Ingeborg Bachmann, Die Radiofamilie

Ein Geschenk von Frau Rau, weil sie mich kennt.

Wer hätte das von Ingeborg Bachmann gedacht? Schwerkalibrige Dichterin, ungemein ernsthaft und so. Sie hat wohl auch nicht gern darüber geredet, sogar verschwiegen, dass sie Anfang der 1950er Jahre populäres Radioprogramm geschrieben hat. Und das kam so: im Nachkriegsösterreich gab es den amerikanischen Besatzungssender Rot-Weiß-Rot. (Gegründet als Reaktion auf entsprechende russische Sender.) Der sollte für Amerika und amerikanische Werte werben, hatte einen Bildungs-/Propagandaauftrag. Eine der erfolgreichsten Sendungen des RWR (später vom Österreichischen Rundfunk übernommen) war die Radiofamilie Floriani.

Nun höre und sammle ich amerikanische Hörspiele der 1930er bis 1950er Jahre (old time radio). „Hörspiel“ klingt heute fast so verstaubt wie „Fensehspiel“, und es trifft es auch nicht genau: Hörsendungen, das war damals einfach das normale Radioprogramm, so wie heute Fernsehsendungen das normale Fernsehprogramm sind. Das war die Zeit vor dem Fernsehen und dessen ersten Jahren, bevor der rasante Siegeszeug des Fernsehers die alltägliche Radiokultur praktisch zum Erliegen gebracht hat.

Jedenfalls ist die Radiofamilie Floriani nach amerikanischem Vorbild entstanden; die vom Sender den Autoren (Jörg Mauthe, Peter Weiser und eben Ingeborg Bachmann) zur Verfügung gestellte Handbibliothek war:

mit einer Auswahl amerikanischer Standardwerke zum Verfassen von Radiosendungen („Radio Writing“) ausgestattet, darunter Anthologien amerikanischer Erfolgsprogramme und Anleitungen für den angehenden Rundfunkautor.
(Nachwort, Joseph McVeigh)

Das könnten so Serien gewesen sein wie The Great Gildersleeve, Father Knows Best. Nicht so viel Streit wie bei Bickersons, die Kindergeneration nicht so zentral wie bei der Aldrich Family, weniger auf einen albernen Vater zugeschnitten als
The Life of Riley. Die Radiofamilie Florianis ist weniger bissig als – zanzig Jahre später – die deutsche Serie Ein Herz und eien Seele um „Ekel Alfred“, die nach dem amerikanischen Vorbild All in the Family entstand, das wiederum auf dem britischen Till Death Us Do Part basiert.

Die Radiofamilie Floriani ist keine Soap Opera, das heißt – laut meiner Definition – es gibt keine fortlaufende Handlung, keine cliffhanger, jede Episode ist abgeschlossen. Die Personen bleiben gleich: Vater Hans (Justizrat) und Mutter Vilma, die Teenagertochter Helli und der jüngere Wolferl, Tante Helli und Onkel Guido, ein charmanter Tagträumer voller haarsträubender Erfolgspläne (und ehemaliges Parteimitglied). Das ganze ist tagesaktuell (Wahlen, displaced persons, Kunstaustellungen, Korruption) und heiter, aber noch keine echte sitcom. Aber lustig. Da würde ich auch heute nicht wegschalten, und im Fernsehen würde ich das abends lieber anschauen als CSI. Es ist erfreulich undramatisch, zurückhaltend, so ganz wenig weltbewegend. Eine Art Erzählerfigur erscheint gelegentlich am Anfang und Ende der Episoden – der Radiosprecher, der quasi mit dem Mikrofon in der Hand die Familie Floriani belauscht und schaut, was es dort Neues zu berichten gibt.

Wie relevant die von Bachmann verfassten Skripte (um die 16 Stück) für ihr Ouevre Oeuvre (mit laaangem oeu gesprochen) sind, weiß ich nicht. Sie hat wohl nicht viel darüber gesprochen; das Nachwort vom Herausgeber stellt die Texte als noch zu wenig erforschten Aspekt der artist as a young woman hin. Sollsein, sollsein, sollsein.

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