Macbeth in den Kammerspielen

Ich gehe nicht gerne ins Theater. Das ist immer abends, und da bin ich müde. Außerdem sind komische Leute um mich herum. Aber das Hauptproblem ist, dass ich mich da oft langweile, selbst bei Stücken, die ich zum Lesen gut finde. Ich wünsche mir beim Theater eine hohe Informationsdichte, so wie ich mir bei Fernsehserien grundsätzlich Split-Screen wünsche (also mehrere Fenster mit unterschiedlichen Szenen, gerne mit Bezug zueinander). Und wenn ich dort am Anfang der letzten Folge eines Vierteilers ein schnell geschnittenes „Was bisher geschah“ sehe, wünsche ich mir einen ganzen Film, der so dicht erzählt ist wie dieser Rückblick.
Und was kriege ich meist im Theater? Eine Gruppe von Menschen, die in sicher ganz wichtigen Konstellationen auf der Bühne stehen und bedeutungsvoll schweigen. Jedes Wort im Satz betonen, und dann wieder bedeutungsvoll gucken. Und schweigen, bedeutungsvoll. Das Haupt schütteln, schweigend. — Mein liebstes Theater nehme ich bitte gleich als Hörspiel, mit viel Text, wenig Pausen dazwischen, und schneller, dichter Vortragsweise. Wo die Leute stehen und wie sie gucken, ist mir dabei egal.

Gestern abend war ich in den Kammerspielen bei Macbeth. Die Kurzfassung: es hat mir vom ersten Moment an ausgezeichnet gefallen. Und ich glaube, das liegt an der Informationsdichte der Inszenierung, obwohl es natürlich auch geholfen hat, dass die fünf Schauspieler sehr gut waren. Diese Informationsdichte wurde nicht durch Handlung und Dialog erreicht, sondern eher durch lyrische Effekte, so wie Lyrik ja auch sehr informationsdicht ist.

Es dauerte eine ganze Weile, bis die erste Worte fielen, die doch sonst das sind, was mich interessiert. Aber meine Aufmerksamkeit hatte auch so genug zu tun. Am Anfang die drei Hexen, als bunte Fairy Godmothers gekleidet, die das Publikum wortlos neckten. Allein da schon Assoziationen zu englischer Pantomime. Die drei mit deutlich unterschiedlichen Charakteren, darunter eine etwas mufflige, von einem Mann gespielt. Da hatte ich sofort Terry Pratchetts Hexen im Kopf. Dann kamen Macbeth und Banquo auf dem Schlachtfeld, von den Hexen live mit Blut getränkt, Schattenspiel im Hintergrund mit der Königskrone. (Überhaupt passierte gerne etwas auf zwei Ebenen, vorne und im Haus hinten. Ein Haus, dessen Inneres so plötzlich in Erscheinung tritt wie das Sterbezimmer von Charles Foster Kane in der Anfangssequenz von Citizen Kane.) Macbeth und Banquo als zwei Schuljungen, mit freundschaftlichem, nicht ganz konkurrenzfreien Abhängigkeitsverhältnis, die ihre innige Verbundenheit, oder zumindest den Wunsch danach, mit einem Lied aus der West Side Story ausdrücken. Dann die Botenrede vom Krieg als Live-Kriegs- und Sport-Berichterstattung mit Mikrofon. Überhaupt wurde das große Mikrofon und sein langes Kabel viel als dramaturgisches Mittel verwendet (und keinesfalls derm Lautstärke wegen): zum Singen, zum Kenntlichmachen der Öffentlichkeit der Rede, für akustische Verfremdungseffekte. Oder es wurde dem Malcolm, König Duncans Sohn, in die Hand gedrückt, damit der etwas sagt – und der kein Wort herausbrachte wie Colin Firth in The King’s Speech.

Und wir sind immer noch erst ganz am Anfang des Stücks. So dicht ging es weiter. Nicht die ganze Zeit, und der 4. Akt hatte Längen, aber das muss so sein. Vierte Akte sind immer langweilig (ist mir bei Cyrano und Twelfth Night zum ersten Mal aufgefallen). Die haben sogar ein eigenes Wort dafür in der Dramentheorie: retardierendes Moment. Das kann also kein Versehen sein, das mit den langweiligen vierten Akten, sondern Absicht. Warum, weiß ich auch nicht. Als Ausnahmen fallen mir spontan ein: A Midsummer Night’s Dream – eigentlich nur vier Akte mit einem angehängten Spiel im Spiel – und The Merchant of Venice – vier Akte mit einer angehängten Gerichtsverhandlung.

Der Text des Stücks (Übersetzung von Thomas Brasch, bearbeitet von der Regisseurin Karin Henkel und Jeroen Versteele) wurde gekürzt. Das ist völlig in Ordnung. Immer wieder wurden Passagen dabei chorartig wiederholt, teilweise auf Deutsch und Englisch, nacheinander oder nebeneinander. Sprache war dabei ein lyrisches Stilmittel (und Shakespeare ist immer für schöne Bilder gut) neben anderen, visuellen Stilmitteln.
Ein Problem habe ich nur mit dem Verwenden eines Soundtracks. Gesang und live gespielte Instrumente (das gab es auch) finde ich legitime dramaturgische Mittel. Text- und Bildeinblendungen ebenso, auch wenn es die in diesem Stück nicht gab. Aber Filmmusik, sozusagen, da fühle ich mich nicht wohl dabei. Es ist ein effektives dramaturgisches Mittel, keine Frage. Aber zu effektiv für mich, glaube ich. Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, dass man einen selbst gedrehten Videofilm, gut oder schlecht, durch nichts so aufpeppen kann wie durch eine schöne Filmmusik im Hintergrund. Da ist sofort Spannung da, die Wertigkeit des Film steigt enorm. Text- und Bildeinblendungen haben diesen Effekt nicht. Jedenfalls mag ich Musikeinblendungen in Theateraufführungen nicht, die habe ich lieber unplugged, sozusagen,.

Wie sehen andere Theatergänger diese Inszenierung? Werden die bedeutungsschwangeren Pausen vermisst? Vielleicht wird die Inszenierung als bloße Unterhaltung gesehen. Das Stück wurde verhältnismäßig unkonventionell, aber vor allem unterhaltend inszeniert. Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, nach einer darüber hinaus gehenden Interpretation dieser speziellen Inszenierung, ist das in Ordnung?

Ein Wort noch zu den Clowns: In Shakespeare selber ist nur der Türsteher eine komische Figur, wenn ich mich richtig erinnere. Hier waren es auch die zwei bis drei gedungenen Mörder, die Banquo und seinen Sohn Fleance töten sollen. Toll, wie die Schauspieler aus den Rollen zuvor plötzlich in diese komische Einlage wechselten. Fans der englischen Radioserie „I’m Sorry I’ll Read That Again“ (ISIRTA, etwa 1964-1975) kennen etwas Ähnliches aus der Macbeth-Episode, die man etwa hier anhören und da herunterladen kann. (Der Macbeth-Sketch beginnt 15:15 die Mörder-Szene kommt ab 25:30.)

Mit Schülern habe ich Macbeth nie gelesen, war aber mal mit ihnen in einer Inszenierung und habe das Stück dazu kurz vorbereitet. Dazu habe ich die ISIRTA-Nummer vorgespielt, die tatsächlich einen guten Überblick über die Handlung gibt. Die Wortspiele und Anspielungen habe ich dazu herausgeschrieben, also setze ich die keinesfalls vollständige Liste mal hierher:

  • Titus Andronicus: tight (=dicht, betrunken) as Andronicus
  • Scene 1: (I’ve) seen one
  • blasted heath (karge Heide): blasted Heath (verdammter Heath, Prime Minister)
  • infernal Wilson (Prime Minister vor und nach Heath)
  • a foul night: fowl (Geflügel)
  • to lash (peitschen)
  • a terrible night to be abroad (unterwegs): …a broad (eine Frau)
  • I noticed a hollow (cave/hole in ground): …hullo (=hello)
  • double, double, toil and bubble (witches‘ song): melody of „twinkle, twinkle, little star“
  • hail, hail, hail (=Heil): hail (=Hagel)
  • Thane (Scottish title)
  • issue (=Nachkommenschaft) : Ring a Ring o‘ Roses: Kinderspiel/-lied, mit dreimal Niesen (hatch-u, hatch-u, hatch-u), gefolgt von der Zeile „all fall down“ (ein Relikt aus der Pestzeit)
  • throne (Thron): throne (Kloschüssel)
  • is this a dagger which I see before me (famous line)
  • the porter told (zählen/läuten – altertümlich) the bell: to tell (erzählen)
  • Lady Macbeth began wailing (weinen, klagen): …whaling (Walfangen)
  • Thar (=there) she blows: traditioneller Ruf bei Sichtung eines Wals
  • They brought in the corpse: …brought in the cops
  • traditioneller Polizistensatz: „Hello, hello, what’s all this here then?“
  • to crown (krönen): to crown (eins auf den Kopf geben)
  • he tore his hair… and stamped on his rabbit: …his hare (Hase)
  • to wash one’s hands: euphemism for going to the toilet
  • spot, damned spot (famous line)
  • you shall be king till Burnam wood shall come to Dunsinane (famous line)
  • stronghold (Festung): stronghold (Ringergriff)
  • bulwarks („Bollwerk“ – Zinnen oder so etwas…): bollocks (Hoden – aber anderes Register)

Und natürlich ist keine Macbeth-Behandlung vollständig ohne James Thurbers geniales „The Macbeth Murder Mystery“.

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One thought to “Macbeth in den Kammerspielen”

  1. Informationsdichte, die im Film und im Theater vermisst wird – wie schön! Das unterschreibe ich sofort.

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