James Branch Cabell, Figures of Earth

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1. Inhalt

Manuel – groß, blond, Schweinehirt, nervöser Tic im Auge (oder zwinkert er einfach nur oft?) – bemüht sich, eine Auflage seiner verstorbenen Mutter zu erfüllen, die er als bindend ansieht: Er muss eine gute Figur machen in der Welt.
Seine ersten Versuche sind wenig erfolgversprechend, immer wieder töpfert Manuel an einer Figur aus Lehm herum, die aber nie seinen Ansprüchen genügt. Bald gerät er in Abenteuer, verliebt sich in die unscheinbare junge Niafer und verliert sie gleich wieder (an den Tod, der einen von beiden mitnehmen muss – und so sehr der junge Manuel Niafer liebt, sein Leben liebt er noch mehr), wird eher unfreiwillig zum Helden. Sehr bald wird er zum Herzog von Poictesme befördert, das Herzogtum selbst liegt irgendwo im Süden Frankreichs. Vorerst ist das eine rein dekorative Würde, da Poictesme gerade von den Normannen besetzt ist und keine Streitkräfte zur Verfügung stehen, um Manuel zu seinem Land zu verhelfen.
Er hat eine Beziehung zu Alianora (Eleonore) von der Provence, bis die ihn verlässt, um letztlich König Heinrich III von England zu heiraten. Danach gibt es eine Beziehung mit der übernatürlichen Königin Freydis; Manuel verlässt sie, als er von ihr erfährt, dass es eine Möglichkeit gibt, Niafer aus dem Reich der Toten zurückzuholen. Zuvor hat er allerdings – immer der Auflage folgend, eine gute Figur zu machen – einen Doppelgänger von sich erschaffen und zehn weitere Lehmfiguren. Freydis belebt diese und schickt sie in die Welt hinaus, während Manuel Niafer zurückholt, was ihn dreißig Jahre altern lässt.
Spät im Buch befreit Manuel mit übernatürlicher Hilfe das Herzogtum Poictesme von den Besatzern und wird als „Manuel, der Erlöser“ gefeiert. (Seine Verklärung zur messianischen Befreierfigur beginnt, die im Folgeband The Silver Stallion weiter ausgeführt wird.) Einige Jahre lebt Manuel zufrieden und erfolgreich, wenn auch gealtert, bevor er wieder auf den Tod trifft und ein ähnliches Angebot erhält wie bei seiner ersten Begegnung.

2. Manuel

Wir erfahren wenig über die Gedanken von Manuel. Es ist ihm wichtig, die Auflagen seiner Mutter zu erfüllen, und auch sonst immer das zu tun, was von ihm erwartet wird. Seine Frau bezeichnet er als die schönste der Welt, seine Kinder als die klügsten der Welt, sein Leben als erfolgreich und erfüllt. Ganz zum Schluss stellt sich ein Fenster in seinem Schreibzimmer als magisch heraus: Wenn er hindurchblickt, sieht er genau das, was als Realität akzeptiert ist – sein Reich Poictesme, seine Familie. Öffnet er das Fenster allerdings, ist dahinter eine graue neblige Welt ohne erkennbare Bestandteile oder Bedeutung. Manuel wagt sich hinaus, wir erfahren aber nicht, was er dort erlebt. Auch im Angesicht des Todes weigert sich Manuel zu sagen, was er wirklich denkt:

„What fearful indiscretions you suggest! No, friend, that sort of thing has an ill sound, and they [husbands on their deathbed] should have remembered that even at the last there is the bond of silence.“
„Come, come, Count Manuel, you are a queer cool fellow, and you have worn these masks and attitudes with tolerable success, as your world goes. But you are now bound for a diversely ordered world, a world in which your handsome wrappings are not to the purpose.“
„Well, I do not know how that may be,“ replies Count Manuel, „but at all events there is a decency in these things and an indecency, and I shall never of my own free will expose the naked soul of Manuel to anybody. No, it would be no pleasant spectacle, I think: certainly, I have never looked at it, nor did I mean to. Perhaps, as you assert, some power which is stronger than I may some day tear all masks aside: but this will not be my fault, and I shall even then reserve the right to consider that stripping as a rather vulgar bit of tyranny. Meanwhile I must, of necessity, adhere to my own sense of decorum, and not to that of anybody else.“

Cabell nennt (anderswo) diesen Modus, der Welt zu begegnen, „Chivalry.“

— Offen bleiben das Ende des Romans und die Rolle von Suskind, einer frühen Liebe von Cabell. Der Glossarial Index to the „Biography of the Life of Manuel“ von Julius L. Rothman (1976) sieht den Namen als Anagram zu „unkiss’d“ und die Figur als Feenwesen.

3. Sprache und Sonstiges

Ist mir noch nie bei Cabell aufgefallen, aber in diesem Buch hat er es sehr mit den Adverbien. Dass es viele sind, wäre mir nicht aufgefallen, aber Cabell schreckt auch vor Konstruktionen wie „statelily, agilely, vexedly, fixedly, lonelily“ und „sillily“ nicht zurück.

Als der Storch Niafer und Manuel ein Kind bringt (Kapitel 28), erwarten die Eltern zuerst einen Jungen, und als sich das Kind als Mädchen erweist, müssen die vorbereiteten rosa Schleifen gegen blaue ersetzt werden. Die Verbindung von rosa mit Mädchen und blau mit Jungen entwickelte sich erst in den 1920er Jahren, zuvor war unbestimmt oder sogar umgekehrt.

Das Buch erklärt auch, wie Legenden entstehen:

So many glorious exploits are, indeed, accredited to Manuel and to the warriors whom he gathered round him in his famous Fellowship of the Silver Stallion, […] that it is very difficult to understand how so brief a while could have continued so many doings. But the tale-tellers of Poictesme have been long used to say of a fine action, — not falsely, but misleadingly, — „Thus it was in Count Manuel’s time,“ and the tribute by and by has been accepted as a dating. So has chronology been hacked to make loftier his fame, and the glory of Dom Manuel has been a magnet that has drawn to itself the magnanimities of other days and years.

Interessant finde ich dabei das „so has chronology been hacked“ – schon lange vor der Hackerszene konnte man also hacken. Heute gibt’s das ja nicht nur bei Telephonen und Computern, sondern auch als „hacking history“ und „life hack.“ In den 1950ern soll es im Amateurfunk „hacks“ gegeben haben, und noch älter ist die Bedeutung des vieltippenden Schreiberlings, der nicht auf Qualität achtet oder achten kann. Cabells Gebrauch scheint mir eine ausgesprochen frühe Version der heutigen Verwendung zu sein. Oder ist hier nur ein einfaches Zerstückeln gemeint?

4. Die Biographie von Manuel

Mit Figures of Earth beginnt die Biographie von Manuel, knapp zwanzig Bände, die die Geschichten von Manuel und seinen Nachfahren erzählen, bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein. Mit Niafer hat Manuel vier Kinder, deren Geschichten mehr oder weniger ausführlich in anderen Büchern erzählt werden: Melicent (Domnei), Emmerick, Dorothy (wird später die Jugendliebe in Jurgen) und Etarre (siehe The Cream of the Jest und einige andere Bücher).
Seiner alten Freundin, Alionora, inzwischen Königin von England, verhilft Manuel zu einem Nachkommen, dem späteren Edward I von England. (Nachdem Cabell mit den Mehrdeutigkeiten in seinem vorhergehenden Buch einen kleinen Skandal ausgelöst hat, werden die Kinder in diesem Buch alle buchstäblich vom Storch gebracht, mit dem Manuel eine Art Geschäftsbeziehung hat.) Zu den zehn belebten Lehmfiguren gehören Alessandro de Medici, William Shakespeare, Robert Herrick, William Wycherley, Alexander Pope und Richard Brinsley Sheridan.

Eine Antwort auf „James Branch Cabell, Figures of Earth“

  1. Gerade gelesen: „Die Mär vom Ritter Manuel“ von Agnes Miedel, eine Ballade, 1907 in Buchform veröffentlicht, online schwer zu finden, da urheberrechtlich noch geschützt, aber da und dort findet man den Text.

    Ein Magier, eine Art Hypnotiseur, kommt an einen Königshof und führ ein Experiment mit dem Ritter Manuel durch. Dieser taucht seinen Kopf kurz in eine Schale Wasser, und ist nach dem Auftauchen überzeugt, dass viele Jahre vergangen sind, sein Haar weiß ist. Er erinnert sich an weite Reisen und daran, in einem fernen Land heimisch geworden zu sein – der Name des Landes und vor allem: seiner geliebten Partnerin dort fällt ihm nicht mehr ein, und er ist verwirrt und trauert. Der König befiehlt dem Magier, die Zauberei zu beenden, aber der ist verschwunden. EInige Jahre später stirbt Manuel bei einem Unfall, mit dem Wort „Tamara“ auf den Lippen. – Wieder einige Jahre später erscheint eine fremde Reisegruppe am Hof. Sie suchen König Manuel, der von seiner Gattin Tamara vermisst wird.

    Die Ballade erinnert an Franz Grillparzers Drama „Der Traum ein Leben“, lässt aber, anders als dieses, keine eindeutige Lösung des Gegensatzes von Traum und Realität zu. Ich sehe aber auch einige Elemente von Cabell: Der Name; der ritterliche Hintergrund; das plötzliche Altern; die Zweifel bei der Frage, was Realität ist; die traurige Liebesgeschichte – und auch die Zauberei mit dem Wasser. Figures of Earth beginnt und endet an einem Teich, in dem Manuel sein Spiegelbild sieht beziehungsweise am Ende: das seines jüngeren Ichs; und auch der fremde Magier ist da:

    „Now I wonder what it is you find in that dark pool to keep you staring so?“ the stranger asked, first of all.
    „I do not very certainly know,“ replied Manuel „but mistily I seem to see drowned there the loves and the desires and the adventures I had when I wore another body than this. For the water of Haranton, I must tell you, is not like the water of other fountains, and curious dreams engender in this pool.“

    Figures of Earth erschien 1921, vierzehn Jahre nach der Veröffentlichung der Miegel-Ballade. Cabell war ein Schöngeist und an europäischer Literatur interessiert, aber bis ich noch mehr darüber nachgedacht habe, gehe ich mal von Zufall aus – die Ähnlichkeiten, die ich zwichen Dingen sehe, liegen vielleicht eher an mir als an den Dingen selber. (Aber wie kam Cabell auf den Namen Manuel? Die Frage ist doch sicher schon oft gestellt worden.)

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