Münchens neuester Verkehrsteilnehmer

Das bin ich. Nach zehn oder mehr Jahren Pause habe ich jetzt wieder ein Fahrrad, gebraucht, über die Schwiegereltern. Mit Licht und Bremse und Klingel und einer komischen Mischform von Schaltungen – drei Gänge Torpedo-Schaltung, so wie früher, mit Rücktrittsbremse, und dazu noch einmal vier Gänge extra, mehr so modern, wie man das heute hat. Eiert hinten einen Tick, aber die Luft bleibt drin.

Gestern bin ich dann zum ersten Mal mit dem Rad zur Uni gefahren. Das macht Spaß. Ganz neue Zusammenhänge stellen sich heraus; so was alles nördlich und südlich von einander ist, hätte man nie gedacht. Fürs nächste Mal muss ich mir eine schönere Strecke heraussuchen, da muss es doch etwas durch den Englischen Garten geben. Mittags kenne ich den ohnehin, da radeln wir dann gerne mal durch zur Kantine des Landesamts für Finanzen. (Oder zum LaWi, Landwirtschaftsministerium. Dort heißt das aber “Kasino”.) Das ist übrigens auch alles Dienstzeit: Gestern ging es sehr um den Übergang von Gymnasium auf Universität, und was da alles nicht klappt.

Einführungsveranstaltung für das Lehramt Informatik

an der LMU. Da war ich heute. Zusammen mit einer Kollegin stellte ich den Studiengang Informatik für Gymnasium/Realschule vor. In einer Präsentation habe ich etwas übers Informatiklehrersein am Gymnasium erzählt – 50%-Chance, dass man Systembetreuer wird; schöne Kombinationen mit dem Zweitfach möglich; sehr kreatives Fach.

Dann erzählte die Kollegin etwas über die Realschule. Im Studium macht man fast das gleiche wie beim Gymnasium; in der Schule braucht man davon aber kaum etwas – anders als beim Gymnasium, wo man aus allen Bereichen zumindest die Grundlagen anwenden kann. Programmiert wird an der Realschule übrigens kaum.

Und zum Schluss, für die Studenten sicher am interessantesten, ging es um das Studium. Das Lehramtsstudium ist weiterhin ein Staatsexamen, kein Bachelor. Das heißt, die Note am Schluss kommt erst durchs Examen, nicht durch Klausuren während des ganzen Studiums. Benotete Klausuren gibt es allerdings schon. Bologna ist nicht spurlos am Staatsexamen vorbeigegangen; es gibt Module, die man in mehr oder weniger flexibler Folge erledigen muss, und dafür kriegt man dann Credits.

Eine Studentin stellte sich am Schluss als die Schwester einer Schülerin heraus, Abitur vor ein paar Jahren, die ich etliche Jahre unterrichtet habe. Kleine Welt.

– Danach ging’s in die Schule. Der Stundenplan will es dieses Jahr, dass ich mittwochs erst um 14 Uhr anfange, dafür bleibe ich bis viertel nach fünf. Luxuriös. Es mussten heute also gar keine Stunden ausfallen trotz meiner Abwesenheit. Mit der einen Klasse habe ich wieder Textadventures gemacht, durch technische Schwierigkeiten im Computerraum aufgelockert.

Und in der Tagesschau ging es darum, dass Algorithmen für automatisierten Börsenhandel öffentlich gemacht werden sollen. Habe ich mir gleich heruntergeladen für den Informatikunterricht. Und dabei gesehen, dass ein Fenster auf einem Computerschirm, das ganz toll technisch aussieht, voll mit Pings an 127.0.0.1 ist. Um, braucht man das auf so einem Rechner, oder ist das nur Show fürs Fernsehteam, damit es ordentlich blinkt?

Erste volle Schulwoche 2012

1. Erste Klassen

Machen netten Eindruck. Haben gleich nach Moodle-App gefragt. Gibt es kostenlos ab Moodle 2.1, aber Bayern wehrt sich noch gegen die 2 vor dem Komma. Eine Version, die mit dem Bayernmoodle läuft, kostet Geld, ich teste sie gerade; wirkt bisher etwas langsam, ist aber immer noch schöner anzusehen als die eigentliche Oberfläche.
Die Organisation des Wandertags hat die Klasse auch übernommen. Ziel (Bowling), Anrufen dort, Kosten, Abfahrt mit der S‑Bahn und Route.

2. Kleinere Lebensumstellung

Seit fünfzehn Jahren stehe ich an jedem Wochentag um sechs Uhr früh auf, um rechtzeitig in der Schule zu sein. Ich wohne nicht so ganz schulnah und nutze die S‑Bahn-Fahrt zum Lesen (hin) und Dösen (zurück). Natürlich hatte ich an manchen Tagen später Schule, aber deswegen verstellt man doch nicht seinen Wecker. Mein Leben ist schon so kompliziert genug.
Dieses Schuljahr verlangt mein Stundenplan nur an einem Tag von mir, früh in der Schule zu sein. An anderen komme und bleibe ich teilweise richtig spät. Also habe ich meinen Wecker auf sieben Uhr gestellt. Mal sehen, wie die Welt nach zehn Uhr abends aussieht.

3. Weiterentwicklung de Gymnasiums

Ab nächstem Schuljahr soll man am Ende der 8., 9. oder 10. Jahrgangsstufe entscheiden können, sie zu wiederholen. Das ist kein Durchfallen, sondern ein freiwilliges Flexibilisierungsjahr. Im zweiten Jahr kann man sich dann auch bestimmte Fächer konzentrieren und bis bis zu 6 (sechs) Stunden weniger Unterricht pro Woche haben. Wie ich das Kultusministerium kenne, gehören Religion, Sport und Geschichte zu den Fächern, die man dabei garantiert nicht abwählen darf – das ist aber nur meine Prognose.

Man kann auch gleich am Anfang des Schuljahrs sagen, dass man es in zwei Durchgängen durchlaufen will. Dann kann man gleich pro Durchgang 6 Stunden weniger nehmen.

Ein weitere Vorschlag ist die “Erhöhung der Wochenstundenzahl dreistündiger Kernfächer durch feste Zuordnung von Intensivierungsstunden”. Dabei bleiben die Intensivierungsstunden aber freiwillig, nehme ich an, und neuen Stoff darf man auch nicht durchnehmen.

4. Synergieeffekte

Die Tatsache, dass es in den Fächern Deutsch, Englisch und Latein/Französisch teilweise gemeinsame Inhalte gibt, war dem ISB vierzig Seiten pdf zu Synergieeffekten wert.

Es hat sich als hilfreich erwiesen, in allen Sprachfächern bei der Bestimmung der Wortarten und Satzglieder einheitliche Termini und Farbsymbole zu verwenden. Hier ein entsprechender Vorschlag zur Farbmarkierung bei den Satzgliedern:
Satzglieder:
Satzaussage (rot) Prädikat
Satzgegenstand (blau) Subjekt
Satzergänzung (grün) Objekt
Satzgliedteile (Attribute):
z. B. Genitivattribut, Adjektivattribut, Relativsatz (mit oranger Markierung)

Bei Adverbialen, dem wohl zweithäufigsten Satzglied, darf man wohl wählen. Das Prädikativ fehlt, wie so oft.

Mein Problem ist neben dieser utopischen Form des Mikromanagements eher das, dass ich mich ja jetzt schon nicht darauf verlassen kann, dass Schüler die Vorjahresinhalte in meinem eigenen Fach beherrschen – teils aufgrund ihrer eigenen Schuld, teils auch nicht. “Nur das prüfen, was man im Unterricht gemacht hat,” heißt es immer wieder. Den Wunsch verstehe ich. Allerdings schließt man damit die vielen Kenntnisse und Fähigkeiten aus, die Schüler außerhalb der Schule erworben habe, und das ist tatsächlich eine Menge, wenn auch ungleich verteilt. Kann ich dann prüfen oder voraussetzen, was im Vorjahr gemacht wurde? (Oder eben auch nicht.)

Alles über: die Abiturstatistik

Im Sommer kriegen die bayerischen Gymnasien immer die Statistik über die Durchschnittsnoten der Abiturprüfungen, sortiert nach verschiedenen Kriterien. Die Schulen werden dabei gebeten, vor allem auf drei Dinge zu achten:

  • Ist der Unterschied zwischen den Semestern der Jahrgangsstufen 11/12 und den Abiturnoten auch nicht zu groß, jeweils an der eigenen Schule?
  • Ist der Unterschied zwischen den Abiturnoten an der eigenen Schule und dem bayerischen Durchschnitt auch nicht zu groß?
  • Ist die Note zwischen dem bayerischen Abiturdurchschnitt und den eigenen Noten in 11/12 nicht zu groß?

Ab mehr als 5 Leuten in einer Prüfung sind zu große Abweichungen zu thematisieren. Das war schon immer so, auch im G9. Die Anweisung dazu erfolgt automatisch. Wenn in einem Fach die Abiturnoten deutlich schlechter oder besser sind als im Rest von Bayern, dann kann man schon mal darüber reden. Wenn in einem Fach das Abitur um eine ganze halbe Note besser ist als die Halbjahresleistungen in den Jahren zuvor, dann auch. Außer, wenn das in ganz Bayern so ist – dann müsste das Kultusministerium mal darüber nachdenken.

Eine Ursache für eventuelle Diskrepanzen: Die Halbjahresleistungen setzen sich etwa in Mathematik und Deutsch aus kleinen Noten, die überwiegend mündlich sind, und schriftlichen Leistungen zusammen. Das Abitur ist nur schriftlich. Und da in der Oberstufe G8 die kleinen Noten ebenso viel zählen wie die großen, zählen die mündlichen Noten mehr als im G8. Das wird als zeitgemäß begrüßt, aber ich vermute, der Gruß gilt eher der Tatsache, dass die Gesamtnoten dadurch besser werden. Denn mündliche Noten sind tendenziell besser als schriftliche, etwas, über das sich noch nie jemand beschwert hat, das sich pädagogisch aber kaum begründen lässt.

So richtig aussagekräftig ist dieser Grenzwert des Notenunterschieds aus G9-Zeiten also nicht mehr. Er müsste ans G8 angepasst werden; man könnte auch unterscheiden zwischen Fächern, in denen alle oder viele Schüler Abitur ablegen (Deutsch, Mathe, English) und Fächern, für die man sich bewusst entscheidet (Informatik, Biologie, Chemie). Ich glaube auch nicht, dass diese Zahlen in den Schulen besonders ernst genommen werden.

Gerne würde ich die Zahlen der letzten Jahre vergleichen und schauen, ob sich bestimmte Muster ergeben. Leider finde ich die Statistik nirgendwo öffentlich. Wenn ich in England im August Urlaub mache, stehen dort die landesweiten Ergebnisse der A‑Levels (das englische Äquivalent zum Abitur) detailliert in den Tageszeitungen, nach den einzelnen Fächern aufgeschlüsselt. Bei uns ist das eher nur für den Dienstgebrauch.

Schulanfang 2012, und Personalausflug

Ich habe die Sommerferien 2012 sehr genossen, habe viel gearbeitet und viel Zeit gehabt. Das mit der Zeit hat dann schlagartig mit dem ersten Arbeitstag aufgehört. Lange Konferenzen (die, sagen wir, nicht alle so lange zu sein hätten brauchen) ein langer Tag an der Uni, abends war ich erschöpft. Die Schüler waren aber nett, auch wenn ich bisher nur eine Klasse getroffen habe. Die neuen Kollegen sind fotographiert und kleben schon an der Wand neben den alten; der Sitzplan mit den Fotos meiner Klasse ist eingescannt und an die Kollegen verteilt. Gestern war dann nach dem Unterricht der Personalausflug des Kollegiums. Wandern an der Donau, Kaffee und Kuchen im Weltenburger Kloster, später gemeinsames Abendessen – eigentlich war der Tag voll genug und ich wäre lieber noch länger im Biergarten der Klosterbrauerei gesessen und dafür früher zum Abendessen gefahren. Aber dazwischen gab es noch einen Programmpunkt, und der war dann interessanter, als ich es ursprünglich gedacht hätte.

Wir waren in der Weißbierbrauerei Kuchlbauer in Abensberg. Dort gibt es nicht nur – laut Führung – die Originalbar aus Casablanca, sondern auch die größte Weißbierglassammlung der Welt. Und die Brauerei ist nach Entwürfen von Hundertwasser umgebaut, und es steht ein Hundertwasser-Turm daneben, mit Museum darin. Und daneben ein zweiter Turm. Im Kellergewölbe eine lebensgroße Reproduktion von Leonardos letztem Abendmal, zusammen mit einem Video über dessen Entschlüsselung durch Leonhard Sallek, den Chef der Brauerei. Überhaupt, sehr viele Videos und bewegte Zwerge, die Geschichten über das Geheimnis der Braukunst ausplaudern. Und eine Spiegelkammer, ganz dunkel mit weißen Lichtern, so dass man sich unterm Sternenhimmel wähnt. Das hört alles gar nicht mehr auf.

Kitschig? Klar. Aber nicht kitschiger, als Hundertwasser eh ist. Hundertwasser an sich interessiert mich nicht sehr. Die Platzierung mitten im bayerischen Abensberg macht das Gebäude natürlich ein wenig interessanter. Richtig imponiert mir aber, wie sich der Hausherr reinstürzt in den Kitsch, in New Age, in animierte Zwerge wie in Disneyworld, und das mit einem Familienmuseum kombiniert. Das nächste Mal kann man ja überlegen, ob man dem ausländischen Besuch eher so eine typisch deutsche Brauerei zeigt als Neuschwanstein.

(Zur Weihnachtszeit mit Außenbeleuchtung.)

Bildungsumfrage 2012 – was wollen die Eltern?

Im Januar 2012 hat das Meinungsforschungsinstitut Emnid im Auftrag des Versandhandelgeschäfts Jako‑o (Kindermode, Spielwaren und Accessoires) zum zweiten Mal eine Umfrage durchgeführt dazu, was sich Eltern schulpflichtiger Kinder – also bis 16 Jahre – von der Schule wünschen und inwiefern sie glauben, dass das bereits verwirklicht ist. Das Fazit: “Unser Schulsystem ist immer noch weit von den Wünschen und Vorstellungen der Eltern entfernt,” auch wenn es sich im Vergleich zum Jahr 2010 schon genähert hat. Die Geschäftsleitung wird weiter machen:

Ich verspreche Ihnen: JAKO‑O wird nicht locker lassen. […] Vor allem, weil Familien unsere Kunden sind, für die wir uns einsetzen und denen wir […] eine Stimme geben wollen.

Wie sehen Eltern die Schule also? Unter anderem wurden ihnen folgende bildungspolitische Ziele vorgesetzt; “sehr wichtig” war ihnen dabei:

  • dass viel Wert auf soziales Verhalten gelegt wird: 84%
  • dass umfassende Allgemeinbildung vermittelt wird: 80%
  • dass lernschwache Schüler besser gefördert werden: 79%
  • dass besonders Begabte besonders gefördert werden: 52%
  • dass die Schule berufsbezogen ausbildet: 44%
  • dass Leistung im Vordergrund steht: 28%

Leider habe ich nirgendwo gefunden, wie viele Optionen die Befragten außer “sehr wichtig” hatten. Vielleicht “wichtig”, “nicht so wichtig” und “unwichtig”?

Warum ist es mehr Leuten sehr wichtig, lernschwache Schüler zu fördern, als Begabte? Möglicherweise halten sie einen Mindestgrad an Bildung, der durch die Schule vermittelt werden soll, für essenziell. Und da ist es eben wichtiger, dass möglichst alle zumindest dieses Minimum mitkriegen. Um das eigene Kind scheint es nicht zu gehen: Immerhin halten 76% der Befragten ihr Kind für gerade richtig gefordert, 7% halten es für eher überfordert, 15% für eher unterfordert. Könnte man auch eine Schlagzeile machen: “Doppelt vo viel Eltern halten ihr Kind für unterfordert wie überfordert.”

Vielleicht käme etwas anderes heraus, wenn man fragte: “Sollte die Schule ihre begrenzten bisherigen Ressourcen umverteilen, um mehr lernschwache Schüler zu fördern, oder mehr begabte?”

Dass “Leistung im Vordergrund steht” ist eine komische Formulierung für ein bildungspolitisches Ziel. Es überrascht mich nicht, dass das nicht gut abschneidet. Ich weiß auch nicht genau, was sich die Befragten oder Fragesteller darunter vorstellen.

Tatsächlich glauben Eltern allerdings, das folgende Ziele von den Schulen verwirklicht werden, und zwar “sehr stark” oder “eher stark”:

  • dass Leistung im Vordergrund steht: 74%
  • dass viel Wert auf soziales Verhalten gelegt wird: 44%
  • dass besonders Begabte besonders gefördert werden: 44%
  • dass umfassende Allgemeinbildung vermittelt wird: 43%
  • dass die Schule berufsbezogen ausbildet: 30%
  • dass lernschwache Schüler besser gefördert werden: 29%

Ich bin sicher nicht der einzige, dem aufgefallen ist, dass hier zwei Antwortkategorien zu einer einzelnen Prozentangabe vermengt wurden. Wie viele Optionen gab es hier wohl? Und wäre es nicht besser, dann auch bei der ersten Statistik zwei Antwortkategorien zusammenzufassen?

Dass Leistung im Vordergrund steht, glauben viele Eltern also. Ist vielleicht auch so. Aber dass Begabte mehr gefördert werden als lernschwache Schüler? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Aus dieser Übersicht kann man die Ergebnisse etwas besser ablesen, auch ist bei der Verwirklichung nur “sehr stark” eingetragen:

Weitere Zahlen:

63% erarbeiten mit dem Kind zu Hause die Lerninhalte. Ebenso viele geben an, dass die Kinder in der Regel allein zurechtkommen, also keine Hilfe durch Geschwister oder Nachhilfe brauchen.
31% engagieren sich in der Elternvertretung. (So viele?)
60% beklagen, dass sie viele der Aufgaben übernehmen müssen, die sie eigentlich bei den Schulen sehen. (Bei den Müttern deutlich mehr als bei den Vätern.)

Konkret sehen die Befragten die Zuständigkeit für bestimmte Ziele (wenn auch andere als oben) so verteilt:

Für die wenigsten Sache ist die Schule allein zuständig, das meiste ist Aufgabe von Eltern und Lehrern. Eher bei sich sehen Eltern das Recht oder die Pflicht der Erziehung zu Pünktlichkeit und Höflichkeit

Bei der Umfrage waren mehr als zwei Drittel Mütter, der Rest Väter. Die Antworten wurden unter anderem nach Bundesland, Schulbildung, Alleinerziehung unterschiedlich gewichtet, damit das Ergebnis repräsentativ für die ganze Bundesrepublik ist.

Weiter Fragen betrafen das G9 (Eltern sind dagegen) und Inklusion. Zu letztere schreibe ich nichts, weil das an meiner Schule noch in sehr weiter Ferne liegt.

Fazit: Weiß nicht. Gegen das G9, gegen Leistungsprinzip. Was auch immer das letzte heißen soll. Ansonsten wenig Dramatisches oder Überraschendes, finde ich. Ich hätte konkretere Fragen bevorzugt.

Quelle für alle Daten und Grafiken: Jako‑o Pressemappe zur Emnid-Umfrage

Letzte Eichhörnchen vor dem Schulanfang

Wieder mal Blick aus dem heimischen Fenster. Wir rätseln noch, was die Eichhörnchen da so knabbern, weil der Baum, von dem sie sich bedienen, so gar nicht nach Walnuss aussieht. Wird aber wohl eine Art Walnussbaum sein.

Nachtrag: Na gut, eines habe ich doch noch, das das Eichhörnchen in all seiner wilden Kühnheit zeigt.

Zwischen den Zeilen schreiben (2)

(Fortsetzung von hier. Es geht immer noch darum, welche Geschichten man zu anderen Geschichten erzählen kann.)

6. Begriffsklärungen

Fortsetzungen von eigener und fremder Hand gibt es schon seit langer Zeit. (Rechercheauftrag für später: Mal zusammenstellen.) Eine Fortsetzung nimmt die Geschichte oder das Personal des ersten Teils wieder auf und erzählt, wie es mit ihnen weitergeht. Fortsetzungen können bald nach dem Ausgangstext erscheinen oder viel später. Fortsetzungen zu Pride and Prejudice gibt es in Hülle und Fülle.

Prequels sind ebenfalls Texte, die nach einem gegebenen Text geschrieben werden, aber zeitlich davor spielen. Sie können dazu dienen, ein neues Licht auf den ursprünglichen Text zu werfen, etwa wenn Jean Rhys in Wide Sargasso Sea die Vorgeschichte zu Jane Eyre erzählt und dadurch Rochesters Frau, der madwoman in the attic, ein Gesicht verleiht. Sequels und Prequels sind die erzählerische Form der fiktiven Biographie aus dem ersten Teil dieses Blogeintrags.

Nur aus Prequels besteht eine Fernsehserie wie Die Abenteuer des jungen Indiana Jones: Darin geht es um Geschichten, die zur Jugendzeit Indys spielen, also lange vor Jäger des verlorenen Schatzes. Der Reiz dabei ist weniger die Beziehung zum Urfilm, sondern der der Einbettung in historische Fakten. Ähnlich wie Flashman trifft der junge Indiana auf viele Personen der Weltgeschichte und ist bei vielen bedeutenden Ereignissen anwesend oder sogar ihr Auslöser.

Ist die vielleicht früher entstandene Ilias ein Prequel zur Odyssee? Das würde ich nicht sagen, ebenso wenig wie ich die Telegonie eine Fortsetzung davon nennen würde – die Telegonie ist ein verschollenes Epos um Kirkes und Odysseus’ Sohn Telegonos. (Bringt seinen Vater um, heiratet seine Mutter; Telemach heiratet Kirke.) Prequel wie für Sequel beziehen sich auf einen konkreten Urtext als Vorlage, und bei Geschichten aus mündlicher Tradition, wozu ich Odyssee und Ilias rechne, gibt es den Gedanken eines originalen, korrekten Urtexts noch nicht, sondern nur gleichberechtigte Varianten gemeinsamen Erzählguts.

Eine Serie unterscheidet sich von der Fortsetzung mindestens dadurch, dass sie auf eine größere Zahl von Geschichten ausgelegt ist. Es gibt Serien mit fortlaufender Handlung (typisch: Lindenstraße) und Serien mit abgeschlossenen Episoden (typisch: Simpsons). Bei den ersten ist Continuity noch wichtiger als bei den zweiten. Interessant an Serien finde ich, dass es dabei möglich ist, auf Rückmeldungen der Rezipienten einzugehen.

Ein Crossover liegt vor, wenn Figuren aus einer gegebenen Geschichte in einer neuen Geschichte auftauchen. Zum Beispiel gibt es eine Episode der Fernsehserie Mord ist ihr Hobby mit der Detektivin Jessica Fletcher, in der auch Magnum aus der gleichnamigen Detektivserie auftaucht. Crossovers gibt es in Hülle und Fülle, zwischen Lovecraft und Wodehouse, zwischen Lovecraft und Sherlock Holmes (etwa in Shadows over Baker Street, herausgegeben von Michael Reaves und John Pelan, einer ganzen Anthologie zum Thema), zwischen Sherlock Holmes und Flashman (Flashman and the Tiger)

Mischformen gibt es sicher auch. Ist Joseph Andrews von Henry Fielding eine Fortsetzung von Samuel Richardsons Pamela, oder ein Crossover? Andrews ist der Bruder von Pamela, aber die Romane haben kaum etwas miteinander zu tun. Möglicherweise ist das nur ein Fall einer geteilten Welt.

Geteilte Welten: Manchmal sind es nur Andeutungen, dass eine Geschichte in derselben Welt spielt wie eine andere. “Castle Rock” heißt ein Ort, der in vielen Geschichten von Stephen King auftaucht, ohne dass diese Geschichten sonst viel miteinander zu tun hätten. Eine Vorstufe dazu ist “Beachings Over”, ein Ortsname, der in mehreren Romanen von James Hilton auftaucht, aber immer für verschiedene Orte steht. (Übrigens wird auch Hiltons Mr Chips in seinem Roman Time and Time Again kurz erwähnt.) Das fiktive Ruritanien aus The Prisoner of Zenda von Anthony Hope taucht ebenfalls in vielen Geschichten anderer Autoren auf, nicht zuletzt in Nicholas Meyers The Seven-Per-Cent Solution, von dem wir schon sprachen. Und in vielen Filmen von John Landis taucht ein Kinoplakat auf, das für einen Film “See You Next Wednesday” wirbt – unter anderem in Kentucky Fried Movie, Blues Brothers und dem Video zu Michael Jacksons “Thriller”.

Geteilte Welten sind in Superhelden-Comics heute gang und gäbe. Dabei war das keinesfalls selbstverständlich, und im Kino leben auch heute noch, von den letzten Marvel-Filmen mit The Avengers als Höhepunkt abgesehen, die Helden jeweils in ihrer eigenen Welt.

Retcon: Jetzt geht es ans Eingemachte. Continuity ist ein Begriff aus der Filmsprache. Wenn in der einen Einstellung eine Taschenlampe in der linken Hand hält und in der folgenden Einstellung – die aber zur gleichen Szene gehört und unmittelbar anschließt – die Taschenlampe in der rechten Hand, dann ist das ein Continuity-Fehler. (In Graf Dracula auf Schreckenstein wurde mir das anhand von Zigaretten erklärt, so gegen Ende der 1970er Jahre.) Solche Fehler gibt es im Film oft, weil die Reihenfolge der Aufnahme von Einstellungen eines Film oft wenig mit der Reihenfolge zu tun hat, in der sie später der Zuschauer sieht.

Auch bei Serien geht es um Continuity. Wenn eine Person in der einen Episode “Peter Parker” heißt und in der nächsten Episode “Peter Palmer”, dann ist das ein Fehler. Je länger eine Serie läuft, desto leichter ist es, solche Fehler zu machen, und wir habe viele Serien mit vierzig und mehr Jahren Geschichte auf dem Buckel.

Retroactive continuity, kurz retcon, nennt man es, wenn man in einer neuen Geschichte rückwirkend eine andere Geschichte umdeutet (aber nicht neu schreibt), so dass die Ereignisse dort eine andere Bedeutung gewinnen als in der ursprünglichen Lesart. Professor X ist in Heft 42 gestorben? Ein paar Hefte stellt sich heraus: nein, das war in Wirklichkeit ein Doppelgänger gewesen, der seinen Platz eingenommen hat, und der ist gestorben. Gerade in der Welt der Superheldencomics sind retcons weit verbreitet – in den ersten paar Jahrzehnten waren sie noch originell, aber inzwischen sind sie sehr lästig. Gute retcons können dagegen alte Geschichten in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Als Peter Parker 1973 seinen bösen Klon besiegte und tot liegen ließ, ahnte keiner, dass sich 1993 herausstellen würde, dass der Klon a) gar nicht tot war, b) gar nicht so böse war, sondern nur verwirrt, und c) damals der Klon gewonnen hatte und wir seitdem dessen Abenteuer verfolgt hatten. Der echte Peter Parker hatte verletzt überlebt und sich seitdem anderswo herumgetrieben. Aufregend! Nur dass das mit dem Verwechselspiel so oft hin und her ging, bis die Leser es gründlich satt hatten. Der leere Platz zwischen den einzelnen Panels, den Bildchen, im Comic heißt gutter, und dort ist jedenfalls Platz für viele Geschichten.

Eine Miniform des retcon ist der früher von Marvel an aufmerksame Leser verteilte No-Prize. Um einen solchen Preis zu bekommen, musste man einen (üblicherweise: Continuity-)Fehler im Heft entdecken, und mit einer auch noch so hanebüchenen Geschichte wegerklären.

Ein virtuelles retcon gibt es in The Magicians von Lev Grossman (Blogeintrag). In diesem Buch gibt es eine Reihe von Romanen um die Märchenwelt Fillory, die für die realen Narnia-Bücher von C. S. Lewis stehen. In Band 2 der Fillory-Serie, The Girl Who Told Time kämpfen die Kinder Martin und Fiona gegen Watcherwoman, und in einem späteren Band stellt sich heraus, dass ihnen Rupert dabei geholfen hat, ohne dass sie – oder die Leser des zweiten Bandes – das gemerkt hätten.

Der antike Geschichtsschreiber Herodot zitiert in seinem 2. Buch (Abschnitt 113–116) ägyptische Gelehrte, nach denen Helena tatsächlich nie in Troja war, sondern die Zeit des Trojanischen Krieges in Ägypten verbracht hat. Herodot findet Anzeichen in der Ilias, dass auch Homer von dieser Version gehört hat. Geschichtsklitterung, Geschichtsschreibung oder retcon? (Memo: Später mal einen Blogeintrag schreiben zu Hesiods Theogonie als frühem Beispiel für retcon, und Hesiod selber mit Roy Thomas vergleichen, der auch verschiedene Einzelgeschichten zu einem gemeinsamen Erzählstrang verband.) Das Stück Helena von Euripides greift diese Version auf, laut ihm war die Helena, die in Troja war, nur ein von den Göttern erzeugtes Abbild. Um… wie war das mit den Klonen nochmal?

Bei den meisten retcons spielt die neue Geschichte später und nur bestimmte Elemente der Vergangenheit werden umgedeutet. Manchmal spielen aber die ganze neue Geschichte oder wesentliche Teile davon in der Vergangenheit. Das ist dann keine Vorgeschichte, da es nicht vor dem Ausgangstext spielt. Es ist auch keine Fortsetzung, da es nicht danach spielt. Es spielt währenddessen. Ich nenne so etwas mal “Einsetzung”.

7. Einsetzungen

Beweisstück L: Rosencrantz und Güldenstern sind tot

Das Tom-Stoppard-Stück nimmt zwei Nebenfiguren aus Hamlet, gibt ihnen eine Hintergrundgeschichte und eigene Pläne und zeigt, was sie unternehmen, während sie im Originalstück offstage sind. Die Originalgeschichte wird dabei belassen, so wie es auch bei der Thurber-Macbeth-Geschichte war, mit der alles begonnen hat. Auch Das echte Log des Phileas Fogg, unser zweiter Ausgangspunkt, gehört hierher.

Beweisstück M: Gertrude und Claudius

Zugegeben, das ist tatsächlich mehr eine Vorgeschichte als eine Einsetzung, da der Roman von John Updike mit dem Beginn von Hamlet endet. Es deutet allerdings noch radikaler das Geschehen der Shakespeare-Handlung um. (Blogeintrag dazu.)

Beweisstück N: Zurück in die Zukunft

Auch das gehört eher zu retcon als hierher. Aber hier habe ich nun mal die schönen Beispiele versammelt. In Back to the Future spielt Marty McFly auf der Bühne “Johnny B. Goode”, während der Schurke des Films ihn sucht. In der Fortsetzung Back to the Future II reist Marty McFly wieder in die Vergangenheit und klettert, während sein jüngeres Ich auf der Bühne steht, im Hintergrund herum und prügelt sich mit dem Schurken, der ihn mit der anderen Version seiner selbst verwechselt.

Beweisstück O: Die Wahrheit über Hänsel und Gretel

Die Fakten von Hänsel und Gretel, wie wir sie kennen, bleiben bestehen – am Schluss hat man zwei lachende Kinder und eine tote alte Frau. Hans Traxler deckt auf, was damals wirklich geschah.

Beweisstück P: Trials and Tribble-Ations

Das ist eine der interessantesten Folgen der Serie Deep Space 9. Der Hintergrund: Es gibt eine Episode von Star Trek (der alten Serie), in der sich die Crew der Enterprise auf einer Raumstation befindet, die von süßen kleinen pelzigen Wesen überrannt zu werden droht. “The Trouble with Tribbles” heißt die Episode, ein Klassiker, ein wenig albern. Auf der Raumstation gibt es einen Händler, der die süßen kleinen pelzigen Wesen als Spielzeug verkauft; man trifft sich auf neutralem Gebiet (der Bar) mit bösen Klingonen; es geht um eine Ladung Weizen, die in Gefahr ist, von den sich rasant vermehrenden Tribbles aufgefressen zu werden. In der neuen Episode, Jahrzehnte danach gedreht, reist eine Abordnung der Deep Space 9 zurück in der Zeit auf diese alte Raumstation und sieht Captain Kirk und die Klingonen und die Handlung von damals, bleibt natürlich immer im Hintergrund, um den ursprünglichen Lauf der Geschichte nicht zu verändern. Szenen aus der alten Fernsehserie sind in die neue hineingeschnitten, Figuren hineinkopiert. Eine erweiterte Form des Marty-McFly-Modells von oben, schön gemacht.

Beweisstück Q: Dracula in London

In Kapitel 16 von Bram Stokers Dracula verbringt die Titelfigur eine Woche in London. Was hat sie während dieser Woche noch alles getrieben, während Van Helsing hinter ihr her war? Diese Antholgie versammelt Kurzgeschichten, die genau darauf Antwort geben.

Beweisstück R: Suspects

Eine komische Geschichte, das. Ich zitiere mal aus einem alten Blogeintrag von mir:

[Suspects] besteht aus über 80 kurzen (2–3 Seiten langen) biographischen Einträgen, etwa zu Ilsa Lund (Ingrid Bergman in Casablanca), zu Casper Gutman (Sydney Greenstreet in The Maltese Falcon), Gilda Farrell (Rita Hayworth in Gilda). Harry Lime, Norman Bates, Susan Alexander Kane, und vielen anderen mehr.
Man erfährt Dinge aus der Vergangenheit dieser Filmcharaktere, erfährt, wie es mit ihnen nach Ende des Films weiter gegangen ist. Manchmal sind die Filme nur Episoden aus einem weit abenteurlicheren Leben. Für Rick Blaine (Humphrey Bogart in Casablanca) war das Café Americain nur eine Station von vielen.
Manchmal erfährt man Einzelheiten, die einen den Film in ganz anderem, teilweise düstereren Licht sehen lassen. Die Interpretationen aus Suspects (denn das sind sie letztlich) kann ich nicht mehr ignorieren, wenn ich Gilda oder Touch of Evil sehe.
Nach und nach stellt sich in Suspects heraus, dass viele der Charaktere sich kannten oder miteinander verwandt sind. Noah Cross (John Huston in Chinatown) und Norma Desmond (Gloria Swanson in Sunset Boulevard) kannten sich in den 20er Jahren, waren befreundet mit den Sternwoods aus The Big Sleep.
Was zuerst wie eine literarische Spielerei erscheint, bekommt Funktion: Irgendwann merkt man beim Lesen, dass diese Biographien von einem Erzähler verfasst werden, einer Person, die viele der Charaktere kannte, und die einen Grund hat, diese Geschichten zu erzählen. Düsterer, als ich es mir gewünscht hätte, aber trotzdem ein schönes, interessantes Buch – vielleicht sogar ein Roman.

Einen Stammbaum, ganz wie bei den Biographien von Philip José Farmer, gibt es natürlich auch.

- Einen unvollständigen Überblick über Fortsetzungen, Vorgeschichten, Einsetzungen, Retcons geben die Seiten zu External Retcons bei TV Tropes und Parallel Novels bei Wikipedia.

8. Finale: Zurück zum Krimi

Dieser Aufsatz über das Füllen von Lücken begann mit einem Krimi. Und immer wieder tauchten Krimis auf, Hamlet und Hänsel und Gretel eingeschlossen. Warum gehören so viele meiner Beispiele zu dieser Gattung? Das mag einfaches selection bias sein, weil ich möglicherweise überproportional viele Krimis kenne. Vielleicht gibt es aber auch einen weiteren Grund, den ich jetzt erläutern möchte.

Philip José Farmer spricht in seinem Vorrede zum Echten Log des Phileas Fogg, die ich diesem Aufsatz als Motto vorangestellt habe, davon, dass es in ein und demselben Roman nicht nur “die äußere, die offensichtliche” Geschichte gibt, sondern eine weitere, die “esoterisch, im Verborgenen angesiedelt” ist. Ich behaupte, dass das für traditionelle Krimis geradezu typisch ist. Es gibt in ihnen die äußere, exoterische Geschichte, die dem Leser anhand von Fakten verkauft wird: Als die Uhr zehn schlägt, ertönt die erregte Stimme von Oberst von Gatow aus einem verschlossenen Zimmer; eine Reihe von Zeugen bricht die verschlossene Tür auf und finden darin seine erstochene Leiche; es gibt keine Ausgänge aus dem Zimmer. Am Schluss des Krimis deckt der Ermittler die esoterische, verborgene, innere Geschichte auf: Es war gar nicht zehn (die Uhr war verstellt), Oberst von Gatow war schon tot (die Stimme kam von einer Schallplatte), die Tür wurde vom ersten der Zeugen – der die Tat begangen hatte – erst verschlossen, bevor sie aufgebrochen wurde, und überhaupt war Oberst von Gatow gar nicht Oberst von Gatow, sondern ein Doppelgänger. Ganz schlimm treibt das A. A. Milne in The Red House Mystery (Wikipedia), das Raymond Chandler in “The Simple Art of Murder” auseinandernimmt, mit Zwillingsbrüdern, die heimlich die Rollen tauschen – Superheldencomics können kaum abstruser sein. Krimis dieser Art bestehen gerade aus ihrem eigenen Retcon. Dafür habe ich hier einige schöne Beispiele.

Beweisstück S: Der Detection Club

Der Detection Club (Wikipedia) ist eine seit 1930 existierende Vereinigung von meist englischen Krimiautoren, zu den Gründungsmitgliedern gehören Agatha Christie und Dorothy L. Sayers. Bald nach der Gründung erschienen zwei literarische Experimente dieser Gruppe.

In Ask a Policeman (1933) gibt ein Spieler, John Rhode, auf knapp siebzig Seiten eine Situation vor: Tatort, gezeichnete Karte dazu, Mord, Verdächtige, Hinweise, und das natürlich ordentlich rätselhaft. Vier weitere Spieler (darunter Dorothy L. Sayers) schreiben unabhängig voneinander eine Lösung des Falles, die zu den gegebenen Fakten passt. Natürlich spinnen sie dazu die Geschichte weiter beziehungsweise decken Elemente der verborgenen Handlung auf. Zum Schluss gibt es eine fünfte Lösung, deren Autor im Gegensatz zu den anderen alle Texte kennt, und in der versucht wird, alle vier konkurrierenden Varianten zu vereinigen und eine fünfte Lösung (die der Polizei) zu präsentieren. Notgedrungen werden dabei nicht alle Widersprüche zwischen den vorherigen Einzellösungen aufgelöst. Insgesamt ist das Buch als Experiment interessant, als Roman äußerst unrund und die minutengenauen Aufzählungen, wer wann wo gewesen sein muss, sind ein Grund dafür, warum diese Art Krimis nervt.

The Floating Admiral (1931) geht etwas anders vor, für uns hier nicht ganz so interessant. Wieder gibt es ein erstes Kapitel, das einen Fall präsentiert. Ein zweiter Autor schreibt die Geschichte weiter, präsentiert aber noch keine Lösung, sondern macht die Geschichte nur etwas komplizierter. In einem verschlossenen Umschlag hinterlässt er seine eigene Lösung. Der dritte Autor kriegt die beiden vorhergehenden Texte zu lesen und hinterlässt wieder eine Lösung im verschlossenen Umschlag. Und das geht weiter bis zu einem zwölften Kapitel. Anders als bei Ask a Policeman gibt es also eine fortlaufende Handlung, und im Anhang sind die elf vorläufigen Lösungsvorschläge (die aus den verschlossenen Umschlägen) der ersten elf Autoren abgedruckt. Auch wieder mit minutengenauen Aufzählungen.

Beweisstück T: Die Wahrheit über den Fall D.

Dieser Krimi von Fruttero & Lucentini enthält den Text des letzten, unvollendeten Roman von Charles Dickens, The Mystery of Edwin Drood, möglicherweise ein Krimi, da Drood unter mysteriösen Umständen verschwindet. Nach Dickens hat es viele Erzählungen gegeben, die versuchen, das Geheimnis um Edwin Drood zu lösen. In Die Wahrheit über den Fall D. geht es um einen Kongress (mit den Teilnehmern: Sherlock Holmes, Hercule Poirot, Nero Wolfe, Maigret, Philip Marlowe und anderen), auf dem eben das versucht wird. Es stellt sich am Schluss heraus, dass der Roman tatsächlich ein Schlüsselroman ist, in dem Dickens Geheimnisse über eine Person der Zeitgeschichte zu verraten im Begriff ist – und eben von genau dieser umgebracht wird. Der Fall D. ist also auch der Fall Dickens.

Beweisstück U: Ein Fall für drei Detektive

Das ist vermutlich mein Hauptzeuge. Dieser Krimi von 1936 enthält die klassische Ausgangssituation vom Mord im verschlossenen Zimmer in einem englischen Landhaus. Der Landpolizist ermittelt, aber die Stars sind die drei privaten Ermittler, dünn verschleierte Versionen von Lord Peter Wimsey, Hercule Poirot und Pater Brown. Anders als bei den Experimenten des Detection Club ist das hier aber ein Roman aus der Hand eines Autors und damit wesentlich angenehmer zu lesen; die Wege der Detektive überkreuzen sich, es gibt keine separaten Kapitel. Zum Finale sind, wie es so üblich ist, alle Zeugen im Wohnzimmer versammelt und der erste Detektiv erklärt den Anwesenden, wie die scheinbar unmögliche Ausgangssituation aufzulösen ist. Nur dass danach der zweite aufsteht und seine eigene, abweichende Version präsentiert. Danach der dritte. Und alle Versionen passen zu den Fakten, zu der exoterischen (äußeren) Geschichte! Am Schluss war es dann übrigens die vierte Version, die des schlichten, methodisch arbeitenden Dorfpolizisten.

9. Nachspiel

Exoterische und esoterische, äußere und innere Geschichten gibt es natürlich nicht nur im Krimi. Rashomon-Geschichten (Blogeintrag) bestehen aus konkurrierenden Versionen zu gegebenen Fakten; bei TV Tropes gibt es eine umfangreiche Sammlung davon. Typischerweise ist dort aber keine Version als die tatsächliche festgelegt; der Rezipient muss damit leben, dass es keine Instanz gibt, die eine Version als die wahre bestimmt.

– So, das war’s. Tippfehler werden nach und nach verbessert. Ab jetzt gibt es erst mal wieder nur Blogeinträge zur Schule. Bald fängt sie ja auch in Bayern wieder an.

Notizzettel für Nachträge zum späteren Einbau: Glosse (Gedichtform, Wikipedia); Faltbilder im Mad-Magazin

Nachtrag 2018: Robert Graves, Homer’s Daughter möchte ich auch noch hier einreihen. (Blogeintrag zum Buch.) Graves erzählt in diesem Roman, wie es zur Entstehung der Odyssee kam. Homer dichtete in dieser Welt allenfalls eine kurze “Rückkehr des Odysseus”, mit einer untreuen Penelope, keinen zauberischen Abenteuern und wenig Details aus Ithaka. In Wirklichkeit stammt die uns bekannte Odyssee nämlich von Nausikaa, einer sizilianischen Prinzessin anderthalb Jahrhunderte nach Homer, die in ihrer (also unserer) Odyssee eigene Erlebnisse verarbeitet. Graves erklärt durch die Umstände der Entstehung auch einige Fehler Homers, etwa warum Polyphem sich Sohn des Poseidons nennt (üblicherweise sind alle Kyklopen Kinder des Uranos).

Nachtrag 2020: Ben Hur als Bibel-Fan-Fiction? Überhaupt, Bibelfilme, in denen Jesus nur am Rand vorkommt, etwa Das Leben des Brian. Oder gibt es da gar nicht so viel, und Monty Python hat sich an Ben Hur orientiert?

Zwischen den Zeilen schreiben (1)

Zusammenfassung: Keine Geschichte erzählt alles. Der Leser muss immer Lücken füllen, sei es bei dem Äußeren einer Person oder bei einem Vorgang. Diese Leerstellen entstehen absichtlich, unabsichtlich, durch Fehler des Autors, durch fehlerhafte Überlieferung, und sind unvermeidbar. Man kann sie füllen, indem man sich ihnen spielerisch-wissenschaftlich nähert oder dadurch, dass man sie literarisch mit anderen Geschichten füllt.

Zwischen den Zeilen schreiben

Nachdem ich mich mehrere Monate lang mit diesen Elementen beschäftigt hatte, kam ich zu der Schlussfolgerung, dass die Reise um die Erde in 80 Tagen zwei Geschichten umfasste. Eine war die äußere, die offensichtliche, von Verne als interessante, aber keineswegs harte Abenteuergeschichte erzählt. Die andere war esoterisch, im Verborgenen angesiedelt und voller gefährlicher Implikationen für die Menschheit.
Philip José Farmer, Das echte Log des Phileas Fogg

1. Von Shakespeare und Jules Verne

Beweisstück A: The Macbeth Murder Mystery

Wenn ich Shakespeare in der Schule mache, und selbst wenn nicht, ist “The Macbeth Murder Mystery” von James Thurber ein Baustein, den ich immer wieder verwende. Die kurze Geschichte von 1943 besteht fast nur aus dem Dialog eines namenlosen Erzählers mit einer amerikanischen Touristin. Beide sind in England im Urlaub, und die Touristin hat als Reiselektüre statt eines ihrer geliebten Kriminalromane versehentlich eine Penguin-Ausgabe von Shakespeares Macbeth erwischt. “It was a stupid mistake”, so beginnt die Geschichte, aber da die Frau nichts anderes zu lesen hatte, las sie eben Macbeth, und zwar wie einen Krimi. Der hat ihr dann nicht gefallen, weil er sich nicht an die entsprechenden Regeln hält – klar ist für sie, dass es nicht Macbeth gewesen sein kann, der den König umgebracht hat. Ihre Krimierfahrung sagt ihr, dass der offensichtlich Schuldige unschuldig sein muss. Stattdessen vermutet sie während des Lesens zuerst Banquo, der dann aber die zweite Leiche des Stücks ist. Auch eine gute Krimitradition, dass der erste Verdächtige das zweite Opfer wird. Das verdächtige Verhalten von Macbeth und Lady Macbeth wird dadurch erklärt, dass beide jeweils den anderen für den Täter halten und versuchen, die Aufmerksamkeit von ihm abzulenken. Auch das Rätsel des dritten Mörders wird einbezogen – in Akt III, Szene 1 werden zwei Mörder gedungen, die Banquo töten sollen, in Szene 3 sind es plötzlich drei, die die Tat ausführen. Wer ist dieser dritte, der explizit und verwundert begrüßt wird mit “But who did bid thee join with us?” Thurbers Leserin weiß die Antwort: Es ist Macduff, der in Wirklichkeit hinter der Sache steckt.

Diese Geschichte habe ich während meiner Thurber-Phase im Studium wiederentdeckt, ich kannte sie aber bereits aus einem alten Schulbuch. Auch zu Schulzeiten habe ich die nächste Geschichte gelesen.

Beweisstück B: Das echte Log des Phileas Fogg

Für diesen Science-Fiction-Roman hat Philip José Farmer seine Reise um die Erde in 80 Tagen von Jules Verne sehr gründlich gelesen. Zur Erinnerung: Darin geht der exzentrische Brite Phileas Fogg die Wette ein, in 80 Tagen einmal um die Welt zu reisen – auch mit den modernen Beförderungsmitteln von 1872 keine Kleinigkeit. Begleitet wird er von seinem Diener Passepartout, verfolgt und behindert von einem Detektiv, der ihn für einen flüchtenden Bankräuber hält.

Farmer sind beim Lesen einige Merkwürdigkeiten und unbeantwortete Fragen aufgefallen. Wo hat Phileas Fogg seine umfassenden geographischen Kenntnisse her, woher seinen Reichtum? Das fragen sich selbst die Klubkollegen Foggs bei Verne. Warum ist Pünktlichkeit für Fogg so wichtig? Ist es nicht ungewöhnlich, dass er seinen bisherigen Diener entlässt, weil das Wasser für die morgendliche Rasur nur 28 statt den üblichen und gewünschten 30 Grad heiß ist? (Meine Verne-Übersetzung, zu der später noch etwas zu sagen ist, fragt explizit: “Was mochte sich James Forster gedacht haben, als er es schon bei [zu niedriger Temperatur] vom Feuer nahm?”) Der neue Diener erscheint um halb elf desselben Tages, trotzdem will Fogg bereits Empfehlungen erhalten und gute Auskünfte über ihn bekommen haben? Und warum, fragt sich Farmer als gründlicher Leser, schlagen alle Uhren Londons um 8 Uhr 50 abends, als Fogg zum Ende des 34. Kapitels ankommt, die Wette scheinbar verloren? Wörtlich heißt es bei Projekt Gutenberg (Übersetzer nicht angegeben): “[A]ls der Gentleman auf dem Bahnhof ankam, schlug es acht Uhr fünfzig Minuten auf allen Uhren Londons.” Im Original: “[Q]uand le gentleman arriva à la gare, neuf heures moins dix sonnaient à toutes les horloges de Londres.” Seit wann schlagen Uhren denn um eine so krumme Zeit?

Fußnote zur Ausgabe des Verne-Romans im Hause Rau, in der Übersetzung von Eugen Stotz: Das ist eine von diesen Übersetzungen, die das Original verbessern und ergänzen. Nicht nur korrigiert sie das im ersten Absatz genannte Todesjahr von Richard Brinsley Sheridan vom ursprünglichen (und falschen) 1814 auf das historisch korrekte 1816, sie übersetzt den Ankunft in London auch mit: “Als Mr. Fogg in London ankam, war es 8,50 Uhr.” Ohne schlagende Uhren. Es mag ja nett gemeint sein, echte oder vermeintliche Fehler des Originals auszubessern oder zu übergehen. Aber es macht einen großen Unterschied, wie Dorothy Sayers in “Aristotle on Detective Fiction” schreibt, ob auktorial die Zeit angegeben wird in der Form “Jones came home at 10 o’clock”, worauf sich der Krimileser dann verlassen kann, oder ob neutral erzählt wird mit den Worten: “The grandfather clock was striking ten when Jones reached home” – dann sagt das noch lange nichts über die tatsächliche Uhrzeit aus.

Farmer nimmt sich diese und andere merkwürdige Stellen in Vernes Roman vor und kommt zu der Erkenntnis, dass Verne nicht die wahre Geschichte von Phileas Fogg erzählt hat. 1947 wird bei Bauarbeiten das echte, in einer unbekannten Schrift verfasste und schlecht erhaltene Reisetagebuch Foggs gefunden. 1962 wird es von Sir Beowulf William Clayton entschlüsselt, zu dessen Familie Farmer bereits aufgrund biographischer Nachforschungen Kontakt hatte, auf die später noch ausführlicher eingegangen werden wird. Jedenfalls gelingt es Farmer, die echten Geschehnisse zu rekonstruieren, und eben die präsentiert er in Das echte Log des Phileas Fogg. Und ja, auch das Rätsel der um 8.50 Uhr schlagenden Uhren wird darin gelöst.

– Bei der Thurber-Geschichte geht es darum, die Fakten des Originaltexts möglichst unangetastet zu lassen (dritter Mörder, verdächtiges Verhalten von Macbeth, Todesfälle) und eine andere Geschichte drumherum zu schreiben, diese Fakten anders zu interpretieren. Bei Farmer geht es um genau das gleiche: Lücken zu finden und in diese Lücken etwas anderes, Unterhaltsames hineinzuschreiben. Der grundlegende Unterschied zwischen beiden Texten ist der, dass der eine ein literarisches Spiel mit einem fiktionalen Text – nämlich Macbeth – ist, während der andere davon ausgeht, dass der Ausgangstext – also die Reise um die Erde in 80 Tagen – reale Ergebnisse beschreibt, wenn auch unvollständig.

Weiter geht es deshalb mit Gedanken zu den oben angesprochenen Lücken in Texten.

2. Über Lücken in Texten

Alle Texte enthalten solche Lücken, und es gibt verschiedene Ursachen für sie. Zum einen lässt ein Autor manchmal bewusst Fragen offen. Das kann sein, weil die Antwort darauf unwichtig ist oder eine Sache schlichtweg geheimnisvoll bleiben soll, wie die Frage nach Phileas Foggs Vergangenheit und seinem Reichtum bei Verne. Oder das kann sein, weil der Autor davon ausgeht, dass ein sorgfältiger Leser auch dann auf die Antwort kommt, wenn der Autor sie nicht explizit in den Text geschrieben hat. Das sind die berühmten offenen Enden in der Kurzgeschichte, oder die Ehebruchszene in Effi Briest, die allenfalls ganz fein angedeutet wird. Oder Pablo in Tortilla Flat von John Steinbeck, der in das Haus von Mrs. Torelli geht, um Brennholz für sich und seine Freunde zu besorgen. Was er im Haus mit Mrs. Torelli getan hat, um sich das Holz zu verdienen, wird nicht explizit gesagt, aber doch deutlich gemacht. Forschungsfrage für spätere Recherche: Ab wann gibt es diese Art Lücken? Lücken aus Diskretion gibt es jedenfalls mindestens seit Cervantes.

Dann gibt es noch die Fragen, die deshalb nicht im Text beantwortet sind, weil sie so nicht im Text gestellt werden. “Scheitert Werther an sich oder an seiner Umwelt? Erörtern Sie!”, wie wir im Erörterungsbusiness gerne mal von Schülern wissen wollen. In Pride and Prejudice and Zombies von Jane Austen und Seth Grahame-Smith gibt es im Anhang eine Sammlung solcher Fragen, darunter etwa:

8. Vomit plays an important role in Pride and Prejudice and Zombies. Mrs. Bennet frequently vomits when she’s nervous, coachmen vomit in disgust when they witness zombies feasting on corpses, even the steady Elizabeth can’t help but vomit at the sight of Charlotte lapping up her own bloody pus. Do the authors mean for this regurgitation to symbolize something greater, or is it a cheap device to get laughs?

Ein Text mit vielen solcher Leerstellen, Stellen zum Einhaken, regt dazu an, diese Leerstellen zu füllen – anders als bei unseren Beispielen oben geschieht diese Füllung in der Schule aber nicht beliebig, sondern eng am Text festgemacht. Nein, Effi Briest ist nicht von Außerirdischen manipuliert worden.

(Charles G. Finney ist in The Circus of Dr Lao so nett, in einem Anhang “The Questions and Contradictions and Obscurities” aufzulisten – offene Fragen des Buchs, etwa: “9. If the circus didn’t come to Abalone on the railroad and didn’t come on trucks, how did it get there?”)

Andere Leerstellen entstehen durch Lücken in der Überlieferung. Hat Sigurd/Siegfried Brünhild schon bei einem früheren Abenteuer getroffen und sich mit ihr verlobt, oder war der Trick mit dem Feuer, als er sich für Gunnar/Gunther ausgegeben hat, doch die erste Begegnung?
Die Lieder-Edda, einer der beiden wichtigen Quellen zur germanischen Mythologie, ist in vor allem einer Handschrift überliefert, dem Codex Regius (Wikipedia). Ein Text darin wird als das kürzere Sigurdslied bezeichnet (das mit 71 Strophen recht lang ist), allerdings fehlt ein entsprechendes längeres Sigurdslied. War das etwa in der Lücke mitten in der Handschrift, wo ein ganzer Bogen mit geschätzt acht Blättern entfernt wurde? Tolkien hat das vermutet. Jedenfalls hat er zwei lange Lieder zu diesem Stoff selbst gedichtet, auf Englisch, aber in germanischer Strophenform, die 2009 als The Legend of Sigurd & Gudrún veröffentlicht wurden. Das erste Gedicht darin nennt Tolkien auch (allerdings auf Altnordisch) “das längste Sigurdslied”. In den Liedern versucht Tolkien auch, überlieferte Widersprüche im Verhältnis zwischen Brünhild und Sigurd aufzulösen.

Weitere Lücken sind – etwas vereinfachend gesagt – auf Fehler des Autors zurückzuführen. Sheridan starb tatsächlich 1816, auch wenn Verne etwas anderes behauptet. Die Frau von Sancho Panza wechselt im Don Quijote von Cervantes ihre Namen zwischen Juana Gutiérrez, Mari Gutiérrez, Teresa Panza und Teresa Cascajo. (Weitere Fehler im 1. Band werden in Kapitel 3. des 2. Bandes thematisiert, als man Don Quijote von der Existenz des Don Quijote erzählt.) Und die Augen von Madame Bovary ändern ihre Farbe von braun zu schwarz zu blau.

Selbst der große Homer schläft manchmal, sagt Horaz, etwa wenn Menelaos in der Ilias Pylaimenes im Kampf tötet, derselbe aber später wieder lebt. Später werden wir jemandem begegnen, der viele solcher anregender Flüchtigkeitsfehler beging und uns dadurch große Freude macht. Diese Fehler heißen auch continuity errors, und auf continuity, ein Begriff ursprünglich aus der Filmsprache, werden wir noch zu sprechen kommen.

Kurzer Einschub 1: Auch Lücken in der Geschichtsschreibung regen an, sie zu füllen. Wer war der Mann mit der eisernen Maske? Alexandre Dumas gibt in einem Roman die Antwort. Wer war Jack the Ripper wirklich? Viele, viele Geschichten haben sich dieser Frage angenommen. Dann gibt es noch die Abenteuer um Flashman (Blogeintrag), der sich durch die Geschichte des 19. Jahrhunderts windet, oder beiläufige Erklärungen wie die von Achim von Arnim: “Das Warten auf diese Nachrichten [von der Titelheldin der Novelle “Isabella von Ägypten, Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe”] war die Ursache seines unbegreiflichen Zögerns, ehe er aus den Niederlanden nach Spanien ging.”

Kurzer Einschub 2: Der Gedanke, dass ein vorliegender Text überhaupt Fehler enthalten kann und dass man versuchen kann, ihn zu verbessern, ist alt. Die textkritische Methode (Wikipedia) versucht, aus dem Vergleich verschiedener Fassungen einen Urtext zu rekonstruieren, also den Text, auf dem die erhaltene Fassung basiert. Möglicherweise ist bei manchen Textsorten aber bereits der Gedanke, es gäbe einen Urtext, irreführend.
Die historisch-kritische Methode der christlichen Kirchen geht über die reine Textkritik hinaus und versucht, einen Text in einem historischen Zusammenhang zu deuten und zu verstehen. Christliche Fundamentalisten lehnen das ab, lassen aber die Textkritik zu – siehe die Chicago-Erklärung des Internationalen Rats für biblische Irrtumslosigkeit.

Wer macht denn eigentlich diese Fehler? Ist das ein Fehler in der Überlieferung, hat der Drucker einfach schlampig gearbeitet? Ist es der Autor, etwa Cervantes, der sich die Namen seiner Nebenpersonen nicht merken kann? Oder ist es der Erzähler selbst, dem der Fehler unterläuft (und der demnach vom Autor bewusst eingesetzt wird)? Im Don Quijote stammen nur die ersten acht Kapitel vom ersten Erzähler selber, alles andere hat ein gewisser Cide Hamete Benengeli auf Arabisch aufgeschrieben, und der Erzähler-Herausgeber hat sich das wiederum von einem Übersetzer vermitteln lassen. Vielleicht hat einer von denen Probleme mit Namen.

Der Gedanke, dass der Autor gar nicht selber die Geschichte geschrieben oder gar erfunden hat, sondern lediglich der Herausgeber eines Dokuments ist, das jemand anderes ihm zugespielt hat, ist weit verbreitet. Deshalb kommt jetzt ein Kapitel zur Herausgeberfiktion (Wikipedia).

3. “Natürlich, eine alte Handschrift”

Dieses Motto ist vorangestellt unserem:

Beweisstück C, stellvertretend für viele: Der Name der Rose

Die einführenden ersten Seiten des Romans erklären, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass ihn der Leser in Händen hält. Der unbenannte Herausgeber – nennen wir ihn der Einfachheit halber auch Umberto Eco, denn er behautet von sich, das Buch Apokalyptiker und Integrierte verfasst zu haben, und das ist von Eco – stößt 1968 zum Ende des Prager Frühlings auf ein Buch eines Abbé Vallet, 1842 erschienen. Es handelt sich um die französische Übersetzung eines lateinischen Buchs von Dom Jean Mabillon (17. Jahrhundert), das eine Handschrift aus dem 14. Jahrhundert wiedergibt (von Adson von Melk). Eco fertigt, aus Prag vor sowjetischen Truppen fliehend, eine Rohübersetzung des Vallet-Buchs an, bis ihm das Buch vor Salzburg abhanden kommt. Spätere Recherchen nach dem Buch bleiben weitgehend erfolglos, ja, es finden sich keine Spuren eines Abbé Vallet. Aber dann stößt Eco in Buenos Aires doch auf Adsons Spuren, die spanische Übersetzung eines vergriffenen georgischen Originals von Milo Temesvar, in dem als Quelle für Stellen aus dem Adson-Manuskript Athanasius Kircher genannt wird. Also beschließt Eco, auf Basis seines Materials die Geschichte von Adson in dessen Worten zu erzählen.

Diese ganze Vorrede ist ein Gemisch aus Erfundenem und Belegtem. Einen Abbé Vallet hat es nie gegeben, eine Dom Mabillon schon; der Prager Frühling ist historisch, das Buch nicht. Apokalyptiker und Integrierte gibt es, Milo Temesvar nicht, auch wenn der nicht von Eco erfunden wurde, sondern von einem Händler auf der Frankfurter Buchmesse Anfang der 1960er Jahre. Adson von Melk ist erfunden, Athanasius Kircher nicht. (Ach, noch einmal den Name der Rose mit Schülern lesen können!)

Ein wichtiger Topos ist hier eingebaut: Der Autor, der sich als Herausgeber tarnt. Dabei wird das Erzählte außerdem als tatsächlich Geschehenes vorgestellt, auch wenn der Herausgeber natürlich keine Garantie für den Wahrheitsgehalt übernehmen kann.

Das hatten wir oben schon bei Cervantes. Das gibt es schon bei den Ritterromanzen, über die sich Cervantes lustig macht. Das gibt es bei Goethes Werther, der mit einer ganz kurzen, aber ebenso falschen Vorrede beginnt wie bei Eco: “Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor, und weiß, dass ihr mir’s danken werdet.” Das geht von Edgar Allan Poes “MS. Found in a Bottle” (“MS.” steht für Manuskript, Handschrift) bis zu Cyril M. Kornbluths “MS Found in a Chinese Fortune Cookie”. Auch bei Lolita von Nabokov erklärt ein Vorwort des behandelnden Arztes das Zustandekommen des anschließenden Dokuments. Und nicht zuletzt stellt sich auch Philip José Farmer nur als Herausgeber von Das echte Log des Phileas Fogg dar, mit detaillierten Angaben zur Herkunft des Manuskripts, auf dem sein Text beruht.

Zur Fiktion gehört auch, dass der Herausgeber das macht, was ein anständiger Herausgeber so tut: Er bearbeitet und annotiert. Ernst Penzoldt fungiert in Die Powenzbande als Museumskustos und schreibt Vorworte zu den verschiedenen Ausgaben und einen erfundenen bibliographischen Anhang zum Thema. Im Werther gibt es Fußnoten unter anderem zu den Briefen vom 26. Mai, vom 16. Junius und vom 17. Februar, in denen zum Beispiel als Gründe für Streichungen angegeben werden, “niemand Gelegenheit zu einer Beschwerde zu geben” oder dass “man nicht glaubte, eine solche Kühnheit durch den wärmsten Dank des Publikums entschuldigen zu können.” Nach dem 6. Dezember kommt eine direkte Ansprache: “Der Herausgeber an den Leser.” Und die Manuel-Biographie meines geschätzten James Branch Cabell ist voller gelehrter Zitate, erfundenen und anderen, Kommentaren zur Entstehungsgeschichte, bis hin zu einer ausführlichen Genealogie der Nachfahren von Manuel – einschließlich Alessandro de Medici, William Shakespeare, Robert Herrick, William Wycherley, Alexander Pope und Richard Brinsley Sheridan, eben jener vom ersten Absatz bei Jules Verne oben.

Neben dem Spiel mit dem Herausgeber gibt es auch die bewusste Täuschung, etwa bei James Macphersons Ossian, den auch Goethe und Werther für die Übersetzung authentischer frühmittelalterlicher Dichtung halten.

Die Herausgeberfiktion wird häufig von weiteren Anstrengungen begleitet, die die Fiktion aufrecht erhalten, es handelte sich bei dem Erzählten um tatsächlich Geschehenes: Man mischt möglichst viel tatsächliche Ereignisse ein. Bei Werther gibt es das nicht, aber bei Eco stimmen viele der Daten und Angaben in seiner Vorrede. Deshalb auch die vielen Fußnoten bei den Flashman-Romanen von George Macdonald Fraser, in denen der Herausgeber seinen Erzähler Flashman schon mal korrigiert, wenn dessen Erinnerungen nicht zur geschichtlich anerkannte Überlieferung passen.

Kriminalgeschichten, Herausgeberfiktion und Lücken im Text werden im nächsten Kapitel in einer erfolgreichen Kombination auftauchen: bei Sherlock Holmes.

4. Anwendungsbeispiel: Sherlock Holmes und The Game

Beweisstück D: Sherlock Holmes

Kaum eine Figur der Literatur hat so zur kreativen Auseinander- und Fortsetzung angeregt wie Sherlock Holmes. Warum ausgerechnet er? Später kann ich vielleicht einen neuen Gedanken zur Erklärung beitragen, vorerst will ich nur die Art der Auseinandersetzung beschreiben, die als The Game bezeichnet wird.

Schon bald wurde Holmes von manchen Leuten für eine echte Person gehalten; die ersten an Holmes gerichteten Briefe in der Sammlung Letters to Sherlock Holmes (ed. Richard Lancelyn Green, Penguin 1985) stammen von 1904, und sicher gibt es frühere. Nur wenig später begannen andere Leute, so zu tun, als sei Holmes eine echte Person. Die Spielregeln für the game: Holmes und Watson sind bzw. waren reale Personen; Watson hat die Abenteuer von Holmes geschrieben; Conan Doyle war der literarische Agent Watsons – eine Doyle aufgenötigte Version der Herausgeberfiktion also. (Literary Agent Hypothesis bei TV Tropes.) Der Sherlock-Holmes-Kanon besteht aus 4 Romanen und 56 Erzählungen, die gewisse Widersprüche und logische Fehler enthalten. In der ersten Kurzgeschichte taucht ein König von Böhmen auf; es gibt aber keinen solchen – wie erklärt man das? (Antwort: Watson verschleiert die tatsächliche Identität des adligen Klienten, über den die spielerische Forschung Spekulationen angestellt hat.) Im ersten Roman wird Watsons Kriegsverletzung an der Schulter platziert, im zweiten am Bein – also wo jetzt? Im zweiten Roman, der Ereignisse aus dem Jahr 1888 wiedergibt, ist Watson mit Mary Morstan verheiratet, 1894 ist er wieder allein (nach einem “schmerzlichen Verlust”), 1903 hat er Holmes gegen eine Ehefrau eingetauscht. Wieviele gab es denn? Es gibt Theorien mit einer, zwei und drei Ehefrauen, neben obskureren Varianten wie der von zwei Watsons mit je einer Ehefrau.

Mit der textkritischen und historisch-kritischen Methode versucht also die spielerische Holmes-Forschung, Lücken im Text zu erklären, und davon hat Doyle viele hinterlassen. Für die vielleicht zentrale Geschichte, “The Final Problem”, in dem sich Holmes mit seinem Erzfeind Moriarty die Reichenbachfälle hinabstürzt und zumindest scheinbar ums Leben kommt, zählen Albert Silverstein und Myrna Silverstein in “Concerning the Extraordinary Events at the Reichenbach Falls” fünfzehn Ungereimtheiten auf, die erklärt werden wollen. Diese Ungereimtheiten können auch in der literarischen Auseinandersetzung mit Doyle erklärt werden:

Beweisstück E: The Seven-Per-Cent-Solution

Ausgangspunkt für dieses Roman ist das oben erwähnte “The Final Problem” und die Methode ist – nicht zufällig – die gleiche, wie sie Philip José Farmer in Das echte Log des Phileas Fogg anwendet: Lücken im Text entdecken und mit einer eigenen Geschichte füllen.
Wieso haben wir vorher noch nie von Moriarty gehört? Was soll er angeblich Aufregendes über den altbekannten Binomischen Lehrsatz veröffentlicht haben? Was müsste man sich eigentlich denken, wenn der Kokain nehmende beste Freund einem eine solche Räuberpistole auftischt, die Rollläden herunterlässt und Angst vor Luftgewehren hat? Meyers Antwort – auf einer alten Handschrift beruhend, natürlich, mit genauer Herkunftsangabe – lautet: Die veröffentlichte Geschichte von Watson ist nicht die wahre, sondern eine veränderte Fassung der tatsächlichen Ereignisse. Holmes ist unter anderem durch den im Kanon belegten Kokainmissbrauch paranoid geworden, Moriarty weitgehend harmlos. (Ähnlich geschieht das auch in der letzten bisher gedrehten Episode von Sherlock, in der Moriarty die Welt von einem ähnlichen Szenario überzeugt.)

Neben der Herausgeberfiktion verleihen der Geschichte die eingebauten Fakten und Personen aus der realen Welt (Holmes und Watson reisen zu Freud nach Wien) und die verarbeiteten Elemente des Originaltexts zusätzliche Authentizität.

Beweisstück F: H. W. Starr, “A Submersible Subterfuge or Proof Impositive”

Dieser Aufsatz von 1959 deckt Widersprüche zwischen den beiden Jules-Verne-Romanen 20 000 Meilen unter den Meeren und Die geheimnisvolle Insel auf. Im ersten Roman wird die Nautilus des Kapitän Nemo 1866 zum ersten Mal gesichtet, 1968 geht sie ihm Malstrom unter. Nemo wird auf 35–50 Jahre geschätzt. Es fällt kein Wort über irgend etwas Exotisches in der Mannschaft. Im zweiten Roman tauchen Nemo und die Nautilus wieder auf – nur ist Nemo jetzt sehr alt und silberhaarig, ein indischer Prinz, “Dakkar”, im Exil, und die Handlung spielt 1865. Starr verwirft den zweiten Roman als reine Erfindung Jules Vernes, während der erste auf ein Manuskript von Professor Aronnax zurückgeht. (Natürlich, möchte man sagen.) Dann widmet er sich der Frage nach der Identität Nemos und argumentiert, dass Nemo niemand anderes als Moriarty ist! Philip José Farmer teilt manche dieser Ansichten, deshalb enthält Das echte Log auch den Starr-Aufsatz im Anhang. Auch bei Farmer sind Nemo und Moriarty dieselbe Person.

– Eine weitere Art Leerstellen möchte ich eigens erwähnen. Wenn man einmal das Herausgeberfiktionsspiel spielt und die erzählten Geschehnisse für real nimmt, dann hält man natürlich auch die Personen für real. Und dann kann man sich fragen, was die Personen vor und nach der Handlung des Ausgangstextes getrieben haben. Und schon hat man:

Beweisstücke G‑J: Fiktionale Biographien

  • William S. Baring-Gould, Sherlock Holmes of Baker Street
  • William S. Baring-Gould, Nero Wolfe of West Thirty-fifth Street
  • Philip José Farmer, Tarzan Alive
  • Philip José Farmer, Doc Savage: His Apocalyptic Life

Das ist nur eine Auswahl, hier gibt es weitere fiktionale Biographien, etwa von Horatio Hornblower, Leopold Bloom und Jeeves. Der Archteyp ist die Holmes-Biographie von 1962. Mit textkritischer, historisch-kritischer Methode und vielleicht etwas Phantasie rekonstruiert Baring-Gould das Leben von Sherlock Holmes, Herkunft, Geburt, Nachkommen. Ja, es gibt Anzeichen dafür, dass Holmes Kinder hinterlassen hat. Eines davon ist Nero Wolfe, Thema der zweiten Biographie von Baring-Gould (1969, postum erschienen).

1972 erschien Tarzan Alive von Philip José Farmer, eine Biographie Tarzans. Eben bei den Recherchen dafür war Farmer auf die Familie von Sir Beowulf William Clayton gestoßen, zu dessen Vorfahren sogar tatsächlich auch Phileas Fogg gehört, wie sich herausstellt. Auch sonst ist die Verwandtschaft illuster: John Clayton ist – schon bei Edgar Rice Burroughs – der echte Name Tarzans. (Der Titel der Familie ist allerdings nicht “Greystoke”, ein Blick in den englischen Adel zeigt, dass es diese Familie nicht gibt. Burroughs hat aus Gründen der Diskretion den tatsächlichen Familiennamen verschleiert, und Farmer folgt dieser Tradition.)

Bei den Recherchen zum Stammbaum Tarzans stößt Farmer auf überraschend viele bekannte Namen, darunter Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy, aber auch Sir Percy Blakeney, besser bekannt als the Scarlet Pimpernel). Mit einer weiteren Biographie, nämlich der von Doc Savage, baut Farmer das System aus.

5. Anwendungsbeispiel: Wold Newtonry

Beweisstück J: Doc Savage: His Apocalyptic Life

Doc Savage ist der Held von 181 Abenteuergeschichten, 1933–1949 erschienen (Blogeintrag dazu, schon von 2004, aber tatsächlich noch im letzten Jahrtausend entstanden).

Doc Savage. His Apocalyptic Life erzählt seine Geschichte, indem Farmer, wie wir es schon kennen, das Material der kanonischen Texte analysiert, Lücken verschiedener Art findet und auf verschiedene Art schließt. Er verankert die Ereignisse in der Realität, indem er historische Fakten in die Biographie einbaut. Das, und Elemente aus anderen Geschichten – aus vielen anderen Geschichten.

Wir erfahren, wie Monk Mayfair, ein recht auffälliges Mitglied aus Savages Team, im Ersten Weltkrieg einen amerikanischen Krankenwagenfahrer traf, der Monks Beschreibung an Ernest Hemingway weitergab, der sie später für Harry Morgan in To Have and Have Not verwendete (p. 121). William Harper Littlejohn, ein anderes Mitglied, unterrichtete laut Farmer an der Miscatonic University in Arkham und war möglicherweise der Anführer der Miscatonic-Expedition in die Antarktis von 1929, über die Howard Philips Lovecraft Details erfahren haben muss, die er für At the Mountains of Madness verwendete (p. 148). Laut einem Savage-Roman soll es in Südamerika Menschenaffen geben, was der zoologischen Forschung allgemein noch nicht bekannt ist. Allerdings hat auch Professor Challenger bei einer Amazonas-Expedition Menschenaffen entdeckt. (Challenger kennt man von The Lost World von Conan Doyle.) Als Savage als Kind einmal davon lief, wurde Sam Spades Vater beauftragt, ihn zu suchen (p. 37); unterrichtet wurde Savage in seiner Jugend – aus Gründen, die in der Biographie genau erklärt werden – von den größten Geistern seiner Zeit, darunter auch Sherlock Holmes, einem entfernten Verwandten.

Kernstück von Farmers Werk ist die Sache mit Wold Newton. Wold Newton ist ein kleiner Weiler in Yorkshire. Am 13. Dezember 1795 schlug ein paar Meilen außerhalb ein Meteorit ein. Das ist historisch gesichert. Weniger bekannt ist, dass sich zum Zeitpunkt des Einschlags und ganz in der Nähe des Einschlagorts zwei große Kutschen mit insgesamt 14 Passagieren und vier Bediensteten befanden, die von einer bisher noch nicht identifizierten Strahlung des Meteoriten getroffen wurden. Diese Strahlung veränderte die DNA der Reisenden nachhaltig, so dass unter ihren Nachkommen ungewöhnlich viele übermächtige Personen sind, die zu großen Helden oder Schurken der Weltgeschichte wurden: Tarzan, Doc Savage, Sherlock Holmes, James Moriarty, Leopold Bloom, Sam Spade, Philip Marlowe, James Bond, Wolf Larsen (der Seewolf), Allan Quatermain, Fu Manchu, Lord Peter Wimsey und viele, viele andere. Zu den Passagieren der Kutsche gehörten auch Fitzwilliam Darcy und Elizabeth Bennet (aus Pride and Prejudice); zu den Vorfahren (natürlich nicht vom Meteor beeinflusst) gehören Manuel von Poictesme (James Branch Cabell) und Solomon Kane (Robert E. Howard).

Details und eingescannte Stammbäume gibt es auf dieser Seite zu Farmer und den Wold-Newton-Abkömmlingen.

Beweisstück K: The Secret History of the World

So wie das Game der spielerische Umgang mit Sherlock Holmes ist, ist Creative Mythology (Farmers Begriff) oder Wold Newtonry der spielerische Umgang mit dem Szenario, das Farmer entworfen hat. Die Liste von Werken, die man untersuchen und diskutieren kann, ist dabei enorm gewachsen – und ständig kommen neue hinzu.

Denn die Grenzen des Wold-Newton-Universums sind noch nicht abgesteckt. Wenn – laut Farmer – Doc Savage im selben Universum spielt wie Sherlock Holmes und Sherlock Holmes im selben Universum wie Billy Bunter (Blogeintrag), dann gehört Billy Bunter auch ins Doc-Savage-Universum – wie jeder andere aus einem Holmes-Crossover, und davon gibt es viele.

Win Scott Eckert ist so etwas wie der Kustos des Wold-Newton-Universums. Autor von Romanen, Herausgeber von Aufsatzsammlungen und Sammler und Herausgeber von Crossovers: A Secret Chronology of the World. Band 1 habe ich schon gelesen und Band 2 darf ich erst anfangen, habe ich mir vorgenommen, wenn ich diesen Blogeintrag zu Ende geschrieben habe, dessen Anfänge im letzten Jahrtausend liegen.

Zum Crossover-Universum gehören alle Angehörigen des Wold-Newton-Kreises bei Farmer, und die Geschichten über sie. Nachdem diese Figuren in verschiedenen Crossover-Erzählungen weitere literarische Figuren getroffen haben, gehören auch diese Figuren ins Crossover-Universum. Und so weiter, mit gewissen Einschränkungen, weil sonst bald jede Figur der populären Literatur dazu gehört, die zu kreativer Auseinandersetzung einlädt – was es immer schwieriger macht, die Widersprüche zwischen den einzelnen Texten aufzulösen und zu erklären. Crossovers bringt das Geschehen all dieser Texte in eine chronologische Ordnung. Band 1 beginnt vor 6 Millionen Jahren, zusammenhängender werden die Ereignisse ab 20.000 BCE (die Kull-Geschichten von Robert E. Howard), und richtig dicht wird die Chronologie ab dem 16. Jahrhundert mit Kit Walker, dem ersten Phantom; mit Solomon Kane; mit Don Quijote und dem ersten Zorro. Ab dann geht es Schlag auf Schlag.

- So, das war jetzt Teil 1, eigentlich nur eine Zusammenfassung von Material. Teil 2, zu dem ich hoffentlich bald komme, enthält darüber hinaus ein paar eigene Gedanken, mit denen ich den Bogen zu meinem Ausgangspunkt schlagen möchte.