Prometheus und andere Tricksereien

Sturm und Drang, Goethes „Prometheus“: Entstanden wohl in den frühen 1770er Jahre, die erste autorisierte Druckfassung von 1789 unterscheidet sich von der Fassung letzter Hand 1827 nur durch ein paar Schreibvarianten. In Anthologien findet man allerdings meist die ohne Namensnennung und unautorisiert verwendete Druckfassung von 1785 – in den späteren Versionen hat der Klassiker Goethe seinen jugendlichen Sturm und Drang geglättet und etwa das berühmt gewordene „Knabenmorgen-Blütenträume“ durch schlichte „Blütenträume“ ersetzt. Der Nachwelt gefällt die frühe Fassung aber besser.

Vor der Lektüre kann man etwa diesen Videoclip vom Bayerischen Rundfunk anschauen:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

BR-alpha – Mythen – Michael Köhlmeier erzählt Sagen des klassischen Altertums (Download vieler Episoden)


Im Zusammenhang mit Prometheus frische ich auch gerne mal die griechische Mythologie auf, schon mal für die Klassik nächstes Jahr. Für die Oberstufe ist mein Kerngedanke ist dabei: In eine Vielzahl lokaler und weiter verbreiteter Götter und Vorstellungen brachte Hesiod Ordnung, in dem er in seiner Theogonie das vorhandene Material zusammenstellte und redigierte. (So ähnlich wie Roy Thomas die chaotische DC-Superheldenwelt der 1930er bis 1970er Jahre ordnete, das Nebeneinander verschiedener Entstehungsgeschichten glättete und erklärte. Inzwischen ist alles noch komplizierter geworden, fragt nur mal jemanden nach Supergirl.) Eros „ist“ also nicht irgendwie das Kind der Nacht, und Aphrodite „ist“ nicht die Tochter von Uranos, sondern das ist halt bei Hesiod so. Bei Homer ist Aphrodite die Tochter von Zeus und Dione. Bei anderen Autoren ist das alles wieder ganz anders, und das gilt für andere Gestalten wieder genauso. Das ist mehr Bildung, als bei „Wer wird Millionär“ die zwölf olympischen Götter aufzählen zu können.

Weil ich alle Übersichten, die ich gefunden habe, etwas unübersichtlich fand, habe ich die Wikipedia-Darstellungen etwas geändert:

theogonie1

theogonie2

(Originaltabellen von Wikipedia unter CC-BY-SA-Lizenz, deshalb steht auch der ganze Blogeintrag hier unter CC-BY-SA. Hier meine .odt-Datei dazu, über die Formatierung nicht erschrecken.)


Und zweitens nutze ich gerne die Gelegenheit für etwas laienhafte vergleichende Mythologie.

Ausgangspunkt:

Nach Film und Gedicht wissen Schüler: Prometheus ist ein Titan, gehört also nicht zur klassischen Götterriege. Er ist ein Freund des Menschen, sein Schöpfer sogar, und bringt ihm viele Dinge bei. Er stiehlt das Feuer für ihn und bringt ihm bei, bei den Tieropfern die Götter um das bessere Teil zu betrügen. Am Ende wird er für seine Taten an den Kaukasus gefesselt, wo täglich ein Adler kommt und an seiner – stets nachwachsender – Leber frisst.

Danach gebe ich folgende Texte zu lesen:

1. Bibel, 1. Mose 3

Die Schlange nun erwies sich als das vorsichtigste aller wildlebenden Tiere des Feldes, die JHWH Gott gemacht hatte. So begann sie zur Frau zu sprechen: Sollte Gott wirklich gesagt haben: Ihr dürft nicht von jedem Baum des Gartens essen? Darauf sprach die Frau zur Schlange: Von der Frucht der Bäume des Gartens dürfen wir essen. Aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen, nein, ihr sollt sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt. Darauf sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet ganz bestimmt nicht sterben. Denn Gott weiß, dass an demselben Tag, an dem ihr davon esst, euch ganz bestimmt die Augen geöffnet werden, und ihr werdet ganz bestimmt sein wie Gott, erkennend Gut und Böse. Danach sah die Frau, dass der Baum gut war zur Speise und dass er etwas war, wonach die Augen Verlangen hatten, ja der Baum war begehrenswert zum Anschauen. So begann sie von seiner Frucht zu nehmen und zu essen. Danach gab sie davon auch ihrem Mann, als er bei ihr war, und er begann davon zu essen. Dann wurden ihnen beiden die Augen geöffnet, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren. Daher nähten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze.

(Offene Bibel, CC-BY-SA 3.0, deshalb der ganze Blogeintrag auch unter dieser Lizenz. )

Und frage die Schüler, ob sie irgendwelche Gemeinsamkeiten entdecken. Tun sie, und zwar: Die Schlange entspricht der Pandora, die ja auch Unheil bringt. Das lasse ich erst mal stehen. Dass damit Erkenntnis gleich Unheil gesetzt wird, sieht man erst beim zweiten Hinschauen. Sonst schon irgendwelche Parallelen?

Loki, germanische Gottheit, unter anderem des Feuers

Er besitzt einen ausgeprägten Sinn für Strategie und nutzt ihn, um mit Intrigen und komplexen Lügen seine Interessen durchzusetzen. Da Loki halb Ase, halb Riese ist, scheint sein Verhältnis zu den Asen auch zwiespältig zu sein. Doch von Odin wird er geachtet; die beiden schließen sogar Blutsbruderschaft. Außerdem hilft Loki Thor durch eine List bei der Wiederbeschaffung seines Hammers Mjöllnir, der von den Riesen gestohlen wurde. Loki ist somit Feind und Freund der Götter zugleich. Erst nachdem er Hödur durch eine List dazu brachte, seinen Bruder Balder zu töten, verbannt ihn Odin.
Loki ist ein Gestaltenwechsler, ein Meister der Metamorphose, der sich in die verschiedensten Tiere und Menschen verwandeln kann. In den überlieferten Mythen ist er Adler, Stute, Lachs, eine Fliege oder ein altes Weib. Denn er wechselt auch sein Geschlecht, erlebt Schwangerschaft und Geburt, trägt in Gestalt einer Stute das achtbeinige Ross Odins, Sleipnir, aus, wie die Sage vom Riesenbaumeister erzählt. […] Loki ist als Kulturheros der Erfinder des Fischnetzes, aber er, der Tölpelhaftigkeit und Listenreichtum in sich vereint, wird auch zum Opfer seiner eigenen Erfindung.
Lokis Handlungen lassen erkennen, dass diese Schlechtes wie auch Gutes bewirken; letzteres oft gegen seine ursprüngliche Intention. Dennoch handelt er nicht ausschließlich schädigend. Oft wird Loki wegen seiner Listigkeit und seiner Kreativität von den anderen Gottheiten herangezogen, um aussichtslose Situationen zu bewältigen, was er auch immer schafft. Ebenso lässt er sich durch diese verpflichten, durch seine Schalkhaftigkeit angerichteten Schaden wiedergutzumachen.
Der gefangene Loki wurde zur Strafe mit den Eingeweiden seiner Söhne auf spitze (dreikantige) Felsen gefesselt. Über seinem Kopf hängte man eine giftige Schlange, die ätzenden Speichel tropfen ließ. Seine Frau Sigyn fing diesen Speichel in einer Schüssel auf. Nur wenn sie die Schüssel wegzog, um sie zu leeren, trafen ein paar Tropfen auf Lokis Gesicht. Er schüttelte und wand sich so gewaltig unter seinen Schmerzen, dass dadurch die Erdbeben entstanden.

(Wikipedia, CC-BY-SA.)

Loki kennen manche Schüler noch aus Die Maske mit Jim Carrey, die anderen alle aus Thor und Avengers.
Weitere Parallelen? Als Erstes wird genannt, dass die Bestrafung ähnlich ist wie die Prometheus‘, dass Loki ebenfalls die Götter betrügt, klug ist, und Streiche spielt. Vielleicht erkennen die Schüler ihn schon als Freund und Lehrmeister des Menschen. Dass er ein Gott des Feuers ist und ebenfalls nicht zu den Asen im eigentlichen SInn gehört, übersieht man vielleicht noch, das wird dann aber schon noch wichtig.

Coyote stiehlt das Feuer

Coyote, like the rest of the People, had no need for fire. So he seldom concerned himself with it, until one spring day when he was passing a human village. There the women were singing a song of mourning for the babies and the old ones who had died in the winter. Their voices moaned like the west wind through a buffalo skull, prickling the hairs on Coyote’s neck. […] Coyote, overhearing this, felt sorry for the men and women. He also felt that there was something he could do to help them. He knew of a faraway mountain-top where the three Fire Beings lived. These Beings kept fire to themselves, guarding it carefully for fear that man might somehow acquire it and become as strong as they. Coyote saw that he could do a good turn for man at the expense of these selfish Fire Beings.
[Coyote goes to the Fire Beings and prepares the theft.]
But before [the Fire Being] could come out of the teepee, Coyote lunged from the bushes, snatched up a glowing portion of fire, and sprang away down the mountainside.
Screaming, the Fire Beings flew after him. Swift as Coyote ran, they caught up with him, and one of them reached out a clutching hand. Her fingers touched only the tip of the tail, but the touch was enough to turn the hairs white, and coyote tail-tips are white still. Coyote shouted, and flung the fire away from him.
[The stolen fire finally ends up hiding in Wood.]
The Fire Beings gathered round, but they did not know how to get the fire out of Wood. They promised it gifts, sang to it and shouted at it. They twisted it and struck it and tore it with their knives. But Wood did not give up the fire. In the end, defeated, the Beings went back to their mountain-top and left the People alone.
But Coyote knew how to get fire out of Wood. And he went to the village of men and showed them how. He showed them the trick of rubbing two dry sticks together, and the trick of spinning a sharpened stick in a hole made in another piece of wood. So man was from then on warm and safe through the killing cold of winter.

(Diese Fassung kursiert an verschiedenen Stellen im Netz, hier etwa: http://www.ilhawaii.net/~stony/lore06.html. Hier eine Version mit Giant statt Coyote.)

Langsam sollten sich Parallelen herausstellen. Bei diesen Figuren handelt es sich um den Archetyp Trickster, den es in vielen Kulturen in verschiedenen Ausprägungen gibt. Typische Merkmale:

  • Der Trickster ist eine Figur, die zwischen den Hauptgruppen der Menschen und Götter steht.
  • Er ist amoralisch und spielt Streiche, hilft mal den Menschen und Göttern, mal legt er sie herein.
  • Bei Streichen ist er oft selbst der Geschädigte.
  • Er kann häufig die Gestalt wandeln oder verkleidet sich viel.
  • Typische Leistung: Er bringt Menschen das Kulturwissen, insbesondere bringt er ihnen das Feuer.

Prometheus wird von den Menschen überwiegend positiv gesehen; Streiche spielt er den Göttern. Von diesen wird er dann auch bestraft. Bestraft wird auch Loki, der eher negativ gesehen wird, auch wenn er den Göttern oft hilft, auch durch Verkleidungen. Aber er wird später am Weltuntergang beteiligt sein; vorerst leidet er eine ähnliche Strafe wie Prometheus. Er ist ein Gott des Feuers. Coyote gehört ebenfalls weder zu den Göttern noch zu den Menschen. Er spielt Streiche, wandelt die Gestalt, fällt auf die Schnauze (man denke nur an seine Erlebnisse mit dem Road Runner) – und bringt den Menschen das Feuer.

Vor diesem Hintergrund sieht man vielleicht auch die Schlange anders, vor allem, wenn man sie mit Satan in Beziehung setzt, und mit der Gestalt Luzifer – drei Gestalten mit zugegeben unterschiedlichem Ursprung, aber in der Kombination erhellend. (Pun intended: Luzifer heißt „Lichtbringer“.) Auch diese Gestalt steht zwischen Mensch und Gott, spielt Streiche, verwandelt sich, wird bestraft – und man kann durchaus argumentieren, dass das Geschenk der Schlange, nämlich Erkenntnis gegen den Willen der Gottheit, ein echtes Geschenk ist, und keinesfalls ein Übel aus der Büchse der Pandora.

4 Antworten auf „Prometheus und andere Tricksereien“

  1. Es gibt auch Coyote-Geschichten, in denen der Trickster (Demiurg) die ersten Menschen macht, aus ähnlichem, aber strenger riechendem Abfall-Material wie Prometheus. Die Geschichte ist bei dem Mohawk-Schriftsteller Peter Blue Cloud nachzulesen in „Wie ein sanftes Erdbeben“.

  2. Tolle Zusammenfassung!
    Ich hab grad was Ähnliches, aber viel informeller zum Thema Sagen in meiner 2. Klasse gemacht, Prometheus, Schlange, Loki hatten wir, aber den Coyoten muss ich noch ergänzen ;-).

  3. Von Coyote gibt es noch viel mehr Geschichten, juhudo, auch in anderen Erscheinungsformen, als Giant oder – mir am liebsten – Crow. Über den Gedichtband Crow: From the Life and Songs of Crow von Ted Hughes habe ich nämlich seinerzeit angefangen, mich für Tricksterfiguren zu interessieren. Link zum Einstieg in Crow.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.