Rednerpult

Eine Alternative zum Referat, die ich auch schon mal in Deutsch ausprobiert habe, habe ich vor den Ferien im LK Englisch eingesetzt: Die Rede bzw. Vorlesung, hier schlichter: das vorgetragene Essay. Die Vortragssituation war von Anfang an klar, der Text sollte also für den mündlichen Vortrag geschrieben sein. Das heißt, dass die ersten zwei Zeilen ohnehin nicht von allen wahrgenommen werden; dass es noch wichtiger ist als im geschriebenen Text, Markierungen zur Orientierung einzusetzen (erstens, zweitens, drittens); dass Pausen gemacht werden und Kontakt zum Publikum gehalten wird.

Alles natürlich nicht gründlich genug vorbereitet, aber immerhin hatte ich ein Rednerpult organisiert. Unsere Schule hat nämlich eines, Stahlblech, sehr solide, aber auch sehr schwer, mit Schullogo, Lese- und Ablagefläche und sogar Beleuchtung. Dieses Pult wird sonst immer für Abitur- und andere Reden der Schulleitung eingesetzt und liegt sonst brach.

Die Schüler hielten dort ihre Vorträge, ich las ein paar vorbereitete, einleitende Worte ab – und war anscheinend das erste Mal hinter einem solchen Pult. Gott war ich nervös. Ein Jackett hatte ich vermutlich auch noch an. Das Rednerpult machte für mich einen Riesenunterschied. Die Nervosität legte sich, aber der Unterschied blieb. Leider hatte ich vergessen, Wasser mitzunehmen (ohne Kohlensäure, wie ich gelernt habe), ich hatte mit dem Transport des Pults alle Hände voll zu tun. Das Wasser habe ich vermisst, den Schülern ging es ebenso.

Da ich in der folgenden Stunde Unterricht hatte, ließ ich das Pult vorerst in dem Raum stehen. Dort entdeckte es eine zweite LK-Lehrerin und spielte damit herum. Und ein dritter LK-Lehrer half mir danach, das Pult wieder herunter zu tragen. Und wir alle meinten: So was brauchen wir unbedingt für den Deutsch- und Englisch-Unterricht. Man steht ganz anders da, Schüler wie Lehrer. Und wenn schon Lehrervortrag (was ja nicht schlecht sein muss), dann gleich richtig. Hinter einem solchen Pult, so habe ich das Gefühl, kann man sich auch weniger des unverbindlichen Geschwurbels leisten, das man als Lehrer dann doch ab und zu von sich zu geben nicht umhin kann zu bemerken. Ähem.

Schon länger wünsche ich mir ja eine Vortragsreihe. Zum Beispiel Deutsch, Aufklärung, G9 11. Klasse: alle Deutschlehrer der Klassen tun sich zusammen und halten jeweils eine Vorlesung vor allen Elftklässlern. Danach kurze Tutorien beim Fachlehrer, gefolgt von Leistungskontrolle. Müsste man nur mal organisieren. Und sich trauen – ich meine, ich mag die Aufklärung, aber kann ich mein Halbwissen wirklich sinnvoll präzisieren? Irgendwas über Lessing, „Erziehung des Menschengeschlechts“, oder den Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis… Eulers „Briefe an eine deutsche Prinzessin“ und Lichtenberg, „Über Gewitterfurcht und Blitzableitung“.

Rednerpulte: Das unserer Schule ist halt recht schwer, macht aber einiges her. Aus meinem Referendariat kenne ich kleine hölzerne Halbpulte, die man auf einen normalen Schultisch stellt. Die sind leichter zu transportieren, sehen aber auch ein bisschen billiger aus. Irgendwas dazwischen muss es doch geben.

(Sonstiges vom ersten Schultag: Erstens, ich hatte in den Ferien ganz vergessen, wie massentierhaltungsvoll unser Lehrerzimmer ist. Ich hatte es wirklich vergessen. Zweitens, eine ehemalige LK-Schülerin, inzwischen Referendariat Grundschule, war heute praktizierend… also: als Praktikantin bei uns, um sich mal die fünften Klassen anzuschauen. Wir haben ein bisschen geplaudert und als es um den E-Mail-Austausch ging und ich schon angefangen hatte, nach einem Zettel zu kramen, habe ich noch rechtzeitig an meine Visitenkarten gedacht. Nicht die offiziellen, sondern die kleinen mit Foto von moo.)

17 Antworten auf „Rednerpult“

  1. Die kleinen Halbpulte kenn ich auch; es gab bei uns sogar einen Lehrer, der in jede seiner Klassen so eine Art Barhocker aus Holz stellen hat lassen, damit er hinter dem erhöhten Pult sitzen kann. Wohl dem Schüler, der da in der 1. Reihe hinter dem Pult saß – der war de facto unsichtbar für den Lehrer.

    Ist man hinter einem Rednerpult nervöser als wenn man ohne Rednerpult spricht? Man braucht ja dann z. B. nicht an seine Hände / Arme denken, denn die verschwinden einfach hinter dem Pult.

  2. „Erstens, ich hatte in den Ferien ganz vergessen, wie massentierhaltungsvoll unser Lehrerzimmer ist.“

    Eine meiner Lehrerinnen (eine wunderbare Frau, deren Unterricht ich gerne besuchte), vertraute mir mal an, dass sie sich nicht ins Lehrerzimmer traue, weil sie da keinen angestammten Sitzplatz hatte.

  3. Also, ich war zuerst nervöser als ohne Pult. Aber das hat sich dann schon gelegt. Mit Pult muss man aber auch mehr bringen, denke ich.

    Angestammte Sitzplätze gibt’s eh nur für Leute mit Ellenbogen.

  4. Mhm. Ja, spannend! Ex cathedra ist ja gar nicht so böööööse und frontaaaal, wie wir es im Referendariat gelernt haben.

    Ex cathedra kann also stützend und bindend sein und zu Vorträgen führen, wie sie sein sollen. Ohne Witz, ich denke wirklich, dass vieles, wass die Didaktik seit den 70ern über Bord geworfen hat, eigentlich zu einer Verarmung geführt hat – sowohl für Lehrende als für Lernende.

    nele

  5. Ich lese seit ein paar Tagen mit Interesse Ihren Blog.

    Zum Thema: Ich finde Sie haben absolut Recht, das Rednerpult ist eine tolle Entdeckung.
    Gerade an unserer Schule vermisse ich bei vielen Schülern und Lehrern ein gewisses
    rhetorisches Talent, vielleicht wären solche Unterrichtseinheiten / Vorlesungen / Reden
    eine sehr schöne Möglichkeit, den Leuten wieder das eigentliche „Reden“ und „Vortragen“
    beizubringen.
    Mir fällt immer wieder auf, dass sich viele Schüler bei Referaten in einer Medienschlacht
    völlig verlaufen und vor allem das Gesprochene nicht mehr die gewünschte Wirkung erzielt.

    Wo man eine günstiges und vor allem mobiles Pult herbekommt, weiß ich allerdings auch nicht;
    wir haben bei uns auch nur ein großes und schweres Rednerpult –
    und Ikea liefert unter dem Stichwort „Pult“ leider nur eine Deckenleuchte.

    Grüße
    Arndt D.

  6. Bei und in der Berufsakademie gibt es auch diese hölzernen Rednerpulte, die man auf den Tisch stellen kann. Da wir im Neubau hausen, wäre vorstellbar, dass noch jemand die Bezugsquelle kennt. Nachfragen?

  7. Ich habe dir mit del.icio.us gerade unseren Hersteller geschickt: VS Vereinigte Spezialmöbelfabriken Verwaltungs-GmbH in Tauberbischofsheim

  8. hallo, sehr geehrter herr rau,
    das PROBLEM haben wir vor fünf jahren erkannt.
    viele pädagogen, die z.t. bis zu 450 hefte zu korrigieren haben, tun dies`nun – gesundheitsfördernd – stehend.
    siehe http://www.pulte-fabrik.de/1001.htm oder, auch DAS für die klasse geeignet ist: http://www.pulte-fabrik.de/1004.htm.
    ohne die sichtblende ist es ein erstklassiges, standfestes STEHpult. der fußbügel entlastet den rücken. jeweils ein stand- und ein spielbein, empfehlen arbeitsmediziner.
    wir männer, mittlerweile auch immer mehr frauen, kennen DAS von der gemütlichen kneipentheke. mit herzlichem gruß, wilfried bock

  9. lieber herr rau.
    der ordnung halber hier NUR der hinweis, dass die pulte-fabrik einen noch größeren online shop bekommt. sie zieht zur zeit um und ist in arbeit.
    darum ist sie über die derzeitige website nicht einzusehen. aber…
    unter http://www.pulte-profi.de ereichen sie diese homepage noch.
    wilFried bock

  10. Die zunehmende Nervosität hinter einem Pult kann ich bestätigen, in meinem Fall ist es mir bei einem Planspiel des PoWi LKs passiert (POL&IS – sehr zu empfehlen: http://www.polis.jugendoffizier.eu/), dass ich, obwohl ich eigtl sehr gut frei sprechen kann, fast kein Wort herausbekommen habe.
    Und zum Thema Pult für das Klassenzimmer: Ich denke hier muss man ja nicht unbedingt ein massives nehmen, ein schräges Brett für die Notizen auf 2 Holzbeinen, davor ein zb mit Schulwappen verzierter Flies oder Teppich sollte sowohl dem geringen Gewicht als auch dem zumindest einigermaßen professionellem Auftritt gerecht werden. Wobei natürlich die leicht erhöhte Redeposition an sich auch einiges ausmacht.

  11. Grüß Gott Herr Rau,

    Metallplatten im Boden, die Musik machen? Da muss ich mit meinen Schülern hin auf der Abschlussfahrt.

    Im Internet findet man dazu leider nichts – erinnern Sie sich an eine grobe Richtung oder den Namen der Straße?

    Grüße aus dem hohen Norden Bayerns,
    jörg

    PS: Der Link ist Werbung für die Schülerzeitung meines PC-AKs ;-)

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