Richtlinien für den Umgang mit Sozialen Medien

Dieser Tage haben die bayerischen Schulen Hinweise zum Umgang mit Sozialen Medien/Netzwerken erhalten, mit Hinweisen auf den Leitfaden für die Beschäftigten der Bayerischen Staatsverwaltung zum Umgang mit Sozialen Medien sowie weiteren Hinweisen für die schulische Praxis (pdf). Hier geht’ s zu Links und Zusammenfassung bei Kultusministerium.

Meine Kurzfassung und mein Kommentar zu den Hinweisen:

  • Für dienstliche Kommunikation sind Twitter oder Facebook nicht geeignet.
    – Sehe ich auch so.
  • Auch öffentliches Auftreten der Schule in diesen Netzwerken hat zu unterbleiben.
    – Ich denke, eine Facebookseite würde nicht schaden, aber mein Herz hängt nicht daran. Ob ich als Schule Informationen auf Twitter oder der eigenen Homepage ins Netz stelle, macht datenschutzrechtlich für mich keinen großen Unterschied. Anders natürlich bei Daten, die in einen passwortgeschützten Bereich gehören.
  • Privat darf man natürlich alles nutzen. Man muss aber “der Achtung und dem Vertrauen” der Lehrerstellung gerecht werden.
    – Einverstanden.
  • Über alles, was man bei dienstlicher Tätigkeit erfahren hat, muss Verschwiegenheit bewahrt werden. Keine Geschichten aus der Schule erzählen, auch nicht mit pseudonymisierten Namen.
    – Sehe ich auch so; ich beziehe mich bei meinen Kommentaren immer nur auf öffentlich zugängliches Material. Früher war ich da leichtfertiger, also vor zehn Jahren, oder vor acht. Schülerfotos und ‑material ohnehin nur mit expliziter Zustimmung. (Oder ist bereits mein Unterricht eine “bei dienstlicher Tätigkeit bekannt gewordene Angelegenheit”? Also im Sinne von “Heute war ein schöner Schultag” oder so?)
  • Man empfiehlt Lehrern, aus Fürsorgepflicht, defensiv mit sozialen Netzwerken umzugehen. Damit sie keine dienst‑, arbeits- oder privatrechtlichen Probleme kriegen.
    – Vorsicht ist gut, bevor man sich um Kopf und Kragen redet. Man sollte auf jeden Fall wissen, was man tut – inzwischen achte ich mehr darauf als noch am Anfang, und das ist schon gut so. Dass mit dem Hinweis auf Fürsorgepflicht auch auf mögliche Konsequenzen hingewiesen wird, hat einen gewissen Beigeschmack, ist aber verständlich.
  • Von einer unterrichtlichen Nutzung sozialer Netzwerke ist abzusehen. Siehe Bekanntmachung zu Medienbildung und Medienerziehung. Stattdessen werden Moodle und der Medienführerschein empfohlen.
    – Verständlich. Vermutlich teile ich die Ansicht sogar, weil man Schüler nicht zu Facebook ermuntern sollte. Aber es entgeht dadurch ein nutzbares Werkzeug zum Lernen, und die Möglichkeit, den Umgang damit zu lernen. Moodle ist keine Alternative. Ist das selbst gehostete Wiki ein soziales Medium in diesem Sinn? Ich sage mal: nein, solange keine Klarnamen verwendet werden. (Wenn man fortschrittlichen Lehrern so ein anonymes Wiki oder Blog mit Schülern verbieten würde: das wäre wirklich nicht sinnvoll. Dann dürften Schüler ja auch nicht an der Schulhomepage mitmachen, weil da ja genau die gleichen Daten gespeichert werden.)

Fazit: Mit einem Körnchen Salz genommen ist das alles schon okay. Unklar ist nur, wie weit die Verschwiegenheitspflicht geht. Wenn ich in Zukunft also mal schreibe, dass eine Lehrerkonferenz lang war, handelt es sich natürlich um eine erfundene Lehrerkonferenz, wie alles, was ich hier schreibe, erfunden ist.

Im Leitfaden geht es um Folgendes:

  • “Das Verhalten […] muss im privaten Umgang ebenfalls der Achtung und dem Vertrauen gerecht werden, die ihr Beruf erfordert. Die daraus resultierenden Pflichten zielen darauf, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Sachorientierung, Unparteilichkeit und Effizienz der Aufgabenwahrnehmung im öffentlichen Dienst zu schützen.”
    – Achtung und Vertrauen: keine Frage. Dass man sich (etwa über Pläne des Kultusministeriums) nicht so äußern darf, dass das Vertrauen in die Effizienz des öffentlichen Diensts gemindert wird – schon schwieriger. Es ist halt manchmal schwer, keine Satire zu schreiben. Manchmal muss man aber auch nur die Pressemitteilungen des Ministeriums zitieren.
  • “Bedenken Sie, dass Sie durch diese Öffnung der Kommunikation besondere Verantwortung übernehmen. Das gilt sowohl für Themenfelder, für Einzelbeiträge in Text- oder Bildform wie auch für den Stil Ihrer Äußerungen. Insbesondere wenn Sie selbst einen Bezug zu Ihrer amtlichen Stellung herstellen, werden Sie daran gemessen, ob Ihr Verhalten den legitimen Ansprüchen an die öffentliche Verwaltung gerecht wird.”
    – Den Ansprüchen des Bürgers an einen Lehrer? Da mache ich mir keine Sorgen. Den Ansprüchen der Verwaltung selber? Kniffliger, zugegeben.
  • Verschwiegenheit, Mäßigung bei politischer Betätigung, nicht im Namen der Schule sprechen. Alles sinnvoll.
  • “Ist die Beteiligung an sozialen Netzwerken pädagogisch fortschrittlich, eine unverhältnismäßige Einflussnahme bzw. Kontrolle der Schülerinnen und Schüler und Eltern – oder schlicht private Entscheidung, die von den dienstlichen Pflichten völlig getrennt ist?”
    – Eine einfache Antwort darauf wird nicht gegeben, lediglich das “fortschrittlich” scheint keinesfalls zutreffen zu können.
    Also: “zufälligen privaten Kontakt in gemeinsamen Themenfeldern” darf es bei Facebook ebenso geben wie außerhalb. Aber grundsätzlich unzulässig “dürfte” sein (keine sehr belastbarere Formulierung), wenn der Lehrer dem Schüler eine Kontaktaufnahme als “Follower” anträgt. Würde ich auch nie machen. Auch Schüler sollen Lehrern nicht folgen. Und da fangen die Schwierigkeiten an. Ich darf also einen Followerwunsch bei Facebook nicht bestätigen? Muss ich dann bei Twitter einen Schüler blocken, der mir folgt? Und wenn eine Schülerin bloggt oder twittert, darf ich dann deren Blogeinträge oder Tweets nicht abonnieren oder kommentieren?
    Die Begründung für dieses gewünschte Verhalten lautet: “Lehrkräfte sollten selbstverständlich nicht ‘Anhänger’ ihrer Schülerinnen und Schüler sein, die sie zu erziehen und zu bewerten haben.” Und diese Begründung vestehe ich nicht. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Werden Leute bei Twitter oder Facebook tatsächlich als “Anhänger” gesehen, von den Hängern oder Angehängten oder anderen? Der Sportmannschaft der Schule soll ich Beifall klatschen, dem Schultwitterer aber nicht?
  • Freundschaftsanfragen soll man zurückweisen, weil man Schüler gleich behandeln soll, und nicht den Freundschaftswunsch der einen annehmen und den der anderen ablehnen kann.
    – Leuchtet mir ein. Deswegen habe ich in den Zeiten, in denen ich bei Facebook war, auch alle Anfragen von Schülern angenommen, die ich unterrichtet habe, und nur von denen. “In Betracht kommt damit höchstens eine offene Gruppe, in der jede Freundschaftsanzeige von Schülerinnen und Schüler akzeptiert wird, um etwa einen einfachen Zugang zum Austausch zu allgemeinen bzw. schulrelevanten Informationen zu schaffen” – eben, sagt auch das Ministerium. Allerdings weist es zu Recht darauf hin, dass auch das sehr problematisch ist, weil eben nicht alle Schüler Zugang zu Facebook haben. Auch die Ansicht teile ich, deswegen teile ich keine relevanten Informationen über Facebook. Andererseits: Darf ich dann Schülerfragen via Email beantworten, auch wenn nicht alle Schüler Zugang zu Email haben?

Fazit: Natürlich sollte es solche Richtlinien geben. Wie gelungen sie sind, kann man diskutieren; wie ernst sie genommen werden, auch. Am wenigsten sinnvoll scheinen mir die Vorschläge zu Facebook etc., auch wenn ich davon kaum betroffen bin. Selber werde ich wohl in Zukunft wohl noch etwas gründlicher überlegen, bevor ich etwas poste. Nachtrag: Und bei Facebook nehme ich natürlich weiterhin jeden Schülerfreundschaftsantrag an, der mir gestellt wird, wenn ich den Schüler unterrichte.

Das Halteproblem

Zum Abitur und im Semester davor schreiben die Schüler in Informatik Computerprogramme in einer Assembler-Programmiersprache. Die besteht zwar aus ganz einfachen Einzelschritten, aber genau das führt dazu, dass das ganze Programm etwas unübersichtlich ist und man nicht auf den ersten Blick sieht, was es genau tut. Wenn ich die Schülerprogramme also bewerten will, muss ich sie abtippen und laufen lassen, und dann sehe ich, ob am Schluss das richtige Ergebnis herauskommt. Wenn ja: volle Punktzahl, wenn nein: puh. Dann muss ich das Programm Schritt für Schritt nachvollziehen, um herauszufinden, wo das Problem ist – wo sich zum Beispiel eine Endlosschleife verbirgt, so dass das Programm nie aufhört zu laufen.

In dieser Situation wünschte ich mir ein Programm, das diese Arbeit automatisch für mich erledigt. Ich würde es mit den Schülerprogrammen füttern, und es würde mir danach sagen “ja, das Problem kommt früher oder später an ein Ende” oder “nein, das Programm wird in eine Endlosschleife geraten und nie aufhören.”

Die Frage, ob es so ein Programm gibt, heißt Halteproblem der Informatik. Und das Halteproblem ist allgemein nicht lösbar – es kann so ein Programm nicht geben, egal wie gut Computer noch werden. (Für spezielle Sonderfälle, etwa Programme, die sich an bestimmte Vorgaben halten, ist es oft lösbar. Aber eben nicht, wenn es um beliebige Programme geht.)

Der Beweis folgt.

Teil 1: Was ein Computerprogramm ist.

Ein Computerprogramm kann man sich als ein Frage-Antwort-Maschinchen vorstellen, in das man zum Beispiel eine Zahl eingibt, dann rechnet das Maschinchen, um am Schluss macht es “Ping!” und eine Zahl kommt als Antwort heraus. Da gibt es zum Beispiel das Verdoppelungsmaschinchen:

verdoppeln(eines eingangswertes):
  ergebnis: eingangswert mal 2

Das funktioniert natürlich nicht nur mit Zahlen, sondern auch mit Text. Lehrer träumen ja von einem Korrektur- und Benotungsmaschinchen:

benoten(eines aufsatzes):
  [rechnen, rechnen, rechnen]
  ergebnis: note

Die praktische Schwierigkeit liegt dabei in dem Schritt, den ich weggelassen habe: das mit dem Rechnen. Um das geht es hier aber gar nicht. Wie der Computer vorgeht, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen, interessiert uns im Moment nicht. Wichtig ist nur, dass ein Programm zum Berechnen eine Wiederholungsschleife ausführen kann, dass ein Programmteil also immer und immer wiederholt wird, bis eine bestimmte Bedingung (die Wiederholbedingung) nicht mehr gilt. Bei den meisten üblichen Berechnungen kann man vorher sagen, wie oft das höchstens der Fall sein wird, bei anderen Berechnungen ist das schwieriger.

Um das zu veranschaulichen, verwende ich drei Beispielprogramme, auf die ich auch später zurückkommen werde. Die Programme sind countdown (von einer beliebigen Startzahl aus), endlosdrucken (eines beliebigen Starttextes) und ausdrucken(eines beliebigen Starttextes).

Mein erstes Programm ist eigentlich nur ein kleines Hilfsprogramm:

Ausdruckprogramm

ausdrucken(eines Textes):
  druckt den Text aus

Jetzt die anderen Progrämmchen:

Countdownprogramm

countdown(von einer Zahl aus):
  wiederhole solange zahl>0:
    ausdrucken(der zahl)
    um_eins_verringern(die zahl)

Man sieht sehr schnell, wie lange dieses Countdown-Programm braucht, bis es fertig ist: Wenn ich mit der Zahl 5 anfange, sind es 5 Durchgänge durch die Schleife, mit jeweils sinkender Zahl (5–4‑3–2‑1).

Merke: Dieses Programm kommt immer früher oder später zu einem Ende, egal mit welcher Startzahl ich anfange.

Endlosdrucker

endlosdrucken(eines Textes):
  wiederhole solange Textlänge größer als -1:
    ausdrucken(des Textes)

Man sieht schnell, dass dieses Programm nie zu einem Ende kommt. Es wird immer wieder den gleichen Text ausdrucken.

Merke: Dieses Programm kommt nie zu einem Ende, egal mit welchem Starttext ich anfange.

Und der Vollständigkeit halber: Es gibt natürlich auch viele Programme, bei denen es vom Startwert abhängt, ob das Programm ewig läuft oder nicht. Hier ein ganz simples Beispiel:

manchmalprogramm(text):
  wiederhole solange Textlänge > 5:
    ausdrucken(text)

Das Programm druckt den Eingabetext immer und immer wieder aus und hört nie auf – es sei denn, der Eingabetext ist kürzer als 5 Zeichen lang. Dann tut das Programm gar nichts.

Wir merken uns:

  1. Manche Programme terminieren (kommen zu einem Ende), andere nicht (sind in einer Endlosschleife gefangen).
  2. Ob sie das eine oder andere tun, hängt auch von den Eingabewerten ab, mit denen das Programm aufgerufen wird.
  3. Bei einfachen Programmen sieht man sehr schnell, wann sie terminieren oder nicht.
  4. Bei komplizierten Programmen geht das nicht so einfach, oder gar nicht.

Teil 2: Noch ein Beispiel, warum es schön wäre, wenn das Halteproblem lösbar wäre.

Es gibt mathematische Probleme, bei denen weiß man die Lösung nicht. Man weiß nicht einmal, ob es eine Lösung gibt. Etwa bei der wiederholten Anwendung der Collatz-Funktion. Die geht so: Beginne mit einer natürlichen Zahl. Wenn sie gerade ist, halbiere sie; wenn sie ungerade ist, multipliziere sie mit 3 und addiere 1. Wiederhole das mit der neuen Zahlen, die du erhalten hast – und dann immer weiter.

  • Wenn man mit 5 beginnt, erhält man folgende Reihe: 5–16‑8–4‑2–1 (und bei der 1 hört man dann auf, weil es dann mit der 4 weitergeht).
  • Wenn man mit 3 beginnt, erhält man folgende Reihe: 3–10‑5–16‑8–4‑2–1 (und bei der 1 hört man dann auf).
  • Wenn man mit 7 beginnt, erhält man folgende Reihe: 7–22-11–34… …4–2‑1 (und bei der 1 hört man dann auf).

Landet man bei jeder Zahl früher oder später bei 4–2‑1? Das wird vermutet, bewiesen ist aber noch gar nichts. Eine Alternative wäre zum Beispiel ein anderer Zyklus als 4–2‑1–4‑2–1…, in den man gerät. Oder die Zahlen werden im Prinzip immer größer, ohne sich je exakt zu wiederholen, könnte auch sein.

Man kann leicht ein Programm schreiben, das der Reihe nach für alle natürlichen Zahlen ausprobiert, ob sie bei 1 landen oder in einem anderen Zyklus. Das Programm terminiert, sobald eine Zahl gefunden ist, die nicht bei 1 landet (sondern in einem anderen Zyklus), ansonsten probiert es halt der Reihe nach alle Zahlen aus.

collatz_conjecture
xkcd webcomic – immer wieder lesenswert

Wenn das Programm läuft, sitzt man vor dem Rechner und wartet, ob es eine Antwort ausspuckt. Und wartet. Und wartet. Möglicherweise wartet man ewig, wenn es so eine Zahl nicht gibt. Oder man wartet einfach noch nicht lange genug, weil es doch eine solche Zahl gibt. Da wäre es doch schön, wenn man sein hypothetischen Überprüfungsprogramm mit dem Collatz-Programm füttern könnte, damit das dann entscheidet, ob das Collatz-Programm irgendwann mal anhalten wird oder nicht.

(Siehe dazu auch die Sache mit der Medizinerparty.)

Teil 3: Der Beweis.

(1) Nehmen wir an, es gäbe so ein Checkerprogramm. Man würde es füttern mit zwei Informationen, nämlich dem Programm, das es testen soll, und dem Startwert, mit dem das Programm laufen soll. Wir haben ja oben gesehen, dass es vom Startwert abhängen kann, ob ein Programm anhält oder nicht.

Es hätte dann ungefähr folgende Form:

anhaltechecker (eingabeprogramm, eingabewerte):
  [rechnen, rechnen, rechnen]
  wenn das Programm mit diesen Startwerten anhalten wird:
    ausgeben ("Ja, wird anhalten!")  
    ergebnis: wahr
  sonst:
    ausgeben ("Nein, terminiert nicht.")
    ergebnis: falsch

Wenn ich es aufrufe :

anhaltechecker (countdownprogramm, 10)

- dann wird es mir ausgeben: “Ja, wird anhalten!”, weil das Countdownprogramm ja tatsächlich anhält, wenn man es mit einer 10 als Argument aufruft, wie bei jeder anderen natürlichen Zahl auch.

Und wenn ich es aufrufe:

anhaltechecker (endlosdrucken, "Hallo Susi")

- dann wird es mir ausgeben: “Nein, terminiert nicht.”, weil das Endlosprogramm ja tatsächlich nie fertig wird, sondern immer nur den Eingabetext ausdruckt.

Und wenn ich es aufrufe:

anhaltechecker (ausdrucken, ausdrucken)

- dann wird es mir ausgeben: “Ja, wird anhalten!”, weil mein Ausdruckprogramm natürlich einen längeren Text ausdrucken kann und dann fertig ist, auch wenn der längerere Text ein Computerprogramm ist, und sei es zufälligerweise auch der eigene Programmcode.

(2) Nehmen wir jetzt folgendes fieses kleines Programm:

fiesling(eingabeprogramm):
  solange anhaltechecker(eingabeprogramm, eingabeprogramm) sagt, dass angehalten wird:
    nichtstun
  danach:
    ausgeben("Fertig.")

Das tatsächlich ganz leicht zu schreibende Fieslingsprogramm nimmt ein Programm als Eingabewert, und leitet es weiter an unser hypothetisches Anhaltechecker-Programm. Das soll das testen, und zwar mit dem zu überprüfenden Programm als Eingabeargument seiner selbst. Das ist der Knackpunkt. Wenn wir zum Beispiel aufrufen:

fiesling(ausdruckprogramm)

Dann wird zuerst anhaltechecker(ausdruckprogramm,ausdruckprogramm) aufgerufen, und solange das zu einem Ende kommt (was es tut, siehe oben), kommt das Fieslingsprogramm genau nicht zu einem Ende. So ein dummes Programm.

Wenn ich es dagegen aufrufen würde:

fiesling(endlosprogramm)

Dann würde zuerst anhaltechecker(endlosprogramm, endlosprogramm) aufgerufen werden, und da (das Endlosdruckprogramm) nicht zu einem Ende kommt (sondern nur endlos den Programmtext ausdrucken würde), würde mein Fieslingsprogramm das eben schon tun und ausgeben: “Fertig.”

(3) Das Zusammenbauen.

Was passiert, wenn ich aufrufe:

fiesling(fiesling)

Das war’s dann eigentlich. Das Fieslingsprogramm würde seinerseits aufrufen anhaltechecker(fiesling,fiesling), und wenn das ausgibt, dass fiesling(fiesling) anhält, würde es nicht anhalten. Und wenn es ausgibt, dass es nicht anhält, würde es anhalten. Das ist ein nicht auflösbarer Widerspruch. Absurd. Also muss eine unserer Prämissen falsch sein, und das kann nur die sein, dass es so ein Programm wie den Anhaltechecker geben kann. Also kann es so ein Programm nicht geben.

Ich habe ein paarmal versucht, das einfacher zu fassen. Herausgekommen ist das, was herausgekommen ist.

Adler und Hühnchen: Kurze Beispielrechnung zur Telekom-Drosselung

Ab Mai gibt es neue Tarife bei der Telekom. Dann gibt es bei neuen Verträgen keine Flatrate, sondern einen Tarif mit Volumenbeschränkung: Bei einem Tarif, der meinem vergleichbar ist (ich bin nicht bei der Telekom), würde ich weiter so viel surfen dürfen, wie ich will. Ab 75 GB heruntergeladener Daten im Monat würde allerdings meine Geschwindigkeit sehr stark gedrosselt werden. Das wäre blöd, aber die Telekom darf das natürlich.

Ich gucke zur Zeit zum Beispiel gerne live diesen Stream aus einem Fischadlerhorst in Estland. Ich weiß nicht, wie der kodiert ist, ich behaupte einfach mal: 300kbit/s, das ist vermutlich an der Untergrenze. Wenn ich sonst nichts im Internet mache und nur diesen Stream laufen lasse, Tag und Nacht wohlgemerkt, dann wird die Telekom mir nach gut 23 Tagen den Internethahn so sehr drosseln, dass ich kaum mehr gut mit dem Internet arbeiten kann. Wenn ich während dieser Zeit noch irgend etwas anderes im Internet mache, soll ja vorkommen, dann sind es natürlich noch weniger Tage.

(Zugegeben: Tatsächlich dürfte ich bisher selten an die Grenze von 75 GB gestoßen sein. Aber ich benutze ja auch kein Maxdome oder solche Sachen, wo man sich Filme legal und gegen Geld auf den eigenen Fernseher zaubern lassen kann. Stelle ich mir aber praktisch vor, so etwas.)

Nun ist es so, dass – um bei meinem Vogelstream-Beispiel zu bleiben – die Telekom quasi gleichzeitig ein Live-Hühnchen-Video streamt, das nicht auf meine Gesamtkosten angerechnet wird. Dann kann man sich ja denken, dass viele Leute eher das Hühnchen sehen werden und auf den Fischadler verzichten. Und eine dritte Firma streamt ein Video von glücklichen Truthähnen und zahlt der Telekom Geld dafür, dass die Telekom die Downloadmenge nicht auf meine Gesamtkosten anrechnet. Kann man sich ja denken, dass dann mehr Leute den bezahlten Truthahn-Stream anschauen werden und etwas weniger die Fischadler. Kleine Projekte, die der Telekom kein Geld für bevorzugte Behandlung zahlen können, haben es dann schwerer, wahrgenommen zu werden. Das ist das Hauptproblem an den neuen Tarifen der Telekom.

Natürlich geht es gerade nicht um Live-Vogelstreams, sondern um Audio- und Filmangebote. Aber bei denen geschieht genau das.

Das Schlagwort dazu, ich habe es schon öfter erwähnt, heißt: Netzneutralität. Es bedeutet, dass ein Internetanbieter die Datenpakete, die hin und her geschickt werden, nicht aufmacht um nachzuschauen, ob darin Hühnchen‑, Truthahn- oder Fischadlerbilder sind, und sie vor allem nicht ungleich behandelt. In manchen Ländern ist Netzneutralität gesetzlich vorgeschrieben, in Deutschland nicht.

Muss sein: Schon wieder Vögel

Seit gestern haben wir eine Tannenmeise zu Besuch:

tannenmeise_2013_(1)

tannenmeise_2013_(2)

Leicht zu verwechseln mit einer Kohlmeise, aber die Tannenmeise hat hinten nicht nur einen kleinen weißen Querfleck im Nacken, sondern einen ganzen Streifen über den Kopf, und keinen schwarzen Strich auf dem Bauch.

Gesehen haben wir den Sperber schon vor ein paar Tagen, heute haben wir ihn beim Frühstück erwischt:

sperber_2013_04_21_(1)

sperber_2013_04_21_(2)

sperber_2013_04_21_(3)

Ein Vogel, wie man sieht; keine unserer neuen Schwanzmeisen, von denen ich immer noch kein richtiges Bild habe, vielleicht ein Rotkehlchen oder eine Meise?

Wer’s gerne live sieht: Hier gibt es einen Stream aus einem Fischadlerhorst in Estland. Sind oft zu Hause, die Adler; ich schaue immer wieder mal rein. Mit Ton.

J. C. Squire, If It Had Happened Otherwise

Ich weiß nicht mehr, was meine erste “Was wäre, wenn”-Geschichte war. Als Science-Fiction-Leser war man ja quasi permanent mit so etwas beschäftigt. Etwas abgekürzt gesagt, ging es nämlich bei science fiction – Betonung auf dem ersten Wort – am Anfang darum, dass eine neue technische Erfindung postuliert wurde, und dann spann man eine Geschichte drumrum.1 Zuerst ersetzte dabei der technische Reiz einer neuen Erfindung eine sinnvolle Geschichte, so dass man Charakterisierung und Handlung, wenn sie mal weniger entwickelt waren, gar nicht groß vermisste. Was wäre, wenn es Leben auf anderen Planeten gäbe, wenn man zum Mond fliegen könnte, wenn es Teleportation gäbe? Später wurde in vielen Geschichten dieser technische Reiz dann zu bloßem Lokalkolorit: Raumschiffe und ferne Planeten waren gegeben, und die Geschichten hatten mit der Technik und ihren Konsequenzen nicht unbedingt viel zu tun: Space Opera.2 Ab den späteren 1950er Jahren ging es vielen Science-Fiction-Autoren dann doch wieder um die Konsequenzen der Technik, diesmal auf die Gesellschaft und ihre Entwicklung. Damit näherten sie sich der klassischen Utopie und Dystopie. Erhalten blieb das “was wäre, wenn”.

WhatIf1What If Nr. 1. Cover: Joe Sinnott. Script: Roy Thomas. Marvel 1977.

Eine verwandte Art von “What if” kommt aus der Geschichtsschreibung. Begegnet bin ich ihr zum ersten Mal in der Marvel-Comic-Serie “What If” (1977): In jedem Heft wurde eine Situation aus der etablierten Marvel-Geschichte neu durchgespielt. Bekanntlich versuchte der frischgebackene Superheld Spider-Man ja im ersten Heft seiner eigenen Serie, dem Superheldenteam Fantastic Four beizutreten, es kam allerdings aus verschiedenen Gründen nicht dazu. Das erste What-If-Heft trägt den Titel “What If Spider-Man Joined The Fantastic Four” und schildert eine alternative Version der Marvel-Geschichte.

Die Comicserie hat diese Idee natürlich auch nicht erfunden, in der Literatur gibt es viele Vorgänger. Bei amerikanischen Autoren geht es typischerweise um Welten, in den die Südstaaten den Bürgerkrieg gewonnen haben; häufig sind auch Geschichten, in denen der zweite Weltkrieg anders verlaufen ist.3 Bei Wikipedia gibt es eine lange Liste von alternate histories und counterfactual history. (Der Unterschied zwischen beiden ist hier egal.)

if_it_had_happenedEin frühes Mitglied des Genres ist die Anthologie If It Had Happened Otherwise (1931), herausgegeben von J.C. Squire. Vorbild dazu war der Essay “If Napoleon had Won the Battle of Waterloo” (1907) des Historikers George Trevelyan, im Anhang der Neuausgabe von 1972 erhalten. – Ebenfalls im Anhang: Ein Auszug aus The First World War: An Illustrated History (1963), in dem der Historiker A.J.P. Taylor argumentiert, dass der Erste Weltkrieg möglicherweise nicht unausweichlich war, sondern tatsächlich eine Vielzahl von möglichen Kleinigkeiten vor der Ermordung von Großherzog Ferdinand und seiner Frau in Sarajevo diese hätten verhindern können, und dass daraufhin die unausweichliche Kriegsmaschinerie sich nicht hätte in Bewegung setzen müssen.

Für die Anthologie wurden solche Essays von meist britischen Autoren geschrieben. Wegen einer solchen Geschichte war ich seit ein paar Jahren hinter dem Buch her: “If Lee had not Won the Battle of Gettysburg” von Winston Churchill. Zur Erinnerung: Der Südstaatengeneral Lee verlor die Schlacht von Gettysburg, ein Wendepunkt im amerikanischen Bürgerkrieg. Churchills Text stellt demnach die Gedankenspielerei eines Historikers aus einer Welt dar, in der die Südstaaten den Bürgerkrieg gewonnen haben, und in der spekuliert wird, wie es gewesen wäre, wenn der Norden gewonnen hätte.

Tatsächlich gibt es diese Gedankenspielerei in Ansätzen auch in einigen der anderen Texte. Bei Hillaire Belloc (französische Revolution), Robert Knox (Generalstreik von 1926), Charles Petrie (Bonnie Prince Charlie) wird in der alternativen Welt spekuliert, wie es gewesen wäre, wenn die Ereignisse sich so entwickelt hätten wie in unserer Welt. In anderen Geschichten (Maurois, Belloc, Waldmnn) wird von den alternativen Historikern betont, dass deren jeweilige Entwicklung “unvermeidlich” war – ironisch natürlich, weil es ja eben doch nicht so war, und damit implizit fragend, wie unausweichlich die Geschichte in unserer Welt ist.

Fast alle Essays nehmen die Form historischer Geschichtsschreibung mit der entsprechenden historischen Distanz an. Guedalla (siegreiche Mauren in Spanien) ergänzt das durch Briefe und andere Dokumente aus seiner Welt. Eine Ausnahme stellen lediglich drei Texte dar, die Geschichte um das misslungene Attentat auf Lincoln, und die beiden in der jüngsten Vergangenheit spielenden: Das eine ist ein mehr oder weniger erzählender Text von John Squire, laut dem im Jahr 1930 entdeckt und bewiesen wird, dass in der Tat Bacon Shakespeares Dramen geschrieben hat. Das führt zum wirtschaftlichen Niedergang der Region um Shakespeares Geburtsstadt Stratford und zu weltweiten Namensänderungen – bis sich in einer genialen Wendung herausstellt, dass dafür Shakespeare Bacons Prosawerke verfasst hat.

Die andere Geschichte ist ein Kuriosum von Ronald Knox, den ich als Krimiautor aus der Agatha-Christie-Schule kenne. Den anderen Essays ist jeweils eine ganz knappe Einführung vorangestellt, die den Leser darüber informiert, wie die Eriegnisse tatsächlich waren, dass also Lee eben nicht die Schlacht von Gettysburg gewonnen hat. Bei der Shakespeare/Bacon- und bei der Knox-Geschichte fehlt das, vermutlich, weil die auslösenden Ereignisse 1926 spielen und damit den Lesern von 1931 bekannt sind. Für mich ist das aber nicht mehr Zeitgeschichte, sondern tiefste Geschichte, so dass ich mit dem Hintergrund ausgerechnet dieses Texts am wenigsten vertraut bin, zumal Wikipedia zum erfolglosen Generalstreik von 1926 schreibt: “In the long run, there was little impact on trade-union activity or industrial relations.”

Bei Knox ist das anders. In seiner Welt war der Streik erfolgreich; wir erfahren das alles aber nur indirekt: Seine Geschichte besteht aus einem Quasi-Faksimile einer Ausgabe der Times vom 31. Juni 1930 (sic). Im etwas mühsamen Zeitungsstil der Zeit geschrieben, zeichnet die Sammlung von verschieden Leserbriefen, Artikeln und Kommentaren ein Bild der Welt vier Jahre nach dem erfolgreichen Streik. Anscheind ist England jetzt ein sozialistisch regiertes Land; immer wieder ist von Zensur die Rede. Bürger sind verpflichtet, den Staatssender BBC zu hören (das Vorlesen einer Marx-Biographie in der Kinderstunde wurde aber aufgegeben). Minenbesitzer leben “on the edge of starvation”, weil sie im Zuge des Streiks gezwungen sind, feste Löhne unabhängig von ihrem Gewinn zu zahlen, also auch, wenn es keine Arbeit zu tun gibt. Den unkündbaren Arbeitern geht es natürlich gut dabei; die Regierung überlegt, ob man nicht eine Art Sozialhilfe (“the dole”) für verarmte Minenbesitzer einführen soll. Kurios.

Insgesamt ein Buch für Freunde alternativer Geschichte, aber zum Einstieg gibt es spannendere Werke.


  1. Ein spätes Beispiel für eine Geschichte, die nur aus Wissenschaft mit ein bisschen kriminalistischer Handlung drumrum besteht, ist “Die Billardkugel” von Isaac Asimov. Ein frühes Beispiel ist Flatland von, uh, A. Square.
  2. Edmond Hamilton und Edgar Rice Burroughs, auf ganz verschiedene Art. Da geht es nicht um die Auswirkungen oder die Faszination neuer Technik. Hamilton war aber toll.
  3. Sehr spannend: Fatherland von Robert Harris (1992). Spannend und empfehlenswert: The Yiddish Policemen’s Union von Michael Chabon (2007). Nicht gelesen: Making History von Stephen Fry (1996).

Filmbildung in der Schule

Serifenlos zitiert ausführlich aus dem Amtsblatt der Ministeriums für Schule und Weiterbildung NRW. Dort wird eine Lanze für Filmbildung im Unterricht und in der Lehrerfortbildung” gebrochen. Selbst die KMK scheint das zu thematisieren:

Die aktuelle Erklärung der Kultusministerkonferenz (KMK) “Medienbildung in der Schule” vom 8. März 2012 empfiehlt, Medienbildung als Pflichtaufgabe schulischer Bildung nachhaltig in den Schulen zu verankern. Die KMK versteht Medienbildung dabei immer auch als Ouerschnittsaufgabe kultureller Bildung und weist der schulischen Filmbildung darin einen wichtigen Stellenwert zu.

Tatsächlich werden die Schulen diesen Wünsche nicht gerecht:

Doch faktisch lernen Kinder und Jugendliche den Umgang mit (Bewegt-)Bildern in der Schule bislang kaum. Das (bewegte) Bild wird – wenn überhaupt – nur als Ergänzung zur Schriftkultur gesehen. Damit Schülerinnen und Schüler aber eine Bildlesekompetenz im Sinne der oben zitierten KMK-Empfehlung erwerben, sollte das Medium Film explizit zum Unterrichtsgegenstand gemacht werden.

Und zwar in Form kritischer Reflexion und Produktion, als integraler Bestandteil an allen Schulformen. Weil das in der Ausbildung zu kurz kommt, kann man sich in 20 Tagen zum Filmmoderator weiterbilden.

Nichts gegen Fortbildungen, unbedingt. Nichts gegen Spezialisten, noch viel nötiger. Aber woher diese plötzliche Wichtigkeit der filmischen Bildung für die KMK? Fürs heutige amerikanische Kino braucht man nicht viel davon. Soll die Jugend mehr deutsche Fernsehspiele sehen können? Mit uns alten Säcken auf Twitter den sonntäglichen Tatort auseinandernehmen? Im G9 gab es in der 11. Jahrgangsstufe eine Sequenz zum Film, und in der Mittelstufe auch. Ich weiß gar nicht, ob das jetzt noch irgendwo drin ist – vielleicht in der 8., ein bisschen? Kubiwahn macht das in der Realschule in der 7. und 9. Jahrgangsstufe mit dem Handy.

Wozu muss Film überhaupt in die Schule? Für die Schüler ist das eine unterhaltsame Abwechslung, aber das kann ja wohl nicht der Grund sein. Man kann exemplarisch daran viel lernen, aber exemplarisch heißt, dass man das auch anders machen kann. Film eignet sich für handlungsorientierten oder gar produktiopnsorientierten Unterricht – aber auch das geht anders auch. Als Möglichkeit finde ich Filmanalyse oder ‑produktion toll. Als integralen Bestandteil nur dann, wenn es einen guten Grund gibt, und den sehe ich nicht. Film als Kulturgut beurteilen und schätzen können? Ich weiß nicht, ob man da in der Schule weit kommt.

Leonie Zoch, Weniger ist mehr

zoch_weniger_ist_mehr

Leonie Zoch hat 2011 am Gymnasium Ottobrunn bei München mit dem ersten G8-Jahrgang Abitur gemacht und darüber ein Buch geschrieben: Weniger ist mehr. Ein Insider über das G8 und das Abitur.

Als book on demand ist es in jeder Buchhandlung bestellbar, normaler Taschenbuchpreis, knapp 90 Seiten ohne Anhang. In zehn kurzen Kapiteln teilt Zoch ihre Meinung und Erfahrungen zu Themen wie “Richtiges Lernen”, “Schummeln”, “Nachhilfe” oder “Vorbereitung auf das Abitur”.

Zoch empfiehlt ein gesundes Selbstbewusstsein für Schüler, dann traue man sich auch, Antworten zu geben, ohne von deren 100%-iger Korrektheit überzeugt zu sein. Neu war mir der Tipp, dazu ab und zu mal mit Lehrern zu reden, um sich daran zu gewöhnen, ein paar Worte vor oder nach der Stunde. Mit manchen Schülern spreche ich tatsächlich oft, mit anderen so gut wie nie. Trotz eines gesundern Selbstbewusstseins müsse man sich leider anpassen und etwas verbiegen, aber nur kurzfristig und soweit nötig – etwa beim Deutschaufsatz. Jeder Schüler entwickle einen eigenen “Schreibstil, [der] nicht jedem Lehrer gefällt”, und man müsse herausfinden, welcher Stil dem jeweiligen Lehrer gefalle und sich danach richten. Zoch schreibt allerdings selber, das sei später wie im Beruf: was der Chef vorgibt, daran müsse man sich orientieren.
Aus Lehrersicht finde ich daran nichts Schlimmes. Ja, die Schüler sollen einen eigenen Stil entwickeln, das ist Ziel des Deutschunterrichts. Der Stil soll allerdings gleichzeitig gewissen Kriterien genügen, und gewissen Zusammenhängen – Textsorten – anzupassen sein.

Hand und Fuß hat, was Zoch zu Lernmethoden schreibt. Die waren bei ihr von Fach zu Fach nämlich verschieden – aber sie hat eben überhaupt gelernt, und empfiehlt, sich auf jede Stunde vorzubereiten, indem man mindestens noch einmal den Hefteintrag liest. Aus Lehrersicht: damit wäre schon viel getan.

Zentral scheint mir – auch wenn Zoch das nicht thematisiert – die Rolle des Elternhauses beim Lernen zu sein. Eine von ihr angewendete Lernmethode besteht darin, ihrer Mutter die gelernten Inhalte zu erzählen. Wer etwas verständlich erzählen kann, der versteht es auch besser. Für den Anfang braucht man dazu aber jemand, der einem zuhört. Was ist, wenn man das nicht hat?
Als wichtig sieht Zoch – wie ja auch die Didaktik – den Bezug zur eigenen Lebenswelt. Richtig interessant und greifbar wird der Unterricht, “wenn etwas, was [ein Schüler] zuvor mit seinen Eltern oder anderen besprochen hat, zufällig auch im Unterricht drangenommen wird. […] Um einen solchen Moment herstellen zu können, sollten Eltern so viele allgemeine, aber auch interessante Themen mit ihren Kindern besprechen wie nur irgend möglich.” Davon bin ich auch überzeugt. Aber was ist mit Schülerinnen und Schülern, die nicht die Gelegenheit zu solchen Gesprächen haben?
Übrigens wurde für Zoch der Unterrichtsstoff ihrer Schulzeit jedes Jahr interessanter und alltagstauglicher – vielleicht eben deshalb, weil sie diesen Bezug zur Lebenswelt herstellen konnte. (Und nebenbei gesagt: Auch hier zeigt sich der Vorteil von Wissen gegenüber Kompetenzen. Anküpfen kann man nur an etwas, das bereits da ist.)

Mit der Abiturvorbereitung hat Zoch zweieinhalb Monate vor dem Termin begonnen, sie empfiehlt und beschreibt einen Arbeitsplan und meint: je mehr man im Lauf der Oberstufe mitarbeitet, desto leichter ist es dann die Vorbereitung, weil man nur zu wiederholen braucht.

Interessant war für mich der Gedanke, dass Zoch als Ziel der Oberstufe dezidiert nicht die Vorbereitung aufs Studium sieht, insbesondere nicht die Entwicklung der Studierfähigkeit. In ihrem Erleben äußerte sich die vor allem im selbstständigen Anfertigen von Unterrichtsmitschriften. Diese Fähigkeiten entwickle man dann, wenn man sie braucht, nämlich im Studium. Stattdessen ist das Ziel der Oberstufe die Vorbereitung auf das Abitur.
Aus Lehrersicht: Es ist zumindest etwas dran, dass das Abitur nicht unmittelbar die Studierfähigkeit überprüft. Vielleicht nicht einmal mittelbar? Es könnte ja sein, dass das Abitur nur mit sinnvoller eigener Vorbereitung darauf bestanden werden kann, und mit eben dieser zeige man seine Studierfähigkeit. Trotzdem ist es schon so, dass das Abitur nur zu einem kleinen Teil abprüft, was Schüler und Schülerinnen lernen sollen – und dass man sich als Lehrer fragen muss, worauf man in der Oberstufe Schwerpunkte legt: Das, was Lehrplan und Menschenverstand und Pädagogik sagen, oder was das Abitur hören will.

Zoch warnt vor Lehrern, die Oberstufenstoff durch Referate vermitteln lassen. Den Stoff müsse man sich dann selber erarbeiten. Ich teile jedenfalls die Erfahrung, dass Schülerreferate wenig bringen, wenn es um die Vermittlung und Erarbeitung von neuem Stoff geht. Das ist sicher eine Baustelle im Unterricht.

Einen aussagekräftigen Titel trägt das Kapitel “Lügen und Täuschungen des G8, in dem es auch um die Intensivierungsstunden, einen der innovativen Grundpfeiler des G8 geht. Als Lehrer mit Treuepflicht müsste man da behutsamer formulieren.
Das ähnlich deutlich benannte Kapitel “Schwierige Lehrer in Hassfächern” rät zum Nichtauffallen bei Lehrern, die einen auf dem Kiecker haben, und zu guter Vorbereitung, um sich nicht angreifbar zu machen. Zu dem Thema hätte ich gerne noch mehr, und mehr Diskussion, aber das ist viel verlangt von einem solchen Buch.

Die Webseite zum Buch ist weniger-ist-mehr-buch.de. Mir hat es gefallen. Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Schülerinnen und Schüler ihre Gedanken – ausführlich und überdacht, nicht spontan bei Facebook – zur Schule äußern, ob in einem Blog oder als Buch.
Dass das geht, zeigt dieses Buch. 90 Seiten, sollte man meinen, sind doch machbar. Mein erster Gedanke ist gleich “P‑Seminar!”, aber ich glaube, interessante Bücher entstehen eher durch eine Einzelperson als in Form einer Aufsatzsammlung von mehr oder weniger Interessierten.

Zum Schluss wünscht sich Zoch: “Vielleicht bringt ja einmal ein Lehrer das Gegenstück zu meinem Buch heraus und beschreibt den besten Weg durch die Schule bis zur Pension anstatt bis zum Abitur.” Erinnerungen ans Lehrersein kenne ich allerdings einige. Daneben gibt es launige Bücher über den Schulalltag, die mich gar nicht interessieren. Da es WARUM TUST DU DIR DAS AN? – Tagebuch eines Schulleiters von Harald Togal nur auf dem Kindle gibt, habe ich es mir nicht angeschaut. Außerdem hätte ich gerne erst mal ein Buch mit meiner eigenen Art von Betriebsblindheit. :-)

Links

1. Warum ich nie in die GEW eintreten kann.

Weil die solche Pressemitteilungen macht: “Bayern isoliert sich schulpolitisch immer mehr!” Was sich nach einer kühnen Aktion Bayerns anhört, ist lediglich Folgendes: Baden-Württember ist empfohlen worden, nicht mehr für Grundschule/Realschule/Gymnasium auszubilden, sondern für Klasse 1–4, Klasse 5–10 und Klasse 11–12/13, unabhängig von Schularten. Selten so unseriöse Argumentation gelesen wie dort.

Zum selben Thema kommentiert Johann Osel in der Süddeutschen, dass die Furcht vor dem Ende des Gymnasiums unbegründet ist. Und zwar deshalb, weil es das Gymnasium, so wie man es sich früher vorgestellt hat, eh nicht mehr gibt – das mit der gymnasialen Eignung ist aufgeweicht, das mit der Bildung auch (“Gymnasien sind heute aber Effizienzanstalten, sie sollen mehr oder weniger auf den Beruf vorbereiten”), und außerdem werden in Zukunft die Schülerzahlen sinken, so dass sich kleinere Orte keine verschiedenen Schularten mehr leisten können.

Ich bin mir nicht sicher, wie ernst Osel das meint. Ein Kommentar zum Kommentar fasst das zusammen als: “das Gymnasium stirbt nicht – weil es sowieso schon längst tot ist”. Die von Osel genannten Tendenzen sehe ich auch (und es ist schön, sie einmal so deutlich formuliert zu hören), wenn wir auch noch lange nicht so weit sind, dass man das Gymnasium gleich für tot erklären muss. Aber man muss sich überlegen, was man mit dieser Schulart eigentlich möchte.

Die Kommission – die sich an Vorschlägen für andere Länder, etwa Berlin oder NRW, orientiert – schlägt also vor, Lehrer für alle Schularten gleich auszubilden, als “Einheitslehrer auf Gymnasialniveau”. (Mit einer Bezahlung unter diesem Niveau, sage ich mal, aber das ist volkswirtschaftlich vielleicht vertretbar.) Und dieses Gymnasialniveau für alle, das ist eigentlich eine gute Idee – schon mal deshalb, weil man dann ein vertieftes Fachstudium hat, mit dem man auf dem Arbeitsmarkt eine bessere Chance hat als mit einem nicht vertieften Studium. Für den nicht unwahrscheinlichen Fall, dass man nach dem Referendariat eben doch nicht genommen wird.

Das mit dem Gymnasialniveau kann ich mir nur nicht so richtig vorstellen. Geht es um die Studiendauer oder das fachwissenschaftliche Niveau? Kann eigentlich nur letzteres sein. Wer also jetzt Mathelehrer werden will, soll auf Gymnasialniveau Mathematik studieren, um dann in Haupt- oder Realschule oder Gymnasium eingesetzt werden zu können? Lobenswert. Ich sehe das nur nicht kommen.

(Macht das in der Schule etwas aus, wenn plötzlich alle Lehrkräfte fachlich vertieft studieren? Macht das etwas aus, wenn plötzlich alle die Lehrkräfte fachlich nicht wirklich vertieft studieren? Werden dann andere Leute Lehrer als jetzt, und ist das gut oder schlecht?)

2. Netzneutralität.

Internet funktioniert so, am Beispiel WWW: Man formuliert im Broser eine Anfrage, dass man nämlich eine bestimmte Seite sehen möchte. Diese Anfrage ist in einem bestimmten Format/Protokoll (nämlich: http) und enthält bestimmte Informationen, allen voran: welche Seite man haben möchte. Mit dem Formulieren dieser Anfrage ist die Arbeit des Browsers erst mal erledigt.
Dann stellt der Sende-Rechner meistens eine Verbindung zum Empfänger her. Diese Verbindung benutzt ein Format/Protokoll namens TCP, und um die Nutzdaten von oben werden dann Zusatzinformationen geschnürt, die daraus ein TCP-Paket machen, das auf dieser TCP-Verbindung zum Empfänger geschickt wird. (Und zwar egal, was für Nutzdaten das sind.) Haben Sender und Empfänger sich nichts mehr zu sagen, wird die Verbindung getrennt.
Zwischen Sender und Empfänger liegen aber meist viele andere Zwischenstationen, von denen die ersteren gar nichts mitkriegen. Deshalb kommen zu dem TCP-Paket noch weitere Informationen dazu, die daraus ein IP-Paket machen. Diese IP-Pakete gehen jeweils von einer Zwischenstation zur anderen.

Netzneutralität bedeutet, dass ein Kommunikationsabieter alle Pakete mehr oder weniger gleichberechtigt behandelt. Dass insbesondere nicht bestimmte Anbieter (Webseiten, Videokanäle, Musiksender) langsamer befördert werden als andere, oder gar nicht. Wenn es diese Netzneutralität nicht gibt, und gesetzlich gesichert ist sie keinesfalls, kann ein Telekommunikationsabieter verschiedene Tarife anbieten: Einmal Internet günstig (für wenig Geld; ohne Youtube), oder einmal Internet Plus (für mehr Geld; mit Youtube). Die einen sagen, dass das der Markt dann schon regeln wird; die anderen sehen gute Gründe für eine vorgeschriebene Netzneutralität. Technisch lässt sich jedenfalls jetzt schon sehr leicht nachschauen, was denn eigentlich in diesen Internet-Paketen drin ist und ob man das wirklich weiterleiten möchte.

Die Deutsche Telekom will das jetzt auch bei Festnetz-DSL-Internetanschlüssen haben: “Die Deutsche Telekom schafft die Netzneutralität auch beim Festnetz-Internet ab”. Gedacht ist das so, dass man eben keine Flatrate mehr hat, sondern ab einer bestimmten Grenze nachzahlen muss – ausgenommen das Telekom-eigene Videoangebot, das dann eben doch noch und bevorzugt transportiert wird.

In den Kommentaren zum verlinkten Eintrag bin ich auch auf diesen Blogeintrag gestoßen. Wenn es stimmt, was dort steht, dann schaut der dort genannte (amerikanische) Internetanbieter nicht nur ganz tief in die übermittelten Pakete hinein, etwa den Inhalt einer angebotenen Webseite, sondern er verändert sie auch, indem er der Webseite ein Werbebanner hinzufügt: Man fordert eine Seite an, der Server dort schickt sie los, der IP-Anbieter baut etwas HTML-Code dazu, und liefert die Seite erst dann an den eigenen Browser aus.

Das hat mich an eine Kurzgeschichte oder eher Glosse des japanischen Science-Fiction-Autors Shinichi Hoshi erinnert, “Das gebührenfreie Telephon”, 1978 erschienen, 1982 ins Deutsche übersetzt: Ein Kunde verwendet ein neues Telefon, das ihm kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Einziger Nachteil: Das Gespräch wird alle paar Sätze unterbrochen durch eine Werbebotschaft, deren Inhalt durch bestimmte Schlüsselwörter im Gespräch der Telefonierenden mehr oder weniger passend ausgewählt wird. Das war damals noch Satire.

Nachtrag: c’t-Editorial zu Telekom und Netzneutralität.

3. Wie man gute Evaluationen von Studenten (und wohl auch: Schülern) kriegt.

How to Improve Your Teaching Evaluation Scores Without Improving Your Teaching!
Warum Schulen doch nicht als Dienstleister und Eltern und Schüler nicht als deren Kunden betrachtet werden können: “The customer is always right.”

(Via erlebt.)

Nachtrag: Ich glaube, ich halte trotzdem viel davon, von Schülern Feedback einzuholen – für sich selber, etwa wie Maik Riecken mit diesen Fragen.

Kryptographie 2: Asymmetrische Verschlüsselung bei E‑Mails

Wenn einer einem eine E‑Mail schreibt, kann so ziemlich jede Zwischenstation auf dem Weg vom Sender zum Empfänger mitlesen, was darin steht. Schlimmer noch, eventuell kann der sogar den Inhalt der Mail verändern. Deshalb dürfen wir Lehrer auch keine personenbezogenen Daten via E‑Mail versenden, und deshalb ist E‑Mail auch nicht als amtliches Kommunikationsmittel mit Behörden zugelassen.

Aus diesem Grund hat sich das Innenministerium schon vor einiger Zeit etwas einfallen lassen, das gerade beworben wird: Die De-Mail. Das ist eine Ergänzung zur herkömmlichen E‑Mail, die unter anderem von der Telekom angeboten wird, und die das Innenministerium als Kommunikation akzeptieren will. Dabei wird die Kommunikation zwischen zwei zertifizierten De-Mail-Anbietern verschlüsselt. Zumindest standardmäßig wird die Nachricht aber vom Empfänger-Anbieter entschlüsselt und, uh, auf Schadsoftware untersucht, und dann wieder verschlüsselt weitergeleitet. Zwischendrin liegt die Nachricht also in entschlüsselter Form vor, und damit kann sie gelesen oder manipuliert werden. Das soll natürlich verboten sein, technisch bleibt es aber möglich. Zur Zeit gilt dieses Verfahren deshalb laut Gesetz als nicht sicher, weshalb laut Spiegel Online die Regierung das Gesetz ändern will. Auch weitere Kritikpunkte gibt es am De-Mail-Konzept.

Verschlüsselte E‑Mails kann man aber bereits jetzt mit wenig Aufwand verschicken, ganz ohne zusätzliches De-Mail, ohne zusätzliche Kosten, und ganz ohne die Offenlegung der Nachricht auf dem Transport. Das geht zum Beispiel mit einem Plugin für Thunderbird, aber erst will ich erklären, wie das Verschlüsseln im Prinzip funktioniert.

1. Symmetrische Verschlüsselung

So kennt man das: Sender und Empfänger machen einen Schlüssel aus. Das kann ein komplizierter sein, mit Nachschlagen in einem Buch oder mit Schablonen, was man so aus Krimis kennt. Als Beispiel nehme ich hier einen ganz simplen, nämlich wieder die Verschiebung um 1 nach rechts: Aus “a” wird “b”, aus “b” wird “c”, aus “z” wird “a”. So chiffrierte Nachrichten lassen sich leicht knacken, aber darum geht es hier erst einmal nicht. Der Empfänger entschlüsselt die Nachricht, indem er sie wieder in die Gegenrichtung verschiebt: Aus “b” wird “a”, aus “c” wird “b”, aus “a” wird “z”.

Dieser Schlüssel besteht eigentlich aus zwei Teilen, der Verschiebung um 1 nach rechts, und der Verschiebung um 1 nach links. Mit dem einen verschlüsselt man, mit dem anderen entschlüsselt man. (Oder umgekehrt.) Wenn man den einen Teil kennt, kennt man automatisch auch den anderen Teil: Das heißt symmetrische Verschlüsselung. Man verschlüsselt den Nachrichtentext mit dem einen Schlüssel und entschlüsselt ihn dann mit dem symmetrischen Gegenstück:

krypto_schluessel2-text krypto_schluessel2-codierung krypto_schluessel2-decodierung
Der Klartext “text”. Dessen Verschlüsselung. Sieht dann so aus: “ufyu”. Der Originaltext ist geschickt verborgen. Wird in dieser Form übermittelt. Die Entschlüsselung der Verschlüsselung. Sieht dann wieder so aus: “text”.

Der Nachteil dieses symmetrischen Verfahrens: Der Sender muss den Schlüssel erst einmal auf sicherem Weg zum Empfänger bringen. Und dann muss dieser Schlüssel geheim gehalten werden. (Und außerdem darf der Schlüssel nicht so leicht zu knacken sein wie in meinem Beispiel, aber darum geht es hier nicht.)

2. Asymmetrische Verschlüsselung

Die wird zum Beispiel für E‑Mail-Verschlüsselung benutzt. Als Benutzer lege ich mir für meine E‑Mail-Adresse (etwa lehrerzimmer@herr-rau.de) ein Schlüsselpaar an, das ähnlich funktioniert wie oben:

krypto_schluessel3

Auch hier besteht der Schlüssel aus zwei Teilen. Der eine Teil ist öffentlich (public). Den veröffentliche ich auf meiner Webseite (etwa 0x78549FB2), sende ihn an öffentlich einsehbare Verzeichnisse, schicke ihn meinen Freunden. Der andere Teil des Schlüssel ist privat. Den veröffentliche ich nirgendwo, den kenne nur ich. Ganz wichtig: wer einen Teil des Schlüssels, insbesondere den öffentlichen, hat, kann von diesem aus nicht auf den anderen schließen. Das ist grundlegend anders als beim symmetrischen Verfahren, wo ja letztlich die beiden Teile des Schlüssels ziemlich ähnlich sind. Wie das geht, und wieso man den privaten Schlüssel nicht so leicht knackt, selbst wenn man Klartext, codierten Text und öffentlichen Schlüssel dazu hat, ist ein anderes Thema.

Wenn jetzt A eine Nachricht an B schicken will, und zwar so verschlüsselt, dass sie außer B niemand sonst lesen kann, dann geht das so:

krypto_verschluesselung
krypto_verschluesselung2

A verschlüsselt den Text mit dem öffentlichen Schlüssel des Empfängers. Das kann er, weil der Schlüssel öffentlich ist. Damit ist der Originaltext erst einmal verborgen. Das Paket schickt A dann an B. Der wendet seinen privaten Schlüssel darauf an und löst den Originaltext wieder heraus.

Allerdings könnte diese Mail immer noch von irgend jemandem geschickt worden sein, nicht unbedingt von A. Manchmal möchte man aber nicht nur den Inhalt verschlüsseln, sondern auch dem Empfänger versichern können, dass die Mail wirklich von der Adresse kommt, von der sie zu kommen vorgibt. Das geht ebenfalls mit dem Schlüsselpaar, nur eben andersherum:

krypto_authentifizierung
krypto_authentifizierung2

A verschlüsselt den Text mit seinem eigenen privaten Schlüssel. Das kann er, weil er den ja selber verwaltet. Das Paket schickt A dann an B. Der wendet den öffentlichen Schlüssel des Senders darauf kann (das kann er, weil der ja öffentlich ist) und entpackt so die Nachricht. Wenn die Mail nicht von A kam, hilft einem der ganze öffentliche Schlüssel von A nichts, der Paketinhalt wird nicht zu öffnen sein.

Man kann natürlich auch beides gleichzeitig tun, eine Mail signieren und ihren Inhalt verschlüsseln.

Der Vorteil dieses Vorgehens: (1) Das ganze Verfahren ist öffentlich und damit überprüfbar. (2) Ich kann jemandem eine Nachricht schicken, ohne dass der Empfänger erst auf einem zu findenden Weg einen Schlüssel von mir bekommen muss. (3) Der einzige, der etwas geheim halten muss, bin ich selber, nämlich meinen privaten Schlüssel.

Fußnote 1: Aus Effizienzgründen wird beim Signieren (zur Authentifizierung) häufig nicht die ganze Mail verschlüsselt, sondern nur deren Hashwert.
Fußnote 2: Aus Effizienzgründen wird beim Verschlüsseln oft die Nachricht mit einem herkömmlichen, spontan erzeugten symmetrischen Schlüssel verschlüsselt. Dieser wird dann asymmetrisch verschlüsselt und zusammen mit der symmetrisch verschlüsselten Nachricht verschickt, worauf der Empfänger den symmetrischen Schlüssel auspacken und anwenden kann.
Fußnote 3: Der private Schlüssel ist ebenso wie der dazu gehörende öffentliche Schlüssel eine Funktion. Wenn ich beide nacheinander auf einen Text anwende, und nur dann, kommt wieder der Text heraus, und zwar egal, in welcher Reihenfolge ich die Funktionen angewendet habe. Beim Verschlüsseln der Nachricht verschlüsselt man zuerst mit dem öffentlichen Schlüssel (des Empfängers) und entschlüsselt mit dem privaten Schlüssel; beim Authentifizieren der Nachricht verschlüsselt man zuerst mit dem privaten Schlüssel (des Senders) und entschlüsselt mit dem anderen.

Anwendung:

Wenn ich mir das Thunderbird-Add-on “Enigmail” installiere, kann ich mir so ein Schlüsselpaar generieren lassen. Das Add-on benutzt seinerseits die Software GnuPG, die dem Verschlüsselungsstandard OpenPGP entspricht. Den privaten Schlüssel merkt sich Thunderbird, den öffentlichen verteilt es an bestimmte dafür zuständige Server.

Woher weiß man, dass sich hinter lehrerzimmer@herr-rau.de wirklich Herr Rau befindet? Damit hat diese Verschlüsselung erst mal nichts zu tun, obwohl es Zertifizierungsmöglichkeiten gibt. Woher weiß man, dass der öffentliche Schlüssel, den man in meinem Impressum herunterladen kann, nicht gehackt und ersetzt worden ist durch den öffentlichen Schlüssel eines Angreifers? Weiß man gar nicht. Aber das ist eine andere Geschichte. Wer sicher gehen will, ruft mich an fragt. :-)