Es waren zwei dunkle und stürmische Nächte: Wuthering Heights und Cold Comfort Farm

Nicht zuletzt wegen des Ukulele Orchestra of Great Britain mit seiner Version von Kate Bushs „Wuthering Heights“ hatte ich mir vorgenommen, das Buch noch einmal zu lesen. Von der ersten Lektüre vor zwanzig Jahren ist nicht mehr viel hängengeblieben.

(Wer’s immer noch nicht kennt: hier die UOGB-Version.)

Die erste Hälfte des Buches hat mir sehr gut gefallen, der Anfang ist hervorragend. Ein Herr Lockwood, der Erzähler, sucht die Einsamkeit (unglückliche Liebe, Unzufriedenheit mit seinem Leben) und hat sich dazu ein Haus gemietet, bei dessen Vermieter er einen Anstandsbesuch macht. Lockwood freut sich, endlich jemanden gefunden zu haben, der ein zurückgezogenes Leben noch mehr liebt als er selber, und beschließt, diesen tollen Herrn Heathcliff öfter zu besuchen. Dieser Heathcliff ist ein Gentleman, aber mürrisch bis grob, das Haus unordentlich, draußen stürmt es. An Personal gibt es den alten Joseph, ein religiöser Eiferer, wenn auch kein sehr eifriger.

Kurze Zeit später unternimmt Lockwood seinen zweiten Besuch. Nach einigem vergeblichen Klopfen lässt ihn Joseph – in kaum verständlichem, aber vermutlich authentischen Dialekt sprechend – auch nicht hinein. Es schneit, und endlich erbarmt sich ein rustikaler junger Mann und führt ihn im einen Raum mit einer jungen Frau. Auch da ist nicht viel mit gesellschaftlich anerkannten Formen der Höflichkeit, er kriegt nicht mal einen Tee. Heathcliff kommt, wortkarg, und die drei Leute – junge Frau, junger Mann, Heathcliff – giften sich alle gegenseitig in wechselnden Kombinationen an. Lockwood hat immer noch keine Ahnung, wer das eigentlich ist, vorgestellt wird niemand. Und als es Abend wird und der Schneefall immer heftiger, da will man ihn vor die Tür schicken. Eine Haushälterin führt ihn dann doch heimlich in ein Zimmer, das Heathcliff sonst eigentlich stets verschlossen hält. Dort findet Lockwood auf dem Fensterbrett den Namen Catherine in verschiedenen Varianten – Catherine Linton, Catherine Heathcliff, Catherine Earnshaw. Außerdem findet er einige alte Bücher dieser Catherine, mit Randbemerkungen, die eine Art Tagebuch darstellen. Fasziniert liest Lockwood diese Passagen. Als er schließlich einschläft, weckt ihn ein Alptraum: vor dem Fenster steht die geisterhafte Gestalt Catherines und will hereingelassen werden. Mit einem Schrei wacht Lockwood auf, Heathcliff kommt herein, wird bleich, als er von Catherine hört und stürzt zum Fenster.

Am nächsten Tag flieht Lockwood in sein eigenes Haus und lässt sich von seiner Haushälterin die Geschichte des merkwürdigen Haushalts um Heathcliff erzählen, und diese Erzählung macht den Großteil des Romans auf. (Die letzten Kapitel schließen dann wieder an diesen Rahmen an.)

Ich habe den Anfang so ausführlich wiedergegeben, weil man daraus ein tolles Textadventure machen könnte. Man kann auch interactive fiction dazu sagen. Wenn ich mal Zeit habe, schreibe ich das mal.

Die zweite Hälfte hat mich weniger interessiert. Lohnenswert ist vielleicht der Vergleich mit den dysfunktionalen Familien des deutschen Naturalismus. Aber während dort das bekannte Milieu Ursache für deren Niedergang ist, treibt bei Wuthering Heights der Ansturm von unbeherrschbaren Gefühlen und vor allem die kalt kalkulierende Rachsucht Heathcliffs, der darin den Grafen von Monte Christo übertrifft, die Menschen in den Untergang. Aber irgendwann reicht es dann auch; als Catherine weg ist, verliert das Buch für mich an Schwung.

Eine Person ist mir beim Lesen besonders aufgefallen: Ellen/Nellie, die Erzählerin des größten Teils der Geschichte. Sie war mir nicht sehr sympathisch, oder eher: ihr Verhalten an einigen Stellen der Handlung gehört kritisiert, und mir fehlte eine Instanz, die diese Kritik ausübte. Lockwood – der Zuhörer, dem sie die Geschichte erzählt – ist für diese Aufgabe viel zu unreflektierend.
Ellie überbringt Briefchen, ermöglicht Stelldicheine, erzählt Geheimnisse oder hält Wissen zurück und sorgt generell dafür, dass die Handlung vorankommt. Natürlich kann sie nie etwas dafür und hätte auch nie anders handeln können. (Wieviel Spielraum hat man als Dienstbote?) Außerdem ist es erzähltechnisch sehr praktisch, wenn die Erzählerfigur bei allen entscheidenden Stellen dabei ist. Aber bei Wikipedia habe ich den Aufsatz „The Villain in Wuthering Heights“ von James Hafley (1958) gefunden, in dem argumentiert wird, dass Nellie/Ellen tatsächlich die planvoll handelnde und manipulierende Schurkin des Romans ist.


Schon während der Lektüre hatte ich mich auf das Buch gefreut, das ich als Nächstes lesen würde: Cold Comfort Farm von Stella Gibbons.

Kennengelernt hatte ich das Buch über die BBC-Fernsehverfilmung von 1995 (Kate Beckinsale, Stephen Fry, Joanna Lumley, Ian McKellen, Miriam Margolyes). Sehr sehenswert. Das Buch ist 1932 entstanden als eine Art Parodie auf das damals wohl verbreitete Loam-and-Lovechild-Genre: düstere Geschichten um heruntergekommene Bauernhöfe, religiösen Wahn, sexuell ungebremste Knechte, schwangere Mägde. D.H. Lawrence gehört auch irgendwie in diese Ecke, nicht dass ich schon mal etwas von ihm gelesen hätte. Aber auch als Parodie auf manche Aspekte von Wuthering Heights lässt sich das Buch lesen.

Die Handlung: Die junge Flora Poste muss bei Verwandten unterkommen und schreibt dazu alle in Frage kommenden an. Das Angebot der Starkadder-Familie in Sussex klingt am besten, auch wenn das einen zutiefst heruntergekommenden Bauernhof bedeutet. Die Leute heißen Seth und Adam und Reuben, sind wortkarg, oversexed oder religiös eifernd; beherrscht wird die Großfamilie von einer lange unsichtbar bleibenden Matriarchin mit einem Geheimnis (sah als Kind „something nasty in the woodshed“). Die Familienverhältnisse sind undurchsichtig. Flora ist dort erst einmal nur „Robert Poste’s child“, der eine alte Schuld zu begleichen ist.

Von Tee am Nachmittag hat man dort noch nie gehört. Flora analysiert ihre erste Begegnung mit Judith Starkadder so: „For the first time a Starkadder looked upon a civilized being.“ In der Küche gibt es einen großen unappetitlichen Topf Porridge für alle:

The porridge gave an ominous leering heave; it might almost have been endowed with life, so uncannily did its movements keep pace with the human passions that throbbed above it.

Wenn diese Passage etwas arg lyrisch klingt, so ist das Absicht. Stella Gibbons erklärt in einer ausführlichen, von vorn bis hinten erfundenen Widmung, das System: wie im Baedeker-Reiseführer die Sehenswürdigkeiten eigens markiert sind, so hat auch Gibbons die besonders lesenswerten (lies: kitschig-lyrischen) Passagen des Romans mit ein bis drei Sternchen markiert.

Flora krempelt jedenfalls die Ärmel hoch und bringt das 20. Jahrhundert auf die Farm. (Tatsächlich spielt der Roman zwanzig Jahre in der Zukunft, nach einem britisch-nicaraguanischen Krieg, aber bis auf ein paar kleine Seitenhiebe spielt das für die Handlung keine Rolle.) Erst mal kümmert sie sich um Meriam, eine Dienstmagd, die jeden Frühling aufs neue ein Kind kriegt, weil sie den Sommernächten nicht widerstehen kann. „‚Tes the hand of Nature, and we women cannot escape it.“ Flora klärt Meriam über Empfängnisverhütung auf. Dann nimmt sie sich den düsteren, wildromantischen, finster-attraktiven Seth vor und bringt ihn beim Film unter. Und so löst sie nach und nach die Probleme dieser pittoresken Familie.

Sehr lustig.

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2 Thoughts to “Es waren zwei dunkle und stürmische Nächte: Wuthering Heights und Cold Comfort Farm

  1. Und ich dachte, ungebildeterweise, Sie meinten mit Textadventures solche Romane wie „Lost in Austen“. Das könnte ich mir bei Wuthering Heights auch super vorstellen. Das wäre dann vielleicht weniger amüsant als bei „Lost in Austen“, sondern eher krimi- oder gruselmäßig. In Computerdingen kenne ich mich leider überhaupt nicht aus.

  2. „Lost in Austen“ habe ich auch mal gelesen. Stimmt, „Heads-On with Heathcliff“ (oder so ähnlich) kann ich mir auch gut vorstellen.
    Diese Computerspiele sind relativ einfach zu programmieren und vermutlich die Vorfahren der Papier-Textadventures. Vielleicht auch eine parallele Entwicklung.

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