Wege zur Hochschulreife, Prüfungsanforderungen I-II-III

By | 11.6.2017

Stichwörter: Abitur, externe Bewerber, Begabtenabitur, Einheitliche Prüfungsanforderungen Abitur, mündliche Prüfungen

In Bayern gibt es viele Wege zur Hochschule. Die allgemeine Hochschulreife kriegt man mit dem Abschluss des Gymnasiums oder der Beruflichen Oberschule; die fachgebundene mit der Fachoberschule. Einen allgemeinen Hochschulzugang erhält man – nach einem Beratungsgespräch – auch als Handwerksmeister oder Absolvent einer Fachakademie oder Fachschule. Einen fachgebundenen Hochschulzugang gewährt eine Hochschule auch jemandem mit Berufsausbildung und Berufspraxis, nach einem Beratungsgespräch und einem bestandenen Prüfungsverfahren, das in der Hand der Hochschule liegt (Link zu KuMi).

Man kann die allgemeine Hochschulreife auch über das Begabtenabitur erreichen: Dazu braucht man eine abgeschlossene Berufsausbildung und im Anschluss daran eine mindestens fünfjährige Berufstätigkeit, außerdem muss man mindestens 25 Jahre alt sein. Das machen nicht viele, glaube ich – gedacht ist was für Menschen, die besonders begabt sind, aber halt durch die Schullaufbahnentscheidungen kein Abitur erworben haben. (Details hier beim Kultusministerium.) Das Begabtenabitur wird im Kultusministerium abgelegt, es gibt drei schriftliche Prüfungen (Deutsch; Mathematik oder Fremdsprache; wissenschaftliches Fachgebiet) und vier mündliche (noch einmal das wissenschaftliche Fachgebiet; Mathematik oder Fremdsprache, je nach Wahl der schriftlichen Prüfung; Geschichte; ein gesellschaftswissenschaftliches oder ein naturwissenschaftliches Fach). Die schriftlichen Prüfungen sind 5 Stunden (wissenschaftliches Gebiet, Deutsch) oder 3 Stunden lang (Fremdsprache), die mündlichen jeweils 30 Minuten. Ich habe leider nicht herausgefunden, was alles als „wissenschaftliches Fachgebiet“ zählt, also ob damit auch Geisteswissenschaften gemeint sind, oder ob sich das mit Bio/Physik/Chemie doppeln darf – das wären ja dann drei Prüfungen zu einem Gebiet, das kann ich mir nicht vorstellen.

Ich weiß von dieser Begabtenprüfungen, weil ich während meiner Unizeit daran beteiligt war, im Rahmen des gewählten Fachgebiets Informatik. Die schriftliche Prüfung dazu entspricht „Leistungskursniveau“ – die Regelungen dazu stammen aus Zeiten, als es noch Leistungskurse gab, und die Prüfung dauert ja auch 5 Stunden statt 3 wie im Informatikabitur am Gymnasium. Na ja, nimmt man halt noch die Datenbanken dazu. Tatsächlich unterscheiden die von der Kultusministekonferenz beschlossenen Einheitlichen Prüfungsanforderungen auch für das Fach Informatik (1989/2004) zwischen Grund- und Leistungskursniveau:

[Der Schwerpunkt ist bei] den Grundkursen die Vermittlung einer wissenschaftspropädeutisch orientierten Grundbildung, den Leistungskursen die systematische, vertiefte und reflektierte wissenschaftspropädeutische Arbeit. […]

Grundkurse führen in grundlegende Sachverhalte, Probleme, Zusammenhänge, Strukturen und Fragestellungen des Faches ein. In ihnen werden wesentliche Arbeitsmethoden und grundlegenden Zusammenhänge erarbeitet. Schülerinnen und Schüler können wesentliche informatische Arbeitsmethoden nutzen und fachübergreifende bzw. fächerverbindende Zusammenhänge exemplarisch erkennen.

Leistungskurse befassen sich methodisch ausgewiesener und systematischer als die Grundkurse mit wesentlichen, die Breite, die Komplexität und den Aspektreichtum des Faches Informatik verdeutlichenden Inhalten, Theorien und Modellen. Sie orientieren sich stärker an der Systematik der Fachwissenschaft, sind auf sichere und selbstständige Anwendung informatischer Methoden und ihre Übertragung und theoretische Reflektion gerichtet. Die Schülerinnen und Schüler lernen im Leistungskursfach fachübergreifende bzw. fächerverbindende
Zusammenhänge zu erkennen.

An der Uni hielten wir – vor allem mein Kollege – Kontakt zu den Kandidaten für die Informatik-Prüfungen und haben sie beraten.

— Häufiger als die Begabtenprüfung dürfte die Teilnahme als Andere Bewerberinnen und Bewerber an Gymnasien sein, obwohl ich keinerlei Zahlen darüber habe. Es braucht keine besonderen Bedingungen, um als externer Bewerber das Abitur abzulegen – im Referendariat habe ich gelernt, dass man nicht automatisch das Recht dazu hat, sondern glaubhaft machen muss, dass man sich ernsthaft vorbereitet hat. Das gilt wohl nicht mehr. (Immer noch gilt, dass man so oder so maximal zwei Versuche hat, das Abitur abzulegen.)

Als anderer Bewerber hat man acht Prüfungen, vier schriftliche und vier mündliche. Die schriftlichen sind die drei regulären schriftlichen Abiturprüfen, also Deutsch, Mathematik und ein weiteres Fach; dazu kommt eine von der Schule erstellte Prüfung. Die mündlichen sind dann die restlichen Fächer – insgesamt müssen Deutsch, Mathematik, zwei Fremdsprachen, Geschichte, eine Naturwissenschaft dabei sein, und ein paar Details beachtet werden (KuMi-Seite dazu). Die mündlichen Prüfungen dauern 30 Minuten, der Inhalt sind Grundkenntnisse und – schau an, das wusste ich nicht – nur die letzten beiden Kurshalbjahre.

Ich hatte bisher nie mündliche Prüfungen bei anderen Bewerbern, nur schriftliche – und mündliche Zusatzprüfungen. Die sind etwas ganz Besonderes; es gibt sie auch für reguläre Abiturteilnehmer: Man kann in den schriftlichen Fächern eine mündliche Zusatzprüfung machen, 20 Minuten, mit 20 Minuten Vorbereitung, die dann mit den vorliegenden schriftlichen Noten „im Verhältnis 2:1 gewertet“ wird. Der Stoff ist identisch zu den bereits abgelegten schriftlichen Prüfungen, allerdings kann man ein Semester ausschließen und ein Schwerpunktsemester wählen.

Die Rolle dieser Prüfungen ist in manchen Kreisen… umstritten. Man kann an ihnen teilnehmen in der Hoffnung, die Abiturgesamtnote in der Nachkommastelle etwas zu erhöhen. Das sind die wenigsten. Die meisten müssen an den Prüfungen teilnehmen, weil sie sonst nicht auf die Mindestpunktzahl im Abitur kommen. Gedacht war das vermutlich als Notlösung, aber inzwischen scheint das von vielen Schülerinnen und Schülern von vornherein einkalkuiert zu werden – deshalb auch das große Drunterunddrüber bei dem diesjährigen Abiturtermin: Die Korrekturzeit für die Lehrer wurde plötzlich verkürzt, damit die Ergebnisse vor den Pfingstferien bekannt gegeben werden können, damit die Schülerinnen und Schüler mehr Zeit haben, sich auf die eventuellen Zusatzprüfungen nach den Ferien vorzubereiten. Wir erinnern uns, das ist der gleiche Stoff wie bei der bisherigen Prüfung. Auslöser dieser kurzfristigen Änderung war laut Kultusministerium nicht die von Schülerinnen und Schülern vorbereitete Petition zur Vorverlegung des Termins.

An meiner Schule gibt es wohl weniger mündliche Zusatzprüfungen als an anderen, offizielle Zahlen dazu kenne ich keine. (Dabei wäre das mal interessant.) Trotzdem sind das jedes Jahr einige zusätzliche Nachmittage. Das mit dem G8 eingeführte Prinzip, in der Oberstufe die – traditionell immer besseren – mündlichen Leistung gleich zu gewichten wie die schriftlichen, führt dazu, dass es bei den rein schriftlichen Abiturprüfungen enttäuschende Ergebnisse gibt, die durch die Zusatzprüfungen nie ganz ausgeglichen werden können.

— Zurück zu den anderen Bewerbern: Ich weiß nicht, wie diese sich auf die Prüfungen vorbereiten. Zum Teil gibt es wohl Institute dafür, aber ich weiß nicht, in welchem Umfang diese besucht werden. Ich habe mal nach Online-Aussagen zu den Prüfungen gesucht und in diesem Foren-Thread gefunden:

Das Gymnasium, an dem ich die Prüfungen geschrieben habe, meinte, dass zuletzt vor einigen [Jahren?] der letzte bestanden hätte. Auch die Durchfallquote sei hoch. Jedoch kann ich dir Entwarnung geben. So schwer ist es auch wieder nicht, wenn man weiß was man tut.

Der Autor oder die Autorin des Beitrags klingt insgesamt recht vernünftig, schreibt aber auch:

Ich habe ungefähr 2 Wochen vor Prüfungsbeginn mit dem Lernen begonnen(Mathe ungefähr 3 Wochen davor). Die mündlichen Fächer sind ziemlich billig.

Ich vermute mal, dass es sich dabei um eine große, große, große Ausnahme handelt. Ich zitiere: „Auch die Durchfallquote sei hoch.“ Offizielle Zahlen dazu kenne ich keine, und aus meiner Schule darf ich nicht berichten, aber das kann schon stimmen. Ich weiß nicht, wie die anderen Bewerber und Bewerberinnen sich tatsächlich vorbereiten; nicht alle scheinen zu wissen, was sie erwartet; Kontakt zwischen Instituten und der Schule gibt es wenig. Ich habe gehört, die Zahl der anderen Bewerber steigt jedes Jahr, auch hier wüsste ich gerne offizielle Zahlen.

Exkurs: Einheitliche Prüfungsanforderungen, Bildungsstandards, Anforderungsbereiche

Es gibt von der Kultuministerkonferenz beschlossene Einheitliche Prüfungsanforderungen für das Abitur mit ursprünglich fachspezifisch unterschiedlichen Anforderungsbereichen.

In Informatik entspricht EPA I in etwa reiner Reproduktion: die Wiedergabe von Bekanntem; auch die Verwendung geübter Techniken in einem wiederholenden Zusammenhang. EPA II entspricht spezifischem Transfer: die selbstständige Übertragung von Gelerntem auf vergleichbare neue Situationen. EPA III entspricht für mich dem nichtspezifischen Transfer: die bewusste und selbstständige Auswahl und Anpassung geeigneter gelernter Methoden und Verfahren in neuartigen Situationen. Im schriftlichen Abitur sollen ein Großteil der Aufgaben EPA II sein, daneben auch EPA I und III (wobei ersteres überwiegt). Für mündliche Prüfungen habe ich nur gefunden, dass „unter Beachtung der Anforderungsbereiche“ grundsätzlich jede Note erreichbar sein muss.

Für einige Fächer, darunter Deutsch, Englisch und Mathematik, gibt es seit 2012 Bildungsstandards für die allgemeine Hochschulreife, die die älteren Einheitlichen Prüfungsanforderungen von 2002 ablösen. Dort sind für alle Fächer die Anforderungsbereiche so definiert:

Anforderungsbereich I umfasst das Wiedergeben von Sachverhalten und Kenntnissen im gelernten Zusammenhang, die Verständnissicherung sowie das Anwenden und Beschreiben geübter Arbeitstechniken und Verfahren.

Anforderungsbereich II umfasst das selbstständige Auswählen, Anordnen, Verarbeiten, Erklären und Darstellen bekannter Sachverhalte unter vorgegebenen Gesichtspunkten in einem durch Übung bekannten Zusammenhang und das selbstständige Übertragen und Anwenden des Gelernten auf vergleichbare neue Zusammenhänge und Sachverhalte.

Anforderungsbereich III umfasst das Verarbeiten komplexer Sachverhalte mit dem Ziel, zu selbstständigen Lösungen, Gestaltungen oder Deutungen, Folgerungen, Verallgemeinerungen, Begründungen und Wertungen zu gelangen. Dabei wählen die Schülerinnen und Schüler selbstständig geeignete Arbeitstechniken und Verfahren zur Bewältigung der Aufgabe, wenden sie auf eine neue Problemstellung an und reflektieren das eigene Vorgehen.

Bei Abiturprüfungen ist der Schwerpunkt II, daneben I und III (bei Grund- und Leistungskursniveau unterschiedlich gewichtet). Was genau bei Deutsch und Englisch welchem Anforderungsbereich entspricht, ist in den Bildungsstandards nicht wirklich erklärt; eine Operatorenliste wird bewusst vermieden (was ich auch für sinnvoll halte), es gibt allerdings viele Beispielaufgaben mit Erklärungen, welchem Anforderungsbereich sie zuzuordnen sind. In den Lösungshinweisen zum bayerischen Abitur taucht weder bei Informatik noch Englisch das Wort „Anforderungsbereich“ auf, lediglich bei Deutsch steht ohne weitere Details etwas wie: „Beide Teilaufgaben erfordern vornehmlich Fähigkeiten aus den Anforderungsbereichen II und III.“ Zusätzlich gibt es bei Deutsch ausführliche Beschreibungen für gute und ausreichende Leistungen; in den anderen Fächern gibt es das nicht, da in diesen ja einfach Punkte zusammengezählt werden.

In meinen Informatikklausuren notiere ich mir seit kurzer Zeit übrigens, welche Aufgaben EPA I, II und III sind, und bemühe mich, das Verhältnis dabei wie beim Abitur zu haben.

2 thoughts on “Wege zur Hochschulreife, Prüfungsanforderungen I-II-III

  1. kecks

    Es gibt bayerische Gymnasien, da geht die Fachrespizienz dazwischen, wenn die Exen ab Mittelstufe nicht 30/40/30 AFB I/II/III sind, dito für passende Operatoren. Bei der Unterstufe wird es nicht eingefordert, aber sollte schon sein, wenn machbar von den Inhalten her. Das sind aber Seminarschulen, vielleicht liegt es daran. In den Fortbildungen für neue Fachrespizienzen und zur Kompetenzorientierung, von wegen LP Plus blablubb, wurde das ebenfalls sehr betont und immer wieder und dann nochmal.

    Bei manchen Kollegen häuft sich dann der „vorentlastete Transfer“, also Pseudo-AFB III, indem man irgendwas fragt in die Richtung von „Diskutiere These x“, nachdem genau das Hauptinhalt der vorigen Stunde war. Also eigentlich eine Reproduktion, aber hübsch getarnt als „AFB III“ und „problemlösendes Denken“. Und schwupps hat meinen Schnitt, mit dem man nicht zur Schulleitung muss…

  2. Herr Rau Post author

    Tse. An meinem Gymnasium ist das anders. Operatoren interessieren da wenig – in den Bildungsstandards für meine Fächer stehen da explizit und bewusst keine, und die Operatoren in den zuvor gültigen Einheitlichen Prüfungsanforderungen sind nicht sinnvoll. (Als Beispiel für einen Operator für AB I wird da in Deutsch genannt: „Geben Sie den Argumentationsgang wieder…“, während eine Beschreibung für AB II lautet: „Argumentation eines Textes beschreiben“.) Aber ja, vom ISB gibt es eine Liste von Operatoren für Deutsch aus dem Jahr 2012. Pdf ist geduldig.

    Für den vorentlasteten Transfer hatte ich keinen Namen… aber das Phänomen kenne ich. „Was halten Sie von…“ produziert dann gerne mal die gelernten Stichpunkte, und gut ist. „Bewerten Sie das Verhalten Innstettens
    gegenüber seiner Frau Effi vor dem gesellschaftlichen Hintergrund der Epoche“, wie es das ISB vorschlägt.

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