommenes Viertel“, aber teilweise gab es unterschiedliche Raten innterhalb der gleichen Straße. (Das Wasser kam von verschiedenen Wasserwerken.)

Dass die Cholera-Todesfälle mit der Nähe zur Themse zu tun haben, hätte man aus dieser Tabelle ablesen können:

Höhe in Fuß Choleratote pro 10,000 Einwohner
0 137
15 50
25 40
35 25
45 20
55 13
65 36
75 19

Je weiter weg man vom Wasser ist, desto weniger Cholera-Tote gibt es. Irgendwo auf 65 Fuß über dem Wasserspiegel muss aber noch etwas Zusätzliches sein The Ghost Map beschreibt spannend die Suche nach dieser zusätzlichen Krankheitsquelle.

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